Lügen über meine Mutter
Was passiert, wenn der eigene Körper zum Familienproblem erklärt wird? Die Romanverfilmung LÜGEN ÜBER MEINE MUTTER erzählt von Schönheitswahn und weiblicher Selbstbestimmung in einer toxischen Ehe. Und dank Regisseur Aron Lehmann gerät das Ganze trotz seiner schweren Themen zu einer überraschend leichtfüßigen Angelegenheit.
Darum geht’s
In der westdeutschen Provinz der Achtzigerjahre lebt Cornelia (Rosalie Thomass) mit ihrem Ehemann Werner (auf herausragende Weise unangenehm: Golo Euler) und ihren beiden Kindern. Während sie ihren Alltag als Ehefrau und Mutter genießt, wird ihr Körper für Werner zunehmend zum alles bestimmenden Problem. Er ist überzeugt, dass Cornelias vermeintliches Übergewicht der Grund dafür ist, dass ihm die berufliche Beförderung, gesellschaftliche Anerkennung und der soziale Aufstieg verwehrt bleiben. Auch Tochter Ela (Elise Lindner) gerät immer stärker zwischen die Fronten ihrer Eltern und beginnt, die Sichtweise ihres Vaters auf ihre Mutter zu übernehmen. Während Werner Cornelia mit immer neuen Vorwürfen unter Druck setzt, versucht sie, sich aus den Erwartungen ihres Umfelds zu lösen und ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Doch das ist zu dieser Zeit gar nicht so leicht…
Kritik
Schönheitsideale sind nichts, was erst mit den sozialen Medien Einzug in unseren Alltag gehalten hat. Schon lange bevor Filter Gesichter glätteten und Algorithmen darüber entschieden, welche Körper als erstrebenswert gelten, wurde Frauen vermittelt, wie sie auszusehen haben. Vor allem schlank müssen sie sein. Und am besten auch noch so, dass die eigene Erscheinung niemals zum Gegenstand gesellschaftlicher Bewertung wird. Dass sich daran bis heute wenig geändert hat, macht Daniela Dröschers autobiographisch geprägter Roman „Lügen über meine Mutter“ und nun entsprechend auch die gleichnamige Verfilmung von Aron Lehmann („Das schönste Mädchen der Welt“) zu einem Stoff von beklemmender Aktualität. Das 2022 für den Deutschen Buchpreis nominierte Stück zeitgenössischer Literatur, erzählt von einer Mutter, deren vermeintliches „Übergewicht“ innerhalb der Familie, insbesondere vom toxischen Ehemann, zum alles bestimmenden Problem erklärt wird. Aber mindestens genauso intensiv erzählt er von ihrer Tochter, die dadurch schon als Kind lernt, den Körper ihrer Mutter mit den Augen der anderen zu betrachten. Für Dröscher selbst ist das Buch weit mehr als eine literarische Aufarbeitung der eigenen Kindheit. Es ist der Versuch, sich einer Erinnerung anzunähern, die von der Frage geprägt ist, wie sehr wir uns selbst eigentlich durch die Blicke anderer definieren. Dass die Geschichte in den Achtzigerjahren spielt, lässt sie bisweilen (auch) wie ein Stück vergangener Zeitgeschichte wirken. Doch seine verstörenden Qualitäten finden sich heute zuhauf in zahlreichen anderen Verpackungen wieder. Denn das Thema Schönheitswahn ist eben auch 2026 mehr denn je präsent.
Damit hätte „Lügen über meine Mutter“ definitiv das Zeug zu einem tristen Problemaufarbeitungsfilm gehabt. Doch Aron Lehmann entscheidet sich erfreulicherweise gegen eine solche Herangehensweise. Die nicht gerade wohlhabende Familie lebt zunächst in einem beengten, wenig repräsentativen Haus, dessen Einrichtung eher funktional als modern anmutet. Hinzu kommen ein zunehmend dominanter Vater und eine mindestens ebenso feindselige Schwiegermutter, die das familiäre Klima zusätzlich vergiften. Die Zutaten für ein schweres Sozialdrama wären also durchaus vorhanden. Doch „Lügen über meine Mutter“ präsentiert sich stattdessen als bemerkenswert bunter, in vielen Momenten sogar fast beschwingter Film. Das liegt zum einen an Lehmanns frischer, pointierter Inszenierung, zum anderen aber ganz entscheidend an der Erzählperspektive. Das Publikum erlebt die Geschichte vor allem durch die Augen der Tochter Ela, für die ihre Mutter der liebenswerte Mittelpunkt der Welt ist. Vieles von dem, was innerhalb der Familie im Argen liegt, kann Ela als Kind noch gar nicht in seiner ganzen Tragweite erfassen. Was für die Erwachsenen längst zur bedrückenden Realität geworden ist, kann aus ihrer Perspektive mal komisch oder absurd wahrgenommen werden, oder eben zum ganz normalen Familienalltag gehören. Das verhilft „Lügen über meine Mutter“ zu einem interessanten Kontrast zwischen dem, was wir als Zuschauende zunehmend erkennen und dem, was die junge Protagonistin, vor allem beeinflusst durch den Vater, wahrnimmt. Und je weiter die Handlung voranschreitet und je weniger sich die Konflikte hinter kindlicher Unbeschwertheit verbergen lassen, desto stärker bricht Lehmann schließlich mit seinem zunächst so leichten Tonfall.
