Codename U.N.C.L.E.

Es ist eine der Überraschungen des diesjährigen Blockbusterjahres: Während „Mission Impossible: Rogue Nation“ sein Potenzial in der inhaltlichen Beliebigkeit verliert, erweist sich Guy Ritchie einmal mehr als Mann der Stunde und beweist mit seinem amüsanten Spy-Thriller CODENAME U.N.C.L.E., wie man Wiedererkennungswert, Kreatitivät und Eigenständigkeit für die Masse aufbereitet. Mehr zum Film in meiner Kritik.Codename U.N.C.L.E.

Der Plot

Anfang der 1960er-Jahre, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, sehen sich CIA-Agent Solo (Henry Cavill) und KGB-Agent Kuryakin (Armie Hammer) gezwungen, ihre jahrelangen Feindseligkeiten zu überwinden, um gemeinsam gegen ein geheimnisvolles internationales Verbrechersyndikat vorzugehen, das durch die massive Produktion von Atomwaffen das empfindliche Gleichgewicht der Supermächte zu destabilisieren droht. Die Agenten haben zunächst nur einen Anhaltspunkt: die Tochter (Alicia Vikander) eines verschwundenen deutschen Wissenschaftlers  (Christian Berkel) – denn nur er kann ihnen helfen, sich in das Syndikat einzuschleusen. Die Suche nach dem Verschollenen erweist sich als Wettlauf gegen die Zeit, denn die globale Katastrophe steht unmittelbar bevor.

Kritik

Kult-Regisseur Guy Ritchie begann seine Karriere als Musikvideo- und Werbefilmer, eh er sich 1998 mit seinem Debüt, der spitzfindigen Crime-Komödie „Bube, Dame, König grAS“, auf Anhieb in den Olymp angehender Hollywood-Masterminds katapultierte. Ritchies Inszenierungsstil, angesiedelt irgendwo zwischen verspielt-leichtfüßig und kernig-rau, verfolgt den Ex-Mann von Popsängerin Madonna über seine mittlerweile acht Filme umfassende Vita, wodurch sich die Handschrift des leidenschaftlichen Strippenziehers hinter Projekten wie „Snatch – Schweine und Diamanten“ sowie „RocknRolla“ mit der Zeit zu einem alleinigen Kartenkaufargument etabliert hat. Hierzulande ist die Fanbase des gebürtigen Briten in Ermangelung einer Lobby und damit einhergehend eines hervorstechenden Bekanntheitsgrads zwar verschwindend gering. Trotzdem schätzen die Liebhaber seiner Filme das von Independent-Produktionen inspirierte Erscheinungsbild seiner Projekte, die sich mit den beiden Detektiv-Adaptionen „Sherlock Holmes“ sowie „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ erstmals auch vollends vom Nischenkino entfernten und sich ganz und gar der breiten Masse öffneten. Der Erfolg war zwiespältig: Während der erste Teil der Holmes’schen Popcorn-Eskapaden ein solch großes Einspiel vorweisen konnte, dass ein zweiter Teil von Studioseite aus gerechtfertigt war, erwies sich „Spiel im Schatten“ trotz qualitativer Vorzüge im Vergleich zum Vorgänger als Enttäuschung. Die Pläne an einem Sequel wurden erst einmal und für lange Zeit zu den Akten gelegt; aus heutiger Sicht betrachtet vielleicht ein Glücksfall. So konnte Guy Ritchie seine ganze Energie in die Leinwandadaption der Sechzigerjahre-Serie „Solo für O.N.K.E.L.“ stecken und liefert mit dem hierzulande unter dem Titel „Codename U.N.C.L.E.“ erscheinenden Agentenspaß den besten Beweis dafür ab, weshalb eine eigene Handschrift gerade im Blockbusterkino so bitter nötig ist. Denn im Vergleich zu ähnlicher Kost, etwa dem fünften Teil der „Mission: Impossible“-Reihe, die dieser Tage ebenfalls in den internationalen Lichtspielhäusern zu sehen ist, hat „Codename U.N.C.L.E.“ genau das, was Kritiker dem reinen Entertainmentfilm schon lange abgesprochen haben: Wiedererkennungswert, Kreativität und Eigenständigkeit.

Codename U.N.C.L.E.

