Nebel im August

Wenn einmal mehr ein Drama über das Thema „Zweiter Weltkrieg“ in den deutschen Kinos erscheint, schlägt man als Unwissender oft reflexartig die Hände vors Gesicht. Denn auch, wenn das Thema wichtig ist, schaffen es beileibe nicht alle Produktionen, ihm neue Facetten abzugewinnen. Wie es sich mit der Romanverfilmung NEBEL IM AUGUST verhält, verrate ich in meiner Kritik.Nebel im August

Der Plot

Nach einer wahren Begebenheit – Süddeutschland, Anfang der 1940er-Jahre. Der 13- jährige Ernst Lossa (Ivo Pietzcker), Sohn fahrender Händler und Halbwaise, ist ein aufgeweckter aber unangepasster Junge. Die Kinder- und Erziehungsheime, in denen er bisher lebte, haben ihn als „nicht erziehbar“ eingestuft und schieben ihn schließlich wegen seiner rebellischen Art in eine Nervenheilanstalt ab. Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass unter der Klinikleitung von Dr. Veithausen (Sebastian Koch) Insassen getötet werden. Er setzt sich zur Wehr und versucht, den behinderten Patienten und Mitgefangenen zu helfen. Schließlich plant er die Flucht, gemeinsam mit Nandl, seiner ersten Liebe. Doch Ernst befindet sich in großer Gefahr, denn Klinikleitung und Personal entscheiden über Leben und Tod der Kinder…

Kritik

Den deutschen Filmemachern hängt der Ruf an, sich vorzugsweise auf zwei Genres zu konzentrieren: die RomCom und das Weltkriegsdrama. In beiden Fällen ist weniger entscheidend, dass es davon bereits unzählige gibt. Wichtig ist, ob das, was erzählt wird, erzählenswert ist. Besonders die Verfilmung kaum vergleichbarer Einzelschicksale bietet sich an, wenn man einen weiteren Beitrag zum Thema „Drittes Reich“ inszenieren möchte, ohne sich dabei zu wiederholen. Diesen Weg ging im vergangenen Jahr etwa Oliver Hirschbiegel mit „Elser“, aber auch sämtliche Neuninterpretationen des Anne-Frank-Tagebuchs nutzen die Erlebnisse einer einzelnen Person stellvertretend für das Grauen, das Tausende Menschen während der Hitler-Diktatur durchleben muss. Regisseur Kai Wessel („Hilde“) fügt der Vielzahl von Weltkriegsdramen mit „Nebel im August“ ein solches bei, das sich mit einer Thematik beschäftigt, die an Unmenschlichkeit kaum zu übertreffen ist. Unter „Euthanasie“ versteht man die gezielte, nach System stattfindende Ausrottung bestimmter Gesellschaftsschichten (unter anderem geistig und körperlich Behinderte), die während des Zweiten Weltkriegs zur sogenannten „Rassenhygiene“ beitragen sollte. Basierend auf dem gleichnamigen Tatsachen-Roman von Robert Domes erzählt „Nebel im August“ die zutiefst menschliche Geschichte eines kleinen Jungen, der selbst in der dunkelsten Stunde nie die Hoffnung verlor.

Nebel im August

Die dritte Kinoarbeit des Drehbuchautors Holger Karsten Schmidt („Das Programm“) erinnert erzählerisch an das Skript von Hans Steinbichlers „Tagebuch der Anne Frank“. Der Film, der ebenfalls in diesem Jahr ins Kino kam und solide bei Kritikern wie Zuschauern abschnitt, zeichnete die titelgebende Heldin Anne nicht als hilfloses Opfer ihrer Zeit, sondern als rebellische Jugendliche, welcher der einen Tick jüngere Ernst Lossa in nichts nachsteht. Schmidt zeichnet auch die von Newcomer Ivo Pietzcker („Jack“) mit einer beachtlichen Reife verkörperte Hauptfigur von „Nebel im August“ nicht als duckmäuserisches Opfer. Stattdessen lässt er den kantigen, es Umfeld wie Publikum nicht immer ganz einfach machenden Teenager gegen ein System aufbegehren, gegen das man alleine eigentlich gar nichts ausrichten kann. Schließlich wissen wir alle, dass der Kampf eines 13-jährigen Jungen gegen die ausgeklügelte Tötungsmaschinerie der Nazis allenfalls einem Kampf zwischen David und Goliath gleichkommt. Nur dass hier eben David zwangsläufig das Nachsehen haben muss. Doch spätestens, wenn Ernst Lossa nach seiner Ankunft in der Psychiatrie die erste Auseinandersetzung mit dem Anführer der Insassen prompt für sich entscheidet, offenbart sich die unbedingte Motivation hinter seinem Handeln. So mag Ernst Lossa zwar irgendwann an seine emotionalen wie körperlichen Grenzen stoßen. Einfach macht er es seinem Umfeld – vor allem dem grausamen Anstaltsleiter Dr. Veithausen – deshalb aber noch lange nicht.

