7500

Der Albtraum einer Flugzeugentführung aus den Augen des Entführten zu erleben, das macht Regisseur Patrick Vollrath in seinem Echtzeitthriller 7500 möglich. Ob das Endergebnis gut oder weniger gut geworden ist, das verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Ein Flug von Berlin nach Paris. Alltägliche Arbeiten im Cockpit eines Airbus A319. Co-Pilot Tobias Ellis (Joseph Gordon-Levitt) bereitet routiniert den Abflug der Maschine vor. Der Start verläuft wie immer reibungslos. Doch dann hört man Geschrei in der Kabine. Eine Gruppe junger Männer, unter ihnen der achtzehnjährige Vedat (Omid Memar), versuchen ins Cockpit einzudringen. Es beginnt ein Kampf zwischen Besatzung und Angreifern, eine Zerreißprobe zwischen dem Wunsch, einzelne Leben zu retten und noch größeren Schaden abzuwenden. Die Cockpittür wird zum Kampfgebiet und Tobias gerät in die Position, über Leben und Tod entscheiden zu müssen…

Kritik

Die Zahlenkombination 7500 ist in der internationalen Luftfahrt der Emergency Code für eine Flugzeugentführung. Patrick Vollraths erste Langfilmregiearbeit (nach der Inszenierung von acht Kurzfilmen, einer davon Oscar-nominiert) trägt diesen und keinen Nach- oder Zusatztitel nicht ohne Grund. In seinem nahezu in Echtzeit aufgenommenen Thrillerdrama konzentriert sich alles auf exakt dieses eine Thema. Wir erleben aus der Perspektive eines Piloten das Horrorszenario eines Flugzeugnappings mit. Und zwar ausschließlich. Das bedeutet: Ähnlich des im vergangenen Jahr erschienenen Genrebeitrags „The Guilty“ existiert auch in „7500“ lediglich eine einzige Identifikationsfigur, aus dessen Augen wir das Grauen um uns herum erleben. Der Wahrnehmungsradius beschränkt sich auf die wenige Quadratmeter große Flugzeugkabine. Was im Passagierraum des Flugzeugs oder in dem kleinen Bereich zwischen Passagier- und Pilotenkabine vonstattengeht, nimmt der Protagonist stellvertretend für den Zuschauer über einen kleinen Monitor wahr. Visuell eingeschränkter und emotional hilfloser lässt sich eine solche Situation wohl kaum miterleben. Vollrath nutzt dieses bewusst reduzierte Konzept vollständig aus und lässt sich lange Zeit nicht dazu hinreißen, aus seinem „‘The Guilty‘ über den Wolken“ in „Non-Stop“-ähnliche Gefilde überzulaufen. Trotzdem werden sich beim konsequent ausformulierten Ende die Geister scheiden.

Tobias‘ Freundin Gökce (Aylin Tezel) wird Opfer der Entführer.

„7500“ beginnt kurz vor Start der im Film im Mittelpunkt stehenden Passagiermaschine von Berlin nach Paris. Die hier gezeigten, insbesondere technischen Abläufe wirken routiniert. Über die später zur Identifikationsfigur werdende Figur des Co-Piloten Tobias erfahren wir durch wenige Gesprächsfetzen mit seiner auf diesem Flug als Stewardess arbeitenden Freundin Gökce (Aylin Tezel) lediglich, dass er Familienvater ist und die Wahl der richtigen Kita aktuell eine wichtige Rolle in seinem und dem Leben seiner Partnerin spielt. Schon früh deutet das von Patrick Vollrath selbst verfasste Skript hier aber auch kulturelle Unterschiede an. So wird etwa der Ausländeranteil in einer der möglichen Kindertagesstätten des Sohnes zu einem Diskussionspunkt; etwas, was später in „7500“ an anderer Stelle noch einmal aufgegriffen wird. Dann allerdings in einem völlig anderen Kontext. Hat man „7500“ erst einmal zu Ende geschaut, fallen einem derartige Dialoge als früh gesetzte Nadelstiche auf, während sie zum Zeitpunkt des Sehens nur als weitestgehend belanglose Randnotiz wahrgenommen werden. Denn Vollrath und sein Team geht es zwar in erster Instanz um das hautnahe Erleben einer Flugzeugentführung, entblättern sie allerdings erst einmal die dieser zugrunde liegenden Gründe, eröffnet sich einem eine breite Diskussionsgrundlage, die man entweder ziemlich platt oder genau richtig finden kann. Die Tatsache, dass an der Storyentwicklung auch der Jugoslawien-stämmige Senad Halilbasic beteiligt war, offenbart zumindest, dass auf den Verlauf der Story die Augen unterschiedlicher Kulturen geblickt haben.

