Moonlight

Es ist die Geschichte eines verlorenen Jungen, erzählt in drei Kapiteln – und es ist zeitgleich der wohl einzige Filmbeitrag, der „La La Land“ den Durchmarsch bei den diesjährigen Oscars vermiesen könnte. Weshalb MOONLIGHT eine wahre Offenbarung ist, verrate ich in meiner Kritik.Moonlight

Der Plot

Der junge Chiron, genannt „Little“ (Alex Hibbert), wächst in Miami fernab jeglichen Glamours auf. Seine Mutter Paula (Naomie Harris) ist schwer drogenabhängig und schert sich kaum um ihren zurückhaltenden, in der Schule immer wieder schweren Hänseleien ausgesetzten Sohn. Einen Vater gibt es nicht. Zuflucht findet Little bei Drogenhändler Juan (Mahershala Ali) und seiner Freundin Teresa (Janelle Monáe). Für den Heranwachsenden wird das Paar zu der Art Ersatzfamilie, die er nie hatte. Im Teenageralter entdeckt Chiron (jetzt Ashton Sanders) seine homosexuellen Neigungen, hält sie jedoch vor seiner Umgebung geheim. Sein Mitschüler Kevin (Jharrel Jerome) scheint die große Liebe zu sein, doch ein brutales Ereignis treibt die beiden auseinander. Erst Jahre später, Chiron nennt sich inzwischen „Black“ (Trevante Rhodes) und ist wie seine Mutter ins Drogenmilieu abgerutscht, ist die Chance auf eine Aussprache zum Greifen nah…

Kritik

Barry Jenkins‘ Coming-of-Age-Drama „Moonlight“ basiert auf dem Theaterstück „In Moonlight Black Boys Look Blue“. Aufgeführt wurde es nie. Stattdessen hat der Regisseur des hierzulande kaum bekannten Romantik-Melodrams „Medicine for Melancholy“ direkt einen Film daraus gemacht. Doch was bedeutet das? „Im Mondlicht sehen schwarze Jungen blau aus“? Die gleichnamige Szene im Film kommt durchaus mit einem rassistischen Unterton daher, als eine ältere Dame in einem halb scherzhaft, halb ernst gemeinten Kommentar darauf verweist, dass der bei Nacht am Strand spielende, 8-jährige Chiron das Mondlicht stehlen würde – wie alle schwarzen Kinder. Regisseur und Drehbuchautor Barry Jenkins lässt diesen Moment für sich stehen, denn wie viele alltägliche Situationen bleiben manche gesagten Dinge auf Dauer unkommentiert und wirken erst bei mehrmaligem Drüber nachdenken so richtig nach. So ganz nach dem Prinzip: „Er oder sie muss doch wissen, dass Nigger eine Beleidigung ist. Oder etwa nicht? Ist es demjenigen, der es sagt, vielleicht sogar egal?“ So lässt sich auch der Kommentar zu dem das Mondlicht stehlenden, schwarzen Jungen mehrdeutig auffassen. Besagte Szene ist eine von vielen, mit deren Hilfe der in diesem Jahr für einen Oscar nominierte Filmemacher unterschwellig die Missstände der Black Society anprangert. Doch die mitunter aufgesetzt wirkende Wucht der vielen gut gemeinten Oscarköder-Dramen besitzt „Moonlight“ nicht. Zum Glück! Die Tragödie einer verlorenen Generation bereitet Jenkins stellvertretend an einem einzelnen Jungen auf. Er begleitet Chiron in drei Etappen über verschiedene Lebensabschnitte und hält sich darin zurück, anzuklagen. Er zeigt mit dem Finger auf Dinge, die in einer Gesellschaft schief laufen, in der die Kluft zwischen Multikulti-Befürwortern und Alltagsrassisten immer breiter wird; in der sich Parallelgesellschaften bilden und ganze Stadtviertel zu Ghettos mutieren.

20151023_Moonlight_D08_C1_K1_0121.tif

Chiron (Alex Hibbert) und sein Ersatzvater Juan (Mahershala Ali)

Im direkten Fokus steht jedoch etwas ganz Anderes: ein intimes Porträt über einen Jungen, der mitten in dieser chaotischen Welt auf sich allein gestellt aufwachsen muss. Dass viele der verstörenden Ereignisse erst dadurch zustande kommen, dass die Situation der Black Society (zum Teil bis heute) so ist, wie sie ist, streift Barry Jenkins immer wieder unmittelbar. „Moonlight“ beginnt mit der Flucht Chirons vor einer Gruppe von Klassenkameraden, die in dem schmächtigen kleinen Jungen ein wehrloses Opfer gefunden haben. Hilfe findet er nirgends, denn wo die cracksüchtige Mutter ihr Drogengeld mit Prostitution verdient, schaut der Rest der Gesellschaft weg. In einen direkten Zusammenhang mit der Ausgrenzung der Schwarzen durch Weiße bringt Jenkins solche Szenen nie, doch wer die Leinwandereignisse für einen Moment hinterfragt, der kommt zu dem Schluss, dass der sonst immer als Hochglanzkulisse der Reichen und Schönen genutzte US-Bundesstaat Florida genau das richtige Setting darstellt, um ebenjene Schattenseiten aufzuzeigen, vor denen Privilegierte nur zu gern ihre Augen verschließen. Man mag kaum glauben, dass die in „Moonlight“ fast schon surrealistisch-pessimistisch anmutenden Ghettos in exakt demselben Miami positioniert sind, in dem sich normalerweise braungebrannte Bikini-Schönheiten räkeln oder muskelbepackte Hipsterboys mit nacktem Oberkörper durch die Straßen cruisen – wie auch? Schließlich ist es so viel angenehmer, sich mit dem anerkannten Teil der Gesellschaft zu beschäftigen. Jenem, der Geld hat, in teuren Häusern wohnt und ein Vermögen für teure Markenkleidung und den neuesten Sportwagen ausgibt. Dass all das nicht selten auf die Kosten derjenigen geschieht, mit denen sich Barry Jenkins in „Moonlight“ befasst, lässt der Filmemacher nur marginal durchscheinen. Der Filmemacher braucht nicht beide Seiten direkt einander gegenüber zu stellen. Es reicht schon, aufzuzeigen, dass sich in die Straßen dieses Viertels von Miami bewusst kein Weißer verirrt…

