Eternals

Nach ihrem Oscargewinn für „Nomadland“ liefert Indie-Regisseurin Chloé Zhao mit dem Marvel-Actionfilm ETERNALS ihre erste große Studioproduktion ab und darf ihrem Stil für den nächsten MCU so treu bleiben wie vor ihr kaum jemand Anderes. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Eternals (UK/USA 2021)

Der Plot

Die Eternals sind eine Spezies unsterblicher Außerirdischer vom weit entfernten Planeten Olympia, die vor Tausenden von Jahren auf die Erde gekommen sind, um die Menschheit vor einer Rasse interstellarer Raubtiere namens Deviants zu beschützen. Gewarnt wurden die Eternals vor dieser Bedrohung von den Celestials, einem Geschlecht kosmischer Schöpfer. Die Mission der Eternals ist es, Tausende von Jahren auf der Erde zu leben, um die Menschheit und die Zivilisation, aber auch den Planeten zu beschützen. Und wenn sie gerade nicht als Retterinnen und Retter in Erscheinung treten, leben sie ein mehr oder weniger unscheinbares Leben unter den Menschen. Doch eine Bedrohung kündigt sich an, die sie allesamt dazu zwingt, sich neu zu formieren und gegen sie zu kämpfen…

Kritik

Anfang des Jahres hatte Marvels „Black Widow“ die schwere Aufgabe, dem MCU nach der abgeschlossenen vierten Phase neues Leben einzuhauchen und für die Comicheldinnen und -Helden der nächsten Generation Spalier zu stehen. Etwas, was dem Scarlett-Johansson-Vehikel leider nur mäßig gelang. Allen voran deshalb, weil der Film – angesiedelt vor den Ereignissen von „Avengers: Infinity War“ und „Endgame“ – eine Geschichte erzählte, dessen Ausgang für die Hauptfigur längst besiegelt war. Ein nettes Schmankerl für Marvel-Fans war „Black Widow“ zweifelsohne, doch einen neuen MCU-Hype konnte „Berlin Syndrom“-Regisseurin Cate Shortland nicht entfachen. Also muss Chloé Zhao, seit Neuestem Oscar-Gewinnerin als beste Regisseurin für „Nomadland“, diesen Part erfüllen; Zumindest in der Idealvorstellung. Bevor dann in den nächsten Monaten noch einmal ein paar Heldinnen und Helden alter Garde ans Werk dürfen, was aber kaum ein mitreißendes Gefühl des Aufbruchs in neue Gefilde auslösen dürfte. Dafür sind die Schicksale der bekannten Marvel-Gesichter einfach noch zu sehr mit ihren früheren Geschichten verbunden. „Eternals“ hat nun das große Glück, tatsächlich neues Terrain zu begehen. Inszenatorisch, visuell als auch mit einem bislang komplett unbekannten Aufgebot an Charakteren, die das MCU fortan bestücken dürfen. Es sind viele, viele neue Figuren, mit denen das Publikum in den üppigen zweieinhalb Stunden konfrontiert werden. Genauso wie mit einem Stil, der Zhaos Mitwirken an „Eternals“ zu jedem Zeitpunkt ersichtlich macht. Und das gilt längst nicht nur für ihre aus „Nomadland“ und „The Rider“ bekanntn Vorliebe für Gegenlichter und Lichtkegel, sondern auch für eine erzählerische Beiläufigkeit, die den intimen Kern dieses über alle Maße opulenten Heldenepos nie in den Hintergrund rücken lässt.

Kingo (Kumail Nanjiani), Sersi (Gemma Chan) und Sprite (Lia McHugh) auf gemeinsamer Mission mit den Eternals.

Wenn große Filmstudios für den Regieposten einer großgedachten Produktion für die breite Masse die Verpflichtung einer bislang eher aus dem Indie-Bereich bekannten Person ankündigen, folgt nach der ersten Euphorie häufig eine gewisse Skepsis. Inwiefern darf er oder sie wohl seine/ihre eigene Handschrift im Film unterbringen? Wie viel Mitspracherecht an der Inszenierung erlaubt sich das Studio? Und wie viel des individuellen Stils erlaubt es den Macher:innen? Im Falle von „Ant-Man“ kam es beispielsweise mitten im Produktionsprozess zu einer Überwerfung zwischen Kevin Feige und dem ursprünglich als Regisseur verpflichteten Edgar Wright, der sich in seiner Vision zügeln sollte, nicht wollte und schließlich seinen Posten räumen musste. Wie ein Edgar-Wright-Film fühlt sich „Ant-Man“ trotzdem noch über weite Strecken an. Kurzum: Wer zur Marvel-Family hinzustößt, der weiß im Vorfeld, dass er gewisse Anforderungen zu bedienen hat. Auch Chloé Zhao, die nicht einmal gewartet hat, bis man die Aufgabe, einen Marvel-Film zu inszenieren, an sie herantrug, sondern – als großer Film der Comicfilmschmiede – den Wunsch selbst äußerte. Dass ihr nun „Eternals“ zugeteilt wurde, kommt Zhao schon inhaltlich entgegen. In ihren bisherigen Filmen spielte immer auch das Verhältnis zwischen Natur und Mensch, Mensch und Gesellschaft sowie Gesellschaft und unsere Anforderungen an sie respektive an einzelne (mitunter festgefahrene) Positionen in ihr eine wichtige Rolle. All das sind Themen, die auch „Eternals“ anschneidet. Die Zhao zwar nicht immer zur vollsten Zufriedenheit auserzählen kann, da sie ganz nebenbei auch noch eine riesige Figurenmenge etablieren muss. Aber die Ausrichtung und die damit einhergehende Wichtigkeit der Eternals-Charaktere im MCU wird dafür umso deutlicher. Die Kreativen hinter den Kulissen denken nochmal eine ganze Nummer größer als für ihre bisherigen Filme.