Dieses Wissen darum fühlt sich ganz schön wichtig an, wenn man bedenkt, welch einseitige Gründe Vollrath hier für die Entführung des Flugzeuges auffahren. Gleichwohl inszeniert er ebenjene Entführung selbst als hochspannenden, psychisch und physisch gewalttätigen Akt, dessen genaues Vonstattengehen sich die meiste Zeit über ausschließlich im Kopf des Zuschauers abspielt. Was genau die Flugzeugnapper nämlich mit den Passagieren sowie dem Bordpersonal anstellen, bekommt man nur in sehr vereinzelten Momenten – etwa wenn einer der Terroristen Tobias‘ Freundin Gökce direkt vor der direkt vorm Cockpit platzierten Kamera positioniert und mit einem Messer bedroht – mit. Immer wieder inszeniert Patrick Vollrath Momente, in denen die ohnehin stetige Bedrohung noch eine Spur bedrohlicher wird und sich die Hauptfigur zum direkten Handeln genötigt sieht. Dass „7500“ dabei nie in die Vollen geht und sich Tobias vom überforderten wenngleich sich um Übersicht und Ruhe mühenden Opfer zum Liam-Neeson-artigen Racheengel entpuppt, ist dem zielgerichteten Drehbuch geschuldet. Vollrath geht es in seinem Film nicht um konstruierte Genremomente, sondern um das Einfangen einer authentischen Bedrohungssituation. Das fordert nicht nur (überraschende) Opfer, sondern auch den Willen des Publikums, sich auf dieses ganz besondere Seherlebnis einzulassen, das nicht immer das zeigt, was man in einer großen Mainstream-Produktion ähnlichen Kalibers eigentlich sehen würde und hier und da auch mit dem quälenden Leerlauf arbeitet, der sich bei solch einer unangenehmen Situation eben einstellt.

Pilot Tobias (Joseph Gordon-Levitt) muss in dieser hitzigen Situation die Nerven bewahren.

Hauptdarsteller Joseph Gorden-Levitt („The Walk“) fällt die schwierige Aufgabe zu, den Film nach etwa einer halben Stunde vollständig auf seinen Schultern zu tragen. In jeder Szene ist mindestens das Gesicht des zarten Mimen auf der Leinwand zu sehen. Entsprechend viel darstellerischen Aufwand hat er zu leisten, was dem gebürtig aus Los Angeles stammenden Akteur jederzeit gelingt. Sein Tobias ist kein irgendwann über sich hinauswachsender Held, sondern ein sich an Kalkulation um das Wohl der anderen bemühender, ganz normaler Mensch. Insbesondere in den Momenten, in denen Gorden-Levitt kurz vor dem Zusammenbruch steht, überzeugt er am meisten. Ihm gegenüber stehen Performances einschüchternder Körperlichkeit, deren Charakterentwicklung aber nur vorgeschoben wirkt. Die hier in den Rollen der Terroristen auftretenden Murathan Muslu („Pelikanblut“), Paul Wollin („Toro“) und Omid Memar („Fünf Freunde 4“) bleiben bis zuletzt auf ihren Handlungszweck der Terroristen reduziert. Zwar bemühen sich die Beteiligten, im letzten Drittel auch die Beweggründe der Antagonisten näher zu erläutern – und zwar ganz ohne falsche Sympathiebekundung, sondern mit der klaren Aussage, dass Menschen von solch böser Geisteshaltung ganz klar verachtenswerte, arme Würstchen sind. Doch am Ende ist das doch etwas zu wenig im Anbetracht dessen, in welchem Kulturkreis Vollrath seine Schurken hier verortet. Das könnte einmal mehr eher Öl ins Feuer gießen, anstatt neue Sichtweisen heraufzubefördern. Auch wenn das natürlich nichts daran ändert, dass „7500“ als Thriller ganz hervorragend funktioniert.

Fazit: Als Flugzeugentführungsthriller funktioniert der sehr reduziert aber dadurch nicht minder hochspannend inszenierte „7500“ hervorragend. Als politischen Kommentar dagegen sollte man Patrick Vollraths Langfilmdebüt jedoch eher nicht für bare Münze nehmen.

„7500“ ist ab dem 26. Dezember in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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