A Most Wanted Man

Die von Anton Corbijn inszenierte Romanadaption des Weltbestsellers „Marionetten“ ist weit mehr als ein x-beliebiger Thriller. A MOST WANTED MAN ist eines der letzten, vollendeten Werke des Anfang des Jahres auf tragische Weise verstorbenen Philip Seymour Hoffman. In der fast ausschließlich in Hamburg gedrehten Spionagestory beweist der einstige Charaktermime noch einmal, dass die Welt mit ihm einen großen Schauspieler verloren hat. Ob der Streifen darüber hinaus ebenso bewegt, lest Ihr in meiner Kritik. 

Der Plot

Der rätselhafte Flüchtling Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin), halb Russe, halb Tschetschene, taucht von Folter gezeichnet in Hamburg auf. Er ist auf der Suche nach dem illegal erworbenen Vermögen seines verstorbenen russischen Vaters. Al er Kontakt zur islamischen Gemeinde aufnimmt, läuten sowohl beim deutschen als auch beim US-Geheimdienst die Alarmglocken. Nichts an diesem jungen Mann passt zusammen. Ist er Opfer, Täter, Betrüger oder ein extremistischer Fanatiker? Verwickelt in seine Geschichte werden die idealistische Anwältin Annabell Richter (Rachel McAdams), der undurchsichtige Banker Thomas Brue (Willem Dafoe) und der geniale Strippenzieher Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman), Leiter einer halboffiziellen Spionageeinheit, der innerhalb der deutschen Nachrichtendinste seine eigenen Kämpfe führt. Außerdem behält die CIA-Agentin Martha Sullivan (Robin Wright) vor Ort die Entwicklungen im Auge. Während die Uhr tickt und der explosive Höhepunkt immer näher rückt, wird Issa Karpov zum meistgesuchten Mann der Welt…

Kritik

Die „A Most Wanted Man“ zugrunde liegende Romanvorlage „Marionetten“ von John le Carré kann auf eine interessante Entwicklungsgeschichte zurückblicken. Von den Terroranschlägen des 11. Septembers geprägt, reicht die Entstehung des Spionagethrillers bis in die Achtzigerjahre zurück. Die in Film und Buch Issa Karpov getaufte Hauptfigur entspringt einer Person, die der Schriftsteller eigenen Angaben zufolge einst in Moskau traf und Karpovs Schicksal teilte. Es folgten Gespräche mit dem ohne Anklage in Guantanamo festgehaltenen Sträfling Murat Kurnaz, dem die Beteiligung an den Attentaten auf das World Trade Center zur Last gelegt wurde sowie eine intensive Auseinandersetzung mit der weltweite Terrorangst und den Versuchen, die Gefahr durch allgegenwertige Überwachung zu minimieren. Erst 2008 schaffte es „Marionetten“ in den Buchhandel; Die kritische Beobachtung der internationalen Terrorbekämpfung avancierte alsbald zum Bestseller. Für John le Carré ist dieses Werk nunmehr das fünfzehnte, dem die Ehre zuteilwird, für die Leinwand adaptiert zu werden. Nach der melodramatischen Politparabel „Der ewige Gärtner“, für die Hauptdarstellerin Rachel Weisz einen Academy Award verliehen bekam, und dem „A Most Wanted Man“ tonal ähnlich anmutenden Thriller „Dame, König, As, Spion“ (ebenfalls Oscar-nominiert), verlässt sich Anton Corbijn in seiner fünften Langfilmarbeit auf die alleinige Kraft der Geschichte und inszeniert seinen Film minimalistisch, fast schon spröde. Dabei kristallisieren sich alsbald zwei Faktoren überdeutlich heraus: Die Kulisse der Stadt Hamburg, die hier so abgewrackt daherkommt, als hätten die Macher in der dritten Welt gedreht, und insbesondere Philip Seymour Hoffman („Capote“, „The Master“); „A Most Wanted Man“ ist nicht nur eines seiner letzten, fertiggestellten Filmprojekte, sondern wird offenkundig zu einem Vermächtnis, das die Tragik seines Verlustes nicht besser unterstreichen könnte.

