Wish
Zum hundertjährigen Bestehen des Disney-Konzerns präsentiert das Filmstudio so etwas wie die Quintessenz seiner viele Jahrzehnte umspannenden Familienunterhaltungshistorie. WISH ist ein Best-Of bekannter und beliebter Motive mit eingängiger Musik, einer ansteckend lebensfrohen Protagonistin und einem klassischen Schurken – und niedliche Sidekicks gibt’s auch.
Darum geht’s
In dem vom mächtigen König Magnifico (Alexander Doering) regierten Königreich Rosas lebt die junge, idealistische Asha (Patricia Meeden). Ihr größter Wunsch ist es, bei Magnifico in die Lehre zu gehen und gemeinsam mit ihm die Wünsche seiner Untertanen zu erfüllen. Doch beim Vorsprechen für diese Aufgabe erfährt sie, dass sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt ihren Wunsch vergessen, sobald sie ihn an den König abtreten – immer in der Hoffnung, dass sie bei der nächsten Wunschzeremonie ausgewählt werden und ihr Traum in Erfüllung geht. Daraufhin versucht Asha alles, um den Leuten von Rosas ihre Wünsche zurückzugeben – damit diese sie sich selbst erfüllen können, wenn sie nicht zu den Auserwählten gehören. Doch Magnifico sieht sich in seiner Macht bedroht und entwickelt gefährliche Allmachtsfantasien. Als Asha dann auch noch versehentlich einen Wunschstern vom Himmel holt, der so viel mächtiger ist als die Zauberkraft des Königs, versuchen sie und ihre Freundinnen und Freunde alles, um den Frieden im Königreich wiederherzustellen.
Kritik
Die Corona-Phase einmal ausgenommen, war der Disney-Konzern in den vergangenen Jahren verlässlich wie ein Uhrwerk, wenn es darum ging, pünktlich zur Vorweihnachtszeit einen Langfilm in die Kinos zu bringen. Dieses Prozedere hat also Tradition. Trotzdem geht die Veröffentlichung in diesem Jahr über das Einhalten ebenjener hinaus. Das Animationsabenteuer „Wish“ ist nämlich sowas wie der Jubiläumsfilm für den Kino- und Streaminggiganten, der 2023 hundertjähriges Bestehen feiert. Und schon der Titel nimmt es ein Stückweit vorweg: Diesmal stützt sich alles auf einen der Grundpfeiler des Disney-Welterfolges. Denn Wünsche wahrwerden zu lassen und Träume zum Leben zu erwecken: Mit diesen Versprechen machen nicht nur die Disneyparks jährlich jede Menge Kohle. Doch so berechnend das alles auch klingen mag, Chris Buck und Regiedebütantin Fawn Veerasunthorn (arbeitete zuvor u.a. an „Zoomania“ mit) sowie den Autorinnen Jennifer Lee (zeichnete zusammen mit Buck für „Die Eiskönigin“ verantwortlich) und Allison Moore ist es gelungen, aus „Wish“ so etwas wie die filmgewordene Quintessenz dessen zu machen, wofür Disney seit nunmehr einem Jahrhundert steht. Ihr Film ist sowohl inhaltlich als auch visuell ein Best Of all dessen, wofür man den Weltkonzern entweder liebt oder verabscheut. Und dessen zahlreiche Easter Eggs, Details und Beobachtungen dazu einladen, sich im Anschluss an „Wish“ noch einmal mit dem gesamten Disney-Meisterwerke-Kanon auseinanderzusetzen.

Damit, einen Wunschstern vom Himmel zu holen, hat Asha (Ariana DeBose/Patricia Meeden) nicht gerechnet.
