The Guilty

In dem dänischen Thriller THE GUILTY spielt sich ein grausames Verbrechen ab – ausgehandelt wird es auf engstem Raum in der Telefon-Einsatzzentrale einer Polizeiwache. Daraus ergibt sich einer der spannendsten und unkonventionellsten Filme des Jahres. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Ganz klein und zitternd ist Ibens (Laura Bro) Stimme am Telefon. Unter Todesangst tut die junge Frau so, als würde sie mit ihrer Tochter telefonieren. Ihr Entführer (Jakob Ulrik Lohmann) sitzt neben ihr im Wagen und darf unter keinen Umständen bemerken, dass sie den Notruf der Polizei gewählt hat. Dort nimmt der in die Einsatzzentrale strafversetzte Asger Holm (Jakob Cedergren), der eigentlich nur noch die Stunden zählt, bis er am nächsten Tag vor Gericht aussagen muss, Ibens Anruf entgegen. Er weckt alle Polizisteninstinkte in ihm. Er will ihr helfen! Sofort! Aber dafür hat er nur sein Telefon und keine Zeit zu verlieren…

Kritik

Filme, die sich nur auf einen einzigen Schauplatz beschränken, haben es leicht und schwer zugleich. Zum einen sind sie natürlich umso stärker davon abhängig, dass die ihnen zugrundeliegende Prämisse funktioniert – ein langweiliges Kammerspiel wird so ganz ohne visuelle Abwechslung schließlich schnell doppelt so langweilig. Wenn die Ausgangslage dagegen passt, kann die Konzentration auf einen alleinigen Schauplatz Atmosphäre und Spannung in immense Höhen schnellen lassen – und genau so ein Film ist „The Guilty“. Der dänische Regisseur Gustav Möller legt mit seinem minimalistischen Telefon-Thriller, der sich einzig und allein in einer Polizei-Einsatzzentrale abspielt, einen Filmhochschul-Abschlussfilm vor, der in seiner erzählerischen und inszenatorischen Präzision nur erahnen lässt, was dieser Filmemacher wohl noch abliefert, wenn erst einmal Routine in sein Handwerk gekommen ist. Gustav Möller kennt die Stärken des von ihm mit verfassten Skripts ganz genau und sorgt dafür, dass sich auf der Leinwand ein Mix aus dramatischem Psychogramm und Entführungsthriller entspinnt, in dem ganz nebenbei auch noch ein anklagender Kommentar über die Arbeitsbedingungen bei der (dänischen) Polizei steckt. Was klingt wie ein großes, überbordendes Sammelsurium sämtlicher Themen, die man eben in so einen Film stecken könnte (man will den Zuschauern ja auch etwas bieten, wenn sie inszenatorisch schon so wenig bekommen), wird in den Händen Möllers zu einem der spannendsten Filme 2018, bei dem sich die Frage nach der titelgebenden Schuld fast im Minutentakt neu formulieren lässt.

Jakob Cedergren schlüpft in die Rolle von Ansger, der am Telefon einem Entführungsopfer helfen muss.

Im Mittelpunkt von „The Guilty“ steht der „Nordlicht“-Star Jakob Cedergren, der in den sehr stringent erzählten 85 Minuten in jeder Szene zu sehen ist. Die Kamera von Jasper Spanning („The Family“) klebt von der ersten Sekunde an so dicht am Gesicht des 45-jährigen Schweden, dass der Zuschauer gar nicht anders kann, als die Perspektive des Polizeibeamten anzunehmen, über den wir nur bruchstückhaft und über den kompletten Film verteilt erfahren, was es mit ihm, seiner Person und dem Grund auf sich hat, weshalb der ehemalige Streifenpolizist nun zum Telefondienst verdonnert wurde. Cedergren kommt dabei nicht bloß die schwierige Aufgabe zu „The Guilty“ komplett auf seinen Schultern zu tragen (andere Nebenfiguren tauchen lediglich schemenhaft am Rande, oder als Stimme am Telefon auf), sondern auch, das an ihm gehegte Interesse des Zuschauers oben zu halten, obwohl dieser Asger nicht der sympathischste Zeitgenosse ist – im Gegenteil. Das Skript zeichnet den kurz vor einer Gerichtsverhandlung stehenden Beamten als sich zwar mit der Zeit immer aufopferungsvoller für das Entführungsopfer am Telefon einsetzenden Mann, doch letztlich offenbaren sich nach und nach die verschiedenen Facetten seines Charakters, die nur einen Schluss zulassen: Dieser Mann ist ganz schön abgefuckt! Und es ist einzig und allein der komplexen Verkörperung durch Jakob Cedergren zu verdanken, dass dieser Asgar keine alleinige Arschloch-Position einnimmt, sondern sich zwischen den vielen Anflügen von Zynismus, Polemik, Selbstmitleid und Jähzorn genug spannende Andeutungen verstecken, die automatisch dafür sorgen, dass man wissen will, was es mit ihm und seine Figur auf sich hat.

