Jim Knopf und die Wilde 13

Nachdem sich das Fantasy-Abenteuer „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ an den deutschen Kinokassen ganz beachtlich schlug, kommt mit JIM KNOPF UND DIE WILDE 13 nun eine nicht minder gelungene Fortsetzung in die Lichtspielhäuser. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Jim Knopf und die Wilde 13 (DE 2020)

Der Plot

Neue Abenteuer warten auf Jim Knopf (Solomon Gordon) und Lukas den Lokomotivführer (Henning Baum)! Nachdem die beiden Freunde den Drachen Frau Mahlzahn (gesprochen von Judy Winter) besiegt haben, sinnt die Piratenbande „Die Wilde 13“ (Rick Kavanian in einer 12-fachen Doppelrolle) auf Rache. Mit ihren Dampfloks Emma und Molly begeben sich die Lummerländer auf eine gefährliche Reise, auf der auch Jims sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen könnte: Er will endlich die Wahrheit über seine mysteriöse Herkunft ans Licht bringen.

Kritik

Knapp zwei Millionen Zuschauer wollten sich vor zwei Jahren die Realverfilmung von Michael Endes „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“ in den deutschen Kinos ansehen. Schon damals griff Regisseur Dennis Gansel („Mechanic: Resurrection“) ganz tief in die Trickkiste, um die gefährliche Reise der vielen Zuschauern vermutlich aus der Augsburger Puppenkiste bekannten Abenteurer auf die Leinwand zu bringen. Das Ergebnis: großes Spektakelkino auf dem Niveau internationaler Großproduktion, liebevoll erzählt und mit einem Detailreichtum versehen, den man in hiesigen Filmen sonst nur selten sieht. Jetzt, da man weiß, dass die Lummerländer auch heutzutage noch ihr Publikum zu begeistern wissen, dürfte man das noch einmal nach oben korrigierte Budget für „Jim Knopf und die Wilde 13“ (der Film ist eine der teuersten deutschen Kinofilmproduktionen aller Zeiten) gut und gern zur Verfügung gestellt haben. Gansel nutzt es, um auch mit dieser Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuches eine Geschichte über Freundschaft, gegenseitige Akzeptanz, aber auch Heldentum und Abenteuerlust zu erzählen, die gleichermaßen zeitgemäß wie zeitlos ist. Und auch inszenatorisch wird man aktuell kaum Opulenteres finden – „Jim Knopf und die Wilde 13“ ist durch und durch gelungen.

Lummerland – eine Insel mit zwei Bergen.

Insbesondere die Marionetten-Adaptionen der „Jim Knopf“-Geschichten besitzen hierzulande den Stellenwert von Kulturgut. Wenn sich dann jemand daran versucht, einem solch nostalgischen Stück Popkultur einer Generalüberholung zu unterziehen, dann geht das nicht immer gut. Es benötigt viel Geschick, um bei einer zeitgeistigen Inszenierung den zeitlosen Charme der Vorlage beizubehalten. Genau das ist Dennis Gansel mit „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“ gelungen, indem er den Stoff weitestgehend unverändert übernahm (die darin vorgetragenen Appelle an Nächstenliebe und zwischenmenschliche Akzeptanz bleiben eben immer aktuell), sie jedoch mit den (trick-)technischen Mitteln moderner Blockbuster aufzubereiten wusste. Gansel erweckte Drachen (und Halbdrachen!) zum Leben, ließ die kultige Dampflokomotive Emma lebendig werden und ließ das „Eine Insel mit zwei Bergen“-Thema neu interpretieren, sodass es das großgedachte Leinwandspektakel angemessen groß (nämlich orchestral) umschmeichelte. Seine „Jim Knopf“-Version lädt mit seiner perfekt ausbalancierten Mischung aus herausragenden Trickeffekten und dem vorlagengetreuen Nachbau bekannter Setpieces und Requisiten (allein die im Studio Babelsberg aufgebaute Lummerland-Kulisse ist der Traum eines jeden Michael-Ende-Liebhabers) zum Staunen ein – und das, wo man insbesondere im Big-Budget-Kino doch mittlerweile nahezu alles gesehen hat.

„Dennis Gansels „Jim Knopf“-Version lädt mit seiner perfekt ausbalancierten Mischung aus herausragenden Trickeffekten und dem vorlagengetreuen Nachbau bekannter Setpieces und Requisiten zum Staunen ein.“

Doch die „Jim Knopf“-Filme behalten durch ihren puppenhaften Charme immer etwas durch und durch Nahbares. Dass man sieht, dass sich die Darsteller der verschiedenen Lummerländer auf der Leinwand durch ein Set bewegen, mag auf den ersten Blick antiquiert erscheinen. Schließlich genügt heutzutage bereits ein Greenscreen, um Schauspieler an jeden x-beliebigen Ort der Welt zu katapultieren. Doch in „Jim Knopf“ hat das Bewusstmachen für echte Kulissen Methode. Lummerland sieht auch in „Jim Knopf und die Wilde 13“ nicht aus wie eine echte Insel, aber gerade dadurch gelingt Gansel der authentische Bezug zur Vorlage. Dasselbe gilt für die Dialoge (Drehbuch: Dirk Ahner, „Simpel“), die zu jedem Zeitpunkt theaterhaft anmuten. Normalerweise kritisiert man deutsche Dialoge nur zu gern, wenn sich die Charaktere gegenseitig ausreden lassen, einander nie direkt ins Wort fallen und unauthentisch oft auf Umgangssprache oder verschluckte Silben verzichtet wird. Im Falle von „Jim Knopf“ dagegen tragen all diese Aspekte zum Weihnachtsmärchen-Charme des Films bei – „Jim Knopf und die Wilde 13“ wäre in der hier präsentierten Form ein hervorragendes Bühnenstück – doch Gansel unterstreicht seine Daseinsberechtigung auf der Kinoleinwand allen voran durch den inszenatorischen Pomp, den er für sich arbeiten lässt, sobald Lukas und Jim die Insel verlassen haben.

