Im Rausch der Sterne

Es ist eines der schönsten Dinge der Welt: Essen! Das weiß auch Regisseur John Wells, der in seinem Charakterdrama IM RAUSCH DER STERNE aus dem Leben eines Sternekochs erzählt, der das Leben eines Rockstars führt. Mit allen Konsequenzen. Ein Film, der seinem Namen alle Ehre Macht und berauscht. Mehr dazu in meiner Kritik.Im Rausch der Sterne

Der Plot

Adam Jones (Bradley Cooper) ist wie ein Rockstar: Genial, erfolgreich, leidenschaftlich und mit einem äußerst exzessiven Lebensstil. Dieser kostet ihn den Job als Chefkoch in einem der exklusivsten Sternerestaurants in Paris. Ein tiefer Fall, aber nach über zwei Jahren ist Adam Jones clean und zurück in seiner Wahlheimatstadt London. Er taucht bei seinem alten Freund Tony (Daniel Brühl) auf und will dessen Restaurant zur neuen Topadresse machen. Tony ist hin und her gerissen zwischen der Genialität und dem Wahnsinn seines Freundes, willigt aber schließlich ein und Adam legt los. Er will die Besten der Besten im Team für sein bahnbrechendes Restaurant, er will 3 Sterne – und er will Helene (Sienna Miller), die außergewöhnlich begnadet kocht und zudem noch sehr attraktiv ist. Einziges Problem: Helene kann Adam nicht ausstehen, der wie ein Besessener seine Mitarbeiter für ein perfektes Menü in den Wahnsinn treibt und regelmäßig die Beherrschung verliert. Letztendlich jedoch besitzen beide die gleiche Leidenschaft, brauchen die Hitze, den Druck und die Energie der Küche wie die Luft zum Atmen – aber Adam muss begreifen, dass sie nur im Team die Gourmetwelt Londons wirklich rocken können!

Kritik

Der Michelinstern ist für Köche das, was die Oscar-Auszeichnung in einer der vier Hauptkategorien für Filmschaffende ist. Seit 1926 wird dieser Preis, der im Rahmen des ursprünglich als Werkstattführers für Autofahrer gestarteten Guide de Michelin vergeben wird, mittlerweile an Küchen verliehen und beschreibt sich dabei selbst wie folgt: ein Stern – „Eine sehr gute Küche, welche die Beachtung des Lesers verdient, zwei Sterne – „Eine hervorragende Küche, verdient einen Umweg“, drei Sterne – „Eine der besten Küchen, eine Reise wert“. Das ist ganz schön verniedlichend, wenn man bedenkt, dass ein Sternekoch mit dieser Auszeichnung das Non-plus-Ultra in seinem Beruf erreicht und sich zu den weltweit Besten seiner Zunft zählen darf. Weshalb Regisseur John Wells („Im August in Osage County“) bis dato der erste ist, der sich in seiner starbesetzten Tragikomödie „Im Rausch der Sterne“ mit dem emotionalen Druck unter Köchen auseinandersetzt, ist auf der einen Seite sicherlich der sehr speziellen Thematik geschuldet, könnte heute – in einer Zeit, in welcher das Wort „Foodporn“ in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist – jedoch nicht passender in die Kinos kommen. Der im Original schlicht „Burnt“ betitelten Film zeichnet das Leben eines von einem herausragenden Bradley Cooper („American Sniper“) verkörperten Sternekochs in Form eines Rockstarportraits nach und gibt Einblicke in eine Branche, die dem normalen Verbraucher verborgen bleibt, obwohl sie das Potenzial besitzt, unzählige starke Charaktere und Geschichten hervorzubringen.

Bradley Cooper

Bradley Coopers Performance trägt nicht von ungefähr einen Großteil zum inhaltlichen Gelingen von „Im Rausch der Sterne“ bei. Mit seinem Agieren, das von wahnhaft über exzessiv bis hin zu resigniert und manisch reicht, verleiht er seiner Figur eine Tragik, die vom Zuschauer lange Zeit viel Gutwillen fordert. Drehbuchautor Steven Knight hat sich mit seiner Arbeit für Filme wie „No Turning Back“ oder „Madame Mallory und der Duft von Curry“ als Experte auf dem Gebiet der komplex-ambivalenten Figurenzeichnung bewiesen. Mit dem Charakter des äußerst wankelmütigen Adam Jones reizt er die Geduldsfäden seines Publikums nun bis zum Äußersten und zeichnet seinen tragischen Helden als äußerst wankelmütigen, über lange Zeit jedoch auch nur schwer zu ertragenden Zeitgenossen. Dass sich das Publikum trotzdem nicht in Gänze von dem Protagonisten loslösen kann, liegt an den subtilen Aussagen, die das Skript zwischen den Zeilen tätigt. „Im Rausch der Sterne“ macht aus Coopers Figur kein von vornherein unerträgliches Arschloch, sondern gibt dem Zuschauer Gründe für dessen Verwandlung zu einem solchen an die Hand. Dialogfetzen, die durchscheinen lassen, was mit Jones geschah, sagen sich von jedweden Klischees los und verzichten obendrein auf allzu unsanfte Vorschlaghammercharakterisierungen. Darüber hinaus lassen Wells und sein Team an entscheidenden Momenten Details offen. Das Gesamtbild des Charakters Adam Jones ergibt sich somit nie, wohl aber das eines Mannes, der gerade durch die einzelnen Lücken in seiner sukzessiven Wandlung vom leidenschaftlichen Meisterkoch zum verbitterten Einzelkämpfer eine Faszination entwickelt, der man sich nicht entziehen kann.

