Die Erfindung der Wahrheit

Jessica Chastain war für ihre Rolle als knallharte Lobbyistin in dem Politthriller DIE ERFINDUNG DER WAHRHEIT für den Golden Globe nominiert. Und auch sonst ist der neue Film von „Shakespeare in Love“-Regisseur John Madden ein waschechter Geheimtipp. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) der Star der Branche. Die brillante, selbstsichere, völlig skrupellose Lobbyistin der alteingesessenen Kanzlei George Dupont ist berüchtigt für ihr einzigartiges Talent, ihre Rücksichtslosigkeit und ihre zahllosen Erfolge. Um ans Ziel zu kommen, tut sie alles. Für die mächtige Waffenlobby ist sie die Frau der Stunde, um ein neues unliebsames Waffengesetz zu verhindern. Doch Sloane verfolgt ihre eigenen Ziele und wechselt nach einem Streit mit Dupont überraschend die Seiten. Die Waffenlobby sieht sich plötzlich einer unberechenbaren Gegnerin gegenüber. Sloane nimmt den härtesten Kampf ihrer Karriere in Angriff und beginnt zu ahnen, dass der Preis für ihren Erfolg etwas zu hoch sein könnte.

Kritik

Gute Filme können mit einem unvorhersehbaren Twist im Nachhinein all das auf den Kopf stellen, was wir im festen Glauben daran, dass alles so ist wie es scheint, mehrere Stunden lang für bare Münze genommen haben. Doch nur sehr guten Filmen gelingt es, sich nicht ausschließlich über diese überraschende Wendung zu definieren, sondern sie lediglich zum Tüpfelchen auf dem i werden zu lassen. Ein „The Sixth Sense“ funktioniert auch beim wiederholten Gucken und wenn man weiß, was es mit der Existenz von Hollywoods berühmtestem Kinderpsychologen auf sich hat. Auch David Finchers „Sieben“ büßt nicht plötzlich an Sehgenuss ein, bloß weil man längst hinter die Pläne des fiesen Killers John Doe gestiegen ist. So ein erzählerischer Turnaround muss daher gut vorbereitet werden und genau das gelingt nun auch John Madden („Best Exotic Marigold Hotel“), der mit „Die Erfindung der Wahrheit“ einen Politthriller inszeniert, der kaum besser in die heutige Zeit passen könnte. Wenn er knapp zweieinhalb Stunden lang hinter die Kulissen des US-amerikanischen Lobbyismus blickt und dabei keinen dreckigen Stein auf dem anderen lässt, wird man das Gefühl nicht los, sein im Original „Miss Sloane“ betitelter Film wäre gleichsam eine unterschwellige Anklage gegen ein korruptes System, an dessen vorderster Front einzig und alleine diejenigen stehen, die Macht, Geld und die richtigen Kontakte haben. Doch als ausschließliche Anklage lässt sich „Die Erfindung der Wahrheit“ dann doch nicht werten; Madden gelingt obendrein auch noch ein fabelhaft-spannender Unterhaltungsfilm, mit dem sich „Zero Dark Thirty“-Star Jessica Chastain einmal mehr als eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation beweist.

Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) mit ihrem Auftraggeber Rodolfo Schmiedt (Mark Strong).

Nie wurde in der Filmbranche lauter nach starken Frauenrollen verlangt, als heute. Und wenn ein Film eine solche bietet, dann ist es aktuell „Die Erfindung der Wahrheit“, in welcher die Frage danach, welches Geschlecht die Hauptfigur hat, zu keinem Zeitpunkt gestellt wird. Diese Elizabeth Sloane weiß sich im männerdominierten Politbusiness mit einer absoluten Selbstverständlichkeit durchzusetzen, nimmt die Dienste von Callboys in Anspruch, schluckt Aufputschmittel und geht bis zum Äußersten, um ihre Kunden zufriedenzustellen, ohne dabei an Weiblichkeit zu verlieren. Jessica Chastain legt so viel Leidenschaft in ihre Performance, dass sie mit ihrer unnahbaren, jedoch gleichsam bewundernswerten Figur verschmilzt. Einfach macht sie es dem Zuschauer indes nicht. Elizabeth Sloane ist keine Person, mit der man sich spontan gern umgeben würde. Dafür wirkt ihr Auftreten zu kalkuliert, ihr Handeln zu sehr darauf bedacht, wie es von ihrer Umgebung wahrgenommen wird. Doch je mehr man über sie erfährt, desto stärker realisiert der Zuschauer ihre Aufopferungsbereitschaft für die Kampagne, die sie irgendwie mit ihren eigenen Idealen in Einklang zu bringen versucht. Der Originaltitel „Miss Sloane“ trifft den Kern von „Die Erfindung der Wahrheit“ daher noch einmal ein wenig deutlicher: John Maddens Thriller handelt gewiss von den offenbar nicht unüblichen Machenschaften des US-amerikanischen (Waffen-)Lobbyismus, doch auf einer zweiten, weitaus wichtigeren Ebene geht es auch um eine Frau, die zwischen der Gier nach unbedingter Gerechtigkeit, dem Willen ihrer Auftraggeber und der eigenen Moral hin und her balanciert – immer versucht, sich dabei selbst nicht zu verlieren.

