Abgang mit Stil

Zach Braff wagt sich mit seiner Rentner-Komödie ABGANG MIT STIL an ein Großprojekt mit Starbesetzung und schafft es doch, ihm den Charme seiner früheren Produktionen zu verleihen. Doch wo liegen die Schwächen? Das und mehr verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die lebenslangen Freunde Willie (Morgan Freeman), Joe (Michael Caine) und Al (Alan Arkin), genießen den Ruhestand, bis sie eines Tages erfahren, dass die Bank ihre verdiente Rente verjubelt hat. Die drei beschließen, dem beschaulichen Leben als friedlicher Bürger den Rücken zu kehren und erstmals im Leben vom Pfad der Tugend abzuweichen. Als sie die Rechnungen nicht mehr bezahlen und ihre Familien nicht mehr versorgen können, setzen sie alles auf eine Karte und planen einen halsbrecherischen Coup, um eben jene Bank abzuzocken, die sich ihr Altenteil unter den Nagel gerissen hat. In späten Jahren beginnt für die drei Freunde das größte Abenteuer ihres Lebens – zu verlieren haben sie ja nichts.

Kritik

Als Schauspieler war Zach Braff seit seiner ihn prägenden Rolle des J.D. in der Krankenhaus-Sitcom „Scrubs – Die Anfänger“ dauerhaft gebrandmarkt. Als Regisseur jedoch wusste man den 42-jährigen US-Amerikaner nie so recht einzuordnen. Sein melancholisches Coming-of-Age-Drama „Garden State“ wurde zwar zum Kultfilm einer ganzen Generation, auf dessen Pfaden er genau zehn Jahre später erneut zu wandeln versuchte, doch das via Crowdfunding finanzierte Projekt „Wish I Was Here“ trug zwar eine ähnliche Handschrift, konnte an den Kinokassen und in den weltweiten Feuilletons jedoch nicht ansatzweise überzeugen. „Abgang mit Stil“, eine inszenatorisch wie besetzungstechnisch recht massentaugliche Komödie über drei Rentner auf Beutezug, mag in die Vita das zusätzlich auch noch als Produzent, Drehbuchautor und natürlich Schauspieler tätigen Braff gar nicht so recht passen. Und doch tut es nicht nur dem Filmemacher so richtig gut, hier mal nur Regie geführt und nicht auch noch die Geschichte dazu erdacht zu haben, auch der Film profitiert sichtbar von der Verschmelzung des auf liebevolle Details achtenden Stils eines Zach Braff mit einer flotten, mainstream-tauglichen Geschichte. Die im Original „Going in Style“ betitelte Komödie ist so smart, herzensgut und realistisch wie ihre Protagonisten selbst – und ein Hauch von märchenhaftem Kitsch darf in letzter Instanz dann auch nicht fehlen. Was für eine Überraschung!

Die drei Rentner schmieden einen Plan, in den sie auch ausgewählte Freunde einweihen…

24 Millionen Dollar hat „Abgang mit Stil“ das Studio gekostet und schaut man sich einmal die Besetzung an, weiß man sofort, wo das Geld hingeflossen ist. In den Hauptrollen sind niemand Geringeres als Morgan Freeman („Die Unfassbaren 2“), Michael Caine („Kingsman: The Secret Service“) und Alan Arkin („Argo“) zu sehen, die hier als rüstige Rentner-Clique allen anderen die Show stehlen. Das von Theodore Melfi („Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“) umkreist kontinuierlich diese drei Figuren, begleitet sie im Alltag ebenso wie in Extremsituationen und fokussiert insbesondere die Jahrzehnte andauernde Freundschaft, die sie zusammenschweißt wie Familie. Es dauert nicht lange es tritt ein, was bei so ziemlich allen Arbeiten von Melfi eintritt: Irgendwann ist es schwer, sich dem Charme der drei Silberköpfe zu entziehen. Ohne Tragisches zu sehr zu forcieren, wird es auch schon früh emotional, wenn etwa Willie bemerkt, dass das Abhandenkommen seiner Rente dafür sorgen würde, dass er seine Familie im Stich lassen müsste. Und da Willie, Joe und Al für jedermann nachvollziehbare Wünsche haben und nicht etwa an ein Leben in schwelgerischem Luxus denken, sind die von ihnen gestellten Mindestanforderungen an die Rente absolut nachvollziehbar. Während im Kino die Masse an exzentrischen, schrägen und verrückten Charakteren überhand nimmt, kann „Abgang mit Stil“ mit Natürlichkeit punkten. Das mag dem einen oder anderen zu langweilig sein, doch hier kommt eben Zach Braff ins Spiel, der die potenziell miefige Ausgangssituation möglichst modern und clever inszeniert.