Jim (Solomon Gordon) und Sursulapitschi (Sonja Gerhardt) schippern auf der Emma übers Meer.

In bester Roadmovie-Manier (wobei „Road“ es hier nicht ganz trifft: Emma kann nämlich neuerdings auch fliegen!) katapultieren sich die beiden Helden von einem Abenteuer ins nächste. Hie und da hat „Jim Knopf und die Wilde 13“ daher etwas von einem Episodenfilm; Das war auch schon beim Vorgänger nicht anders. Doch auch wenn die meisten Stationen – die beiden treffen während ihrer Reise unter anderem auf die Meerjungfrau Sursulapitschi, es gibt ein Wiedersehen mit Halbdrache Nepomuk sowie Scheinriese Herrn Tur Tur und natürlich darf auch ein Abstecher nach Mandala nicht fehlen – auch als in sich abgeschlossene Kurzgeschichten funktionieren, ergeben sie schlussendlich doch ein sehr stimmiges Gesamtbild, wenn Jim die verschiedenen Lektionen und Erkenntnisse seiner Reise später auf andere Situationen anwenden kann. Darüber hinaus macht es einfach einen irrsinnigen Spaß, dabei zuzusehen, mit welcher Akkuratesse Gansel und sein Team das Königreich Mandala, das Land der Tausend Vulkane oder eben auch Lummerland nachgebaut haben. Die titelgebende Wilde 13 – ein von einem 12-fachen Rick Kavanian („Bullyparade – Der Film“) geführtes Piratenschiff – ist ein weiteres solches Highlight. Nicht nur, weil Kavanian hier mit einem ungemeinen Charme einen klassischen Kinderbuch-Schurken verkörpert, in dem schlussendlich dennoch ein gutes Herz steckt, sondern auch, weil es gleichermaßen eine schaurige Physis mitbringt, die es als ernstzunehmenden Widersacher etabliert. Da es hin und wieder schon mal ordentlich rumst und im Kampf zwischen Gut und Böse lautstark Säbel gewetzt und Bomben abgeschossen werden, ist „Jim Knopf und die Wilde 13“ nicht für die aller jüngsten Zuschauer geeignet. Doch spätestens ab etwa acht Jahren wird sich garantiert die ganze Familie daran erfreuen.

„Darüber hinaus macht es einfach einen irrsinnigen Spaß, dabei zuzusehen, mit welcher Akkuratesse Gansel und sein Team das Königreich Mandala, das Land der Tausend Vulkane oder eben auch Lummerland nachgebaut haben.“

Das gilt auch für den Cast, der einmal mehr bis in die kleinsten Nebenrollen mit starken Darstellerinnen und Darstellern besetzt ist. Annette Frier („Benjamin Blümchen“) als Frau Waas, Christoph Maria Herbst („Der Vorname“), Uwe Ochsenknecht („Narziss und Goldmund“) als König Alfons der Viertelvorzwölfte und Milan Peschel („Die Hochzeit“) als Herr Tur Tur gehen einmal mehr hervorragend in ihren Rollen auf und machen aus eigentlich von Haus aus eher simpel gestrickten Charakteren solche mit Herz und Seele. Selbst Michael Bully Herbig („Vier gegen die Bank“) oder Judy Winter („Wuff“) drücken ihren unsichtbaren Sprechrollen einen solchen Stempel auf, dass man sich die Reihe ohne die beiden nicht vorstellen kann. Henning Baum („Burg Schreckenstein 2“) hat als Lukas der Lokomotivführer nichts von seinem Teddybärencharme eingebüßt und auch im Zusammenspiel mit Solomon Gordon wirkt er noch einmal losgelöster und intuitiver als noch in Teil eins. Gleichwohl lässt es sich nicht leugnen, dass sich seine Szenen durch den Dreh auf Englisch und die nachträgliche Synchronisation von Newcomer Gordon nicht immer völlig organisch in den Rest fügen.  Ein winziger Kritikpunkt in einem ansonsten über so ziemlich alles erhabenen Film.

Fazit: „Jim Knopf und die Wilde 13“ steht seinem Vorgänger in Sachen Opulenz und Warmherzigkeit in Nichts nach – im Gegenteil. Mit seinen unzähligen Setpieces, den wunderbar schrulligen, sympathischen Figuren und einer Botschaft, die wie kaum eine andere in die heutige Zeit passt, setzt Regisseur Dennis Gansel sogar noch eine Schippe drauf und liefert einen der Familienfilme des Jahres ab.

„Jim Knopf und die Wilde 13“ ist ab dem 1. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.

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