Irresistable

In der Politsatire IRRESISTABLE battlen Steve Carell und Rose Byrne um die Gunst ihrer Wähler. Dabei legt Regisseur und Autor Jon Stewart diverse Missstände der US-amerikanischen Politik offen und ist ganz nebenbei auch noch echt lustig. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Irresistable (USA 2020)

Der Plot

Politikberater Gary Zimmer (Steve Carell) soll der Demokratischen Partei wieder zu mehr Zuspruch in der ländlichen Bevölkerung verhelfen. Seine geniale Idee: Er will den pensionierten Veteran Colonel Jack Hastings (Chris Cooper) bei dessen Wahlkampf um das Bürgermeisteramt der Kleinstadt Deerlaken unterstützen, nachdem dieser mit einer flammenden Rede für die Einwandererbevölerung einen viralen Hit gelandet war. Leider stellt sich nur allzu schnell heraus, dass eine öffentlichkeitswirksame Kampagne auf dem Land auch so ihre Tücken hat. Zu allem Übel rufen seine Bemühungen außerdem seine Erzfeindin, die skrupellose Republikanerin, Faith Brewster (Rose Byrne) auf den Plan, die alles unternimmt, um Zimmers Pläne zu durchkreuzen.

Kritik

Adam McKay hat mit seiner Politcomedy „The Big Short“ vor ein paar Jahren den Trend für Filme über große gesellschaftspolitische Themen und Ereignisse mit pfiffig-metafiktionaler Inszenierung gelegt. Einen Beitrag hat er mit „Vice – Der zweite Mann“ selbst hinzugefügt und darin über den ehemaligen US-amerikanischen Vizepräsidenten Dick Chaney hergezogen. Es folgten Filme wie „I, Tonya“, „Hustlers“ und kürzlich „Bad Education“ – allesamt Geschichten über wahre Ereignisse respektive Straftaten, erzählt ohne den bierernsten Duktus normaler Dramen oder Thriller, sondern darauf bedacht, dem Zuschauer auch komplizierteste Zusammenhänge zu erläutern und ganz nebenbei immer wieder zu betonen, wie dumm alle Beteiligten – ganz gleich ob Opfer oder Täter – überhaupt erst gehandelt haben müssen, damit es so weit kommen konnte. Auch John Stewarts „Irresistable“ lässt sich diesem Genre hinzufügen. Er beginnt schon damit, dass zwei Politberater – der eine Demokrat, die andere eine Republikanerin – vor die Presse treten und dort ungeschönt darüber sprechen, dass sie die Bevölkerung mit ihren Wahlprogrammen ja ohnehin nur belügen würden, um möglichst viele Stimmen zu generieren.  Besonders subversiv ist das nicht. Aber das sind Satiren ja ohnehin nur selten. „Irresistable“ macht da keine Ausnahme; ist mal scharf beobachtende Politnachdichtung und dann wieder alberne Komödie. Und dabei gelingt es Drehbuchautor und Regisseur Jon Stewart („Rosewater“) immer auch, den Finger in eine ziemlich salzige Wunde zu legen, die viel über den aktuellen Zustand der US-amerikanischen Politik aussagt.

Jack Hastings (Chris Cooper) ist die große Hoffnung des demokratischen Politberaters Gary Zimmer (Steve Carell)

Im Vorspann zu „Irresistable“ unternimmt Jon Stewart einen Streifzug durch die vergangenen Jahrzehnte politischer Führung in den USA. Chronologisch sehen wir Fotografien früherer Präsidenten und Präsidentschaftsanwärter im Kontakt mit Wählern und potenziellen Stimmgebern – bis auf dem letzten Bild ein gelangweilt vor seinem Teller Nudeln hockender Donald Trump sitzt, der daran zu scheitern droht, eine Gabel Spaghetti in seinen Mund zu befördern. Im US-amerikanischen Politgeschehen ist eben alles möglich. Und genau das einzufangen, ist Jon Stewart mit „Irresistable“ hervorragend gelungen. Im Mittelpunkt steht mit Gary Zimmer ein verzweifelt um demokratische Stimmen aus den ländlichen Gebieten der USA ringender Berater, der nicht umsonst von Steve Carell gespielt wird. Gewiss hat sich Carell durch Performances in „Foxcatcher“ und „Willkommen in Marwen“ längst auch im ernsten Schauspielfach bewiesen. Doch mit seiner hier stark an seine „Space Force“-Darbietung erinnernden Performance ist Carell einfach der ideale Kandidat, um seiner Figur aller ernsthaften Absichten zum Trotz einen tollpatschigen Anstrich zu geben, ohne sie direkt inkompetent erscheinen zu lassen. Verrückte Zeiten erfordern eben verrückte Maßnahmen. Das gilt auch für die Methoden der Wahlberater, mit denen sie sich, wie hier zu sehen, bisweilen selbst überfordert sehen.