Konzeptuell erinnert „Abgang mit Stil“ vor allem in der zweiten Hälfte an Wolfgang Petersens Gaunerposse „Vier gegen die Bank“. Eigentlich beruht das Skript von Theodore Melfi jedoch auf dem Ende der Siebzigerjahre auch in deutschen Kinos gestarteten Film „Die Rentnergang“ von Martin Brest, der später auch „Rendezvous mit Joe Black“ inszenierte. Zwar übernimmt Zach Braff einige wichtige Handlungsmomente aus der Vorlage, doch insgesamt kommt „Abgang mit Stil“ erwartungsgemäß zeitgeistiger und vor allem flotter daher. Insbesondere die Tatsache, dass die drei Hauptfiguren (anders als in so vielen, vielen anderen Komödien mit Protagonisten im Rentenalter) sehr wohl mit Technik umgehen können und ihr Alter gewitzt nutzen, um sich Vorteile zu verschaffen – sich also eine Art umgedrehten Altersrassismus zunutze machen – macht „Abgang mit Stil“ zu einem höchstcharmanten und immer wieder augenzwinkernden Film, der zwar das Szenario an sich ernst nimmt, sich selbst und seine Inszenierung wiederum überhaupt nicht. Zach Braff macht seinen Film so einer möglichst breit gefächerten Zielgruppe zugänglich; auch, wenn es nach einer absolut abgegriffenen Plattitüde klingt, so ist „Abgang mit Stil“ doch tatsächlich für jede Altersgruppe interessant. Ebenso eine Seltenheit im heutigen Kino.

Michael Caine und Morgan Freeman sind in „Abgang mit Stil“ die besten Freunde – auch privat verstehen sie sich gut.

Vereinzelt schießt Zach Braff jedoch über das Ziel hinaus. Nicht immer findet der Regisseur die Balance zwischen gezielter Überspitzung und anstrengender Karikatur. Vor allem in den flotteren Momenten wird „Abgang mit Stil“ mitunter albern und findet nicht immer den richtigen Moment, aus einer Szene herauszugehen. Weitestgehend wieder gerade gerückt wird dieser Umstand jedoch nicht bloß von den drei bereits vielfach erwähnten Hauptdarstellern Freeman, Caine und Arkin, sondern auch von den Nebenfiguren wie Joey King („Conjuring – Die Heimsuchung“), Christopher Lloyd („Zurück in die Zukunft“) und John Ortiz („Kong: Skull Island“) die das Ensemble auf stimmige Weise ergänzen. Inszenatorisch greift Zach Braff auf typische Elemente des Heist-Kinos zurück, indem er Szenenmontagen mit Split-Screens aufpeppt oder bekannte Melodien ähnlich gelagerter Filme verwendet. Dank der präzisen Kameraarbeit von Rodney Charters („The Last Ship“) gewinnt „Abgang mit Stil“ an Größe und damit Kinoausmaße, während die Geschichte indes weniger auf Schauwerte denn vielmehr auf kleine Gesten setzt. Wenn sich plötzlich während des Überfalls in der Bank ein Dialog zwischen dem maskierten Willie und einem verängstigten kleinen Mädchen ergibt, dann macht das viel mehr Eindruck, als die vorab so aufwändig inszenierte Verfolgungsjagd in einem Elektroroller. Aber genau für solche kleinen Momente hatte Zach Braff ja immer schon ein Händchen.

Fazit: „Abgang mit Stil“ trägt das Herz am rechten Fleck, hat jede Menge Stil und ist trotz seiner manchmal ein wenig albernen Attitüde tatsächlich richtig lustig. Deshalb, und aufgrund der herausragenden Chemie unter den drei Hauptdarstellern, kann man sich an Zach Braffs neuester Regiearbeit gar nicht sattsehen.

„Abgang mit Stil“ ist ab dem 13. April 2017 bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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