The Call – Leg nicht auf!

Der rasante Thriller THE CALL – LEG NICHT AUF! erhielt von nationalen und internationalen Kritikern ein nahezu einheitliches Urteil. Während die Anfangsphase überzeugt, stürzt die, durch die dichte Atmosphäre aufgebaute, Spannung durch ein banales, triviales und liebloses Ende vollständig in sich zusammen. Ob ich meinen Kollegen Recht gebe oder das alles ganz anders sehe, lest Ihr in meiner heutigen Kritik.

Der Plot

Jordan Turner (Halle Berry) ist Telefonistin in einer Notrufzentrale. Die erfahrene und von ihren Kollegen geschätzte Mitarbeiterin liebt ihren Job, bis ihr eines Tages ein folgenschwerer Fehler unterläuft, den ein junges Teenagermädchen mit ihrem Leben bezahlen muss. Kurz nachdem sie beschlossen hat, ihre Anstellung aufzugeben und sich auf die Ausbildung jüngerer Mitarbeiter zu konzentrieren, muss sie spontan den Notruf der jungen Casey (Abigail Breslin) übernehmen. Das Mädchen wurde auf dem Nachhauseweg von einem Unbekannten entführt und befindet sich nun im Kofferraum eines Wagens mit unbekanntem Ziel. Jordan leitet eine fieberhafte Suche nach der Vermissten ein, in der Hoffnung, das Mädchen lebend wiederzufinden. Doch nicht nur das Handy, welches Casey mit Jordan verbindet, ist nicht zu orten. Der unbekannte Täter (Michael Eklund) scheint der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein.

Kritik

Es kommt nur selten vor, dass sich die gesamte Kritikerschaft bei ihrem Urteil einig ist. Geschieht dies sogar länderübergreifend, kommt man kaum mehr dazu, dieses offensichtlich allgemeingültige Resümee anzuzweifeln, wenngleich natürlich nichts dagegen spricht, sich dennoch seine eigene Meinung zu bilden. Dem mit Halle Berry („Gothika“, „Cloud Atlas“) und Abigail Breslin („Zombieland“, „Happy New Year“) hochrangig besetzten Mischmasch aus Thriller und Horrorfilm wurde diese Ehre – ein nahezu einheitliches Urteil zu erhalten – zu teil. Sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht. So attestierten die Kritiker „The Call – Leg nicht auf!“ durch die Bank, dass der Film von Beginn an eine unheimlich fesselnde Spannung aufbaue, dank sympathischer Figuren und einem mächtig fiesen Bösewicht zum Mitleiden animiere und atmosphärisch im letzten Drittel massiv nach unten sackt. Vor allem Letzteres beeinflusse das Gesamtbild des Films so sehr, dass sich schlussendlich kaum mehr einer erbarmen wollte, „The Call“ für ein sommerliches Kinohighlight zu befinden. Zu Recht!

Wie bereits sämtliche nationale und internationale Kollegen zuvor, reihe auch ich mich in die Reihe derer ein, die es dem eigentlich so fähigen Regisseur Brad Anderson, der für sein Meisterwerk „Der Maschinist“ eigentlich nur geliebt werden kann, übel nehmen, seinen wie ein Kammerspiel inszenierten Psychothriller deutlich in zwei Abschnitte zu gliedern. Verheißungsvoll startet der erste. Als liebevolle Notrufzentralmitarbeiterin Jordan gibt Halle Berry eine hervorragende Protagonistin ab, die dank einer intensiven Einführung ihrer Figur und eines interessanten Backrounds zur perfekten Sympathieträgerin wird. Aus ihrer Umgebung – ihr Schreibtisch innerhalb der Notrufzentrale – tritt Berry während des ersten Abschnitts nicht heraus. All die von der Szenerie ausgehenden Emotionen werden von der einstigen Bondgirl-Darstellerin abgefangen und gebündelt auf das Publikum übertragen. Glaubhaft und ohne jedwedes Overacting lacht, weint und schreit Berrys Jordan derart herzergreifend, dass das Publikum gar nicht umher kommt, mitzuleiden und sich ganz in ihrer intensiven Mimik und Gestik verliert, gleichzeitig aber auch miterlebt, von welcher Wichtigkeit ihr Tonfall während des Films ist.

Gleiches gilt für Abigail Breslin, die den Großteil ihrer Screentime in einem winzigen Kofferraum verbringt und damit nicht nur ein direktes Pendant zu ihrer älteren Schauspielkollegin abgibt, die sich in ihrer kleinen Telefonkabine ebenfalls nicht vom Fleck bewegen kann, während sie das Mädchen an der Strippe hat, sondern ihr zudem in Sachen Drama in Nichts nachsteht. Dennoch meint es Breslin zumindest in der Anfangsphase ein wenig zu gut mit ihrem Geschluchze, worunter das akustische Verständnis leidet. Zudem stellt sich die Frage, worin der Sinn besteht, die 17-jährige während der gesamten Schlussphase nur in Unterwäsche durchs Bild laufen zu lassen.

