Willkommen bei den Hartmanns

Das Thema Flüchtlingskrise bestimmt nicht nur das aktuelle Nachrichtengeschehen, sondern immer öfter auch diverse Ergüsse der Popkultur. Mit WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS wagt sich „Männerherzen“-Regisseur Simon Verhoeven an den schwierigen Spagat aus emotionaler Komödie und herzhafter Satire – und gewinnt auf ganzer Linie. Mehr dazu in meiner Kritik.
Willkommen bei den Hartmanns

Der Plot

Alles beginnt, als Angelika Hartmann (Senta Berger), frisch pensionierte Lehrerin und Mutter einer von Alltagsproblemen geplagten gutbürgerlichen Familie, eines Tages beschließt, einen Flüchtling aufzunehmen. Angelika ist einsam, seit die Kinder aus dem Haus sind. Ihr Mann (Heiner Lauterbach), Chefarzt einer Klinik, versucht mit allen Mitteln, den Alterungsprozess aufzuhalten. Sohn Philip (Florian David Fitz) driftet in Businesswelten zwischen Shanghai und München, dabei bleibt die Beziehung zu seinem Sohn Basti (Marinus Hohmann) etwas auf der Strecke, Tochter Sophie (Palina Rojinski) weiß mit 31 immer noch nicht, was sie will. Der ganz normale Familienwahnsinn also, in den der Nigerianer Diallo (Eric Kabongo) gerät – und auf seine charmantnaive Art das Leben der Hartmanns ziemlich durcheinanderwirbelt. Ein turbulenter Zustandsbericht aus einem fast normalen Land, in dem alle etwas verwirrt sind…

Kritik

TV-Moderator, Satiriker und Erdoğan-Provokateur Jan Böhmermann sagte in seinem wöchentlichen Podcast „Fest und flauschig“ einmal, es gäbe keinen unsinnigeren Satz als „Schluss mit lustig!“. Nun möchten wir beileibe nicht alles gut heißen, was der amtierende „Wetten, dass…!?“-Moderator in seiner mehrjährigen Medienkarriere alles schon von sich gegeben hat. In diesem Fall aber hat er Recht. Was für eine irre Annahme ist es doch, die Welt würde automatisch besser werden, würde man die das Weltgeschehen im Negativen prägenden Ereignisse für sich stehen lassen und nicht doch irgendwie versuchen, ihnen – zumindest in Teilen – die Schwere ihrer Tragweite zu nehmen, indem man das komische Potenzial in ihnen erkennt. Damit sei keine bloße Verballhornung gemeint. Sich über Dinge lustig zu machen, stellt einen ganz anderen Sachverhalt dar, als mit ihnen zu lachen. Der Irrsinn steckt eben auch bei vielen schlechten Nachrichten oftmals im Detail. Da rigoros zu unterscheiden, worüber man nun eigentlich lachen darf und worüber nicht, funktioniert schon deshalb nicht, weil ja schon jeder von uns anders funktioniert. Die Einen ertragen das weltliche Leid um sich herum nur noch mit zynischem Sarkasmus, Andere wiederum, davon werden es allerdings immer weniger, wollen sich komplex damit auseinandersetzen. Und wieder Andere lassen die Dinge einfach geschehen. Ändern können sie an ihnen eh nichts. Was lernen wir daraus? Recht machen wird man es nie allen; erst recht nicht, wenn jeder zu etwas eine Meinung hat, wie am Beispiel der seit über einem Jahr das Mediengeschehen beherrschenden Flüchtlingskrise. Das Gute aber ist: Zwischen der grenzenlosen Willkommens-Euphorie und der hasserfüllten Resistenz gibt es diverse Stufen der Akzeptanz und Ablehnung, um die sich allerdings kaum einer schert. Es ist schließlich viel einfacher, sich einfach nur mit Schwarz und Weiß auseinander zu setzen. Wie man sich ihnen am besten nähert? Mit Humor! Denn Humor ist ebenso vielfältig wie all unsere politischen Meinungen zusammen. Er kann bohrend sein, albern, trocken, beißend, hinterfragend, provokant und simpel – aber er lässt nie kalt. Damit hat Simon Verhoevens Flüchtlingssatire „Willkommen bei den Hartmanns“ schon gewonnen, bevor man sich überhaupt tiefer mit ihr auseinander gesetzt hat.

Nachwuchsarzt Tarek hat ein Auge auf Dauerstudentin Sophie geworfen.

Nachwuchsarzt Tarek hat ein Auge auf Dauerstudentin Sophie geworfen.

