Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer

Nach unzähligen Adaptionen von Michael Endes weltberühmten Kinderbuchs JIM KNOPF & LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER wagt sich nun Dennis Gansel an eine durch und durch moderne Leinwandumsetzung, wobei ihm das Kunststück gelingt, einen gewissen altmodischen Charme zu bewahren. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Eines Tages bringt der Postbote ein großes Paket auf die Insel Lummerland, eine kleine Insel mit zwei Bergen, mitten im Ozean. Die vier Bewohner Frau Waas (Annette Frier), Herr Ärmel (Christoph Maria Herbst), König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte (Uwe Ochsenknecht) und Lukas, der Lokomotivführer (Henning Baum) trauen ihren Augen nicht, als sie das Paket öffnen: Ein kleiner dunkelhäutiger Junge strahlt sie mit großen Kulleraugen an. Die Lebensmittelverkäuferin Frau Waas beschließt, den kurzerhand auf den Namen Jim (Solomon Gordon) getauften Säugling bei sich aufzunehmen. Als Jim älter wird, schließt er auch mit dem Rest der Inselbewohner bald Freundschaft – besonders in Lukas hat er einen Zuhörer gefunden, mit dem er regelmäßig in seiner geliebten Lokomotive Emma quer über die Insel kurvt. Doch je älter Jim wird, desto mehr sehnt er sich nach der Antwort auf die Frage, wo er eigentlich herkommt. Als dann auch noch der König aufgrund der Überbevölkerung beschließt, entweder Jim, oder Lukas‘ geliebte Lokomotive der Insel zu verweisen, kratzen die beiden Freunde mitsamt Emma die Kurve und brechen zu einem aufregenden Abenteuer auf…

Kritik

Normalerweise beginnen wir unsere Reviews immer mit ein paar Hintergrundinfos und Trivia-Facts zum Regisseur, zur Filmentstehung, oder zu irgendetwas Anderem, was gerade zu dem von uns besprochenen Film passt. Im Falle von „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“ passt es aber ausnahmsweise einmal am besten, zu erläutern, was in den vergangenen Wochen und Monaten so passiert ist, wenn vor einer regulären Kinovorstellung der Trailer zur besagten Kinderbuchverfilmung lief: Es dauerte nur wenige Sekunden – genauer: die ersten paar Töne der weltberühmten Melodie zu „Eine Insel mit zwei Bergen“ – und ein zufriedenes Raunen im Publikum (übrigens bei Groß und Klein) war allgegenwärtig zu vernehmen. Diese kleine Anekdote, die sich übrigens mehrfach wiederholte, beweist vor allem eines: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ gehört nicht bloß als Abenteuerbuch längst zum deutschen Kulturgut. Auch die Puppentrick-Adaption der „Augsburger Puppenkiste“ hat sich über viele Generationen hinweg ihren Platz in den Herzen der Zuschauer gesichert. Doch genau diese Beliebtheit der Vorlage kann manch einen Regisseur schon mal gehörig unter Druck setzen; doch diesmal wurde Filmemacher Dennis Gansel („Mechanic: Resurrection“) im Vorfeld nicht müde, seine persönlich Liebe zum Stoff zu betonen. „Jim Knopf“ ist sein ganz persönliches Herzensprojekt – und genau das ist der Verfilmung anzumerken!

Jim Knopf (Solomon Gordon) und seine Ziehmutter Frau Waas (Annette Frier).

Mit Geschichten, die in dieser oder jener Form längst in die Popkulturhistorie eingegangen sind und damit zum Kulturgut gehören, ist das so eine Sache: Zwar sind die Möglichkeiten einer (filmischen) Neuauflage schier unendlich, doch nicht immer geraten sie so, wie sie im besten Fall sein sollten: zeitlos. Stattdessen schielen die Meisten bemüht in Richtung Zeitgeist und mögen damit zwar für den Moment ganz unterhaltsam sein, auf die Dauer fehlt ihnen allerdings jedweder Charme.  Da trifft es sich gut, dass Dennis Gansel schon damit vertraut ist, einen bereits etablierten Stoff neu für die Leinwand zu adaptieren: Mit seinem erschütternden Jugenddrama „Die Welle“ erweckte er den weltberühmten Roman von Morton Rhue kongenial zum Leben; und zwar so authentisch, dass er auch heute – zehn Jahre später – immer noch dieselben unangenehmen Gefühle auslöst, wie zum Zeitpunkt seiner Erscheinung im Jahr 2008. Mit der Geschichte rund um die zwei weltberühmten Lokführer und besten Freunde Lukas und Jim erfüllt Gansel sich (und sicher auch sehr vielen anderen Zuschauern) einen lang gehegten Kindheitstraum und weiß, gemeinsam mit seinem hervorragend aufgelegten Cast, offensichtlich ganz genau, an was für eine Verantwortung das gekoppelt ist – schließlich verbindet nicht nur er wundervolle Stunden mit Jim Knopf und seinen vielen Freunden in und um die Insel Lummerland, der Insel mit den zwei Bergen.