Doch „The Guilty“ ist nicht bloß eine ambivalente Charakterstudie, sondern in erster Linie ein hochspannender Thriller mit einer an „The Call“ erinnernden Ausgangslage: In dem 2013 erschienenen Film wird Halle Berry ebenfalls mit einem Entführungsopfer verbunden und ist gezwungen, ihr einzig und allein am Telefon Anweisungen zu geben, die ihr zur Flucht oder Rettung verhelfen sollen. Ein entscheidendes Element lässt Gustav Möller jedoch bei seiner Inszenierung weg: Anstatt immer wieder zwischen Halle Berry und der gekidnappten Abigail Breslin hin und her zu schneiden, nimmt der Zuschauer in „The Guilty“ vollständig die Position von Asger Holm ein – und das bedeutet auch, dass er alles, was sich auf der anderen Seite der Leitung abspielt, lediglich hören kann. Dass der Film dadurch zeitweise fast zu einem Hörspiel wird, ist neben der ausgeklügelten Story eine seiner größten Stärken. Was wir nicht sehen, müssen wir uns in unseren Köpfen ausmalen. Und dadurch ergeben sich weitaus intensivere Bilder, als es ein Film vermutlich je visualisieren könnte. Trotzdem denkt Gustav Möller jederzeit filmisch: Die Kamerafahrten, die intensive Tonspur und die sehr bewusst gewählten Perspektiven sorgen dafür, dass wir nicht den Eindruck bekommen, hier lediglich abgefilmten Theater zuzuschauen. „The Guilty“ sieht gleichzeitig wahnsinnig elegant aus und obendrein gelingt es Jasper Spannung, die Enge innerhalb der Zentrale optimal auszunutzen und gleichzeitig die aus ihr entstehende Beklemmung zu betonen. Trotzdem steht und fällt der Thriller letztlich vor allem mit seiner Story.

Ansger verzweifelt an der schwierigen Aufgabe, Iben zu helfen.

Die Geschichte von „The Guilty“ ist auf den ersten Blick mindestens genauso reduziert wie die Inszenierung: Ein Polizist muss nur über das Telefon versuchen, einem Entführungsopfer zu helfen. Das klingt erst einmal nach einer ziemlich eindeutigen Angelegenheit. Doch mit der Zeit entwickelt sich der ganz große emotionale Punch nicht etwa durch Ansgers verzweifelten Versuche, das Entführungsfahrzeug zu finden, wozu er mit verschiedenen Abteilungen innerhalb der Polizei telefoniert und auch schon mal am Gesetz vorbei Entscheidungen trifft. Die Atmosphäre verdichtet sich doppelt und dreifach, wenn sich der Polizist schließlich auch mit seinen eigenen Dämonen auseinandersetzen muss. Gustav Möller geht dabei alles andere als verkopft vor. Allein durch die Tatsache, dass der Einsatz Ansgers Lebensgeister wieder zum Leben erweckt und er dazu verpflichtet ist, die durch den Alltagstrott entstandenen Angewohnheiten beiseite zu legen, um dem Opfer Iben ganz individuell zu helfen und der verängstigten Frau auch emotional beizustehen, ist er gleichermaßen gezwungen, sich mit all dem auseinanderzusetzen, was ebenjene Lebensgeister zuvor hat erlöschen lassen. So spiegelt das Opfer ihren (potenziellen) Retter an vielen Stellen. Die Gefahr, dass sich hieraus konstruierte Symboliken ergeben würden, umgeht der Regisseur und Autor dabei gekonnt; am Ende präsentiert uns Möller nämlich auch noch die eine oder andere Wendung, die den Suspense kontinuierlich aufrecht erhält und dafür sorgt, dass man sich über zwei, drei Ungereimtheiten im Detail keine Gedanken machen braucht. Ein Mann am Telefon, am anderen Ende das Opfer und zwischen ihnen die Hoffnung auf Erlösung: „The Guilty“ hält das Adrenalin für 85 Minuten auf einem beeindruckenden Level!

Fazit: Der dänische Thriller „The Guilty“ ist trotz seiner einfachen Mittel der Genregeheimtipp des Jahres und einer der spannendsten Filme, die das Jahr 2018 zu bieten hat.

„The Guilty“ ist ab dem 18. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

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