Deutschen Filmemachern wird nur zu gern vorgeworfen, sie würden in ihrer Reduktion auf vereinzelte Genres auf Nummer sicher gehen. Doch wenn einschlägige Namen mit Dutzenden von Romantic Comedies regelmäßig mehrere Millionen Besucher in die Kinos locken können, liegt es nahe, dass die Studios entsprechend gern auf derart sichere Kassenschlager-Anwärter setzen. Regisseur Simon Verhoeven durfte dies am eigenen Leib erfahren. Seine beiden Episoden-Romanzen „Männerherzen“ und „Männerherzen und die ganz, ganz große Liebe“ überzeugten jeweils 2,1 respektive 1,3 Millionen Zuschauer von einem Ticketkauf. Der Anfang dieses Jahres getätigte Ausflug ins Horrorkino glückte indes zwar aus qualitativer Sicht, konnte aber an den Kinokassen nicht einmal einen Bruchteil des Einspiels für sich verbuchen. An Genreverhältnissen gemessen – „Unfriend“ stellt mit 265.000 Besuchern den erfolgreichsten deutschen Horrorfilm seit „Anatomie“ dar – konnte man sich von Seiten Warner Bros. trotzdem nicht zu laut beschweren. Es ist also gewiss keine Bequemlichkeit, in der Verhoevens erneutes Betreten bekannter Komödiengefilde mit „Willkommen bei den Hartmanns“ begründet liegt; schon deshalb, weil die Satire sich trotz des geläufigen, bereits in den „Männerherzen“-Filmen etablierten RomCom-Hochglanzlooks inhaltlich ganz und gar von ebenjenen seichteren Genreverhältnissen abhebt. Ein romantischer Nebenplot scheint allenfalls marginal durch und die in einem Gros deutscher Komödien vorherrschende, humoristische Simplizität herrscht in „Willkommen bei den Hartmanns“ ebenfalls nicht vor. Simon Verhoeven, der zu seinem Film auch das Drehbuch schrieb, gesteht seinen „Hartmanns“ allenfalls auf visueller und akustischer Ebene massentaugliche Gefälligkeiten zu. Das kann man mögen (die Optik entspricht dem, was man von deutschen Kinoproduktionen heutzutage erwarten darf), oder auch nicht (wenngleich die Macher auf allzu präsente Filter verzichten, wirkt „Willkommen bei den Hartmanns“ in seinen starken Kontrasten und der hervorstechenden Farbenpracht nicht vollständig lebensnah). Auf jeden Fall aber bekommt der Zuschauer das Optimum an technischer Qualität geboten.

Während es Zynikern nahe liegen mag, „Willkommen bei den Hartmanns“ auf den ersten Blick all das vorzuwerfen, was sie ohnehin jeder nationalen Filmproduktion attestieren, die sich auf die breite Masse als Publikum verlässt, lohnt gerade in diesem Fall der Blick unter die Oberfläche. Simon Verhoevens Clash aus emotionaler Komödie und bissiger Polit- und Gesellschaftssatire ist zu keinem Zeitpunkt daran gelegen, es dem Publikum möglichst einfach, angenehm oder gar bequem zu machen. So lässt sich „Willkommen bei den Hartmanns“ zwar auch anhand einer eher oberflächlichen Betrachtung genießen; der Hauptplot um die titelgebende Familie Hartmann mit all ihren Spleens und komischen Verirrungen bietet genug Situationskomik- und Slapstickpotenzial, um ein Publikum zu unterhalten, das kleine Messages, Botschaften und entlarvende Gesellschaftsanalysen nicht erkennen kann oder will. Gleichsam lässt sich der Film aber auch genau um solche ergänzen, worin sich auch der Unterschied zwischen einer klassischen Komödie und einer Satire bemerkbar macht. Punktuelle, fast schon grobmotorisch anmutende Gag-Einschübe mögen auf den ersten Blick albern wirken, doch wenn etwa Angelika Hartmann nachts davon träumt, der Islamische Staat hätte die Gewalt über München an sich gerissen hat, sorgt gerade diese groteske Überzeichnung dafür, dass der anschließende Wechsel hin zum emotionalen Austausch über das Grauen in ebenjenen, von der Terrormiliz IS unterjochten Ländern umso intensiver nachwirkt. Es ist wie ein andauerndes Wechselspiel zwischen auffälligem, körperbetont-ausladendem Humor, der unverkrampft gegen alle politischen und gesellschaftlichen Lager schießt, und den das Geschehen erdenden Dialogszenen, die das Grauen der Geflüchteten zu keinem Zeitpunkt ausblenden, das „Willkommen bei den Hartmanns“ zu einem ungewöhnlichen, den Zuschauer fordernden Rhythmus verhilft.

