The Limehouse Golem

Mit THE LIMEHOUSE GOLEM bringt Regisseur Juan Carlos Medina das Flair der Hammer-Horrorfilme zurück auf die Leinwand, verlässt sich jedoch zu sehr auf einen halbgaren Twist, um bis zuletzt so richtig mitzureißen. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

London im Jahr 1880: Im heruntergekommenen Bezirk Limehouse treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der auf besonders brutale Art vorgeht. An den Tatorten hinterlässt er mit dem Blut seiner Opfer geschriebene Botschaften, die in lateinischer Sprache verfasst sind. Die Taten sind derart grausam, dass viele Menschen annehmen, sie wären von einem mystischen Wesen verübt worden: dem Golem, einer aus Lehm geformten Kreatur der jüdischen Literatur. Inspektor John Kildare (Bill Nighy) soll den Fall lösen und dafür sorgen, dass wieder Ruhe unter der Bevölkerung einkehrt. Seine Ermittlungen führen ihn in den Dunstkreis des schillernden Dan Leno (Douglas Booth), der eine in Limehouse äußerst beliebte Music Hall leitet. Außerdem stellt sich ihm die Frage, wie Lenos Schauspiel-Kollegin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), die ihren Mann vergiftet haben soll, in die Vorfälle verwickelt sein könnte. Als er auf eine heiße Spur stößt, wird der Ermittler selbst immer tiefer in den spektakulären Fall gezogen.

Kritik

Als 2012 der Gothik-Grusler „Die Frau in Schwarz“ in die Kinos kam und ganz nebenbei „Harry Potter“-Star Daniel Radcliffe als Genre-Darsteller etablierte, wähnten sich viele bereits im Zeitalter der Hammer-Horrorfilme zurück. Doch während fast jede Gruselproduktion heutzutage entweder einem Trend hinterherläuft, oder selbst einen auf den Weg bringt, blieb „Die Frau in Schwarz“ damit ziemlich allein auf weiter Flur, sicherte sich so aber immerhin auch respektable Kritiker- und Zuschauerstimmen sowie ein sehenswertes Boxoffice. Das ist nun ganze fünf Jahre her. Seitdem konnte die direkte Fortsetzung dazu nicht annähernd soviel Lob einheimsen, wie der Auftakt selbst und das Horrorkino von heute besinnt sich zwar zunehmend auf die klassischen Mechanismen des Genrekinos, doch die ebenfalls vom „Die Frau in Schwarz“-Autor geschriebene Schauermär „The Limehouse Golem“ bringt das Flair der legendären britischen Hammer-Filme nun wieder so richtig zurück. Dabei punktet der mit Billy Nighy („Ihre beste Stunde“) Douglas Booth („Noah“) und Eddie Marsan („Atomic Blonde“) namhaft besetzter Thriller mit einem hohen Maß an visueller Fingerfertigkeit und einem regelrechten Ausstattungsrausch, doch inhaltlich verlässt sich „Painless“-Regisseur Juan Carlos Medina zu sehr darauf, seine Geschichte auf der Zielgeraden mit einem Twist völlig auf den Kopf zu stellen. Das ist zwar nett gedacht, doch die vermeintlich plötzliche Wendung ist nicht bloß meilenweit gegen den Wind zu riechen; Wenn man schon früh hinter die Aufklärung der gruseligen Mordfälle kommt, hat „The Limehouse Golem“ nicht mehr viel, womit er das Publikum sonst mitreißen könnte.

Polizeibeamter George Flood (Daniel Mays), Aveline Ortega (María Valverde) und John Kildare (Bill Nighy) auf Spurensuche.