Die Inszenierung moderner Kinder- und Jugendfilme ist heutzutage besonders schwer, denn auch schon an den Jüngsten geht die Technisierung der Welt nicht spurlos vorbei. Erst kürzlich lobten wir an dieser Stelle das Nostalgieflair der beiden „Burg Schreckenstein“-Filme, das vor allem durch das Weglassen von Smartphones oder irgendwelcher obskurer Gadgets erreicht wurde. Das gilt übrigens nicht bloß für den erzählerischen Part: Auch beim Erschaffen fremder oder futuristischer Welten setzt man heutzutage vor allem auf Computerzauber, ergo: auf Computereffekte. Letztere gibt es in „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“ auch – insgesamt stecken sogar satte 700 CGI-Shots in dem Leinwandabenteuer. Doch in erster Linie baut Gansel auf einen altmodischen Look und liebevolle, haptische Detailarbeit, um die perfekte Illusion einer Welt zu erschaffen, die irgendwo zwischen der Augsburger Puppenkiste und hochmodernem Fantasykino liegt. Abwechslungsreiche und handgemachte Setpieces, die zum Großteil im Berliner Filmstudio Babelsberg entstanden sind und Lummerland sowie die drumherum liegenden Welten zu echtem Leben erwecken, stecken voller kreativer Einfälle und dürften Jung und Alt mehr als einmal in Staunen versetzen. „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“ wird zu einem Kaleidoskop sämtlicher Elemente des fantastischen Kinos; so etwas hat man im deutschen Kino lange nicht mehr gesehen. Und selbst, wenn sich doch einmal ein Computereffekt in den Film schmuggelt, der ziemlich deutlich als solcher zu erkennen ist, trübt das den Spaß am Film nur marginal.

Jim Knopf und sein bester Freund Lukas (Henning Baum), zusammen mit Emma.

Erzählerisch orientiert sich das Skript von Dirk Ahner („Simpel“), Andrew Birkin („Das Parfum“), James V. Hart („Contact“) und Sebastian Niemann („Hui Buh – Das Schlossgespenst“) stilsicher an der Vorlage und lässt außerdem sämtlichen bekannten Figuren ihren größeren und kleineren (Gast-)Auftritt zukommen. Das ist nicht immer zu einhundert Prozent gerecht: Liebhaber des Halbdrachens Nepomuk (gesprochen von Michael Bully Herbig) bekommen den kleinen, herausragend animierten Kerl nur für wenige, dafür sehr lustige Minuten zu sehen, während der in der Vorlage ein wenig kürzer kommende Scheinriese Tur Tur (Milan Peschel) hier eine äußerst tragische Rolle spielt und der Geschichte in einem entscheidenden Moment die nötige Portion Melancholie verleiht. Ansonsten erinnert „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“ an ein Roadmovie, das diverse Stationen aneinanderreiht, von denen der Großteil spannend, skurril oder einfach nur lustig geraten ist. Zeitweise wirkt Gansels Film nicht ganz wie aus einem Guss; doch so viele Figuren, Handlungsorte und Ideen, wie sie in der Buchvorlage nun einmal auftauchen, unter einen Hut zu bringen, ist letztlich eine hochkomplexe Leistung, die in dieser Verfilmung zumeist sehr gut gelingt. Der Film ist weder aufgebläht, noch hektisch, hier und da ein wenig düster (für die Allerkleinsten vielleicht sogar eine Spur zu düster), aber steckt zu jedem Zeitpunkt voller Liebe und Leben. Eine Fortsetzung ist bei dem Potenzial eigentlich Pflicht

Fazit: „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“ ist ein mit viel Liebe zum Detail inszeniertes, handwerklich astreines Vergnügen für große und kleine Liebhaber der Vorlage, die sich inszenatorisch auf dem Niveau internationaler Großproduktionen befindet.

„Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“ ist ab dem 22. März bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

3 Kommentare

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