Mutter Angelika macht Diallo mit den Gepflogenheiten in Deutschland vertraut. Station eins: der Supermarkt

Mutter Angelika macht Diallo mit den Gepflogenheiten in Deutschland vertraut. Station eins: der Supermarkt

Während Simon Verhoeven auf diese Weise nicht bloß verschiedene Genreeinflüsse miteinander kombiniert, sondern auch auf vielfältige Art unterschiedliche Humor-Auswüchse für sich arbeiten lässt, gerät der Handlungsaufbau darüber fast ein wenig in den Hintergrund. „Willkommen bei den Hartmanns“ steht zwischen den Stühlen einer stringent erzählten, definitiv ausladenden Gesamthandlung und eines weiteren Episodenfilms, deren einzelne Geschichten jedoch ein wenig zu eng miteinander verknüpft sind, um tatsächlich auch als ein solcher zu funktionieren. Insofern wirkt die Satire hier und da überambitioniert und droht mitunter, dramaturgisch wie erzählerisch ins Straucheln zu geraten. Bemerkbar macht sich das in erster Linie anhand der vielen Nebenschauplätze, die in ihrer Anzahl fast ein wenig überfordernd wirken. Es fällt nicht immer leicht, den Überblick zu behalten; zumal der Plotverlauf an sich ohne allzu große Überraschungen, geschweige denn Twists auskommt, was das Zurückhalten manch einer Information rechtfertigen könnte. Jeder noch so unscheinbar wirkenden Nebenfigur verpasst das Skript eine mal größere, mal kleinere Hintergrundgeschichte; gerade bei den bewusst auf die karikatureske Spitze getriebenen Charakteren wäre das nicht immer nötig gewesen. Auf der anderen Seite entwickeln einige Figuren erst im Laufe der knapp zweistündigen Handlung ihre zu Beginn bezweifelte Wichtigkeit. Die mit Feuereifer von Ulrike Kriener („Kommissarin Lucas“) verkörperte Flüchtlingshelferin Heike etwa wirkt nur auf den ersten Blick wie ein weitestgehend irrelevanter Stichwortgeber, erweist sich später jedoch als elementar, da sich in ihrer Figur ein ganz bestimmter Beobachtungstypus des Flüchtlingsgeschehens wiederspiegelt. So erzählt „Willkommen von den Hartmanns“ zwar im Kern von einer einzelnen, sämtliche politische Meinungen und Nicht-Meinungen in sich vereinenden Familie, noch viel gewitzter und erzählerisch klüger ist allerdings der Einbezug ihres Umfelds. Die Komödie bezieht sämtliche Facetten mit ein, mit denen man sich auseinander setzen muss, wenn man ein komplexes Bild dieser Thematik aufarbeiten möchte. Das Flüchtlingsheim im Film beherbergt also sowohl Hilfesuchende, als auch einen radikaldenkenden Muslimen, die Hartmanns sehen sich nach ihrer Aufnahme von Flüchtling Diallo nicht bloß Zustimmung ausgesetzt und wo andere Filme abblenden würden, wenn ein ganz normales Paar über ein Thema wie die Vollverschleierung spricht, um sich bloß nicht die Finger zu verbrennen, erlaubt sich „Willkommen bei den Hartmanns“ eben sehr wohl kritische Worte zur Burka, ohne dabei den Fehler zu begehen, eine Meinung vorzugeben.

All das könnte trotzdem immer noch tierisch schief gehen, würde sich Simon Verhoeven auf die Spleens seiner Figuren stürzen und sich mit ihrer Hilfe über all das lustig machen, was er auf der Leinwand in abgehobenen Szenerien satirisch aufbereitet. Jemanden auszulachen, weil er Bedenken hat, ist ebenso falsch, wie das Amüsement über blauäugiges, naives Handeln. Trotzdem gibt es gewiss Momente, in denen ist das Lachen über gewisse Personengruppen erlaubt; dies gilt etwa für jene Szenen, in der eine Gruppe Rechtsradikaler das Haus der Hartmanns belagert. Verhoeven hält sich nicht damit zurück, wenn es darum geht, die bemitleidenswerte Attitüde derartiger Idioten in den Fokus zu rücken. Dasselbe gilt für die Szenen, in denen das unheimliche Gebären eines radikaldenkenden Muslims auf die Spitze getrieben wird. Abseits davon begibt sich „Willkommen bei den Hartmanns“ jedoch gerade über die das Geschehen menschlich zusammenhaltende Figur des Diallo auf Augenhöhe mit all jenen Menschen, die weder rechts, noch links, sondern eben einfach in einer Situation sind, in der man sie dazu zu zwingen scheint, eines von beiden zu sein. In Trailer und Inhaltsbeschreibung heißt es, wir seien alle ein bisschen verwirrt. Und auch, wenn manch einer meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen und für die Gesamtsituation eine alle Probleme beseitigende Lösung gefunden zu haben, so treibt die aktuell vorherrschende, weltpolitische Lage jeden von uns irgendwann an den Punkt der Ratlosigkeit. „Willkommen bei den Hartmanns“ kann und will diesen Umstand nicht ändern. Mit Ausnahme dessen, dass Radikalität auf beiden Seiten einfach nur daneben ist, fällt Simon Verhoeven kein allgemeingültiges Urteil, sondern versucht ein filmisches Statement dagegen zu setzen, eine ohnehin angespannte Welt durch kleinkarierte Gedankenbeschränkung noch angespannter zu machen.

