The Green Knight

David Lowery erweist sich mehr und mehr als ein Regisseur, dem man schlicht nicht in die Karten schauen kann. Mit seinem allegorischen Mittelaltermärchen THE GREEN KNIGHT, das vielmehr eine Abhandlung über den Männlichkeits- und Ehrebegriff darstellt, treibt er dies auf die Spitze. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: The Green Knight (IE/CAN/USA/UK 2021)

Der Plot

Wir befinden uns am Hofe des legendären König Artus (Sean Harris). Es ist Winter. Der junge Sir Gawain (Dev Patel), Neffe von König Artus, begibt sich am Weihnachtsabend auf den Weg nach Schloss Camelot, um an den Feierlichkeiten teilzuhaben. Doch diese nehmen ein jähes Ende, als plötzlich eine bedrohliche Gestalt hoch zu Ross den Thronsaal betritt. Ein gigantischer Grüner Ritter (Ralph Ineson) erweist dem König zunächst höflich seine Ehrerbietung, bevor er ihm ein schauriges Spiel vorschlägt: wer von seinen Rittern den Mut aufbringe, der dürfe an Ort und Stelle einen Schlag gegen ihn führen. Die einzige Bedingung: sollte er diesen überleben, dann müsse sich der tapfere Kämpfer genau ein Jahr später in der Grünen Kapelle einfinden, wo der Grüne Ritter seinerseits den Schlag erwidern dürfe. Sir Gawain ergreift die Gelegenheit und nimmt leichten Mutes die Herausforderung an. Ein Fehler…

Kritik

Und schon wieder ist es passiert. Liebhaberinnen und Liebhaber der Indie-Produktionsschmiede A24 dürfte diese Erkenntnis weitaus weniger hart getroffen haben, als es wohl schon ganz bald ein weitaus ahnungsloseres Publikum treffen dürfte. Wer sich in den letzten Jahren intensiv mit dem US-amerikanischen Unternehmen beschäftigt hat, der ist sich bewusst, dass die in New York City ansässige Firma immer wieder im Zusammenhang mit irreführenden Trailern genannt wird. „It Comes at Night“, „Hereditary“, „The Witch“ – um nur ein paar zu nennen – fielen bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern durch, weil sie unter anderem als „Der schockierendste Film des Jahres“ promotet wurden; Ein „Conjuring“ gewohntes Publikum dürfte sich da bei einem Slowburn-Schauerdrama wie „The Witch“ schon arg gewundert haben, was die Presseleute so unter „schockierend“ verstehen. Die Folge: himmelhochjauchzende Kritiker:innenstimmen, ein miserabler Metascore (ein in den USA angewandtes, repräsentatives Befragungssystem, bei dem Kinobesucher:innen nach der Vorstellung um eine Bewertung gebeten werden). David Lowerys Heldensaga „The Green Knight“ schlägt in dieselbe Kerbe. Eine der ersten Szenen des ersten Trailers zeigt die auf einem goldenen Thron sitzende Hauptfigur Gawain, kurz bevor ihr Kopf zu einem markanten Soundeffekt in Flammen aufgeht. Diese Szene gibt es im fertigen Film auch – genauso wie etwa die einer im Zeitraffer verrottenden Leiche oder ein schauriges Kinderpuppentheater, das schon den Kleinsten veranschaulicht, wie eigentlich so eine Enthauptung funktioniert. Doch in „The Green Knight“ gibt es bis auf diese drei Motive eben kaum weitere solcher „Horrorszenen“ (wir empfehlen an dieser Stelle, sich den zweiten, langen Trailer anzusehen, der die Tonalität des Films deutlich besser widerspiegelt). Vielleicht einmal mehr fatal, denn vor allem Genrefans fiebertem dem Start des Films sehnlichst entgegen – und müssen sich nun unverhofft mit einer intensiven Abhandlung über den Männlichkeits- und Ehrebegriff herumschlagen, wie Protagonist Gerwain mit seinem unvermeidbaren Schicksal.

Sir Gawan (Dev Patel) sehnt sich seine eigene Heldengeschichte herbei.