Die „Wish“-Protagonistin Asha ist zwar genau genommen keine Prinzessin, sondern möchte vielmehr in die Lehre des in ihrem Königreich herrschenden Königs Magnifico (Chris Pine) gehen. Trotzdem ist die Fokussierung auf eine junge Frau mit all ihren Wünschen und Träumen (da haben wir es wieder!) eine klare Rückbesinnung auf ein häufig aufgegriffenes Motiv in Disney-Trickfilmen. Egal ob in „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, „Cinderella“ oder „Dornröschen“ sowie später die Abenteuer rund um Vaiana, Raya oder Mirabel Madrigal aus „Encanto“: Weibliche Hauptfiguren haben im Hause Disney eine lange Tradition. Die mit ihrem Schicksal einhergehende Abhängigkeit von männlichen Charakteren, insbesondere der frühen Protagonistinnen, wurde zwar bereits hinlänglich kritisiert und in „Chaos im Netz“ sogar von Disney selbst aufgegriffen. Doch all diese ihr Schicksal selbst in die Hand nehmenden Mädchen und Frauen dienen bis heute als Identifikationsfiguren für ihr junges, weibliches Publikum. Der Wunsch der im Original von Ariana DeBose („West Side Story“) gesprochenen Asha, die Wünsche Anderer zu erfüllen, respektive ihnen ihre zurückzugeben, mag für die ganz jungen Zuschauer:innen vielleicht ein wenig zu meta oder nicht greifbar genug sein. Ihr Enthusiasmus und ihre quirlige Lebensfreude sind trotzdem von Anfang an ansteckend. Zusammen mit ihrem zuckersüß-rebellischen Zicklein Valentino (Alan Tudyk) dürfte es auch für sie ein Leichtes sein, die Herzen des Publikums im Sturm zu erobern. Gleichwohl mangelt es Asha, anders als ihren zahlreichen Vorgängerinnen, ein wenig an Ecken und Kanten. Wenn sie zu Beginn des Films dazu angehalten wird, ihre Schwächen aufzuzählen, fällt Asha lediglich ein, dass sie sich zu viel um ihre Mitmenschen sorgt. Gerade die Jüngeren dürften mit dieser Form der Selbstkritik nur wenig anfangen können.
„Die Figur des hundertjährigen Großvaters, dessen größter Wunsch es ist, Menschen zu inspirieren um nach seinem Tod etwas auf der Erde zu hinterlassen, ist überdeutlich an Walt Disney selbst angelehnt.“
Dasselbe gilt für die zahlreichen disneyinternen Easter Eggs, die in „Wish“ im Minutentakt auf das Publikum einprasseln. Manche von ihnen sind sehr deutlich. Etwa wenn Szenenschnipsel oder Figuren aus anderen Disney-Meisterwerken zitiert, wenn nicht sogar 1:1 übernommen werden. Auch die Figur des hundertjährigen Großvaters, dessen größter Wunsch es ist, Menschen zu inspirieren um nach seinem Tod etwas auf der Erde zu hinterlassen, ist überdeutlich an Walt Disney selbst angelehnt. Andere Referenzen wiederum fallen deutlich subtiler aus. Zum Beispiel das an den „Rapunzel“-Turm angelehnte Design eines Brunnens oder die Kleidung sowie das Aussehen mancher Nebenfiguren, in denen sich sogar solch Zweite-Reihe-Produktionen wie „Ein Königreich für ein Lama“ wiederfinden. Beim ersten Mal bereits alle Querverweise zu entdecken, erscheint da wie ein Ding der Unmöglichkeit. Und natürlich gilt: Je präsenter einem der Disney-Kanon ist, desto leichter dürfte es einem fallen, die Anspielungen zu entdecken. Dass selbst die offensichtlicheren Easter Eggs nie zu aufdringlich geraten sind, liegt daran, dass kaum zusätzlich mit dem Finger auf sie gezeigt wird. Lediglich die Namensnennung von Bambi vermag einen kurz aus dem immersiven Geschehen herauszureißen. Ansonsten ist der Rest subtil genug, um nicht zu stören – und den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern entgeht obendrein nichts für die Handlung Relevantes.

