Game Night

Wenn ein Spieleabend aus dem Ruder läuft, ist das die beste Basis für eine kreative Actionkomödie, die die „Vacation“-Macher John Francis Daley und Johnathan Goldstein mit GAME NIGHT präsentieren. Und der Cast ist obendrein auch richtig gut. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Max (Jason Bateman) und Annie (Rachel McAdams) sind große Brettspielfans und halten wöchentlich Brettspielabende für Paare ab. Als Max’ charismatischer Bruder Brooks (Kyle Chandler) eines Abends eine Mordfall-Ermittlungsparty arrangiert – inklusive falscher Gangster und Pseudo-FBI-Agenten –,  dringen plötzlich echte Ganoven ins Haus ein und kidnappen ihn. Die ahnungslosen Mitspieler glauben daran, dass all dazugehört. Doch als die sechs ehrgeizigen Hobby-Ermittler auf Spurensuche gehen, begreifen sie allmählich, dass weder dieses „Spiel“ noch Brooks selbst das sind, was sie zu sein vorgeben. Im Laufe dieser total chaotischen Nacht geraten die Freunde bis über die Ohren in einen Schlamassel, dem keiner von ihnen gewachsen ist, weil sie durch ständig neue Wendungen verblüfft werden. Da es keine Regeln, keine Punkte und auch keine Anhaltspunkte gibt, wer hier eigentlich die Finger im Spiel hat, könnte sich dieses Erlebnis zum größten Spaß aller Zeiten entwickeln … oder für alle das plötzliche Aus bedeuten.

Kritik

Auf den ersten Blick hinken Brettspiele ein wenig der aktuellen Zeit zurück. Heutzutage dominieren das Gaming-Geschehen vorzugsweise Video- und Computergames; wer hat da noch Zeit und Muße, sich offline zu einem ganz normalen Spieleabend zu verabreden? Doch ein Blick auf die aktuellen Absatzzahlen des Gesellschaftsspielemarktes verrät: offenbar sehr, sehr viele und sogar mehr denn je. Denn in Zeiten, in denen Brettspielcafés eröffnen und Spielwarenmessen regelmäßig von mehreren Hunderttausend Besuchern besucht werden, offenbart sich, dass die Freude am gemeinsamen Würfeln, Knobeln und Interagieren kein Ende nimmt; und so nehmen die beiden „Vacation“-Regisseure John Francis Daley und Jonathan Goldstern dieses auch von ihnen heißgeliebte Thema zum Anlass, daraus eine Komödie zu spielen. Anders als zuletzt noch in „Jumanji“, in dem das ursprüngliche Brettspiel – ganz zum vermeintlichen Zeitgeist passend – zu einem Videogame mutierte, steht hier eben die Faszination Gesellschaftsspiel im Mittelpunkt. Dieses Thema wird von den beiden Filmemachern, die auch privat eine große Leidenschaft dafür hegen, mit solch einer Passion angegangen, dass jeder Funken der Begeisterung direkt aufs Publikum überspringt. Und nicht nur das: „Game Night“ ist in Sachen Witz, Timing und Action ein Paradebeispiel für eine gleichermaßen zeit- wie harmlose Komödie, bei der der Regisseur bei aller Bravheit trotzdem nicht zimperlich mit ihren Figuren umgehen.

Annie (Rachel McAdams) und Max (Jason Bateman) lieben ihre Brettspielabende und haben sich so auch kennengelernt.

Im Mittelpunkt von „Game Night“ stehen Max und Annie, über die der Zuschauer bereits mit der aller ersten Bildmontage alles erfährt, was man über die beiden wissen muss: Das mittlerweile verheiratete Paar liebt Brettspiele über alles, hat sich über eine sogenannte Game Night kennengelernt, sich mitten in einer Scharade einen Antrag gemacht und bei der gemeinsamen Hochzeit wurde zu einem „Just Dance“-Video getanzt. Der Enthusiasmus des Pärchens changiert dabei zwischen vollkommen besessen und harmlos-übereifrig – doch die beiden Protagonisten haben die Sympathien des Publikums klar auf ihrer Seite. Das liegt vor allem an den sie verkörpernden Schauspielern: Jason Bateman („The Gift“) hat sowieso ein Abonnement auf die Rolle des ein wenig tollpatschigen Publikumslieblings, während man die Oscar-nominierte Rachel McAdams („Spotlight“) in ihrer natürlich-charismatischen Art einfach ins Herz schließen muss. Die beiden bilden ein absolutes Traumduo, dem man sich bei all ihrer Spiele-Verbissenheit gern anschließt. Das Privatleben der beiden muss sich – auch genrebedingt – der spaßigen Eskalation unterordnen. Richtig tief dringt Drehbuchautor Mark Perez („Herbie Fully Loaded“) daher nicht zu den Charaktere vor; die permanent im Raum stehende Frage, ob die beiden nun den nächsten Schritt wagen und eine Familie gründen sollen, schleift die Geschichte eher halbherzig mit, löst diese aber immerhin sehr sympathisch (und ein klein wenig kitschig) auf. Doch viel mehr Storyballast hätte „Game Night“ ohnehin nicht vertragen. Hauptsächlich geht es hierin schließlich um einen aus dem Ruder laufenden Spieleabend.