„‚Irresistable‘ ist mal scharf beobachtende Politnachdichtung, dann wieder alberne Komödie. Und dabei gelingt es Drehbuchautor und Regisseur Jon Stewart immer auch, den Finger in eine ziemlich salzige Wunde zu legen, die viel über den aktuellen Zustand der US-amerikanischen Politik aussagt.“

Dass sich Gary sogar an den Plan macht, einen Noname zum potenziellen Bürgermeister hochzujazzen, bloß weil der mal eine viral gegangene Rede im Sinne seiner Kleinstadtmitbürger gehalten hat, sieht da auf den ersten Blick ebenso skurril aus, offenbart jedoch gerade im Hinblick auf den aktuell an der Macht befindlichen US-Präsidenten den echten Kern. Heutzutage muss man nicht einmal mehr Politiker sein, um das höchste politische Amt der Welt zu bekleiden. In „Irresistable“ denkt Jon Stewart zwar eine Nummer kleiner, die von ihm angewandten Erzählmechanismen und Pointen ließen sich aber nahezu unverändert auch auf deutlich höhere, politische Ebenen übertragen. Natürlich inklusive der exzentrischen Streitereien zwischen Gary und seiner Erzfeindin Faith Brewster, die den amtierenden, republikanischen Bürgermeister Brown betreut und für ein weiteres Amtsjahr zu rabiat-komischen Methoden greift. Überhaupt entbehrt die Interaktion von Steve Carell und Rose Byrne („Spy – Susan Cooper Undercover“) den wohl größten Unterhaltungsfaktor von „Irresistable“, so schön treibt Jon Stewart hier auf die Spitze, dass es ab einer entscheidenden Phase des Wahlkampfes kaum mehr um Politik, sondern um Egos, den eigenen Stolz und Eitelkeiten geht.

Gary versucht, Hastings‘ Tochter Diana Hastings (Mackenzie Davis) für sich zu gewinnen…

Obwohl Stewart „Irresistable“ deutlich mit der Mentalität einer Komödie versieht, nimmt er den entscheidenden Kern darum, wie Politik in den USA funktioniert, sehr, sehr ernst. Das trifft auch auf einen äußerst smarten Twist im Finale zu, der in bester „Vice“-Manier (weshalb das sogar auch auf der inszenatorischen Ebene zutrifft, wollen wir aus Spoilergründen an dieser Stelle nicht verraten) den Spotlight auf menschliche Versäumnisse – oder besser: Blödheit – richtet, was einen Teil der vorherigen Ereignisse in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt. Vielleicht ist das auch ein Grund für die eher verhaltenen Kritiker- und Publikumsstimmen in den USA, die im Grunde dasselbe an „Irresistable“ kritisieren wie damals schon an „Vice“: das vermeintliche Austeilen gegen die Menschen, die sich die aktuelle politische Lage in den USA selbst eingebrockt haben. Doch anders als vorwiegend gegen die Republikaner zu schießen, kritisiert Stewart hier in erster Linie das System im Gesamten und nicht die einzelnen Parteiausrichtungen. Darüber hinaus gelingen Stewart auch im Kleinen sehr amüsante Beobachtungen, allen voran in der Interaktion eines Großstädters mit der vorwiegend republikanisch geprägten Landbevölkerung.

„Der äußerst smarte Twist im Finale richtet in bester „Vice“-Manier den Spotlight auf menschliche Versäumnisse – oder besser: Blödheit –  und lässt einen Teil der vorherigen Ereignisse in einem ganz neuen Licht erscheinen.“

Dabei kommt er bisweilen nicht ohne Klischees aus. Etwa wenn die erste Begegnung zwischen Gary und Jack Hastings‘ hübscher Tochter Diane (Mackenzie Davis) darin besteht, dass diese mit ihrem Arm im After einer Kuh steckt, Gary in seinem Hotel kein Wlan hat oder die von ihm zusammengestellte Organisationsgruppe für Colonel Hastings einfache technische Zusammenhänge nicht versteht. Aber dafür ist „Irresistable“ eben auch eine Satire und keine bloße Komödie.

Fazit: Jon Stewart gelingt mit seiner Satire „Irresistable“ ein gleichermaßen komischer wie smart beobachtender Blick auf die bisweilen absurden Abläufe innerhalb des US-amerikanischen Politsystems. An vorderster Front: Steve Carell und Rose Byrne, die zusammen zwei herrlich leidenschaftliche Erzfeinde abgeben.

„Irresistable“ ist ab dem 6. August in den deutschen Kinos zu gehen und in den USA bereits als VOD abrufbar.

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