Digger

Weiterlesen auf eigene Gefahr! Denn auch wenn die folgenden Zeilen ohne Spoiler auskommen, lässt sich Alejandro G. Iñárritus neuestes Werk DIGGER am besten genießen, wenn man im Vorfeld möglichst wenig darüber weiß. Nicht einmal die Trailer haben auch nur annähernd offenbart, was für ein gigantomanischer Wahnwitz in diesem Film steckt, der dennoch längst nicht frei von Schwächen ist.

OT: Digger (UK/MEX/USA 2026)

Darum geht’s

Der exzentrische Öl-Milliardär Digger Rockwell (Tom Cruise) hat mit seinen rücksichtslosen Geschäftspraktiken maßgeblich dazu beigetragen, dass die Erde vor dem Kollaps steht. Das Abschmelzen der Polkappen löst verheerende Naturkatastrophen aus, während infolge von Tsunamis und weiteren dramatischen Wetterphänomenen weltweit Chaos ausbricht. Die Vereinigten Staaten bereiten sich bereits auf das Schlimmste vor. Doch angesichts der drohenden Apokalypse nimmt US-Präsident Compson (John Goodman) ausgerechnet Rockwell in die Pflicht: Der Mann, der die Katastrophe mitverursacht hat, soll nun dabei helfen, die Menschheit zu retten. Für den selbstverliebten Milliardär ist das allerdings weniger eine lästige Pflicht als vielmehr die einmalige Gelegenheit, sich selbst zum größten Helden der Weltgeschichte zu machen.

 

Kritik

Natürlich gibt es Filme, über die man im Vorfeld möglichst wenig wissen sollte. Das sind häufig die, die von jenen Momenten leben, in denen sich plötzlich etwas verschiebt, sodass man als Zuschauer:in – im besten Falle – wenigstens für einen kurzen Moment das Gefühl bekommt, man bekäme gerade den Boden unter den Füßen weggezogen. Überraschungen dieser Art sollte man deshalb um jeden Preis für sich behalten. Was im Zeitalter von Social Media und Kommentarspalten bei YouTube und Co. allerdings leichter gesagt als getan ist. Schließlich genügt heute mitunter ein einziger unbedachter Blick auf eine Headline oder ein Thumbnail, um genau das zu erfahren, was man eigentlich erst im Kinosaal wissen wollte (und sollte). Umso skurriler mutet die Marketingkampagne zu „Digger“ an. Über Monate stellte der Verleih fast ausschließlich Hauptdarsteller Tom Cruise („Top Gun: Maverick“) ins Zentrum und machte aus dessen Verwandlung zum exzentrischen Öl-Tycoon Digger Rockwell selbst das große Mysterium. Das mag zunächst einfach nur nach einer ziemlich eigenwilligen Werbestrategie aussehen. Doch wenn man den Film erst einmal gesehen hat, ergibt all das Sinn. Denn wer lediglich die Trailer kennt, kennt eben auch nur eine Ebene dieses Films. Und genau das dürfte das Publikum spalten: Die einen werden sich über das freuen, was „Digger“ jenseits des Erwartbaren zu bieten hat. Die anderen dürften auf das, was der Film eigentlich erzählt, schlicht und ergreifend keinen Bock haben.

Digger Rockwell (Tom Cruise), hier an der Seite von Sandra Hüller, soll die Erde vor dem Kollaps bewahren.