Die Castliste verrät sogleich, wie international „A Most Wanted Man“ produziert ist. Um die Authentizität der Prämisse zu wahren, vor allem aber, um der Buchvorlage treu zu bleiben, wurde der Streifen ausschließlich in Hamburg und Berlin gedreht. Sämtliche Figuren tragen entsprechend deutsche Namen; auch ein Teil der namhaften Schauspielerriege stammt von hier. Nina Hoss („Barbara“), Daniel Brühl („Rush – Alles für den Sieg“) und Kostja Uhlmann („Saphirblau“) sind nur drei von vielen nationalen Gesichtern, die das von Philip Seymour Hoffman dominierte Ensemble bestücken. Der Anfang des Jahres unter tragischen Umständen ums Leben gekommene Charaktermime wird eins mit seiner schwer zu durchschauenden Rolle des Günther Bachmann, der als Spion allem erdenklichen Privatleben abgeschworen hat und sich vermehrt in den Alkohol flüchtet. Zur Formung seines Charakters benötigt Anton Corbijn respektive der Drehbuchautor Andrew Bovell („Auftrag Rache“) keine großen Gesten. Bei Hoffman genügt ein Blick, ein Fingerzeig, um dem Zuschauer seine Gefühlswelt offenzulegen. Angedeutete Flirts mit seiner Kollegin deuten das Verlangen nach freundschaftlicher Wärme an und spitzfindig geschriebene Dialoge offenbaren, wonach es Bachmann in den Momenten der menschlichen Interaktion gerade steht. Dabei begnügen sich die Macher nie mit Hoffman als alleinigem Pluspunkt der Produktion. Obgleich dieser jede Szenerie an sich reißt – ob er nun will oder nicht – harmoniert er mit sämtlichen Nebendarstellern. Insbesondere das Verhältnis zur Anwältin Annabelle Richter (stark aber unentschlossen: Rachel McAdams) sprüht einerseits vor Disharmonie, während sich die beiden andererseits hervorragend ergänzen. In „A Most Wanted Man“ lässt sich keine Beziehung nur aus einer Sichtweise betrachten. Jede Medaille fordert alsbald ihre entgegengesetzte Seite ein. So entsteht nach und nach ein Geflecht aus Verbindungen, bei dem nie sicher ist, wer wen kennt und warum. Das ist auf der einen Seite äußerst spannend anzuschauen, sorgt jedoch gleichermaßen für eine Komplexität, durch die man sich als Zuschauer zwingend durchbeißen muss, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Schon ein Blick auf John le Carrés letzten Leinwandausflug genügt, um sich eine Erwartungshaltung an „A Most Wanted Man“ aufzubauen. Trotz typischer Hollywood-Thematik um Geheimdienste, Spionage und schlussendlich auch Terrorismus entspricht Anton Corbijns Werk nicht dem gängigen Genrekino. Sein karger Thriller greift auf keinerlei gängige Mechanismen des US-amerikanischen High-Speed-Blockbusters zurück, sondern etabliert sich als kühl kalkuliertes Verwirrspiel, das seine Stärken im Konstrukt des Konflikts findet. Dominiert wird das Leinwandgeschehen von einer Handvoll hochrangiger Darsteller, die sich in exzellent geschriebenen Dialogen verlieren, was die Arbeit diverser Geheimdienste vermutlich realistischer einfängt als manch anderer Hollywoodbeitrag. Eine derartig zeitlose Inszenierung hat jedoch auch noch einen weiteren, entscheidenden Vorteil: Jedes Element fügt sich in seiner Unaufgeregtheit problemlos ins Geschehen. Sei es eine fast schon lethargisch anmutende Entführung auf offener Straße oder ein kurzes Stelldichein von Teilzeitschauspieler Herbert Grönemeyer (zeichnet auch für den Soundtrack verantwortlich): Was Corbijn in „A Most Wanted Man“ passieren lässt, ist in seiner perfekten Platzierung unumstößlich und benötigt keinerlei Hinterfragung.

Mit Produktionskosten von rund 1,3 Millionen US-Dollar griffen die Macher auf eine Summe zurück, die für das moderne Hollywoodkino nahezu mikroskopisch klein ist. Zwar ist Anton Corbijn ein Experte im Bereich der Filminszenierung mit Minimalbudget (sein letzter Film „The American“ kostete gerade einmal 20 Millionen Dollar), dennoch setzt der Filmemacher auch im Falle von „A Most Wanted Man“ wieder einmal ein Zeichen dafür, dass ein dramaturgisch gelungenes Projekt in den seltensten Fällen von den finanziellen Mitteln abhängig ist. Wenngleich sein Film visuell nicht auffälliger ist als eine gelungene „Tatort“-Episode, tut dies der allgegenwertigen Spannung keinen Abbruch. Mehr noch: Authentischer, greifbarer und somit umso angsteinflößender hätte Corbijn sein Werk nicht inszenieren können, um die Message, dass der Terror unter uns wohnt, hervorzugeben. Vor den widerlichsten Flecken der viel zu gern als Touristenmetropole abgelichteten Hansestadt Hamburg lässt Corbijn seine Darsteller durch eine paranoide Welt wandeln. Kameramann Benoît Delhomme („Zimmer 1408“) lässt die Akteure dabei nur zu gern mit ihrer Umwelt verschmelzen. Doch der Entschluss, „A Most Wanted Man“ vollständig auf deutschem Boden zu drehen, birgt dabei nicht nur Vorteile. Ausgerechnet in der Originalfassung des Films offenbaren sich die Schwierig- und sogar Ungenauigkeiten in der Umsetzung. Dass der Thriller als britisch-deutsch-amerikanische Ko-Produktion ausschließlich in Englisch gedreht wurde, war angesichts der internationalen Vermarktungspläne zu erwarten. Dass es dadurch zu solch banalen Patzern wie Ausspracheschwierigkeiten kommt, ebenfalls. Dass Anton Corbijn allerdings auch diverse Statisten englisch sprechen lässt, führt rasch zu Irritationen.

Willem Dafoe zusammen mit Schauspielkollege Philip Seymour Hoffman

Fazit: So unattraktiv wie Anton Corbijn hier seine Weltanschauung auf Zelluloid bannt, so desillusioniert und aufgeladen hat sich das internationale Zusammenleben post 9/11 entwickelt. Sicher ließe sich das alles auch dem Massengeschmack anpassen. Doch auf diese Weise bleibt „A Most Wanted Man“ vor allem denen im Gedächtnis, denen eine realistische Themen-Aufbereitung wichtiger ist, als der schnelle Adrenalinkick via Leinwand.

„A Most Wanted Man“ ist ab dem 11. September in den deutschen Kinos zu sehen.

Erschienen bei Quotenmeter.de