The Autopsy of Jane Doe

Der hierzulande lediglich beim Fantasy Filmfest laufende und kurz darauf direkt im Heimkino erscheinende Kammerspielthriller THE AUTOPSY OF JANE DOE bietet fesselnde Unterhaltung, aufgebaut einzig und alleim um die Autopsie einer Leiche. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Die Pathologen Tommy (Brian Cox) und sein Sohn Austin (Emile Hirsch) sollen bis zum Morgengrauen die Todesursache einer unbekannten jungen Frau (Olwin Catherine Kelly) klären, die unter geheimnisvollen Umständen ums Leben gekommen ist. Für Vater und Sohn bedeutet das eine ungewollte Nachtschicht – und zwar die schlimmste ihres Lebens. Denn Jane Doe, wie man nicht identifizierte weibliche Personen nennt, gibt ihnen viele Rätsel auf. Äußerlich weist die Leiche keine Verletzungen auf, im Inneren jedoch wartet ein grausiger Fund nach dem anderen auf die beiden. Plötzlich geschehen Dinge, die sich nicht rational erklären lassen. Und schon bald müssen Tommy und Austin feststellen, dass die Tote viel lebendiger ist, als sie angenommen hatten…

Kritik

Was im Film tot ist, muss das nicht unbedingt bleiben. Immerhin gibt es Zombies und okkulte Rituale, mit denen sich die Wiederauferstehung eigentlich dahingeschiedener Personen – gerade im Genrekino – leicht rechtfertigen lässt. Spannend wird es dagegen, wenn man partout nicht weiß, ob eine Geschichte genau darauf hinauslaufen soll, oder ob das Gezeigte bis zuletzt fest in der Realität verwurzelt bleibt. Der spanische Kammerspielthriller „The Body“, das Vorwerk des nach und nach auch hierzulande bekannteren Regisseurs Oriol Paulo („Der unsichtbare Gast“), ist eines von mehreren Beispielen dieser Gattung, in dessen Kerbe nun auch „The Autopsy of Jane Doe“ schlägt, der hierzulande auf dem Fantasy Filmfest zu sehen ist. Darin konstruiert der norwegische Filmemacher André Øvredal („Trollhunter“) eine komplette Filmhandlung einzig und allein um die Autopsie der geheimnisvollen Unbekannten Jane Doe herum, die selbst nach dem Tod noch ein makelloses Äußeres besitzt, ihren beiden Forensikern jedoch eine obskure Verletzung nach der anderen offenbart. Aus diesem Szenario heraus entspinnt sich ein in eine große Überraschung gipfelnder Horrorthriller, mit dessen Ende sicher kaum ein Zuschauer rechnet und mit dem gleichsam entsprechend auch nicht alle zufrieden sein werden. Diverse Überraschungsmomente hat „The Autopsy of Jane Doe“ jedoch auf seiner Seite – ein ziemlich schauriges Erlebnis.

Brian Cox und Emile Hirsch als obduzierendes Vater-Sohn-Gespann.

Regisseur André Øvredal ist clever: Fast jede Szene lässt er mit einem Blick auf das Gesicht der totel Jane Doe beginnen und anschließend auch wieder enden. Kameramann Roman Osin („Das Labyrinth des Schweigens“) fährt dabei mit solch einer Selbstverständlichkeit (und trotz des splitterfasernackten Körpers von Schauspielerin Olwin Catherine Kelly nie voyeuristisch) über die kreideweiße Leiche, dass man als Zuschauer jederzeit darauf gefasst ist, dass die selbst tot noch so schöne Frau im nächsten Moment mit den Augen blinzelt. Dabei sei an dieser Stelle selbstverständlich nicht verraten, was sich genau hinter der Herkunft der Toten verbirgt, doch allein die unberechenbare Atmosphäre macht aus „The Autopsy of Jane Doe“ ein auch aus Genresicht schwer einzuordnendes Unterfangen. Ist das hier nun ein Krimi? Ein Horrorfilm? Oder offenbart sich in letzter Instanz vielleicht doch das absolut tragische Schicksal einer gescholtenen Zwangsprostituierten (einer von diversen Ansätzen, die das Pathologen-Duo im Laufe der knapp eineinhalb Stunden verfolgt)?  So oder so gelingt es dem Autorenduo aus Ian Goldberg („Once Upon a Time“) und Richard Naing („Dead of Summer“), eine immer intensivere Spannung zu erzeugen. Dafür sorgen zunächst die immer hanebücheneren Erkenntnisse aus der Untersuchung und später die sich im letzten Drittel regelrecht überschlagenden Ereignisse, die manch einen Zuschauer sicher vor den Kopf stoßen werden.