Die Zutaten von „Codename U.N.C.L.E.“ erweisen sich auf den ersten Blick gar nicht als so viel anders denn in herkömmlichen Spy-Thrillern. Mehr noch: Mit seiner standardisierten Ausstattung in Bezug auf die Figuren möchte man mutmaßen, dass sich selbige Beliebigkeit auch auf die Geschichte ausweitet, doch mit seiner Konzentration auf zwei vollkommen unterschiedliche Agenten, die als Partner wider Willen zusammenarbeiten müssen, und einer schönen Fremden, die die Hormone der beiden ordentlich in Wallung bringt, ist ein Großteil an Konvention bereits erschöpft. Das Autoren-Duo aus Guy Ritchie und Lionel Wigram („Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“) hält sich nicht lange an einer ausführlichen Exposition auf. Noch bevor das Publikum überhaupt die Möglichkeit bekommt, sich langsam an die ebenso facettenreichen wie interessanten und nie ganz klar ausbalancierten Figuren heranzutasten, setzt „Codename U.N.C.L.E.“ ein Statement: Jenes lautet „Alles ist möglich!“ und eh es sich der Zuschauer versieht, nimmt er an der Seite von Henry „Man of Steel“ Cavill Platz, der sich mit Armie Hammer („Lone Ranger“) eine spektakuläre Verfolgungsjagd in einem Trabbi (!) liefert. Mit ihrem nostalgischen Charme triefen insbesondere die Anfangs-Szenen in der DDR nur so vor Flair und sind in ihrer dynamischen Inszenierung so treibend, dass der Puls des Zuschauers ohne das bemühte Schielen auf Adrenalinjunkie-Eskapaden konstant auf Trab gehalten wird. Kameramann John Mathieson („X-Men: Erste Entscheidung“) und Komponist Daniel Pemberton („The Counselor“) gehen eine hervorragende Kooperation ein, die vom ekstatischen Schnitt eines James Herbert („Edge of Tomorrow“) noch unterstrichen wird. Die technische Ausstattung findet eine hervorragende Balance zwischen den eher temporeichen Blockbustern der aktuellen Dekade und dem zurückhaltenden Auftreten jener Serien und Filme der Sechziger, sodass „Codename U.N.C.L.E.“ das große Kunststück gelingt, zeitlos zu sein. Hinzu kommt eine beeindruckende Kulissenwahl, die sich von den finstersten Ecken der DDR über elegante Szenerien eines Autorennens bis hin zu regendurchfluteten Waldgebieten und respekteinflößenden Nobelanwesen erstrecken.

Armie Hammer und Henry Cavill als Agents Kuryakin und Solo.

Armie Hammer und Henry Cavill als Agents Kuryakin und Solo.

Die ungeheure Vielfalt jener Kulissen spiegelt gleichsam den Tonfall von „Codename U.N.C.L.E.“ wieder. Gerade weil sich der Film stets auf dem schmalen Grad zwischen geschichtlicher Aufbereitung teils finsterster, geschichtlicher Ereignisse und hanebüchener High-Concept-Prämissen bewegt, steht während seiner nie zu langen Laufzeit von rund zwei Stunden immer der Spaß im Vordergrund. Guy Ritchie verzichtet auf jedwede Form des bemühten Tiefgangs und wandelt damit auf den Spuren früherer Bond-Eskapaden, in denen der Schurke noch einer verkappten Nazi-Gruppierung angehörte, die in den dunklen Kellergewölben des schmucken Anwesens brutale Menschenversuche unternimmt.  Dass dieser Spagat so reibungslos funktioniert, obwohl er in anderen Händen wohl jäh zum Scheitern verurteilt wäre, liegt an der stilsicheren Genre-Jonglage, die Guy Ritchie auch schon in seinen Vorwerken bestens beherrschte. Während er nicht nur seine Akteure hervorragend unter Kontrolle hat, indem er sie mit allerhand Spleens und Macken ausstattet, beißen sich die vielen, verschiedenen Tonfälle in „Codename U.N.C.L.E.“ nicht. Ritchie achtet bei aller überbordender Fantasie auf ein ausgewogenes Verhältnis von Ordnung und Anarchie, setzt Pointen punktgenau und raubt den im Ansatz gesellschafts-, sowie sozialkritischen Momenten nicht die Möglichkeit der Entfaltung, während die Action ebenso abwechslungsreich wie gewitzt und kreativ daherkommt. „Codename U.N.C.L.E.“ wohnt eine unbeschwerte Leichtigkeit inne, die immer wieder den Eindruck erweckt, der Film sei an einem Stück entstanden. Grobmotorisch wird es dabei selbst in den bewusst platzierten Gag-Szenerien nie; stattdessen setzt Ritchie nicht auf das platte Wiederkäuen bekannter Pointen, sondern ist selbst in ihrer Ausarbeitung mit viel Fingerspitzengefühl bei der Sache. So gibt es Running Gags (Stichwort: Armbanduhr), gewitzte Wortgefechte und eine gesunde Prise Erotik, die der Geschichte Eigenständigkeit verleihen, die über das nostalgische Flair hinausgeht.