Unterstützt wird Cooper in seinem Spiel durch eine Handvoll hochkarätiger Nebendarsteller, von denen die einen mehr, die anderen weniger zu tun haben. Trotzdem haben sie alle ihren Platz. Das erschließt sich bei einigen zwar durchaus erst spät (Stichwort: Omar Sy, „Ziemlich beste Freunde“) und nicht alle Figuren sind tatsächlich unabdingbar. Trotzdem bereichern sie nicht nur das Umfeld von Adam Jones, sondern auch die Dynamik des Films selbst. Sienna Miller („Foxcatcher“) mimt die engagierte und doch in gewisser Weise verzweifelte Mutter, die jeden Job annehmen muss, um für ihre Tochter zu sein und in einem Teufelskreis doch den Zugang zu ihr zu verlieren droht. Doch sie funktioniert nicht bloß als eine Art Gegenspieler zu Cooper, sondern auch als personifiziertes Abbild jener Menschen, die in unserer „Höher-schneller-weiter“-Gesellschaft auf der Strecke bleiben. Die Interaktion zwischen ihr und Cooper ist von einer steten Anspannung geprägt und lässt ein subtiles, jedoch nicht minder spürbares und vor allem nicht kitschiges Prickeln entstehen, das mit jedweder Form der klassischen Romantik nichts zu tun hat. „Im Rausch der Sterne“ verzichtet wohlweislich auf eine plakative Liebesgeschichte, sondern lotet das Verhältnis zwischen den beiden in ganz andere Richtungen aus, zu denen sicher auch amouröse Avancen gehören, die jedoch zu keinem Zeitpunkt im Mittelpunkt stehen. Die in diesem Jahr einen fulminanten Karriereschub erlebende Alicia Vikander („Codename U.N.C.L.E.“, „Ex_Machina“) ist in ihrer Rolle von Adams Schwester leider nur in wenigen Szenen zu sehen, spielt ihre dennoch wichtige Rolle allerdings mit viel Zerbrechlichkeit und Esprit. Und dann wäre da ja noch Daniel Brühl („Ich und Kaminski“). Der deutsche Charakterkopf, der im Original ein Englisch mit französischem Akzent spricht, dass die Originalfassung mit einem nicht verkennbaren Mehrwert macht, spielt energisch und voller Elan, ohne sich allzu sehr um die Gunst des Publikums zu bemühen. Seine Figur des mit Ecken und Kanten ausgestattet, lässt sich nur schwer in eine bestimmte Form pressen und ist vor allem der Urheber einer Menge Humor. Was und zu Emma Thompson („Saving Mr. Banks“) in der Rolle der Psychotherapeutin führt, die den Film mit ihrer trocken-humoristischen Art bereichert, indem sie kein Blatt vor den Mund nimmt.

Im Rausch der Sterne

Der Begriff „Foodporn“, der für solche Produktionen wie „Im Rausch der Sterne“ nahezu erfunden wurde, beschreibt das auf visuelle Befriedigung ausgelegte In-Szene-Setzen von allem Schmackhaften. Nach Produktionen wie „Der Koch“ oder „Kiss the Cook“ versucht sich jetzt auch John Wells respektive sein Kameramann Adriano Goldman („Trash“) daran. Es gelingt ihm ausgezeichnet, den Rausch von Essen, die fast schon erotische Anziehungskraft und die faszinierende Schönheit von einem Grundbedürfnis einzufangen, das jeder von uns in sich trägt und dieser schönsten Hauptsache der Welt dabei trotzdem so wenig Aufmerksamkeit schenkt. In einer Szene erklärt Adam Jones seiner Mitarbeiterin Helene, dass er sich von seinem Essen weitaus mehr erhofft, als dass seine Gäste davon einfach bloß begeistert sind. Der Ausdruck, es möge doch bitte für einen Moment die Zeit anhalten oder der Vergleich mit einem menschlichen Orgasmus sind durchaus plakativ, trotzdem unterstreichen sie den Charakter und Arbeitseifer von Coopers Figur. Er sieht sich nicht bloß als Koch, sondern als einen Menschen, der mit winzigen Mitteln dazu beitragen kann, sein Umfeld zu bereichern und die Welt ein wenig besser zu machen. Dass er sich in diesen Willen hineinsteigert, ist in der Leidenschaft begründet. „Im Rausch der Sterne“ ist ein Film über Passion, zeigt (ein wenig sanfter als „Whiplash“, aber doch sichtbar) aber auch die Schattenseiten auf, die es gibt, wenn man sich ausschließlich auf eine Sache konzentriert. Nicht umsonst beschreibt der Originaltitel „Burnt“ im Deutschen nicht bloß das Adjektiv angebrannt, sondern auch den Zustand des Ausgebrannt seins, einer Folge eines zu exzessiven Einsatzes für eine Sache, bei der man irgendwann vergisst, auf sich selbst zu achten.

Fazit: Auch wenn es John Wells‘ „Im Rausch der Sterne“ dramaturgisch an allzu extremen Ausschlägen mangelt, ist das humoristisch angereicherte Drama ein visueller Gaumenschmaus und schmackhaftes Schauspielerkino zugleich. Cooper spielt sich in Oscar-Höhen und nach dem Kinobesuch empfiehlt sich vor allem der Besuch eines Restaurants. Guten Appetit!

„Im Rausch der Sterne“ ist ab dem 3. Dezember bundesweit in den Kinos zu sehen.

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