Verräter wie wir

Ewan McGregor und Naomie Harris machen in VERRÄTER WIE WIR gemeinsame Sache mit einem finster dreinblickenden Russen. Herausgekommen ist dabei ein interessanter Politthriller der ganz ruhigen Sorte. Mehr dazu in meiner Kritik.Verräter wie wir

Der Plot

Der Oxford-Dozent Perry (Ewan McGregor) verbringt mit seiner Frau, der Anwältin Gail (Naomie Harris), einen romantischen Urlaub unter Palmen in Marrakesch. Dort lernen die beiden den zwielichtigen Russen Dima (Stellan Skarsgård) kennen. Nach einer wilden Party offenbart Dima seinem neuen Freund Perry ein ernsthaftes Problem: Als Geldwäscher der russischen Mafia trachten ihm Killer nach dem Leben. Dima will nach England überlaufen – und der unauffällige Perry ist dafür die perfekte Tarnung. Als der britische Geheimagent Hector (Damian Lewis) auf den Plan tritt, geraten Gail und Perry zwischen die Fronten – und in eine Hetzjagd über Paris und London bis in die Schweizer Alpen, bei der am Ende niemand mehr dem anderen trauen kann.

Kritik

Bei Romanautoren, deren Bücher öfter als einmal für die Leinwand adaptiert werden, kristallisiert sich meist schon mit dem zweiten Film eine unverwechselbare Handschrift heraus. Im Falle von Schmonzettenexperte Nicolas Sparks („Kein Ort ohne Dich“, „The Choice“) kann diese Tatsache schon mal Zielscheibe ausgeprägten Kritikerspotts werden, während Autoren wie John Grisham („Die Firma“) oder Stephen King („Shining“) ihre Eigenheiten in Schreib- und Erzählweise für ihr positives Image selbst arbeiten lassen. Da ist es meist gar nicht mehr so relevant, dass auf Kings Geschichten basierende Filme mal positives, mal äußerst negatives Feedback erhalten. Allein der Name verkauft sich sowohl in Schrift-, als auch in Filmform wie geschnitten Brot; oder tat das zumindest mal. Ein aktuelles Beispiel für diese enge Verbundenheit zwischen dem Buchautor und dem Inszenierungsstil zugehöriger Verfilmungen ist der Brite John le Carré. Der Urheber solcher Romane wie „Der ewige Gärtner“, „Dame König As Spion“ und „A Most Wanted Man“ hat sich auf kühne Politthriller spezialisiert, in denen ein Großteil der Spannung durch die geerdete Prämisse und die nachvollziehbaren Handlungsverläufe erzeugt wird. Die Hauptfiguren sind oft ganz normale Leute, die durch unglückliche Zufälle in eine gefährliche Verbrechensspirale hinein gezogen werden. Im Falle von „Verräter wie wir“ fallen diesem Umstand Ewan McGregor („Jane Got a Gun“) als britischer Literaturprofessor, sowie Naomie Harris („James Bond 007: Spectre“) in der Rolle seiner Frau zum Opfer, die von einer Zufallsbekanntschaft einen Kurierauftrag annehmen, den sie besser nicht angenommen hätten.

Stellan Skarsgård

Wie schon sämtliche anderen Filme, die auf Basis eines John-le-Carré-Romans entstanden sind, ist auch „Verräter wie wir“ ein Crime-Thriller der leisen Töne. Regisseurin Susanna White („Eine zauberhafte Nanny – Knall auf Fall in ein neues Abenteuer“) nimmt sich sehr viel Zeit, um das von Ewan McGregor und Naomie Harris zurückhaltend verkörperte Pärchen zu etablieren. Über eine halbe Stunde lässt die Filmemacherin vergehen, bis der eigentliche Konflikt der Geschichte ersichtlich wird. Bis Perry und Gail den Auftrag des Russen Dima (Stellan Skarsgård) erhalten, einen USB-Stick unbekannten Inhalts über die Grenze zu bringen, verbringt die Regisseurin auf Basis des Skripts von Hossein Amini („Drive“, „Die zwei Gesichter des Januars“) einiges an Laufzeit damit, den durchaus mit Klischees behafteten Dima als ebenso faszinierende wie einschüchternd wirkende Persönlichkeit dazustellen. Dass der eigentlich so geerdete, fast schon schüchterne Perry dem Charme des russischen Familienvaters irgendwann erliegt, obwohl dieser überhaupt keinen Hehl daraus macht, Kontakte zur Mafia zu haben, wirkt glaubhaft. Die von Dima ausgehenden, freundschaftlichen Avancen verpackt Stellan Skarsgård („Marvel’s The Avengers 2: Age of Ultron“) in ein absolut authentisches, zwischen charmant und bedrohlich changierendes Spiel, das mit einer Klarheit besticht, die nie Skepsis daran aufkommen lässt, dass dieser Dima Perry tatsächlich mag. Denn während pompöse Partys und eine von Luxus und Allmachtsfantasien geprägte Darstellung der russischen Gesellschaft sämtliche Vorurteile über die Osteuropäer bekräftigen, hebelt das Drehbuch diese an anderer Stelle wieder aus. Das klassische Hollywoodbild des „bösen Russen“ kommt nur im Ansatz – etwa in rückblendenden Erzählungen von Seiten Dimas – zum Tragen.