Die Artusepik ist in den letzten Jahrzehnten mehrfach verfilmt worden. Vom familientauglichen Zeichentrickabenteuer („Die Hexe und der Zauberer“) über den Big-Budget-Actioner („King Arthur“) bis hin zum Fantasy-Familienfilm („Wenn du König wärst“) sind die Filmschaffenden dafür bereits durch jedes erdenkliche Genre gesprungen. Trotzdem gelingt es Regiewundertüte David Lowery („Ein Gauner und Gentleman“), mit seiner Interpretation der „Geschichte von Sir Gawain und dem Grünen Ritter“ in ein inszenatorisches Metier vorzudringen, für das uns so schnell keine Vergleiche mit anderen Filmen einfallen. Lediglich in Bruchstücken erinnert „The Green Knight“ entfernt an andere Werke. Zum Beispiel präsentiert sich die gleichermaßen kühle als auch hypnotische, dabei immer ganz und gar herausragende Kameraarbeit von Andrew Droz Palermo (filmte auch Lowerys „A Ghost Story“) in einer Visualität, wie man sie vor allem aus Lars-von-Trier-Filmen kennt. Ein verdammt unheimlicher Fuchs inklusive. So gut wie jedes Bild in „The Green Knight“ ließe sich als Stillleben an die Wand hängen. In manch einem Panorama möchte man sich regelrecht verlieren. Selbst wem der Inhalt des Films fern bleibt, der wird sich an der spektakulären Fotografie nicht sattsehen können, die mal durch ihre Schlichtheit beeindruckt; etwa, wenn man in einer mehrere Minuten langen Sequenz Sir Gawain und sein nobles Ross vom unteren Ende des Bildes ans obere Ende des Bildes schreiten sieht, während um sie herum in Nebel gehüllte, grau-in-grau-gehaltene Trostlosigkeit dominiert. Ein anderes Mal sind es derweil schaurig-makabere Details wie oben genanntes Puppentheater, das uns mit harmlos erscheinenden Kasperlefiguren in Sicherheit wiegt, bevor die eine der anderen den Kopf abschlägt und knallroter Filzstoff den daraus resultierenden Blutschwall darstellt. Simpel, aber höchst effektiv! Da überrascht es wenig, dass wesentlich größer gedachte Elemente wie etwa einige wuchtig animierte CGI-Riesen fast schon ins Hintertreffen geraten. Doch in „The Green Knight“ steckt die Faszination nun mal mehr im Detail als im Offensichtlichen.

„So gut wie jedes Bild in ‚The Green Knight‘ ließe sich als Stillleben an die Wand hängen. In manch einem Panorama möchte man sich regelrecht verlieren. Selbst wem der Inhalt des Films fern bleibt, der wird sich an der spektakulären Fotografie nicht sattsehen können.“

Nun ist die berauschende Optik von „The Green Knight“ die eine Sache. Doch David Lowery versteht seine Geschichte eben nicht nur als gutaussehenden, assoziativen Bilderbogen wie es zum Beispiel zuletzt ein Terrence Malick häufig tat. Nein, Lowery möchte eine chronologisch dargebotene Geschichte erzählen, dessen Inszenierung manch einen Filmfan vor den Kopf stoßen wird. Denn so bestechend schön eine Szene wie der oben genannte Ritt vom unteren Ende der Kamera bis zum oberen Ende des Bildes auch sein mag, so sehr ist sie in der Lage, die Geduld des Publikums zu strapazieren; dauert so ein Moment doch mitunter schon mal mehrere Minuten, ohne dass sich dabei irgendwelche nennenswerten Details an dem ändern würden, was man da gerade sieht. David Lowery hatte dank seiner aus Genre- und Inszenierungssicht zuletzt wild durcheinandergewürfelten Vita bislang nicht den Ruf des alleinigen Slowburners weg; Doch wem schon sein „A Ghost Story“ einfach eine Spur zu zurückhaltend, zu zäh, zu langsam war, für den kann der 125-Minüter zu einer anstrengenden Angelegenheit werden. Vor allem, weil es die durch ihre allegorischen Ansätze sperrige Erzählweise keinen konkreten Moment wählt, um das Publikum aktiv ins Boot zu holen. Lowery weigert sich vollends, die gängigen Sehgewohnheiten seiner Zuschauer:innen zu bedienen, sondern setzt stattdessen voraus, dass jede und jeder von ihnen ihren/seinen Zugang zur Story findet. Wer dies tut, der hat viel gewonnen – und wird trotzdem immer wieder vor große, interpretatorische Herausforderungen gestellt, von denen sich auch uns bis heute nicht alle erschlossen haben.

Was hat es mit dem Casting der „Lady“ (Alicia Vikander) auf sich?

So können wir uns zum Beispiel partout nicht erklären, weshalb die nach ihrer Babypause endlich wieder auf der Leinwand zu sehende Alicia Vikander („Tomb Raider“) in „The Green Knight“ eine Doppelrolle verkörpert. Wir lernen sie als raspelkurzhaarige Magd und Gawains Geliebte Essel kennen, bis sie in der zweiten Filmhälfte schließlich die Figur der nur „The Lady“ genannten Adeligen verkörpert, dessen Gatte (Joel Edgerton) Gawain auf dessen schicksalhafter Reise Zuflucht in ihrem Schloss gewährt. Sollen diese beiden grundverschiedenen Charaktere eine verzerrte Spiegelung der jeweils anderen darstellen? Sind sie womöglich gar ein und dieselbe Person? Existiert eine von ihnen möglicherweise nur in Gawains Wahrnehmung? Oder versucht David Lowery, sein Publikum allein mithilfe dieses Castingcoups zu narren? „The Green Knight“ macht jeden dieser Ansätze möglich. In so ziemlich jede Figur, der Gawain auf seinem Ritt begegnet, lassen sich unterschiedliche Deutungsweisen hineinlesen. Auch durch sie gewinnt der Film mehr und mehr seiner faszinierenden Ecken und Kanten. Die hier ebenfalls eher unter der Oberfläche abgehandelte Hauptthematik präsentiert sich im Vergleich dazu fast schon „offensichtlich“. Auf den ersten Blick erzählt „The Green Knight“ von einem mit Fantasy-Motiven überhöhten Einzelschicksal. Auf der zweiten wirft ebendieses aber auch Tausende von Erkenntnissen auf, die dieser Tage eine bemerkenswerte Aktualität vorweisen. Vor allem die Infragestellung solcher Begriffe wie Ehre, Heldentum und, damit einhergehend, Männlichkeit hinterlässt Eindruck. Beginnend bei der Tatsache, dass Gawains vermeintliche Heldentat nur wenige Sekunden später bereits als große Dummheit enttarnt wird, endend bei der zu vergleichbarem Stoff konträren Charakterentwicklung des Protagonisten, der im Verlauf der Story nicht etwa immer mutiger, sondern immer feiger und ängstlicher wird. „The Green Knight“ ist der Gegenentwurf zu einer Heldensaga.

