Swiss Army Man

Er wurde als der Film bekannt, in dem Daniel Radcliffe eine furzende Leiche spielt. Nun erhält der Fantasy-Filmfest-Hit SWISS ARMY MAN auch eine reguläre Kinoauswertung und erweist sich als sentimentale, genau beobachtete Studie über menschlichen Zusammenhalt, Freundschaft und den unbedingten Überlebenswillen. Mehr dazu in meiner Kritik.Swiss Army Man

Der Plot

Er hat weder einen „Freitag“ zur Ablenkung noch einen Volleyball zur Ansprache. Deshalb hat der auf einer einsamen Insel gestrandete Hank (Paul Dano) bereits mit seinem Leben abgeschlossen und sich den alles beendenden Strick geknüpft, als ihn ein merkwürdiges „Strandgut“ ablenkt und unverhofft zu seinem Lebensretter wird: Die aufgeblähte Leiche von Manny (Daniel Radcliffe) entpuppt sich als veritabler, (un)toter Alleskönner, mit dem sich trefflich Boot fahren, jagen und sogar kommunizieren lässt. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft…

Kritik

Seit seiner Uraufführung im Januar beim Sundance Filmfestival wurde „Swiss Army Man“, das Langfilmdebüt der exzentrischen Kurzfilmregisseure Dan Kwan und Daniel Schreinert (The Daniels), rund um den Erdball als die Indie-Perle des Jahres gefeiert. Mit diesem Urteil tut man der skurrilen Tragikomödie gewiss einen Gefallen, Unrecht geschieht ihr allerdings immer dann, wenn man sie auf das reduziert, womit sie von Beginn an wohl die größte Aufmerksamkeit erregte. „Swiss Army Man“ wurde als der Film bekannt, in dem „Harry Potter“-Star Daniel Radcliffe eine furzende Leiche spielt. Auch das ist in gewisser Weise nicht verkehrt, doch nicht nur das Repertoire dessen, was seine Figur zum Gelingen des Films beiträgt, ist weitaus umfangreicher als das Von-sich-geben lautstarker Flatulenzen. Letztlich spielt es für die Handlung gar nicht die größte Rolle, außer dass Hauptfigur Hank erst dadurch realisiert, dass der Suizid durch den Galgen trotz Einsamkeit vielleicht doch nicht die beste Idee ist. So aber hängt „Swiss Army Man“ nun mal der Ruf nach, dass das permanente Luftentweichen aus Radcliffes halbwegs toter Figur schon Massen aus den Kinosälen getrieben hat, wodurch dem Film nun auch noch eine Art skandalösen Beigeschmack besitzt. Doch anders als zuletzt der Kannibalenhorror „Raw“, der in Toronto ebenfalls für flüchtende Lichtspielhausbesucher, Ohnmachtsanfälle und somit jede Menge Publicity sorgte, ist der polarisierende Wert von „Swiss Army Man“ extrem gering. Die Daniels legen mit ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm ein nie da gewesenes Projekt vor, das man gesehen haben muss, um es in seiner rührenden Menschlichkeit zu begreifen.

Daniel Radcliffe

Seit dem Ende der „Harry Potter“-Reihe hat Daniel Radcliffe in so ziemlich jedes Genre einmal hinein geschnuppert, um sich von seinem Image des pubertären Zauberlehrlings loszusagen. Er spielte einen hoffnungslos Verliebten („The F-Word“), schlüpfte in die Rolle eines ungewollten Teufelsmenschen („Horns“), nahm in seinem „Dating Queen“-Cameo das internationale Kunstkino aufs Korn und fand sich in „Die Unfassbaren 2“ zuletzt sogar in der Rolle eines zugegebenermaßen recht bubihaften Bösewichts wieder. Sogar den trauernden Witwer („Die Frau in Schwarz“) oder den Handlanger von Victor Frankenstein nahmen wir ihm auf der großen Leinwand ab; entsprechend gibt es per se keinen besseren Darsteller für die zunächst reichlich passiv agierende Hauptfigur in „Swiss Army Man“, der die Handlung an der Seite von Paul Dano („Love & Mercy“) wie selbstverständlich auf seinen Schultern trägt. Ist es zunächst nur die nicht zu leugnende Faszination für seinen verwesenden Charakter, der erst mit seinen Flatulenzen und später mit immer absurderen Fähigkeiten die Aufmerksamkeit des gestrandeten Hank auf sich zieht, entwickelt sich zwischen den beiden jungen Männern nach und nach eine Freundschaft, durch die auch Mannys Lebensgeister neu entflammen. Das menschliche Schweizer Taschenmesser, durch den „Swiss Army Man“ auch seinen Titel hat, steht seinem resignierten Freund als Wasserspender, Kompass, Rennboot oder Axt zur Seite. Den wahren Wert erkennt Hank allerdings erst, als Manny nicht mehr bloß Laute, sondern klare Sätze von sich gibt, deren punktgenauen Anregungen Hank zum Nachdenken über sich, seine Vergangenheit und Zukunft nachdenken lassen.