Was „Digger“ auf dieser aus den Trailern bekannten Ebene darbietet, erinnert zunächst vor allem an die jüngsten Filme von Adam McKay. Insbesondere „Don’t Look Up“ drängt sich als Vergleich auf. Denn auch in dem Netflix-Film von 2021 steht eine existenzielle Bedrohung im Raum, während sich die Menschheit lieber mit Macht, Ego, politischen Interessen sowie persönlichen Befindlichkeiten beschäftigt. Doch während McKay daraus folgerichtig eine beißende Satire auf Politik, Medien und Gesellschaft formt, interessiert sich „Digger“ stärker für die Menschen, die inmitten dieses drohenden Weltuntergangs aufeinandertreffen. Die bewusst ausstaffierte Optik (inklusive solcher Details wie betont übertriebenes Make Up oder eine ganz offensichtliche Roboterkatze, die hier für eine echte ausgegeben wird) wiederum erinnert an die Werke eines Wes Anderson, während die gesamte Inszenierung etwas von einer Versuchsanordnung besitzt. Ganz so, als würde man den hier dargestellten Mikrokosmos unter ein Vergrößerungsglas legen und beobachten, wie Menschen reagieren, wenn sämtliche Sicherheiten wegfallen. Das wiederum erinnert unweigerlich an Yorgos Lanthimos. Und den Regisseur Alejandro G. Iñárritu („Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ selbst? Den erkennt man zunächst wenig. Schließlich verbindet man den vierfachen Oscar-Preisträger eher mit physischem und überwältigendem Kino, langen Einstellungen und komplexen Kamerabewegungen. In „Digger“ tritt diese Handschrift (zunächst) in den Hintergrund. Auf den zweiten Blick ist sie aber durchaus erkennbar. Vor allem in der Konsequenz, mit der Iñárritu seine Figuren ihren Extremen aussetzt und beobachtet, wie ihre mühsam errichteten Fassaden unter maximalem Druck zu bröckeln beginnen.

„Der Blick auf das zuvor Gesehene ändert sich ab diesem (wahrlich grandiosen!) Moment, in dem ein Baum eine Rolle spielt, komplett. Was bis dahin wie eine ziemlich wilde Weltuntergangssatire wirkte, erhält plötzlich eine zusätzliche Bedeutungsebene.“

Nach rund 40 Minuten ist es dann so weit. Dann nämlich öffnet „Digger“ noch eine zweite Erzählebene, die dem zuvor beschriebenen Szenario im Nachhinein eine ganz neue Dringlichkeit verleiht. Viel mehr lässt sich darüber dann auch kaum sagen, ohne den Film um genau jene Überraschung zu bringen, von der eingangs die Rede war. Nur so viel: Der Blick auf das zuvor Gesehene ändert sich ab diesem (wahrlich grandiosen!) Moment, in dem ein Baum eine Rolle spielt, komplett. Was bis dahin wie eine ziemlich wilde Weltuntergangssatire wirkte, erhält plötzlich eine zusätzliche Bedeutungsebene. Und gerade weil „Digger“ seine Ausgangslage zunächst so hemmungslos überzeichnet, funktioniert dieser Perspektivwechsel so gut. Denn mit einem Mal stellt sich die Frage, wie weit man sich von der Realität eigentlich entfernen muss, um sie überhaupt noch als Satire erkennen zu können. Iñárritu spielt dabei sehr bewusst mit dem Abstand zwischen dem, was auf der Leinwand geschieht, und dem, was wir längst aus unserer eigenen Welt kennen. Das macht die Katastrophe nicht zwingend realistischer, aber auf eine eigentümliche Weise sehr viel greifbarer. Und so entwickelt „Digger“ ausgerechnet aus seiner zunächst so künstlich wirkenden Welt heraus eine schmerzhaft-gegenwärtige Dringlichkeit. Das ist nicht immer subtil, und an vielen Stellen sogar ausgesprochen plakativ. Insbesondere ein mehrminütiger Erklär-Monolog von Nebendarsteller Jesse Plemons („Game Night“) nimmt dem Publikum die Möglichkeit, das Geschehen selbst für sich einzuordnen. Trotzdem gelingt es „Digger“ dadurch auch, seinen Zuschauer:innen den eigenen Umgang mit einer Realität vor Augen zu führen, die sich selbst längst absurd genug lesen lässt, um als Satire durchzugehen.

John Goodman als US-Präsident Compton.