„Dass Chloé Zhao ‚Eternals‘ zugeteilt wurde, kommt Zhao inhaltlich entgegen. In ihren bisherigen Filmen spielte immer auch das Verhältnis zwischen Natur und Mensch, Mensch und Gesellschaft sowie Gesellschaft und unsere Anforderungen an sie respektive an einzelne (mitunter festgefahrene) Positionen in ihr eine wichtige Rolle.“

Dass sich – mit Ausnahme der „Avengers“-Filme“ – im MCU bisher jeder Solo-Film auf eine Einzelfigur oder aber, wie bei den „Guardians of the Galaxy“, maximal auf eine kleine, homogene Charaktergruppe konzentriert wurde, machte die Tonalität der Filme immer stark von den Figuren selbst abhängig. Treibende Kraft hinter dem Erscheinungsbild von „Eternals“ ist nun aber vor allem die Regisseurin, deren visuelle Detailverliebtheit sich von Szene eins an im Film wiederfindet. Natürlich ist es einfach, sich auf Zhaos Leidenschaft für das Unverfälschte zu besinnen. Auf ihre Vorliebe für natürliche Lichtquellen, auf ihren Hang zu Szenen im Halbdunkeln oder dazu, Menschen in gleißenden Lichtkegeln zu platzieren. All das findet sich in „Eternals“ zweifelsohne. Doch viel mehr Eindruck hinterlässt ihr Inszenierungsstil in der Art, wie sie Figuren miteinander interagieren lässt. Dialoge wirken hier immer wie beiläufig gefilmt. Haben selten einen klaren Anfangs- und Endpunkt oder eine erkennbare Dramaturgie. Auch enthält sich Zhao einmal mehr jedweder inszenatorischen Vorverurteilung. Nicht wenige „Eternals“-Charaktere haben individuelle Ansichten zu verschiedenen Themen, die mit jenen der Truppe kollidieren. Das darin befindliche Konfliktpotenzial greift Zhao auf inszenatorischer selbst aber nicht auf. Stattdessen ist es das von Zhao mitverfasste Skript, das die Brotkrumen möglicher, zu einem späteren Zeitpunkt ausgetragener Konflikte streut, für die sich allerdings jetzt noch längst nicht abschätzen lässt, in welchem Ausmaß diese wohl stattfinden werden. So erlaubt „Eternals“ seinen Figuren größtmögliche Individualität und spinnt hieraus glaubwürdige Freundschaften und Verbindungen. Dass eine extrovertierte Figur wie der stets gut gelaunte (und daher passend in seinem Menschenleben ein Bollywoodstar gewordene) Kingo (Kumail Nanjiani) mit jedem irgendwie klarkommt, liegt auf der Hand. Gleichwohl fühlen sich deutlich zurückhaltende Charaktere wie die junge Sprite (Lia McHugh) hiervon gern überfordert. Bei der von Anfang an in den erzählerischen Fokus rückenden Sersi (Gemma Chan) und dem in sich gekehrten Ikaris (Richard Madden) greift dagegen das Stichwort „Gleich und gleich gesellt sich gern“. Und die hier gottgleich und unnahbar durch die Szenerie schwebende Thena (Angelina Jolie) fungiert vorwiegend als Beobachterin von außen und hinterlässt wenig eigene Duftmarken – muss das ihrer Figurenauslegung entsprechend aber auch gar nicht.

Ikaris (Richard Madden) und Sersi (Gemma Chan) haben eine ganz besondere Verbindung zueinander.