Neben einigen urkomischen Szenerien, die es zwangsläufig mit sich bringt, wenn sich etwa der erigierte Penis von Hank als Kompass zweckentfremden lässt, ist „Swiss Army Man“ in erster Linie ein zutiefst melancholischer Ausflug in die Seele eines einsamen Mannes. Weshalb sich Hank zu Beginn des Films das Leben nehmen will, ergründet das Skript von Dan Kwan und Daniel Schreinert behutsam anhand von Flashbacks und Erzählungen seiner Figur, in der sich eine unerfüllte Liebe als Sinnbild für all die vertanen Chancen des schüchternen Hank erweist. Wie selbstverständlich lässt das Autoren- und Regieduo ihren Protagonisten die Welt erklären; wenn Manny von Hank aufgezeigt bekommt, weshalb es sich nicht schickt, in der Öffentlichkeit zu masturbieren, laut zu rülpsen oder einfach nur seine tiefsten Gedanken auszusprechen, ist das gleichsam der Versuch, die extreme Schüchternheit Hanks anhand von gesellschaftlichen Normen zu ergründen. Insofern ist „Swiss Army Man“ fast so etwas wie die unabhängige Filmfassung typischer „Lebe deinen Traum!“-Sprüche, die von den Daniels hier auf ihre Alltagstauglichkeit abgeklopft wird. Die Regisseure lassen die beiden Figuren voneinander profitieren; Manny wird durch Hank gesellschaftsfähig gemacht, während Hank im Gegenzug einen Großteil seiner kindlichen Unbeschwertheit wieder zurückerlangt. Der Moment, in dem die beiden Männer das bevorstehende Date zwischen Hank und seiner angehimmelten Traumfrau planen, gerät so zu ehrlichsten Auseinandersetzung mit einer amourösen Schwärmerei, die es im Kino seit vielen Jahren zu sehen gab.

Swiss Army Man

Im Unklaren lassen uns die Filmemacher allerdings darin, in welcher Realität das ganze Geschehen zuträgt. Für die Kernaussage von „Swiss Army Man“ ist das nicht relevant, doch die innerfilmischen Logikgrenzen scheint das Drehbuch nicht immer zu wahren. Insbesondere die letzte Viertelstunde nimmt der zuvor so verträumten Szenerie viel ihres unbeschwerten Charmes, wenn die Inszenatoren versuchen, die Ereignisse im Hier und Jetzt zu verankern. Schlussendlich lassen die Daniels auch hier noch genügend Spielraum, um dem Zuschauer seine eigene Interpretation zu ermöglichen, doch notwendig wäre die hier eingeschlagene Richtung nicht. Dafür besticht „Swiss Army Man“ durchgehend in seiner technischen Ausführung. Kameramann Larkin Seiple („Cop Car“) gelingen Bilder voll von satten Farben, die das von Wald dominierte Szenenbild spektakulär einfangen. Auch der Score von Andy Hüll (ist auch in einer kleinen Nebenrolle als Kameramann zu sehen) und Robert McDowell, die hier ihre erste gemeinsame Arbeit präsentieren, spielen mit verschiedenen Stilrichtungen und liefern ihren Höhepunkt ab, wenn Hank und Manny das wiederkehrende Hauptthema voller Inbrunst gemeinsam schmettern. Wenn man „Swiss Army Man“ schlussendlich eines abnimmt, dann die Erkenntnis, dass Paul Dano und Daniel Radcliffe während der Dreharbeiten tatsächlich zu Freunden geworden sind.

Fazit: So einen Film gab es einfach noch nicht! Was schon ohne weitere Erklärungen ausreichen würde, um die Qualitäten von „Swiss Army Man“ hervorzuheben, unterstreicht das Regieduo The Daniels mit zwei starken Hauptfiguren, deren philosophische Gedankengänge das Geschehen zu ungeahnter Menschlichkeit verhelfen, ohne die Geschichte zu verkopfen. Ein Film, über den man gern nachdenkt.

„Swiss Army Man“ ist ab dem 13. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.

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