„Das Publikum erlebt die Geschichte vor allem durch die Augen der Tochter Ela, für die ihre Mutter der liebenswerte Mittelpunkt der Welt ist. Vieles von dem, was innerhalb der Familie im Argen liegt, kann Ela als Kind noch gar nicht in seiner ganzen Tragweite erfassen.“
Dass dieser zunächst so beschwingte Tonfall mit fortschreitender Spieldauer immer größere Risse bekommt, liegt vor allem daran, wie schwer die Themen wiegen, die unter der bunten Oberfläche verhandelt werden. Bis hin zu einer Abtreibung streift „Lügen über meine Mutter“ dabei auch Fragen, die für eine Frau in den Achtzigerjahren mit erheblichen Konsequenzen verbunden waren. Im Zentrum steht jedoch die Beziehung zwischen Elas Eltern, die nur selten als harmonische Einheit in Erscheinung treten. Durch den permanenten emotionalen Druck, den Vater Werner auf seine Frau Cornelia ausübt, bestimmt er zunehmend, wie sie ihr Leben zu führen hat. Dabei geht es übrigens gar nicht um das inzwischen auch im zeitgenössischen Kino häufig verhandelte Phänomen der „Regretting Motherhood“. Die Mutter liebt ihre Kinder über alles. Was ihr fehlt, ist vielmehr die Möglichkeit, sich selbst jenseits ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter zu verwirklichen. Immer wieder wird sie dabei nicht nur von ihrem Mann, sondern auch von ihrem Umfeld ausgebremst. Etwa wenn es um ihre beruflichen Ambitionen und schließlich sogar um ihren Arbeitsplatz geht. Doch besonders perfide wird es, als sich der Ehemann ausgerechnet Cornelias Gewicht als Angriffspunkt herauspickt. Denn die vermeintliche Sorge um ihren gewichtsbedingten Gesundheitszustand ist längst nicht das eigentliche Problem, sondern vor allem ein Instrument der Machtausübung. Indem er ihren Körper zum vermeintlichen Grund für sein eigenes berufliches Scheitern erklärt („Kein Wunder, dass ich die Beförderung nicht bekommen habe, ich habe ja auch keine vorzeigbare Ehefrau.“), muss er sich weder mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten auseinandersetzen noch Verantwortung für die eigene Situation übernehmen. Damit wird Cornelias Körper zur Projektionsfläche für alles, was in seinem eigenen Leben nicht so läuft, wie er es sich wünscht.
Die Gewichtsprobleme der Mutter sind letztlich nur eines von vielen Symptomen einer zutiefst toxischen Beziehung, in der Cornelia immer wieder vermittelt wird, dass nicht sie selbst über ihr Leben bestimmen darf. Umso schöner ist es, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich diese Autonomie nach und nach zurückerobert. Dass „Lügen über meine Mutter“ dabei nicht in der Tragik seiner Ausgangssituation verharrt, sondern ganz bewusst auch als eine Art „Mutmachfilm“ funktioniert, ist nicht zuletzt Rosalie Thomass („Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen“) zu verdanken. Die aktuell auch im zweiten „Bibi Blocksberg“-Film im Kino zu sehende Schauspielerin wirft sich nicht nur mit Feuereifer in ihre Rolle hinein, sondern hat auch Drehbuch geschrieben. Das verleiht der Geschichte eine spürbar persönliche Perspektive. Überhaupt ist „Lügen über meine Mutter“ ein Film, der die weibliche Sichtweise nicht ständig vor sich herträgt, sondern sie ganz selbstverständlich zum Ausgangspunkt seiner Erzählung macht. Das mag zunächst nach einer etwas abgenutzten Plattitüde klingen, doch über viele Szenen wird man im Nachhinein noch lange nachdenken. Ein klein wenig bedauerlich ist es lediglich, dass sich der Film im letzten Drittel zu einer allzu dramatischen Zuspitzung entschließt. Diese sorgt zweifellos für emotionalen Punch, wirkt in ihrer Deutlichkeit aber deutlich mehr einer filmischen Dramaturgie untergeordnet als in den eineinhalb Stunden davor. Ein kleiner Fremdkörper, der allerdings auch dafür sorgt, dass „Lügen über meine Mutter“ sein Publikum am Ende emotional gestärkt aus dem Kinosaal entlässt.
„Dass ‚Lügen über meine Mutter‘ dabei nicht in der Tragik seiner Ausgangssituation verharrt, sondern ganz bewusst auch als eine Art ‚Mutmachfilm‘ funktioniert, ist nicht zuletzt Rosalie Thomass zu verdanken.“
Fazit: „Lügen über meine Mutter“ ist ein kluger, überraschend leichter und zugleich immer wieder berührender Film über weibliche Selbstbestimmung. Aron Lehmann und Rosalie Thomass gelingt es, aus der schweren Ausgangslage keine bleierne Problemstudie, sondern eine ebenso unterhaltsame wie nachdenklich stimmende Emanzipationsgeschichte zu machen, die ihr Publikum mit einem warmen Gefühl und einigen Gedanken nach Hause schickt.
„Lügen über meine Mutter“ ist ab dem 8. Oktober 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.


