Wild Card

Ein neuer Statham! In routinierter Regelmäßigkeit erscheinen im (Heim-)Kino die großen und kleinen Actionstreifen mit dem ehemaligen Turmspringer und Hollywoodstar Jason Statham, in welchen er sich mit allerhand Widersachern prügeln darf. Auch das Martial-Arts-Spektakel WILD CARD nimmt sich da nicht aus, kommt Dank einer stilsicher ambitionierten Regieführung allerdings erstaunlich gereift daher und bietet mehr, als einen weiteren Vertreter des Krawumm-Genres. Mehr zum Film in meiner Kritik.

Wild Card

Der Plot

Ex-Söldner Nick Wild (Jason Statham) arbeitet auf eigene Faust als Privatermittler und tritt die Legalität der Gesetze dabei schon einmal mit Füßen. In der Unterwelt sind die Methoden des gewieften Martial-Arts-Fighters gefürchtet, doch in Wirklichkeit träumt er von nicht mehr als einem Ruhestandleben auf Korsika. Dieses könnte sich Nick vielleicht sogar finanzieren, denn in seinem neuen Fall führt ihn sein Weg führt direkt in das Zockerparadies Las Vegas. Dort könnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Auf der einen Seite will er es hier mit dem einflussreichen Gangsterboss Danny DeMarco (Milo Ventimiglia) aufnehmen, der sich einmal zu oft mit Nicks Ex-Freundin Holly (Dominik García-Lorido) angelegt hat. Auf der anderen Seite könnte sich der einst spielsüchtige Nick ausgerechnet in Vegas das nötige Kleingeld für sein Aussteigerleben erspielen. Doch dafür muss der impulsive Gelegenheitsbodyguard einen kühlen Kopf bewahren, was nicht unbedingt zu seinen Stärken zählt…

Kritik

Der Name Jason Statham ist in den vergangenen Jahren zu so etwas wie einem Qualitätsmerkmal aufgestiegen. Wo der Name des 47-jährigen Briten drauf steht, ist eben nicht bloß viel Geballer drin; er steht wie ein TÜV-Siegel für handgemachte Choreographien, wenig CGI und martialische Kampfkunst. Dabei ist es zu einem augenzwinkernden Running Gag geworden, dass es den Actionstar vorzugsweise in Kinoprojekte verschlägt, deren Länge des Filmtitels mit der Masse an Plotinhalt Hand in Hand geht. „Homefront“, „Redemption“, „Blitz“ oder „Safe“ bauen auf ein Schlagwort als annähernde Storybeschreibung, und seien wir ehrlich: das genügt auch. Da wundert es wenig, dass auch Stathams neuestes Action-Stelldichein ebenso wenig auf komplexe Handlungsstränge wie auf das lange Aufhalten an einem poetischen Filmtitel gibt. „The Expendables 2“-Macher Simon West inszenierte mit „Wild Card“ das Remake zum 1986 erschienenen Krawallkracher „Heat“, der dato floppte, doch dessen  verschenktes Potenzial West so lange wurmte, bis er sich schließlich dazu entschloss, der dazugehörigen Buchvorlage von William Goldman einen weiteren Leinwandaufguss zu widmen. In die Fußstapfen von Burt Reynolds, der zum damaligen Zeitpunkt „Nick, den Killer“ (so der Untertitel des verschmähten Kassengifts) verkörpern durfte, schlüpft nun also Jason Statham, der in „Wild Card“ nach langer Zeit endlich mal wieder mehr darf, als wüst auf seine Gegner einzudreschen. Filmemacher Simon West scheint es nämlich ziemlich Leid zu sein, dass das Action-Genre stets vom ewig gleichen Ablauf dominiert wird.

Wild Card

In „Wild Card“ muss Jason Statham weniger mit seinen Fäusten, als vielmehr mit seinem Pokerface überzeugen.

Zugegeben: Die Geschichte klingt nicht wie das Gelbe vom Innovationsei: Einmal mehr gibt der markante Hauptdarsteller den stillen Rächer mit zweifelhafter Herkunft. Es wird blutig, es geht um eine Frau und die Widersacher sind finsterer denn je. Alles klingt nach den herkömmlichen Zutaten, mit denen in Hollywood neue Actionfranchises aus dem Boden gestampft und Antihelden kreiert werden, doch im Falle von „Wild Card“ hat der Zuschauer die Rechnung ohne das gemacht, was im Martial-Arts-Genre normalerweise auf der Strecke bleibt: Anspruch. Es wäre gewiss zu viel des Guten, Simon Wests Streifen die Komplexität eines Charakterdramas zuzugestehen, doch gleichzeitig wäre es zu wenig, „Wild Card“ als herkömmlichen Actioner abzutun. Sowohl inszenatorisch als auch im Storytelling tut sich das mit seinen eineinhalb Stunden äußerst knackig bemessene Leinwandspektakel als experimentelles Kinoerlebnis hervor, das krachende Bleigewitter und blutige Messerstechereien einzig als Gewaltspitze nutzt, um dem Publikum visuell berauschende Kampf-Choreographien zu präsentieren. Überhaupt zeigt sich Simon West ausprobierfreudig. Mit seinen sepiagetränkten, die Szenerie stets beschwichtigenden Bildern (Shelly Johnson) scheint es, als hätte Sophia Coppola hier ein lautes Wort mitzureden gehabt. Gleichzeitig präsentieren sich die penibel durchgeplanten Stunt-Performances in einer Werbeclipästhetik, die früher oder später den Gedanken aufkommen lässt, Jason Statham müsse jeden Moment mit einer Flasche Herrenparfum in der Hand um die Ecke kommen, um seinen Claim aufzusagen. Das sind alles keine Schwachpunkte, heben jedoch die wackelige Konsistenz von „Wild Card“ hervor: Mal erscheint West in seiner Mischung aus purer Action und anspruchsvollem Storytelling überaus ambitioniert, dann wiederum verzettelt sich der Regisseur in zu vielen, verschiedenen Ansätzen und lässt „Wild Card“ dadurch an mancherlei Stelle unentschlossen und zerfahren aussehen.

