The Social Reckoning

Facebook hat die Welt verändert. Doch welchen Preis bezahlen wir alle dafür? In THE SOCIAL RECKONING trifft Aaron Sorkins rasantes Dialog-Dauerfeuer auf einen hochaktuellen Blick hinter die Kulissen eines Konzerns, dessen Einfluss längst weit über die Grenzen des Internets hinausreicht.

OT: The Social Reckoning (USA 2026)

Darum geht’s

Der Investigativjournalist Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) recherchiert zu den internen Abläufen bei Facebook und stößt dabei auf Hinweise darauf, dass der Konzern die Gefahren von Desinformation und Radikalisierung auf seiner Plattform bewusst in Kauf nimmt. Während Facebook-Insiderin Frances Haugen (Mikey Madison) zunehmend Zweifel an den Methoden ihres Arbeitgebers entwickelt und brisante interne Dokumente öffentlich werden, bereitet sich Mark Zuckerberg (Jeremy Strong) auf eine Anhörung vor. Als schließlich auch die Rolle des sozialen Netzwerks bei der Stürmung des US-Kapitols in den Fokus rückt, gerät Facebook zunehmend unter politischen und öffentlichen Druck.

Kritik

Als Aaron Sorkin („Molly’s Game“) 2010 mit „The Social Network“ die Geschichte hinter der Entstehung von Facebook auf die große Leinwand brachte, hätte wohl kaum jemand geahnt, dass ausgerechnet ein Film über die Gründung eines sozialen Netzwerks einmal zu einem der prägendsten Werke des modernen Internetkinos werden würde. Gemeinsam mit Thrillerexperte und Regisseur David Fincher erzählte Sorkin darin zum einen vom Aufstieg des bis heute umstrittenen Gründers Mark Zuckerbergs. Zum anderen aber auch von den Freundschaften, die für den Erfolg auf der Strecke blieben, und schließlich von den juristischen Auseinandersetzungen, die Facebooks kometenhaften Aufstieg begleiteten. Das Ergebnis war nicht nur ein weltweiter Kassenerfolg, sondern wurde auch von der Kritik gefeiert, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und letztlich sogar mit drei Oscars prämiert – darunter für Sorkins Drehbuch. Nun, 16 Jahre später, kehrt der Autor mit „The Social Reckoning“ in diese Welt zurück und übernimmt zugleich den Regieposten. Ein klassisches Sequel ist das allerdings nur bedingt. Denn statt die Geschichte von Zuckerberg und Facebook dort weiterzuerzählen, wo „The Social Network“ einst aufgehört hat, nimmt sich Sorkin diesmal einen deutlich später in der Firmenhistorie angesiedelten Ausschnitt der Konzerngeschichte vor. Und seien wir mal ehrlich: Über Facebook, das im kommenden Februar 25 Jahre alt wird, gibt es inzwischen derart viel zu erzählen, dass es fast schon verwunderlicher wäre, wenn Sorkin es bei einer einzigen Geschichte belassen hätte.

Journalist Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) und Facebook-Insiderin Frances Haugen (Mikey Madison) sind die Urheber:innen der Facebook Files.