Bis es soweit ist, dass „The Autopsy of Jane Doe“ im späteren Verlauf auch die eine oder andere lahme Idee auffährt (so langsam ist eine plötzlich im Bild auftauchende Katze eben einfach nicht mehr gruselig und auch, wer in einem Horrorfilm durch einen Türspalt guckt, sollte einfach mittlerweile wissen, dass dahinter etwas auf ihn lauern könnte), ist der sich bis auf die Auftaktszene einzig und allein in den vier Wänden der Pathologie abspielende Horrorthriller in seinem minimalistischen Konzept aussagekräftig genug, um auch ohne allzu viel Effekthascherei zu überzeugen. Wie das Vater-Sohn-Gespann den verschiedenen Verletzungen der Frau auf den Grund geht, sie versucht, in einen realistischen Kontext zu bringen und letztlich doch immer wieder scheitert, lässt in den Köpfen des Publikums eine vielversprechende Krimi-Theorie nach der anderen aufploppen – doch selbst noch so eifrig mitknobelnde Zuschauer dürften es schwer haben, vor der tatsächlichen Auflösung hinter das Geheimnis der Leiche zu kommen. Dafür sind nicht nur der Fantasie der Autoren keine Grenzen darin gesetzt, möglichst abgedrehte Todes- und Foltermethoden zu theoretisieren, auch visuell entpuppt sich „The Autopsy of Jane Doe“ als Film, der trotz mangelnder expliziter Gewalt nichts für zarte Gemüter ist. So plastisch wie hier gestaltete sich zuletzt allenfalls die Obduktion von John Kramer in „Saw IV“.

Austin erkennt, dass mit der Leiche etwas nicht stimmen kann.

Getragen wird „The Autopsy of Jane Doe“ zum Einen von Brian Cox („Churchill“) und Emile Hirsch („Lone Survivor“) als familiäres und berufliches Duo, das während der pathologischen Untersuchung glaubhaft über emotionale Befindlichkeiten sinniert (die Chemie zwischen den beiden entspricht zu jedem Zeitpunkt einem authentischen Abbild von Vater und Sohn). Zum Anderen legt aber auch die eigentlich so passive Figur der Jane Doe eine einnehmende Präsenz an den Tag, was ohne die ausdrucksstarke Olwen Catherine Kelly („Darkness on the Edge of Town“) nicht möglich gewesen wäre. Darüber hinaus ist Ophelia Lovibond („Es ist kompliziert..!“) in einer kleinen Nebenrolle als Austins draufgängerische Freundin zu sehen, deren Figur später jedoch einer Skriptentscheidung zum Opfer fällt, die „The Autopsy of Jane Doe“ als einziger eklatanter Schwachpunkt einen kleinen Kratzer verpasst. Davon einmal abgesehen (und davon, dass das Ende in seiner Aufmachung und Grundidee definitiv streitbar ist), präsentiert sich der schon wenige Wochen nach dem Fantasy Filmfest auf DVD und Blu-ray erscheinende Thriller als kurzweiliges, kreatives und definitiv überraschendes Gruselvergnügen – wie sehr einem diese Überraschung am Ende gefällt, das bleibt schlussendlich wiederum auch eine Überraschung.

Fazit: Beklemmend, blutig, kurzweilig und erstaunlich unterhaltsam – „The Autopsy of Jane Doe“ unterhält in den ersten zwei Dritteln als durchgehend spannendes Kammerspiel und entwickelt sich im Finale in eine Richtung, die nicht jedem gefallen wird, dafür so unvorhergesehen kommt, dass man ihm zumindest Respekt zollen wird.

„The Autopsy of Jane Doe“ ist in diesem Jahr auf dem Fantasy Filmfest zu sehen und ab dem 20. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich.

STUTTGART: Samstag / 09.09.17 / 19:00h / Metropol FRANKFURT: Sonntag / 17.09.17 / 20:00h / Cinestar Metropolis BERLIN: Donnerstag und Montag / 14.09.17 und 18.9.2017 / 20:45h und 14:30h / Cinestar Sony Center MÜNCHEN: Donnerstag / 07.09.17 / 18:30h / CineMaxx Isartor HAMBURG: Samstag / 09.09.17 / 18:15h / Savoy Filmtheater KÖLN: Freitag / 22.09.17 / 18:30h / Residenz Astor Film Lounge NÜRNBERG: Sonntag / 24.09.17 / 17:45h / Cinecitta

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