Nachruf auf Triple Wixxx

Unter einem Nachruf versteht man im Journalismus die Würdigung des Lebenswerks eines kürzlich Verstorbenen. Einen Nachruf auf den (nicht einmal existenten) Teil einer ursprünglich als Trilogie erdachten Filmreihe zu verfassen, widerspricht sich also schon einmal selbst. Doch im Grunde ist ein Nachruf doch heutzutage viel mehr als das. Er ist der Ausdruck der Trauer, der letzte Versuch, dem gerade von einem gegangenen Individuum noch einmal so etwas wie die gern zitierte, letzte Ehre zu erweisen und es ist gleichsam der Versuch, mit jenem abzuschließen. So scheint es auf den ersten Blick wenig Sinn zu machen, dass man sich für einen Moment die Zeit nimmt, um sich darüber Gedanken zu machen, was man einem Film mit auf den letzten Weg geben möchte, den man nie gesehen hat, nie sehen wird und der einen doch – so kurios es auch klingen mag – über viele Jahre begleitet hat. Die Rede ist von der Einstellung des Projekts „Triple Wixxx“, dem finalen Abschluss der „Wixxer“-Trilogie von Bastian Pastewka und Oliver Kalkofe.

Um zu verstehen, weshalb ich die Zeit für eine in Form eines Nachrufs stattfindende, emotionale Bestandsaufnahme zum Ableben von „Triple Wixxx“ aufbringe, muss ein Blick auf die mit meinem Privatleben verwobene Geschichte mit jenen Filmen her, auf die „Triple Wixxx“ aufbaut respektive aufgebaut hat. 2004 war es – ich war gerade einmal 13 Jahre alt – als ich vollkommen losgelöst von jedweden Ansprüchen zum aller ersten Mal „Der Wixxer“ im Kino sah. Nicht ganz frei von der Kenntnis diverser „Edgar Wallace“-Anspielungen wurde ich alsbald von der Verschmelzung des nostalgischen Charmes und moderner, deutscher Comedy (die ich dato so sehr liebte, dass der Freitagabend bei RTL mit seinen deutschen Sitcoms und Comedyshows stets fest verplant war) aufgesaugt. Ganz gleich, ob ich schon damals sämtliche Nachdichtungen verstand, eines blieb selbst meinen damals noch medienunerfahrenen Augen nicht verborgen: der Respekt vor der Vorlage und die Liebe und Leidenschaft, die von sämtlichen Verantwortlichen in dieses Meisterwerk der deutschen Komödie gesteckt wurde. Noch heute kann ich mich nicht entscheiden, welches Detail ich am meisten liebe: Die Figurenzeichnung von Hatler? Die Spielereien mit Schwarz/Weiß und Farbe? Oder ist es vielleicht doch die Tatsache, dass nur das Duo Kalkofe/Pastewka es schafft, in einer einzelnen Szene sowohl „Das Schweigen der Lämmer“ als auch die Flut an dato so aktuell gewesenen Castingshows zu verballhornen? Doch wozu immer in allem ein Nummer eins suchen: „Der Wixxer“ funktioniert bis heute als Gesamtkunstwerk und reiht sich für mich ein in eine winzige Auswahl an Filmen, die ich von vorn bis hinten mitsprechen kann.

Gerade dadurch schaffte es „Der Wixxer“ über die Jahre wie kein zweiter Film, beim Anschauen ein Gefühl der Wärme und Vertrautheit zu erschaffen. Dass es dasselbe Team, diesmal gar in Begleitung des fantastischen Blacky Fuchsberger (Gott hab ihn selig!), schaffen könnte, dieses familiäre Flair noch einmal zu steigern, hielt ich für unmöglich, ich wurde 2007 allerdings eines Besseren belehrt. Mit einer fantastischen Judy Winter, einer zuckersüßen Christiane Paul und einem herrlich überheblichen Christian Tramitz – um nur weitere drei der Neuzugänge zu nennen – wurde die Gagdichte in „Neues vom Wixxer“ noch einmal höher und, als hätte man sich an meinem persönlichen Geschmack orientiert, die Geschichte noch mehr auf meinen Humor abgestimmt. Da gab es dann plötzlich den Verweis auf „Die drei Fragezeichen“, da gab es Fake-Werbespots und eine Anspielung auf „Saw“, von der ich bis heute nicht weiß, ob sie überhaupt als eine solche geplant war.