Auch das Leben von Chiron lässt Barry Jenkins in zwar melancholischen, aber bei genauerem Hinsehen eigentlich wenig spektakulären Bahnen verlaufen. Mit Ausnahme der von Naomie Harris („Verborgene Schönheit“) sensationell-emotional verkörperten, drogenabhängigen Mutter Paula entspricht der Alltag Chirons zu Großteilen dem eines recht gewöhnlichen Heranwachsenden. Chiron ist sehr zurückhaltend, vom furchtbaren Zustand seiner Mutter geprägt und öffnet sich erst dann seiner Umgebung, wenn er Vertrauen gefasst hat. Themen wie Mobbing, Unsicherheit und die Suche nach der eigenen Identität sind multikulturell übergreifend. Entsprechend wenig Augenmerk legt Barry Jenkins hier darauf, dass die Hauptfigur afroamerikanischer Herkunft ist. Stattdessen wird „Moonlight“ im Kern zu einer ethnienübergreifenden Coming-of-Age-Geschichte, die vor allem in ihrer emotionalen Erzählweise berührt. Mitunter sind es Kleinigkeiten, die Chiron verstummen lassen. Im Teenageralter rückt zudem die Entdeckung der eigenen Sexualität in den Mittelpunkt, die der Autorenfilmer mit betonter Selbstverständlichkeit inszeniert. Wo bei anderen Filmen in ihrem Spektrum an gesellschaftsrelevanten Themen der Vorwurf des Oscar-Baitings nicht weit weg wäre, fühlt sich „Moonlight“ in seiner zurückhaltenden Inszenierung wahrhaftig an. Es bedarf keiner großen Gesten, keiner oscarreifen Monologe oder eines philosophischen Voice-Overs. In einer fast schon dokumentarisch anmutenden Erzählung lässt Barry Jenkins seine Hauptfigur sich und ihr Leben entdecken. Nicht einmal die damit einhergehenden Probleme fühlen sich an wie bewusst in den Weg gelegte Stolpersteine. Stattdessen dominiert eine Leichtfüßigkeit die Tragik, die „Moonlight“ poetisch, aber nie schwermütig macht.

20151025_Moonlight_D10_C1_K1_0610.tif

Zwischen Kevin (Jharrel Jerome) und Chiron (Ashton Sanders) bahnt sich die große Liebe an…

Anders als zuletzt „Boyhood“ greift Barry Jenkins für seine mehrere Jahrzehnte umspannende Geschichte auf drei unterschiedliche Darsteller zurück. Alex Hibbert feiert in „Moonlight“ sein Debüt als Schauspieler und begeistert mit seiner zurückhaltenden Performance von der ersten Minute an. Mit ihm steht und fällt das Bild der Hauptfigur, denn so, wie wir ihn einmal kennenlernen, wird unser Bild von Chiron auch in den folgenden zwei Kapiteln geprägt. Im Teenageralter schlüpft Ashton Sanders („Straight Outta Comton“) in die Rolle und schafft es hervorragend, die Zurückhaltung aus Kinderjahren mit dem Versuch des Aufbegehrens zu kombinieren. Als Black ist schließlich Newcomer Trevante Rhodes („Open Windows“) zu sehen, dem mit seiner Darbietung der größte emotionale Spagat gelingt: Dem Sinnbild von der rauen Schale und dem weichen Kern gibt der 27-jährige Schauspieler ein fulminantes Gesicht, indem er seiner Figur zuerst eine Härte einverleibt, die er in den letzten Zügen glaubhaft aufspringen lässt. Obwohl sich die Darsteller optisch allesamt nicht unbedingt ähnlich sehen, gelingt es ihnen doch durch Gestik und Mimik, nie einen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass man es hier immer mit ein und derselben Person zu tun hat. Mahershala Ali („Hidden Figures“ – Unerkannte Heldinnen ) der für seine Rolle des aufopferungsvollen Ersatzvaters Juan vollkommen zu Recht eine Oscar-Nominierung erhalten hat, verleiht „Moonlight“ eine Extraportion Erdung. Ebenfalls nominiert ist auch Kameramann James Laxton („Tusk“). Dieser hätte den Academy Award nicht bloß allein für die allerletzte Einstellung verdient, sondern begeistert auch in den zwei Stunden zuvor mit einer spektakulären, visuellen Bandbreite von rau-charmant bis wunderschön-poetisch.

Fazit: „Moonlight“ ist ein einzigartiges Stück Kinopoesie, das mit seinen eigentlich so kleinen Ausmaßen große Emotionen freisetzt. Herausragend gespielt und ohne störendes Award-Baiting ist Barry Jenkins der wohl größte Konkurrent von „La La Land“-Regisseur Damien Chazelle bei den diesjährigen Oscars.

„Moonlight“ ist ab dem 9. März in den deutschen Kinos zu sehen.

3 Kommentare

Und was sagt Ihr dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s