Trotzdem sind selbst die zweieinhalb Stunden an Laufzeit deutlich zu wenig, um jedem Eternal gerecht zu werden. Vor allem unter den Figuren der zweiten Reihe bleibt Vieles an der Oberfläche verhaftet. Stattdessen beschränkt sich die Charakterisierung hier auf ihre Funktion innerhalb des actiongeladenen Konflikts. Dass Zhao sich bei der Gestaltung der Kampfszenen nicht von den verschiedenen Impulsen der Charaktere leiten lässt, sondern einen opulenten Stil fährt, der eher an die großen, CGI-überladenden Schlachten aus dem Hause DC erinnert (wenngleich hier deutlich filigraner inszeniert), raubt „Eternals“ Momente der stilistischen Variation. Besonders gefällt dagegen, dass sich das Finale des Films – insbesondere an jüngsten Marvelfilm-Endschlachten gemessen – als angenehm zurückgenommen erweist; Und ein Motiv (Stichwort: Hand) hinterlässt sogar einen der bleibenden Eindrucke des gesamten Marvel Cinematic Universe. Das gilt auch für das sich Erschließen neuer Horizonte. Ein derart diverser Cast war in einer großen Studioproduktion bislang nicht vorzufinden. Das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Figuren ist ausgewogen, Homosexualität und Inklusion begegnen die Macher:innen mit einer Beiläufigkeit, die dafür sorgt, dass es sich nicht wie das Abhaken einer Agenda anfühlt. Es ist ganz einfach selbstverständlich. Ebenso wie ein in den Medien häufig als „erste Sexszene im Marvel Cinematic Universe“ betitelter Moment, in denen sich Sersi und Ikaris körperlich nahekommen. Das war unter dem Marvel-Logo zwar tatsächlich noch nie so direkt zu sehen. Gleichwohl wurde schon im ersten „Iron Man“-Film nie ein Hehl daraus gemacht, dass Tony Starck sich in der Frauen flachlegenden Schürzenjägerrolle sehr gut gefällt.

„Dass Zhao sich bei der Gestaltung der Kampfszenen nicht von den verschiedenen Impulsen der Charaktere leiten lässt, sondern einen opulenten Stil fährt, der eher an die großen, CGI-überladenden Schlachten aus dem Hause DC erinnert (wenngleich hier deutlich filigraner inszeniert), raubt ‚Eternals‘ Momente der stilistischen Variation.“

Zwar ist „Eternals“ am Ende des Tages vor allem die Summe seiner einzelnen Teile. Trotzdem gelingt es Chloé Zhao, auch den Raum dazwischen zu füllen. Bei der Charakterisierung der einzelnen Figuren besteht noch viel Luft nach oben. Auch das sehr offene Ende wird nicht jedem schmecken. Doch der Weg dorthin gibt den Blick auf eine Marvel-Zeitrechnung frei, die – im wahrsten Sinne des Wortes – neue Erzähldimensionen beinhaltet. Die Balance zwischen den einzelnen Elementen muss sich noch einpendeln. So wird es eine wichtige Aufgabe der kommenden Marvel-Filme sein, gottgleiche, über jedweden Konflikt erhabene Figuren mit den deutlich geerdeteren Charakteren des MCUs zu kombinieren. Was für eine Herausforderung das sein kann, zeigte sich etwa bei der Einführung von Captain Marvel. Und die typische „Marvel-Formel“? Die hat Chloé Zhao zwar sichtbar verinnerlicht, achtet allerdings darauf, kurzweiligen Humor nur jenen Figuren zuzuschreiben, deren Charakterzeichnung es hergibt (und dass über so viele Jahrhunderte alte, zudem so grundsätzlich verschiedene Rollen allesamt durchgehend so weise, ernst und zurückhaltend sind, wie ein Großteil der Inszenierung selbst, hätte dem Film schlichtweg Authentizität geraubt). Kurzum: Auch in „Eternals“ darf zwischendurch gelacht werden. Nicht so lauthals wie in einem „Ant-Man“ oder „Spider-Man“, aber so, dass „Eternals“ nie Gefahr läuft, ins Bedeutungsschwangere abzurutschen. Denn dafür ist das hier immer noch ein Film, in dem Figuren Laserstrahlen aus den Augen schließen und gegen monströse Kreaturen kämpfen.

Fazit: In „Eternals“ holpert es an einigen Ecken und Enden. Die Charaktere bleiben zum Teil oberflächlich und es ist noch nicht ganz klar, inwiefern sich gottgleiche Kreaturen wie die Eternals in ein Filmuniversum fügen mögen, das bislang vor allem von der Menschlichkeit und Nahbarkeit seiner Figuren gelebt hat. Doch Chloé Zhao bringt viele vermeintlich unvereinbare Komponente in Einklang, darf ihrem (nicht nur visuellen) Stil treu bleiben und achtet beim Humor auf die Vereinbarkeit mit der Grundtonalität. Damit macht „Eternals“ Lust auf mehr, auch wenn man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen kann, wohin genau die Reise wohl gehen wird.

„Eternals“ ist ab dem 3. Oktober 2021 in den deutschen Kinos zu sehen.

3 Kommentare

  • Danke für die ausführliche Kritik!
    Der Film hatte mich im Vorfeld schon etwas neugierig gemacht, da er gerade was die Inszenierung angeht, nicht wie ein typischer Marvel wirkt. Bei einigen anderen Kritiken wurde gerade dieser Punkt bemängelt und z.B. die Action und Länge des Endkampfes als zu gering erachtet.
    Aufgrund deiner Kritik werde ich ihn mir aber wohl doch im Kino anschauen, ich bin gespannt!

  • Dieter Gerbracht

    Ist der deutsche Kinostart nicht am 4. November?

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