Was war den Machern also bislang für ein Kunststück gelungen? Da gab es 2004 diesen einen Film, der sich für immer mein Gedächtnis einbrannte, voll von Texten, die ich ab sofort am laufenden Band zitierte, voll von Gags, bei denen ich noch heute jedes Mal aufs neue Lachen muss, voll von Ideen, bei denen ich mich bis heute frage: „Wie zum Teufel ist man nur DARAUF gekommen!??“ (Stichwort: Günther Jauch) und mit dieser Vertrautheit schaffte es die „Wixxer“-Reihe, über Jahre zu bestehen. Wann immer in Gesprächen die Frage nach so einem schwer zu definierbaren Begriff wie „Lieblingsfilm“, „Beste Komödie“ oder dergleichen auftaucht, liegt die Antwort „Der Wixxer“ respektive „Neues vom Wixxer“ nie weit. Und wenngleich ich die Antwort nach dem absoluten Lieblingsfilm nie beantworten möchte, um mich nicht endgültig festzulegen, so muss ich mir vielleicht doch eingestehen, dass ein solcher Begriff wohl nur für derartige Filme gemacht sein kann.

„Der Wixxer“ sowie „Neues vom Wixxer“ haben mich durch Höhepunkte und Tiefschläge des Lebens begleitet. Gedanken an Männer, die mir das Herz brachen, wurden so lange von Inspector Very Long und Chief Inspector Even Longer vernebelt, bis all der Kummer irgendwann wieder vergessen war. Die Nacht vor der Abitur-Abschlussprüfung verbrachte ich nicht etwa über den Büchern, sondern auf Schloss Blackwhite Castle. Krankenhausaufenthalte wurden mit der Suche nach dem „ollen Knochenkopp mit dem Zylinderhut“ weniger schmerzvoll, während die eine oder andere Diskussion mit andersgesinnten Filmliebhabern schon mal schmerzhaft und professionell mit einem „Du hast doch keine Ahnung!“ beendet wurde. Mit der Zeit wurden beide Filme zu einem festen Bestandteil meines eigenen Lebens, wurden mehrfach nachgekauft, das Bonusmaterial auswendig gelernt und der Termin von „Triple Wixxx“ wurde für mich zu einer Art Symbol: Alles kann noch so schlimm sein: solange ich in einigen Jahren noch in den Genuss des dritten „Wixxer“-Teils komme, ist alles erstmal nur halb so wild.

Doch dann das! Vor wenigen Tagen gab Oliver Kalkofe in einem äußerst emotionalen und sehr bewegenden Statement das Aus von „Triple Wixxx“ bekannt. Die Nachricht verbreitete sich auf den einschlägigen Film- und Medienwebsiten wie jede andere auch, doch für mich geht damit nicht bloß ein Filmprojekt zu Ende, auf das ich jahrelang voller Vorfreude gewartet habe. Für mich wird an dieser Stelle etwas zu Grabe getragen, das sich im Laufe der vergangenen Jahre zu so etwas wie einem „Silberstreif für Notfälle“ etabliert hat. Und vollkommen egal, wie merkwürdig diese Sicht der Dinge auf Außenstehende wirken mag, so muss ich mir eingestehen: Mit dem Wissen um den Verlust dieses mit Sicherheit tollen Projekts ist für mich eine ganze Menge mehr verbunden, als bloß der Verzicht auf eine weitere, großartige Komödie. Es ist der Verzicht auf etwas, was in den letzten Jahren immer irgendwie da war – und nun ist es weg. Und genau aus diesem Grund schreibt man Nachrufe: Um noch einmal kurz auf die Zeit zurückzublicken, als das, was nun fort ist, noch so normal und alltäglich war.

In Trauer

Antje Wessels

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