Alte Liebe
Wenn ausgerechnet Andreas Dresen das Leben eines seit vierzig Jahren verheirateten Ehepaares seziert, geht man vermutlich nicht von einer heiteren Kinoerfahrung aus. Umso mehr überrascht es, wie warmherzig und empathisch die Romanverfilmung ALTE LIEBE geworden ist.
Darum geht’s
Seit knapp 40 Jahren sind Harry (Joachim Król) und Lore (Dagmar Manzel) bereits verheiratet. Doch inzwischen haben sich die beiden zunehmend voneinander entfernt. Während Harry nach seiner Pensionierung am liebsten im Garten werkelt, Bier trinkt und raucht, hält Lore an ihrem Beruf als Bibliothekarin fest und träumt von einem anderen, aufregenderen Leben. Ausgerechnet die bevorstehende Hochzeit ihrer Tochter Julia sorgt für zusätzlichen Zündstoff. Denn Harry steht der Beziehung seiner Tochter kritisch gegenüber, während Lore sich nach mehr Unabhängigkeit und einem Neuanfang sehnt. Zwischen den Eheleuten kommt es immer wieder zu Streitigkeiten, die oft an scheinbaren Nebensächlichkeiten entzündet werden. Doch hinter den alltäglichen Reibereien verbergen sich tiefere Konflikte…
Kritik
Auf den ersten Blick erzählen Andreas Dresens „Alte Liebe“ und Neele Leana Vollmers vor fast einem Jahr erschienener „Und dann passiert das Leben“ beinahe die gleiche Geschichte. Beide Filme beobachten ein langjähriges Ehepaar, das sich irgendwo zwischen Alltagstrott, aufgestautem Frust und der unausgesprochenen Frage wiederfindet, ob das gemeinsame Leben eigentlich noch eine Zukunft hat. Beide Filme interessieren sich für Menschen, die sich im Laufe der Jahre voneinander entfernt haben, ohne deshalb gleichgültig füreinander geworden zu sein. Und beide Filme stellen die Frage, was von einer einst großen Liebe übrigbleibt, wenn sich das gemeinsame Leben längst in Routinen und gegenseitigen Marotten eingerichtet hat. Nur blickt ausgerechnet Andreas Dresen („Gundermann“) in seiner Adaption des Romans von Elke Heidenreich deutlich positiver auf diese Ausgangslage als Neele Leana Vollmer in „Und dann passiert das Leben“. Während dort die Entfremdung eines Ehepaares mit schmerzhafter Konsequenz seziert wird, sucht „Alte Liebe“ immer wieder nach dem Funken, der zwischen all den kleinen Verletzungen und Gewohnheiten noch glimmt. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil man ausgerechnet von Dresen eigentlich den größeren Pessimismus erwarten würde. Schließlich hat sich kaum ein anderer deutscher Regisseur so konsequent mit den Zumutungen des Lebens auseinandergesetzt. Und doch ist „Alte Liebe“ eben nicht der düstere Gegenentwurf zu Vollmers Film, sondern vielmehr eine überraschend lebensbejahende Erinnerung daran, dass eine lange gemeinsame Geschichte nicht zwangsläufig in emotionaler Versteinerung enden muss.

Es passiert nicht oft, aber Harry (Joachim Król) und Lore (Dagmar Manzel) sind sich immer noch körperlich nahe.
Natürlich wäre es zu kurz gegriffen, Andreas Dresen auf (s)einen vermeintlichen Pessimismus zu reduzieren. Ja, seine Filme erzählen zwar auch immer wieder von jenen Momenten, in denen das Leben nicht unbedingt die einfachsten Karten austeilt. Doch mindestens ebenso sehr zeichnet ihn ein ausgeprägtes Gespür für die kleinen, oft unscheinbaren Momente aus, in denen sich ein ganzes Leben widerspiegelt. Genau deshalb scheint „Alte Liebe“ wie für ihn gemacht. Denn Dresen interessiert sich weniger dafür, jede noch so kleine Verstimmung zwischen Harry und Lore zur großen dramatischen Konfrontation hochzuschrauben. Stattdessen fühlt es sich eher wie ein Beiwohnen bei (gem)einsamen Aktivitäten an. Während sich Harry leidenschaftlich um den Garten kümmert, geht Lore ihrer Arbeit in der Bibliothek nach. Beide trinken, rauchen, lesen und streiten – meist über Nebensächlichkeiten. Vor allem aber reden sie noch immer miteinander. Insbesondere über die großen Fragen ihres gemeinsamen Lebens. Gerade in diesen beiläufigen Situationen lernen wir die beiden womöglich besser kennen als über jeden klassischen Plot. Nicht zuletzt, weil schon viele Dialoge in der Romanvorlage so pointiert und smart geschrieben sind, dass sie es mitunter eins zu eins in den Film geschafft haben.