Dass „The Social Reckoning“ eben nicht wie eine klassische Fortsetzung funktioniert, zeigt sich schon an der Besetzung. Zwar versuchte Sorkin selbst lange Zeit, erneut Jesse Eisenberg für die Rolle des Mark Zuckerberg zu gewinnen. Dass dieser letztlich absagte, erweist sich im Nachhinein allerdings als Glücksfall. Gerade weil der Film dadurch noch deutlicher als eigenständiges Werk funktioniert. Mit Jeremy Strong („The Apprentice – The Trump Story“) fand Sorkin einen Darsteller, der Zuckerberg so ganz anders verkörpert, als es einst Eisenberg tat. War dessen Zuckerberg noch der junge, hochintelligente, sozial unbeholfene Programmierer, mimt Strong nun den deutlich selbstsicheren und geradezu unangreifbaren Geschäftsmann Zuckerberg. Das ist eine logische Weiterentwicklung der Figur: Aus dem jungen Mann, der unbedingt beweisen wollte, dass er der Klügste im Raum ist, ist einer geworden, der längst weiß, dass er es ist. Strong trifft diesen Zuckerberg nicht nur dank geschliffener Rhetorik mit einer Präzision, die aus der vermeintlichen Notlösung die perfekte Besetzung macht. Und auch der Cast um ihn herum funktioniert hervorragend. Jeremy Allen White („The Bear“) gibt den Journalisten Jeff Horwitz als hochengagierten Rechercheur, der seine Figur mit einer angenehm leichten Verpeiltheit versieht, ohne dabei an Kompetenz einzubüßen. Mikey Madison („Anora“) wiederum verkörpert eine Facebook-Insiderin, die einen komplizierten Spagat bewältigen muss: Sie liebt Facebook und glaubt an die Mission ihres Arbeitgebers, weiß aber gleichzeitig um dessen verquere Methoden und möchte die Nutzer:innen schützen. Madison macht aus diesen Widersprüchen eine ungemein mitreißende Performance. Vor allem gemeinsam mit White entwickelt sie eine großartige Chemie.

„Natürlich setzt Sorkin erneut auf sein berühmtes Dialog-Dauerfeuer, das seine Figuren mitunter in einem atemberaubenden Tempo von einem Gedanken zum nächsten springen lässt. Doch noch stärker als sonst scheint es ihm diesmal auch darum zu gehen, die Eigenheiten der Menschen hinter diesen geschliffenen Wortgefechten herauszuarbeiten.“

Auch weil ihre konträren Charaktere für jede Menge Humor sorgen. Denn so ernst die hier permanent im Raum stehenden Vorwürfe gegen Facebook und deren Art, User:innen zu radikalisieren, sind, ist „The Social Reckoning“ trotzdem überraschend lustig geraten. Natürlich setzt Sorkin dabei erneut auf sein berühmtes Dialog-Dauerfeuer, das seine Figuren mitunter in einem atemberaubenden Tempo von einem Gedanken zum nächsten springen lässt. Doch noch stärker als sonst scheint es ihm diesmal auch darum zu gehen, die Eigenheiten der Menschen hinter diesen geschliffenen Wortgefechten herauszuarbeiten. „The Social Reckoning“ ist vielleicht Sorkins bislang persönlichster Film. Nicht im Sinne großer Gefühlsduselei, sondern weil seine Figuren tatsächlich wie Menschen wirken, die zufällig verdammt gut darin sind, sich auszudrücken. So kommt man einerseits in den Genuss der gewohnt brillanten Dialoge, hat andererseits aber nie das Gefühl, dass hier lediglich Sorkin-Sätze aufgesagt werden. Dass der Film dabei mit jeder Menge Fachtermini und Konzernsprache um sich wirft, macht ihn nicht weniger zugänglich. Im Gegenteil: Mit Jeff Horwitz hat Sorkin einen Journalisten zur zentralen Perspektivfigur gemacht, dem Madisons Figur viele Zusammenhänge überhaupt erst erklären muss – und damit ganz nebenbei auch dem Publikum. Weil diese Erklärungen organisch aus den Gesprächen heraus entstehen, fühlt sich das nur selten nach klassischem Exposition-Talk an. Gleichzeitig lässt Sorkin erfreulich vieles im Vagen und vertraut darauf, dass man als Zuschauer:in auch selbst mitdenken kann. Damit ist „The Social Reckoning“ quasi der Gegenentwurf zu sämtlichen aktuellen Netflix-Filmen, die ihrem Publikum alle zehn Minuten noch einmal erklären, wo genau sie sich in der Handlung gerade befinden.

Jeremy Strong verkörpert Mark Zuckerberg als perfekte Weiterentwicklung der Eisenberg-Version.