Die Prämisse rund um einen von den Teilnehmern zu lösenden Kriminalfall ist gar nicht so abwegig. Obwohl die beiden Regisseure die Szenerie an sich deutlich überzeichnen, ist der Verlauf der absurden Geschichte durchaus realistisch und auch die Figuren agieren allesamt wesentlich klüger, als man es gerade im filmischen Komödiensegment gewohnt ist. Vor allem hieraus ergibt sich – neben den vielen Popkulturanspielungen, jeder Menge Slapstick und Wortwitz – ein Großteil des Charmes: „Game Night“ labt sich ganz vortrefflich daran, was passiert, wenn ein Haufen Ahnungsloser in eine absolut hanebüchene Szenerie geworfen und zum Improvisieren gezwungen werden. Von einer einhundertprozentigen Gag-Trefferquote lässt sich zwar auch hier nicht sprechen (an einigen Szenen hält sich der Film zu lange auf, während einige Pointen schon viele Minuten zuvor zu erahnen sind), doch neben einem modernen Klassiker der Marke „Hangover“ kann sich „Game Night“ durchaus sehen lassen. Vor allem wenn der Film in der zweiten Hälfte nicht mehr nur auf seine gut geschriebenen Pointen, nie unter die Gürtellinie zielenden Pointen setzt, sondern sukzessive immer actionreicher wird, kommen die Gags im Minutentakt und das Tempo erreicht schwindelerregende Höhen. Dabei machen die Macher keine Gefangenen: Jason Bateman fängt sich blutig eine Kugel ein (der anschließende Versuch von McAdams, diese zu entfernen, ist eine der lustigsten Szenen des Films), während ein Schurke in einem anderen Moment sein Leben anhand einer Flugzeugturbine lassen muss. Doch allzu blutig wird es nie – der Film hat nicht umsonst eine FSK 12 und unterstreicht damit seinen Eindruck, trotz kleiner brachialer Spitzen nie zu derbe zu werden.

Max ist irritiert, als sein Bruder Brooks (Kyle Chandler) ihn zuhause besucht und ein neues Spiel vorschlägt…

In den wenigen, wenngleich stark choreographierten Actionsequenzen kommt eine Besonderheit explizit zur Geltung: Gerade für eine Standard-Hollywoodkomödie ist „Game Night“ technisch brillant inszeniert. Nicht bloß „The Neon Demon“-Komponist Cliff Martinez setzt in seinem Score auf prägnante, treibende Synthieklänge, vor allem Kameramann Barry Peterson („Central Intelligence“) liefert spektakuläre Bilder, für die er das Oberthema „Spiele“ stets im Hinterkopf behält. Für die Landschaftspanoramen fängt er Städte und Straßen mit bewährter Tilt-Shift-Technik so ein, als handele es sich bei ihnen um Spielzeugmodelle, ein anderes Mal heftet er sich so an die Fersen des ein Flugzeug verfolgenden Autos, als befände man sich gerade in einem Autorenn-Computerspiel. Die Kamera wirbelt in vielen Szenen – im wahrsten Sinne des Wortes – verspielt um seine Figuren herum und behält doch stets den Überblick. Lange fühlte sich eine US-Comedy nicht mehr so hochwertig und konzeptuell durchdacht an, wie „Game Night“ – und zwar von der buchstäblich aller ersten Sekunde an (allein die Logoeinblendung strotzt nur so vor liebevoller Detailarbeit). Von so viel Liebe für die Materie profitieren am Ende auch die ein wenig zu sehr zu Randfiguren degradierten Nebencharaktere. Sie alle definieren sich hauptsächlich über eine Besonderheit, ein richtiges Profil lässt sich bei ihnen jedoch nicht ausmachen. Dafür strotzen Billy Magnussen („The Big Short“), Lamorne Morris („Sandy Wexler“), Kylie Bunbury („Under the Dome“) und der unschlagbar-merkwürdige Jesse Plemons („Die Verlegerin“) nur so vor Spielfreude und zelebrieren auch die ein oder andere überraschende Wendung mit Genuss. Denn in „Game Night“ kann man sich nie sicher sein, was nun echt und was noch Spiel ist…

Fazit: „Game Night“ qualifiziert sich früh für den Titel „Komödie des Jahres“, denn die mit voller Leidenschaft für das Thema Brettspiele inszenierte Actioncomedy punktet mit fantastischen Darstellern, einer überdurchschnittlichen Gag-Trefferquote, charmanten Wendungen und einer herausragenden Kameraarbeit – der lustigste Spieleabend des Jahres!

„Game Night“ ist ab dem 1. Märt bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

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