Jason Statham

„Wild Card“ wird einmal mehr zur Statham-One-Man-Show.

Einen ausführlichen Einblick in die schwammige Ausrichtung des Films gibt eine rund zwanzigminütige Szene in einem Casino. Wild begibt sich an einen Pokertisch – und pokert. Lange. Sehr lange. In Zeitlupe. Im Close-Up. Von Links. Von Rechts. Lange. Viel zu lange. Das fordert vom Publikum viel Sitzfleisch und hätte den Storyverlauf auch dann vorangetrieben, wenn sich West nur wenige Minuten an dieser Szenerie aufgehalten hätte. Für die Story von Relevanz ist sie nämlich allemal: Immerhin kommt hier deutlich zum Vorschein, was den einst spielsüchtigen Bodyguard so sehr am Pokerspiel reizt, dass er für ein paar Minuten den eigentlichen Grund seines Vegas-Aufenthalts vergisst. So erweist sich „Wild Card“ obendrein auch als deutlich gelungenere Zockerstudie, als das vor wenigen Wochen erschienene, unangenehm pseudointellektuell daherkommende Drama „The Gambler“; In beiden Filmen sehen sich gestandene Männer mit ihrer Spielkarten-Leidenschaft konfrontiert, doch lediglich Statham vermag es gekonnt, dieser Passion ein Gesicht zu geben, während Wahlberg in „The Gambler“ lediglich einen Gesichtsausdruck kannte und von seinem eigenen Handeln kaum berührt schien. Trotzdem erweist sich „Wild Card“ gerade hier als ein wenig zu selbstsicher: Der Film ist zu wenig Kunst, um eine knappe halbe Stunde von einer einzelnen Szene getragen zu werden. Gleichzeitig sorgt eine derartige Inszenierung für frischen Wind im von ewig gleichen Mustern dominierten Actionsegment. Ein löblicher Ansatz also, den West einen Tick zu akribisch verfolgt.

Gerade deshalb wäre es vollkommen falsch, sich allzu lange an den weniger gelungenen Fragmenten von „Wild Card“ aufzuhalten. Der Grundgedanke des Regisseurs, das Publikum auf Dauer nicht mit den immer gleichen Versatzstücken zufriedenstellen zu wollen, ist ein derart löblicher, dass man den Film fast schon wie ein cineastisches Gesamtkunstwerk betrachten muss. Die Zielgruppe für derartige Spielereien erweist sich derweil als besonders schwierig, denn der typische Statham-Fan könnte ob des tiefgründigen Einschlags von „Wild Card“ arg enttäuscht werden – der Bodycount ist gering und die lediglich punktuell platzierten Martial-Arts-Szenen nicht etwa Mittel zum Selbstzweck, sondern im Handlungsverlauf von essentieller Wichtigkeit. Für die Programmkinos hingegen fehlt es „Wild Card“ in den Grundzügen an Substanz, denn im Kern liegt das Hauptaugenmerk dann doch zu sehr auf den bleihaltigen Auseinandersetzungen. So wird aus der West-Statham-Kooperation ein erstaunlich andersartiges Filmvergnügen, das bei vielen Zuschauern durchaus das eine oder andere Fragezeichen hinterlassen könnte. Doch gerade im vorhersehbaren Mainstream-Kino kann gerade das durchaus erfrischend sein.

Schauspieler Stanley Tucci hätte einen großartigen Cameo abgegeben. Leider wird sein Name im Vorspann erwähnt.

Schauspieler Stanley Tucci hätte einen großartigen Cameo abgegeben. Leider wird sein Name im Vorspann erwähnt.

Fazit: Statham trifft auf Coppola… Oder so ähnlich! „Wild Card“ kombiniert Motive des gängigen Kunstkinos mit harten Gewaltspitzen und einem markanten Hauptdarsteller. Eine spannende, wenn auch nicht ganz schlüssige Symbiose!

„Wild Card“ ist ab dem 12. Februar in den deutschen Kinos zu sehen!

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