Als dritter, wichtiger Darsteller triumphiert Michael Eklund („Watchmen“, „Das Kabinett des Doctor Parnassus“) als manischer Psychopath, der zwar erst im gescholtenen letzten Drittel zur Höchstform aufläuft, diesen durch seine Darstellung aber immerhin noch sehenswert macht. Eklund benötigt nicht mehr als einen forschen Schritt und einen stechenden Blick, um dem Publikum das Fürchten zu lehren. Gleichzeitig dominiert ihn in den brutaleren Szenen ein Hauch von Overacting, das ihn immer mal wieder knapp an der Karikatur vorbeischrammen lässt. Aufgrund der Gesinnung, die seine Figur die Taten begehen lässt, lässt sich dieser kleine Schwachpunkt jedoch verschmerzen, zumal Eklund die Leidenschaft, mit welcher seine Figur die Taten begeht, sichtlich genießt und in der Darstellung vollends aufgeht.

Während der rasanten ersten Phase ist „The Call“ ein Paradebeispiel für einen minimalistischen Thriller, der seine Spannung aus einer zwar recht unglaubwürdigen aber dennoch denkbaren Szenerie zieht. Die schnellen Sprünge von der im Kofferraum eingesperrten Breslin zu Berry, die auf der anderen Leitung versucht, das entführte Mädchen zu beruhigen, hinter ihren Aufenthaltsort zu gelangen und die Mithilfe ihrer polizeilichen Kollegen zu koordinieren, sorgt für den einen oder anderen Adrenalinschub. Die Rasanz bildet dabei – so der Regisseur in einem Interview – sogar insofern die Realität ab, als dass die Geschwindigkeit, mit der die Polizeiarbeit in so einem Fall vonstattengeht, in etwa der Wirklichkeit entspricht. Inwiefern die Mittel, mit welcher die Telefonistin Jordan das Entführungsopfer zur Mithilfe animiert, dem realistischen Prozedere in so einem Fall entsprechen, ist hingegen fragwürdig, jedoch nie effekthascherisch oder vollkommen absurd. Mehr noch: Vor allem, dass die internen Abläufe innerhalb der Notrufzentrale detaillierte Beachtung finden, rechtfertigt schon, einen Blick auf „The Call“ zu riskieren. Kleinere Logikfehler gibt es an anderen Stellen, die sich jedoch für eine klassische Hollywoodproduktion in überschaubarem Rahmen abspielen (In „Nicht auflegen!“ hing das Leben mehrerer Menschen auch an einer Telefonleitung und kein Mensch hat sich angesichts dieser skurrilen Szenerie darüber aufgeregt!).

Michael Eklund als fieser Entführer

Während sich die ersten zwei Drittel des Streifens demnach auf einem überdurchschnittlichen Thrillerniveau befinden, gibt es dagegen einen vollkommenen Genre- und Tonartwechsel, wenn ab der letzten halben Stunde nicht mehr die beiden Frauen, sondern der psychopathische Entführer und seine Gesinnung in den Mittelpunkt rücken. Grundsätzlich ist hiergegen nichts einzuwenden, würde Brad Anderson dabei nicht seinen visuellen sowie erzählerischen Stil um 180 Grad wenden. Die neutrale und dadurch fast dokumentarische Inszenierungsart des ersten Abschnitts weicht, von einem türkis-grau-farbenen Farbfilter untermalten Bildern, in denen der Fokus plötzlich nicht mehr auf der Aufklärung des Entführungsfalles liegt, sondern auf der kranken Psyche des Täters. Derart überraschend wirkt es so, als hätte Anderson hier ohne Nachzudenken zwei völlig unterschiedliche Filme aneinandergereiht. Wenn sich der Regisseur dann auch noch allzu offensichtlich an Franck Kalfouns „Maniac“-Remake bedient und zwischenzeitlich Kamerafahrten nahezu 1:1 aus dem Klassiker „Das Schweigen der Lämmer“ kopiert, wird aus dem mutigen und intensiven Thrillertrip ein zusammengebastelter Flickenteppich aus diversen Genrevertretern, die so in der Form noch nicht einmal zusammenpassen. Wenn Halle Berry und Abigail Breslin schließlich auch noch zum gnadenlosen Killergespann mutieren, verliert „The Call“ trotz einer nicht zu leugnenden Konsequenz den letzten Rest an Glaubwürdigkeit, die sich bei genauem Hinschauen bereits während einer Traumsequenz in der ersten Hälfte erahnen lässt. Gespickt mit den üblichen 08/15-Schockeffekten und einem nichtssagenden Score bleibt von „The Call“ letztlich nicht mehr als der Gedanke, dass beide Filmhälften für sich genommen super spannend hätte werden können, sich zusammengenommen allerdings der Lächerlichkeit preisgeben.

„The Call – Legt nicht auf!“ ist jetzt in den deutschen Kinos zu sehen.