Angetrieben von der herausragenden Performance Jessica Chastains und unterstützt von den ebenfalls starken Leistungen ihrer Co-Darsteller Mark Strong („Kingsman: The Secret Service“), Michael Stuhlbarg („Doctor Strange“), Alison Phil („Hail, Caesar!“) und – ganz besonders – Jake Lacey („How To Be Single“) als undurchschaubarer Callboy Forde, entspinnt sich auf der Leinwand ein Geflecht aus Lügen, Intrigen und gezielt auf Sieg ausgelegten Machenschaften, die sich allesamt mit Kampagnen für und wider das US-amerikanische Waffenrecht befassen. Während die einen den lockereren Umgang mit dem Gebrauch von Schusswaffen befürworten, setzen sich die anderen dafür ein, dass endlich strengere Auflagen gelten sollen – und schrecken in einer beispielhaft inszenierten Talkshowsequenz auch auf beiden nicht vor reißerischen Tricks und billigen Schockeffekten zurück. Immer wieder stellt sich in „Die Erfindung der Wahrheit“ die Frage, wie sehr der Zweck die Mittel heiligt. Denn so bemerkenswert die Pläne von Elizabeth Sloane und ihrem Team auch sein mögen, scheut sie doch nicht davor zurück, ihr anvertraute, nahe stehende Personen ans System zu verraten. Im Grunde weiß man trotz der klaren thematischen Positionierung nie so recht, wem man in diesem Schlagabtausch eigentlich die Daumen drücken soll, denn Leichen haben sie alle im Keller. Doch am Ende geht es hier nicht um das Was, sondern um das Wie.

Elizabeth Sloane muss sich vor Gericht verantworten.

Einen erzählerischen Bogen erhält „Die Erfindung der Wahrheit“ mithilfe eines Gerichtsprozesses, in welchem sich Elizabeth für unlautere Arbeitsmethoden verantworten muss, die sie ihren Job kosten könnten. In Rückblenden erzählt, erlebt der Zuschauer die vergangenen Monate aus verschiedenen Blickwinkeln und erhält so ein allumfassendes Bild von dem, womit sich die US-amerikanische Politik abseits des (mittlerweile auch in der Realität nicht mehr vorherrschenden) schönen Scheins auseinander setzt. Irgendwo zwischen den dystopisch angehauchten, äußerst pessimistischen Dramen in „House of Cards“ und den satirisch-amüsanten Reibereien aus „Thank You For Smoking“ entwickelt „Die Erfindung der Wahrheit“ einen mitreißenden, dramatischen und trotz seiner Dialoglastigkeit hochspannenden Drive, den Kameramann Sebastian Blenkov („The Riot Club“) in kühl-elegante Bilder kleidet. Wenn Drehbuchautor Jonathan Perera (der, man glaubt es kaum, mit diesem Skript sein Debüt abliefert) auf der Zielgeraden das ganze Ausmaß an Schmutz, Misstrauen und politischer Verachtung auf den Zuschauer loslässt, dann werden sich an dieser konstruierten Provokation mit Sicherheit die Geister scheiden. Doch wohl vor allem daran, wie weit wir heute noch von dem entfernt sind, was da auf der Leinwand zu einem fassungslos machenden Thriller wird.

Fazit: „Die Erfindung der Wahrheit“ ermöglicht dem Zuschauer einen hochbrisanten Blick hinter die Kulissen des US-amerikanischen Lobbyismus, den nicht bloß die wendungsreich inszenierte, absolut kurzweilige Story so sehenswert macht, sondern allen voran die kraftvolle Performance von Jessica Chastain.

„Die Erfindung der Wahrheit“ ist ab dem 6. Juli in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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