Richard sucht Rat bei seinem Kumpel uns Schönheitschirurgen, der seine ganz eigene Sicht auf das Thema Flüchtlinge hat.

Richard sucht Rat bei seinem Kumpel uns Schönheitschirurgen, der seine ganz eigene Sicht auf das Thema Flüchtlinge hat.

Vielleicht spielt es Simon Verhoeven genau an diesem Punkt in die Hände, dass er die ganze Thematik nicht als schweren Problemfilm, sondern als zugänglichen, mit dem Who-Is-Who aktuell angesagter deutscher Schauspieler besetzten Unterhaltungsfilm inszeniert hat. Natürlich greift man mit Elyas M’Barek („Fack ju Göhte“ 1 und 2), Florian David Fitz („Der geilste Tag“), Senta Berger („Satte Farben vor Schwarz“), Uwe Ochsenknecht („Stadtlandliebe“), Heiner Lauterbach („Wir sind die Neuen“) und Palina Rojinski („Traumfrauen“) auf ein Ensemble zurück, dass allein schon aufgrund seines Starappeals attraktiv wirkt; vor allem auf Gelegenheitskinogänger. Doch der Film profitiert nicht bloß von dem insgesamt sehr zurückhaltenden, weitestgehend bodenständigen Spiel (lediglich Florian David Fitz darf in seinem Nebenplot ein wenig über die Strenge schlagen), sondern auch davon, dass keiner von ihnen den wahren Star des Films überspielt. Newcomer Eric Kabongo bringt den Wankelmut seines grundsympathischen, zwischen offenherziger Gutmütigkeit, zaghaftem Lebensmut und in sich gekehrter Traurigkeit chargierenden Diallo hervorragend zur Geltung, wenn er sich gleichzeitig optimistisch in die Familie der Hartmanns integriert und auf der anderen Seite vor einer Schulklasse niederschmetternd und bewegend über seine Vergangenheit spricht (eine der stärksten Szenen des Films!). Diallo hält sämtliche Handlungsfäden von „Willkommen bei den Hartmanns“ zusammen, wird mal zum Katalysator angestauter Aggressionen, zum Vermittler und verhilft dem Film zu ebenjener Prise Melancholie, die das Thema bei aller optimistischen Betrachtungsweise einfach benötigt, um auch nach der Filmsichtung nachzuwirken. Gleichzeitig ist Diallo nicht umsonst vollkommen frei von Makeln: Wenn er sich von Sohn Basti überreden lässt, an einer nicht ganz so korrekten Aktion mitzuwirken, scheint eine der wichtigsten, aber doch vollkommen simple Aussage von „Willkommen bei den Hartmanns“ hervor: Flüchtlinge sind einfach nur eines: Menschen. Und genau deswegen hat jeder von ihnen Stärken, Schwächen aber in erste Linie eine Chance auf ein ganz normales Leben verdient.

Fazit: „Willkommen bei den Hartmanns“ will keine Lösungen bieten, sondern uns für zwei Stunden daran erinnern, dass wir uns eine ohnehin verwirrende Zeit nicht noch verwirrender machen müssen, indem wir alles doppelt und dreifach hinterfragen. Dabei besticht die sämtliche Facetten des Flüchtlingsthemas anreißende Satire mit teils ziemlich gewagtem Humor, einem herrlich aufgelegten Ensemble und einem melancholischen roten Faden, der die bisweilen ein wenig zu überhastete Handlung gut erden kann.

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist ab dem 3. November bundesweit in den Kinos zu sehen!

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