Alfred Hitchcocks „Psycho“ und M. Night Shyamalans „The Sixth Sense“ waren je nach Generation die Mutter aller Twistrides. Das Besondere: Beide Filme sind so clever geschrieben, inszeniert und mit interessanten Charakteren bestückt, dass sich die Geschichten auch dann noch genießen lassen, wenn man weiß, wie sie ausgehen. Diese beiden Paradebeispiele aufregenden Erzählens mit „The Limehouse Golem“ zu vergleichen, ist gewiss ein wenig vermessen; erst recht, wenn man bedenkt, dass es heutzutage einfach überhaupt nichts Besonderes mehr ist, wenn sich ein Film auf der Zielgeraden um 180 Grad dreht. Doch gleichzeitig erkennt man anhand dieser Gegenüberstellung nur zu gut, wo Drehbuchautorin Jane Goldman („Die Insel der besonderen Kinder“) Fehler macht, die ihren Kollegen aus den zuvor genannten Beispielen nicht passiert sind. „The Limehouse Golem“ spielt zwar von Anfang an mit weitaus offeneren Karten als Hitchcock und Shyamalans Vorzeigeproduktionen, sodass es sich im Gruselthriller wesentlich besser Mitraten lässt. Doch Goldman legt die Fährten auch weitaus weniger geschickt, streut zu gezielt falsche unter die richtigen und ist im Umgang mit ihren Charakteren alles andere als subtil. So kristallisiert sich nicht bloß früh heraus, dass der Titel äußerst irreführend ist (es ist kein Spoiler, dass es sich bei dem titelgebenden Golem lediglich um ein zur damaligen Zeit verbreitetes Ammenmärchen handelt, das die Bewohner des Bezirks Limehouse gezielt davon abbringen sollte, zu denken, der Mörder sei einer von ihnen), auch die einzelnen Figuren lassen sich klar in Gut und Böse unterteilen.

Nach dem klassischen Whodunit-Prinzip wägt Hauptfigur und Sympathieträger John Kildare ab, wer innerhalb der Gruppe von Opfern und Verdächtigen ein falsches Spiel spielt. Mit dem Setting des viktorianischen London und – noch genauer – eines hier ansässigen Varieté-Theaters hat Juan Carlos Medina definitiv das größte Ass im Ärmel. Das Setdesign steckt voller kreativer Details, pulsiert vor Exzentrik und passt damit perfekt zu den aufregenden Figuren, die leider ebenfalls einer sehr schematischen Charakterisierung zum Opfer fallen. Wer hier wen liebt, weshalb Jemand etwas dagegen hat, wer Erfolg hat und wer diesen wiederum dem anderen neidet, all das hat kaum mehr inhaltlichen Mehrwert, als eine klassische Soap-Opera. Und wenn sich die Autorin schließlich sogar noch dazu hinreißen lässt, einer handelnden Figur Sätze und Redewendungen so plump in den Mund zu legen, dass man sie automatisch mit dem Täter in Verbindung bringt, ist auch das letzte Bisschen Überraschung aus „The Limehouse Golem“ verflogen. Die vermeintlich aufregende Auflösung wird da zu einem Akt des Pflichtbewusstseins.

Inspektor John Kildare vor der Music Hall in Limehouse.

Wirklich interessant sind an „The Limehouse Golem“ letztlich nur die Schauwerte (Kameramann: Simon Dennis, „The Girl With All the Gifts“), der bisweilen überraschend hohe Gore-Gehalt sowie die Figur des Inspektor Kildare. Nicht nur die Besetzung des gewohnt charakterstarken Billy Nighy ist ein Segen für den Film; er trägt die Handlung souverän auf seinen Schultern und schafft es, dem Zuschauer glaubhaft näherzubringen, dass dieser, anders als das Publikum, keinerlei Durchblick hat. Kildare macht die Suche nach dem brutalen Mörder zu seiner Lebensaufgabe und bringt gen Ende eine solch innere Zerrissenheit auf die Leinwand, dass man für einen Moment gern über die ansonsten sehr leidenschaftslos vorgetragenen Wendungen und Skriptideen hinweg sieht. Ebenfalls hervor sticht Olivia Cooke („Ouija – Spiel nicht mit dem Teufel“) als undurchsichtige Vielleicht-Mörderin, die alles versucht, um aus ihrer mutlos geschriebenen Figur das Optimum an Leben und Eigenständigkeit herauszuholen. Im Schatten von Schauspiellegende Bill Nighy agiert indes Daniel Mays („Rogue One: A Star Wars Story“), der nicht mehr zu tun bekommt, als den Handlanger seines Kollegen zu mimen, während der Großteil des Varieté-Ensembles scharf an der Grenze zur Theatralik kratzt und so spielt, wie man sich die schillernden Figuren eines solchen Etablissements vorstellt – weniger mit Bedacht darauf, ob diese letztlich wirklich so sind.

Fazit: „The Limehouse Golem“ ist ein schmucker Gothik-Gruselfilm, der abseits seiner berauschenden Schauwerte lediglich eine überraschungsarme, fade Crime-Story zu bieten hat, die trotz eines engagierten Bill Nighy kaum mitreißt.

„The Limehouse Golem“ ist ab dem 31. August in den deutschen Kinos zu sehen.

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