König Magnifico (Chris Pine/Alexander Doering) lässt sich die Macht über die vielen Träume nur ungern nehmen…
Während sich insbesondere Pixar mit Filmen wie „Soul“ oder „Elemental“ zuletzt vornehmlich an ein älteres Jugend- bis Erwachsenenpublikum richtete, sind die jüngeren Disneyproduktion in Tempo, Story und Figurenzeichnung wieder zu sämtliche Altersstufen umspannenden Animationsabenteuern geworden. Allen voran das Design der Sidekicks Valentino und Stern dürfte dafür sorgen, dass sich die beiden zu neuen Lieblingen unter den kleinen Disney-Fans emporschwingen. Dahinter steckt natürlich auch Kalkül. Beide Figuren werden die Merchandise-Kassen des Mäusekonzerns ordentlich klingeln lassen. Business as usual eben. Abgesehen von den zwei Szenendieben erweist sich „Wish“ als atmosphärischer Reigen aus tempo- und witzreichen Charaktermomenten zwischen Asha und ihren Freund:innen, ausladenden Gesangsnummern und Schurkenszenen, die hin und wieder auch recht düster ausfallen. Der zu Beginn des Films noch wie ein visionärer Wünscheerfüller daherkommende Magnifico wird im Laufe der Handlung mehr und mehr zu einem machtsehnsüchtigen Fiesling, in dessen Attitüde sich zahlreiche bekannte Disney-Bösewichte vereinen. Wie einst Scar erhält er einen eigenen (ähnlichen) Schurkensong, seine wahnhaften Vorstellungen davon, seine Untertanen zu unterjochen, werden von ähnlichen Motiven begleitet wie schon Dschaffars Auftritte. Und wie schon die böse Stiefmutter aus „Schneewittchen“ ist auch Magnifico ein begeisterter Zaubertrank-Mischer (in dessen Labor man bei genauem Hinsehen sogar den giftigen Apfel seiner „Vorgängerin“ liegen sieht).
„‚Wish‘ erweist sich als atmosphärischer Reigen aus tempo- und witzreichen Charaktermomenten zwischen Asha und ihren Freund:innen, ausladenden Gesangsnummern und Schurkenszenen, die hin und wieder auch recht düster ausfallen.“
Musikalisch setzt „Wish“ keine vergleichbaren Duftmarken wie zuletzt „Encanto“ oder auch „Die Eiskönigin“. Die mitreißenden, gleichwohl durch und durch konventionellen Nummern gehen zwar sofort ins Ohr, haben aber keine vergleichbare Handschrift wie beispielsweise die von Lin Manuel Miranda komponierten Soundtracks. Den ein oder anderen Ohrwurm dürfte „Wish“ dennoch hervorbringen. Einen modernen Klassiker wie „Lass jetzt los“ oder „Wir reden nicht über Bruno“ sucht man hier allerdings vergebens. Trotzdem treiben Musicaleinlagen wie der rebellische „Ich weiß jetzt Bescheid“ oder die rührende Ballade „Was auch kommt“ die Handlung stimmungsvoll voran – und eine Szene, in der eine mit sehr tiefer (!) Stimme ausgestattete Mini-Ziege einen gackernden Hühnerstall dirigiert, hat es in der Disney-Historie so auch noch nie gegeben. Überhaupt ist „Wish“ ein sehr lustiger (und obendrein hervorragend aussehender) Film und weiß dadurch die visuell möglicherweise ein wenig gruseligen Schurkenszenen immer wieder im richtigen Moment aufzubrechen, um es für die Kleinen nie allzu spannend zu machen. „Wish“ wird Disneys Vorhaben, vornehmlich Familienunterhaltung zu machen, mit seinem Jubiläumsfilm also mehr als gerecht.
Fazit: Mit seinem Jubiläumsfilm „Wish“ will Disney das Animationskino nicht neu erfinden, sondern viel lieber einen Streifzug durch hundert Jahre Trickfilmgeschichte darbieten. Genau das ist hervorragend gelungen!
„Wish“ ist ab dem 30. November 2023 in den deutschen Kinos zu sehen.