Codename U.N.C.L.E.

Durch den weitgehenden Verzicht auf allzu bekannte Gesichter der Hollywood’schen Traumfabrik erarbeitet sich „Codename U.N.C.L.E.“ obendrein viel schneller den Status als potenzielles Neu-Franchise, als es das bewusste Schielen auf ein inhaltlich bedingtes Sequel vermag. Zwar ist Henry Cavill aufgrund seiner momentan innehabenden Rolle des DC-Superhelden Superman bereits in eine moderne Filmreihe involviert, doch noch geht ihm der Status als Superstar der A-Liga ab. Selbiges gilt für Armie Hammer, dem trotz seiner glanzvollen Leistung in „Lone Ranger“ ebenfalls der ultimative Durchbruch verwehrt blieb. Als sich nicht ausstehendes Duo, das von einer umwerfenden Alicia Vikander („Ex_Machina“) um eine weibliche Figur ergänzt wird, funktionieren beide hingegen so hervorragend, dass sich der Begriff „Kult“ nicht aufdrängt und dennoch über allem steht. Man möchte diese untypische Dreierkonstellation unbedingt wiedersehen. Selbiges gilt auch für Hugh Grant („Wie schreibt man Liebe?“), der als Kopf der Spionageeinheit durchaus eines Cameos beraubt wurde; obwohl man mit Hollywoods liebstem Romantiker sowohl auf Plakatkampagnen als auch in Trailern wirbt, entspricht die Screentime und die Inszenierung seines Auftritts lediglich dem eines Gaststelldicheins. Damit berauben Guy Ritchie respektive das vermarktende Studio Warner Bros. ihrem Film einen weiteren Überraschungseffekt, der bei einer solch freiheitsliebenden Inszenierung wie in „Codename U.N.C.L.E.“ doch durchaus drinnen gewesen wäre. Ein weiterer Wehrmutstropfen ist darüber hinaus die sprachliche Authentizität. In der Originalfassung wird in „Codename U.N.C.L.E.“ zwar zu einem Großteil Englisch gesprochen, allerdings finden viele Dialoge sowohl auf Deutsch, als auch auf Russisch statt. Während die russische Sprachqualität absolut solide ist, sind die von englischen Schauspielern vorgetragenen, deutschen Dialoge schlicht kaum zu verstehen. Während das im Falle des im Film aus den USA stammenden Agenten Solo noch Sinn ergibt, lässt sich bei Vikander leider kein Auge zudrücken; immerhin stammt ihre Figur im Film aus Deutschland, was einen nahezu unverständlichen Akzent nicht rechtfertigt. Immerhin: Ritchie besetzte einige der Figuren tatsächlich mit deutschen Schauspielern. Die bestechend attraktive Elizabeth Debicki („Der große Gatsby“) vermag diesen Schwerpunkt mit ihrer gnadenlosen Femme-Fatale-Performance allerdings fast schon im Alleingang wieder auszugleichen.

Fazit: „Codename U.N.C.L.E.“ ist in jedweder Hinsicht ein treffsicheres Meisterwerk, das nostalgische Spionage-Unterhaltung mit modernen Blockbusterelementen verbindet. Cavill und Hammer als Solo und Kuryakin wird man hoffentlich schon bald wiedersehen!

„Codename U.N.C.L.E.“ ist ab dem 13. August bundesweit in den Kinos zu sehen.

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