Doch so großartig diese zweite Erzählebene als Ereignis auch funktioniert, so sehr bremst sie „Digger“ anschließend immer mal wieder aus. Denn die Tatsache, dass es sie überhaupt gibt, ist unbestritten der große Clou des Films. Die Ebene selbst erweist sich dann allerdings als deutlich weniger unterhaltsam als das zuvor etablierte Szenario. Ihre Funktion liegt vor allem darin, dem Geschehen einen inhaltlichen Standpunkt gegenüberzustellen und bestimmte Gedanken des Films zu unterfüttern. Das ist angesichts der zuvor entfachten Dynamik durchaus schade und lässt „Digger“ zwischenzeitlich etwas von seiner irrwitzigen Energie einbüßen. Dafür kann man sich an den Darsteller:innen kaum sattsehen. Allen voran Tom Cruise, der als Digger Rockwell eine wahrlich spektakuläre Performance hinlegt. Der „Mission: Impossible“-Star schreit, tobt, gestikuliert und verliert sich in seinen eigenen Monologen, während seine Figur immer weiter zwischen Größenwahn, Wut und blanker Verzweiflung changiert. In einer mehrminütigen Wutrede vor einem Ausschuss darf Cruise derart hemmungslos vom Leder ziehen, dass dafür mindestens eine Oscar-Nominierung herausspringen dürfte. Überhaupt ist „Digger“ ein betont lauter und dadurch mitunter auch anstrengender Film über wütende weiße Männer, die sich gegenseitig anschreien. Dass im Vorfeld sogar die Theorie kursierte, „Digger“ könnte ein Musical sein, ist zwar nach wie vor einigermaßen absurd – und nein, das ist er natürlich nicht! Die Inszenierung besitzt allerdings eine solche Lust an großen Gesten, exakt gesetzten Bewegungen und bewusst überhöhten Auftritten, dass man zumindest nachvollziehen kann, wo diese Idee herkommt.

„Stattdessen steckt die Größe des Films in den bis ins Letzte durchkomponierten Settings. Dass all das gleichzeitig ein bisschen zu sorgfältig arrangiert wirkt, um wirklich zufällig entstanden zu sein, lässt einen dann sogar doch noch die Handschrift Iñárritus erkennen.“

Darüber hinaus ist „Digger“ dennoch ein Film, an dem man sich – auch ohne Musical-Überbau – kaum sattsehen kann. Die Ausstattung gehört ohne Frage zum Spektakulärsten, was das Kino in diesem Jahr bislang hervorgebracht hat. Und das, wo Iñárritu dafür gar nicht auf gigantische Panoramen oder möglichst viele digitale Schauwerte angewiesen ist. Stattdessen steckt die Größe des Films in den bis ins Letzte durchkomponierten Settings. Dass all das gleichzeitig ein bisschen zu sorgfältig arrangiert wirkt, um wirklich zufällig entstanden zu sein, lässt einen dann sogar doch noch die Handschrift Iñárritus erkennen. Denn während seine früheren Filme ihre Figuren oft mitten ins Chaos werfen und die Kamera dieses Chaos mit einer körperlichen Wucht erfahrbar macht, konstruiert der Regisseur hier zunächst mit Absicht eine Welt, die bis ins kleinste Detail kontrolliert erscheint, nur um anschließend zu beobachten, wie diese Ordnung unter dem Druck ihrer eigenen Bewohner:innen langsam auseinanderfällt. Eigentlich der perfekte Ansatz für einen Film, der permanent zwischen Künstlichkeit und Realität, Satire und Ernst sowie Größenwahn und echter Verzweiflung pendelt.

Die Ausstattung von „Digger“ ist eine Augenweide.

Fazit: „Digger“ ist ein eigensinniger, visuell überwältigender und dank seiner grandiosen Darsteller oft ausgesprochen unterhaltsamer Film, der mit seiner zweiten Erzählperspektive allerdings auch immer wieder jene Energie ausbremst, die ihn zunächst so mitreißend macht. Nicht jede Entscheidung geht auf. Und gerade dort, wo Iñárritu seine Botschaft allzu deutlich ausbuchstabiert, hätte dem Film etwas mehr Vertrauen in sein Publikum gutgetan. Trotzdem bleibt am Ende ein mutiges Stück Kino, das sich nicht damit zufriedengibt, einfach nur die nächste große Hollywood-Apokalypse zu erzählen, sondern den einen entscheidenden Schritt weiter geht.

„Digger“ ist ab dem 1. Oktober 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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