Inhaltlich ist „The Social Reckoning“ derweil dabei deutlich komplexer als eine bloße Abrechnung mit Facebook. Sorkin blickt zwar unübersehbar kritisch auf die Entwicklung des Konzerns und insbesondere auf dessen Umgang mit Algorithmen und Desinformation, die es der möglichen Radikalisierung seiner Nutzer:innen besonders einfach machen. Doch anstatt daraus eine eindimensionale Anklage zu machen, erzählt er die Geschichte ganz bewusst aus mehreren Perspektiven. Auf einer Zeitachse zwischen 2019 und 2021 springt die Story immer wieder vor und zurück und konzentriert sich dabei auf unterschiedliche Stationen der sogenannten Facebook Files. Da ist zum einen die Vorbereitung auf die bevorstehende Anhörung Zuckerbergs, die fast wie eine eigene Inszenierung innerhalb der Inszenierung funktioniert, wenn der Facebook-Gründer hier von einem ganzen Team aus Medientrainer:innen auf jede noch so unangenehme Frage vorbereitet wird. Dem gegenüber steht die Recherche von Jeff Horwitz und Frances Haugen, die Stück für Stück weitere Abgründe innerhalb des Konzerns zutage fördert. Im letzten Drittel spitzt Sorkin die Ereignisse schließlich mit Facebooks Rolle bei der Stürmung des US-Kapitols zum dramaturgischen Höhepunkt zu. Dass dabei trotzdem der erhobene Zeigefinger weitestgehend ausbleibt, liegt vor allem an Haugen selbst. Sie betont immer wieder, dass sie einst an die ursprüngliche Mission von Facebook geglaubt hat, was die Kritik des Films noch glaubwürdiger erscheinen lässt. Es geht also gar nicht darum, Facebook als grundsätzlich böse zu entlarven, sondern darum, nachzuzeichnen, wie ein Unternehmen mit einer einst durchaus idealistischen Idee an einen Punkt gelangen konnte, an dem seine eigene Funktionsweise gesellschaftlichen Schaden verursacht. Wenn am Ende eine Texttafel darauf hinweist, dass sich heute mehr als die Hälfte der Menschen auf Facebook über das Weltgeschehen informiert, bleibt davon entsprechend mehr hängen als das schlichte „Facebook ist böse“, das man einem solchen Film sonst allzu leicht vorwerfen könnte.

„Es geht nicht darum, Facebook als grundsätzlich böse zu entlarven, sondern darum, nachzuzeichnen, wie ein Unternehmen mit einer einst durchaus idealistischen Idee an einen Punkt gelangen konnte, an dem seine eigene Funktionsweise gesellschaftlichen Schaden verursacht.“

All das erzählt Sorkin mit einem enormen Tempo. Der dadurch eine ungemeine Sogwirkung entfaltende „The Social Reckoning“ gönnt seinem Publikum nur selten eine Verschnaufpause, was angesichts der zahllosen Dialoge, Schauplatzwechsel und Zeitsprünge durchaus eine Herausforderung sein kann. Kameramann Jeff Cronenweth („Gone Girl – Das perfekte Opfer“) behält dabei jedoch jederzeit die Übersicht und sorgt dafür, dass der Film trotz seiner überwiegend in Innenräumen spielenden Handlung visuell abwechslungsreich bleibt. Ein kurzer Ausflug Haugens in ein zum Home Office einladenden Urlaubsparadies wirkt dadurch beinahe wie ein Ausbruch aus einer Eintönigkeit, die es zuvor eigentlich gar nicht gegeben hat. Sorkin und Cronenweth finden immer wieder neue Wege, die Gespräche, Recherchen und Verhöre in Bewegung zu halten. Und das wiederum passt ja auch irgendwie hervorragend zu einer Geschichte über ein Unternehmen, dessen Entscheidungen längst schneller getroffen werden, als die Gesellschaft ihre Folgen überhaupt begreifen kann.

Mark Zuckerberg (Jeremy Strong) beim Anhörungstraining mit dem einflussreichen Facebook-Mitarbeiter Charlie (Bill Burr).

Fazit: Aaron Sorkin gelingt mit „The Social Reckoning“ ein ebenso temporeiches wie überraschend humorvolles Stück Gegenwartskino. Gewohnt brillante Dialoge, ein großartiger Cast und eine differenzierte Auseinandersetzung mit Facebooks gesellschaftlichem Einfluss machen den Film zu einem der Must Sees 2026.

„The Social Reckoning“ ist ab dem 8. Oktober 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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