Was schon Rachel McAdams in „A Most Wanted Man“ über sich ergehen lassen musste, müssen nun auch die Figuren von Naomie Harris und Ewan McGregor durchleben. Alsbald werden sie Teil eines mörderischen Komplotts, bei dem die Grenzen zwischen Gut und Böse eigentlich klar auf der Hand liegen. Doch John le Carré ist dafür bekannt, derartige Klarheiten immer wieder als lediglich vermeintlich zu enttarnen. Er entlässt seine Figuren zwischen die Stühle respektive zwischen die ermittelnden Agents und den undurchsichtige Pläne durchführenden Dima. Obwohl das Erzähltempo von „Verräter wie wir“ eigentlich recht gediegen daherkommt und auf der Leinwand visuell wenig passiert (selbst eine Verfolgungsjagd in einem Museum lässt die Regisseurin so unspektakulär geschehen, dass „Verräter wie wir“ mit einem typisch auf Adrenalinkick getrimmten Hollywoodthriller absolut nichts gemeinsam hat), besticht der Film durch eine angenehme Kurzweil. Der Grund dafür ist simpel: Durch die zu Beginn noch fast ein wenig unnötig anmutende, äußerst intensive Auseinandersetzung mit den Figuren liegt uns sowohl der Verbleib von Dima, als auch der von Perry und Gail am Herzen. Bisweilen gewinnt man fast den Eindruck, sollte hinter Dimas im Kern so freundlicher Attitüde doch ein ausgeklügelter Plan mit Verrat an den Helfern stecken, würden wir es seiner Figur – gerade im Hinblick auf seine dramatische Familiengeschichte – verzeihen. Natürlich sei an dieser Stelle nicht verraten, wer schlussendlich welche Pläne verfolgt. Nur so viel: Wer sich einen klassischen Whodunit-Fall im gängigen Krimi-Stil erhofft, der ist mit „Verräter wie wir“ nicht gut bedient. Hier geht es nicht um das „Wer?“, sondern um eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem „Warum?“.

Ewan McGregor

Leider ist „Verräter wie wir“ zum Schlussakt hin aber auch erstmalig ein klein wenig zu standardisiert, um einen ähnlich bleibenden Eindruck zu hinterlassen wie zuletzt etwa „A Most Wanted Man“. Auch Susanna Whites Film hält gen Ende noch eine ordentliche Überraschung für den Zuschauer bereit. Allerdings lässt sie die Hauptfiguren vorab ein Szenario durchleben, in dessen Rahmen sie auf einige abgestandene Momente setzt, die in so ziemlich jedem klassischen Agententhriller des modernen Kinos auftauchen. Damit geht unter anderem ein ziemlich plötzlicher Charakterwandel von Hauptfigur Perry einher, bei dem es einzig und allein Ewan McGregors feinfühliger Annäherung mit seinem Charakter zu verdanken ist, dass man ihm diesen abkauft. Hier verkauft sich „Verräter wie wir“ leicht unter Wert; der Film hat eine derartige Effekthascherei kaum nötig. Funktioniert er in den zwei Stunden davor doch auch ganz hervorragend über die bedrohliche, undurchsichtige und zu jeder Zeit für eine 180-Grad-Wendung bereite Atmosphäre, die von den ruhigen dunklen Bildern von Anthony Dod Mantle („Im Herzen der See“) und dem minimalistischen Score von Marcelo Zarvos („Der Dieb der Worte“) unterstrichen wird.

Fazit: Susanna White gelingt mit „Verräter wie wir“ eine weitere solide Verfilmung eines John-le-Carré-Romans, der man ihre Herkunft als eine solche zu jeder Sekunde anmerkt. Für den Zuschauer ergibt das einen vollkommen ohne Effekthascherei auskommenden, dialoglastigen Agententhriller, dessen ruhige Töne die feinen Schauspielerleistungen unterstreichen. Lediglich im Finale tappt der Film schließlich in das eine oder andere Fettnäpfchen, durch die er schlussendlich doch konventioneller wirkt, als er es die meiste Zeit über tatsächlich ist.

„Verräter wie wir“ ist ab dem 7. Juli in den deutschen Kinos zu sehen.

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