„Auf den ersten Blick erzählt ‚The Green Knight‘ von einem mit Fantasy-Motiven überhöhten Einzelschicksal. Auf der zweiten wirft ebendieses aber auch Tausende von Erkenntnissen auf, die dieser Tage eine bemerkenswerte Aktualität vorweisen.“

Und für einen solchen erweist sich schließlich auch das extrem reduzierte Tempo genau trefflich. Mit dem Schritt, den Gawains Pferd vor den anderen setzt, schnürt einem die Erkenntnis seines unausweichlichen Schicksals mehr und mehr die Kehle zu. Es wäre ein Leichtes gewesen, Gawains Ritt in den Tod in der Hälfte der Laufzeit zu erzählen. Vermutlich hätte der hier in einer seiner besten Rollen zu sehende Dev Patel („David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“) den inneren Zerfall, die sukzessive Zermalmung seiner Ideale, die Zermürbung und Angst sogar genauso überzeugend hinbekommen. So jedoch fühlt man seine steigende Todesangst regelrecht am eigenen Leib mit. Da hat man bisweilen kaum noch Augen für die unbändige Schönheit dieses Werks, sondern ist ganz nah dran an Gawain. „The Green Knight“ ist trotz seiner Opulenz vor allem ein sehr intimer Film.

Fazit: David Lowerys allegorische Mittelaltersaga „The Green Knight“ ist nicht nur eine Veranschaulichung dessen, wie Lars von Trier einen Film wie „King Arthur“ bebildert hätte. Er ist darüber hinaus eine bissig-süffisante Abrechnung mit den Begriffen Ehre und Männlichkeit. Eben nicht im Gewand eines trockenen Aufklärungsfilms, sondern als mit Motiven des Horrorkinos angereichertes Fantasyspektakel, dem Dev Patel zu einer immensen Traurigkeit verhilft.

„The Green Knight“ ist ab dem 29. Juli 2021 in den deutschen Kinos zu sehen.

2 Kommentare

  • Hört sich super interessant an. Danke für den Tipp 👍

  • Hab den Film gestern im Kino gesehen. Ich glaub, ich wurde schon lange nicht mehr so dermaßen von einem Film enttäuscht. Das Szenenbild ist gigantisch und der Film bietet mit der Atmospähre und der Fantasy-Welt so unglaublich viel potenzial. Aber die Story und der Handlungsfaden des Films ist einfach nur so unglaublich schlecht. Ich war ein großer Fan von Midsommar und der ruhigen und langsam aufbauenden Spannung, da die Bilder für sich selbst gesprochen haben. Aber hier hatte es mich nach und nach nur immer mehr gestört, dass in gewissen Sequenzen immer und immer wieder die Spannung mithilfe von Chorgesang eingeleitet wurde, aber die Handlung einfach nicht spannend genug war, um der Musik im Ansatz gerecht zu werden. Klar könnten einige Spezialisten jetzt wieder mit dem Satz „du hast Ihn halt nicht verstanden“ kommen. Aber ein intelligenter Professor zeichnet sich auch nicht dadurch aus, dass er komplexe Zusammenhänge komplex erklärt, sondern sie für „Jedermann“ unkompliziert veranschaulichen kann. Mit deepen Vorwissen zu Mythologie, der Background-Story und was weiss ich nicht alles, könnte man dem Film vielleicht noch etwas mehr abgewinnen, für mich jedoch eine große Enttäuschung und viele offene Fragen bleiben: Was hatte es mit dieser völlig unnötigen Kurzsequenz mit den Riesen auf sich? Oder warum beschwor die Mutter den Green Knight denn eigentlich? Oder warum dieser tätowierte Alte im Film notwendig war und dem Kind am Schluss über das Gesicht gestrichen hat? Oder warum er aus dem Nichts eine rothaarige Frau trifft, die ihm erzählt, dass ihr Kopf fehlt und er es als völlig logisch erachtet, dass der Kopf im See liegt und er den zurück bringen muss, aus Gründen die nicht näher erläutert werden und keine Relevanz für die eigentliche Story haben? Oder wofür der Fuchs eigentlich notwendig war, wenn er bis zum Schluss ohnehin nichts geredet hat und an der Stelle an der er redet, für die Entscheidung letztlich unerheblich war?

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