„Wo nicht geredet werden muss, wird auch nicht geredet. Bei einer solchen Prämisse verwundert es – gerade im deutschen Kino – schon fast, wie wenig geschwätzig ‚Alte Liebe‘ geraten ist.“
Gemeinsam mit seinen beiden hinreißenden Hauptdarstellenden Dagmar Manzel („Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“) und Joachim Król („Eine Million Minuten“) als sich spürbar in- uns auswendig kennendes Ehepaar kurz vor der Rubinhochzeit vertraut Andreas Dresen darauf, dass sich die stummen Kleinkriege und subtilen Liebesbekundungen der beiden über Blicke, Gesten und Routinen offenbaren. Wo nicht geredet werden muss, wird auch nicht geredet. Bei einer solchen Prämisse verwundert es – gerade im deutschen Kino – schon fast, wie wenig geschwätzig „Alte Liebe“ geraten ist. Dazu passt auch die Ausstattung des Films. Das Haus, in dem Harry und Lore leben, wirkt nicht wie eine eigens für einen Film eingerichtete Kulisse, sondern wie ein Ort, der genauso viele Jahrzehnte hinter sich hat wie das Paar, das darin lebt. Hier steht nicht zufällig ein Gegenstand neben dem anderen, hier scheint jedes Detail etwas über die Menschen zu erzählen, die diesen Ort gemeinsam bewohnt haben. Damit wird dieses Zuhause selbst zu einer Art Chronik dieser Ehe. Außerdem gibt sich der Film in seiner Inszenierung derart schnörkellos, dass ihm fast schon etwas Dokumentarisches innewohnt.
Vielleicht auch deshalb schleicht sich im Laufe der 100 Filmminuten immer stärker das Gefühl ein, dass „Alte Liebe“ sich in einer emotionalen Aufwärtstendenz befindet. Die Bilder werden zunehmend heller und die verbalen Schlagabtäusche von Harry und Lore verlieren langsam an ihrem zeitweise auflodernden Zynismus und Verbitterung. Vor allem aber erweist sich „Alte Liebe“ als bemerkenswert versöhnlich mit seinen Figuren. Man hat irgendwann nicht mehr nur das Gefühl, Harry und Lore verstehen zu können, sondern wünscht ihnen einfach nur das Beste. Für Dresen-Verhältnisse ist das fast schon Feelgood-Kino. Aber eben nur fast. Denn auf der Zielgeraden kann Dresen dann doch nicht so ganz aus seiner Haut, was sicherlich auch der Vorlage geschuldet ist. Zu optimistisch ist er dann eben doch nicht. Dass sich manche Zuschauenden womöglich mehr dramaturgische Zuspitzung wünschen werden, lässt sich trotzdem nicht von der Hand weisen. Darüber hinaus sind die beiden Hauptfiguren nicht die zugänglichsten. Insbesondere Harrys Argwohn gegenüber seiner Tochter wirkt mitunter befremdlich. Zumal wir ausschließlich seinen subjektiven Blick auf diesen Konflikt kennenlernen. Dennoch überwiegen an „Alte Liebe“ klar die Stärken. Denn Dresens Gespür für Alltagsbeobachtungen und seine Fähigkeiten, aus diesen trotz aller Ecken und Kanten authentische und liebenswürdige Figuren zu formen, bleibt auch hier unverkennbar.
„Vor allem aber erweist sich ‚Alte Liebe‘ als bemerkenswert versöhnlich mit seinen Figuren. Man hat irgendwann nicht mehr nur das Gefühl, Harry und Lore verstehen zu können, sondern wünscht ihnen einfach nur das Beste.“
Fazit: „Alte Liebe“ ist eine zärtliche und vor allem für Andreas-Dresen-Verhältnisse überraschend hoffnungsvolle Bestandsaufnahme einer knapp 40-jährigen Ehe, die von zwei fantastischen Schauspielleistungen getragen und einer schnörkellosen Inszenierung formvollendet wird.
„Alte Liebe“ ist ab dem 8. Oktober 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