Kai Wessel verleiht seinem „Nebel im August“ bei aller Härte etwas Zerbrechliches, sodass dem Regisseur ein beachtlicher Balanceakt zwischen anklagendem Zeitdokument und zartem Coming-of-Age-Film gelingt. Zeitweise verlagert das Skript seinen Fokus gar weg von der Euthanasie-Thematik, hin zu aufkeimenden, unschuldig-zarten Liebelei zwischen Ernst und der an Fallsucht (Epilepsie) leidenden Nandl (Jule Hermann). Wessel gelingt es, beide Schwerpunkte so unter einen Hut zu bringen, dass sie sich gegenseitig nicht behindern. Szenen wie ein romantischer Bootsausflug bei Nacht nehmen dem Film für einen kurzen Moment all seine Härte und Schmerz, nur um in der nächsten Szene noch intensiver über den Zuschauer hereinzubrechen. Manch ein symbolischer Einschub mag den Machern hier vielleicht nicht ganz geglückt sein (Stichwort: Rabe), doch in der Summe ist „Nebel im August“ ein Film, der die Euthanasie-Thematik eben vor allem deshalb so ungeschönt an den Zuschauer heranträgt, weil er in den entscheidenden Momenten der Grausamkeit nicht abschwächt. So sind nicht einmal einst als Hauptfiguren eingeführte Charaktere davor gefeit, die Geschehnisse auf der Leinwand bis zuletzt zu überleben.

Nebel im AugustNeben Ivo Pietzcker ist es vor allem Sebastian Koch („Bridge of Spies – Der Unterhändler“), dessen von fehlgeleitetem Kalkül geprägtes Handeln „Nebel im August“ prägt. Seine Performance vereint gewissenhaften Gehorsam mit scheußlichen Wertevorstellungen und vermischt sie zu einer durch und durch angsteinflößenden Attitüde. Wenn er seinen Chefs eine ohne jede Nährstoffe versehene Suppe, die Menschen zwangsläufig an Unterernährung sterben lässt, als neueste Errungenschaft und Lösung für alle Probleme präsentiert, als ginge es hier um eine technische Revolution, dann läuft es dem Zuschauer eiskalt den Rücken herunter. Zudem geht seine Figur des Klinikleiters buchstäblich über Leichen. Eine Szene, in der er Sekunden vor einer Mordanweisung mit dem zu tötenden Kind herumalbert, wirkt zwar mitunter kalkuliert, unterstreicht allerdings die bittere Doppelmoral einer Einrichtung, in der Leuten geholfen werden soll, die aber erst durch ihren Aufenthalt dort zu Tode kommen. Auch abseits dieses Moments inszeniert Kai Wessel Szenen mitunter ein wenig zu forciert. Die Figur der von Fritzi Haberland („Die Libelle und das Nashorn“) bemitleidenswert hilflos verkörperten Schwester Sophia mag es so zwar gegeben haben, mehr als ihr Dasein als moralische Instanz kann ihr das Skript aber nicht abgewinnen, da es für Haberland nicht mehr als einige vorhersehbare Rettungsversuche bereithält. Dafür überzeugt Henriette Confurius („Das kalte Herz“) als vollkommen frei von jedweder Menschlichkeit agierende Krankenschwester Edith, deren einzige Aufgabe es ist, die Kinder mit „Himbeersaft“ umzubringen. Getaucht in Bilder (Hagen Bogdanski), die auch ein Janusz Kaminski nicht packender einfangen könnte, wird „Nebel im August“ schließlich zu einer melancholischen Suche nach der Antwort auf das „Warum?“. Mit dem mutigen Finale gibt uns Kai Wessel schlussendlich zu verstehen, dass man diese Frage nie beantworten können wird.

Fazit: „Nebel im August“ schlägt zwar erzählerisch keine allzu mutigen Wellen. Gleichwohl ist es das Wissen darum, dass sich die Geschehnisse im Film nicht bloß an dieser Einrichtung, sondern auch an vielen weiteren so zutrugen, das Wessels Drama zu einem emotional fordernden Filmerlebnis macht. Technisch auf internationalem Niveau angesiedelt und mit herausragenden Darstellern versehen, ist „Nebel im August“ einer der stärksten deutschen Filme des Jahres.

„Nebel im August“ ist ab dem 29. September in den deutschen Kinos zu sehen.

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