His House

Von der einen Hölle in die nächste – im Netflix-Horrorfilm HIS HOUSE flüchtet ein Pärchen aus ihrer von Krieg und Verderben heimgesuchten Heimat und landet prompt in einem Geisterhaus. Regisseur Remi Weekes gelingt es gekonnt, diese beiden Themen zu vereinen. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: His House (UK 2020)

Der Plot

Bol (Sope Dirisu) und Rial (Wunmi Mosaku) sind Flüchtlinge, die mit ihrer Tochter Nyagak aus dem vom Krieg heimgesuchten Südsudan fliehen. Um das Mittelmeer zu überqueren, trotzen sie stürmischen Gewässern auf einem überfüllten Motorboot, zusammen mit anderen Afrikanern, die das gefährliche offene Meer auf der Suche nach einem besseren Leben in Europa durchqueren. Bol und Rial schaffen es bis nach Großbritannien. Ihre Tochter nicht. Trotzdem will das Pärchen hier einen Neuanfang wagen und bekommt „Asyl auf Probe“. In einem schäbigen Haus, das ihnen von der Regierung zur Verfügung gestellt wird, versuchen sich die zwei, an ihre neue Umgebung anzupassen. Doch etwas Grauenvolles haust in den Wänden, das sie nachts um den Schlag und tagsüber um den Verstand bringt.

Kritik

Das Autoren- und Regiepaar Gerard Bush und Christopher Renz führte uns erst kürzlich vor Augen, wie schwer es doch ist, gesellschaftsrelevantes Genrekino zu inszenieren. Ihr Langfilmdebüt „Antebellum“ nahm sich im Rahmen eines halbgaren Horrorplots der Sklaventhematik an, scheiterte allerdings grandios an den Ambitionen der Macher. Es ist eben nicht jeder ein Jordan Peele, der vor drei Jahren mit „Get Out“ gezielt damit begann, der Black Community in den Vereinigten Starten das Horrorgenre (wieder) schmackhaft zu machen. Daraufhin folgten einige Trittbrettfahrer und die Versuchung, jeden Horrorfilm mit afroamerikanischer Hauptfigur automatisch mit den Peele-Werken zu vergleichen. Im Falle von „His House“, der seine Premiere auf dem Filmfestival von Sundance feierte, anschließend jedoch keinen Kinoverleih fand und daher nun weltweit über Netflix ausgewertet wird, muss dieser Vergleich aber unbedingt sein, zumal ihm Regisseur Remi Weekes weitestgehend standhält. Genauso wie für Peele das Thema Alltagsrassismus ist auch für Weekes die Flüchtlingsthematik nicht einfach nur ein erzählerisches Gimmick, sondern erfährt hier im Rahmen eines echt fiesen Gruselschockers eine etwas andere Art der Aufbereitung, der eine spürbare Dringlichkeit innewohnt.

Rial (Wunmi Mosaku) und Bol (Ṣọpẹ Dìrísù) hoffen darauf, in Großbritannien sesshaft werden zu können.

„His House“ wäre ein idealer Kandidat für sogenannte Sneak Previews. In diesen Überraschungspremieren bekommen die Zuschauer für einen Bruchteil des regulären Ticketpreises einen Film weit vor Kinostart gezeigt, ohne dass sie im Vorfeld wissen, welcher das sein wird. Würden bei solch einer Sneak Preview die ersten Szenen von „His House“ über die Leinwand flimmern, würde sich das Publikum in der nächsten Sekunde vermutlich geschlossen auf ein klassisches Flüchtlingsdrama einstellen: Das Protagonistenpaar Bol und Rial befindet sich in einer Art Auffanglager für Geflüchtete und wartet dort auf die Nachricht, dass ihnen Asyl in Großbritannien gewährt wird. Wenige Szenen später ist es dann auch soweit – oder zumindest fast. Denn Asyl gibt es für die beiden erstmal nur „auf Probe“. In dieser Zeit müssen sich die zwei bewähren, indem sie sich ihrer neuen Heimat anpassen, nicht auffallen, nicht mal arbeiten dürfen sie. Stattdessen aber das ihnen anvertraute Abbruchhaus in Stand setzen, in dem sie der prekären Umstände zum Trotz fortan leben dürfen. Szenen wie diese, in denen ihr Betreuer ihnen mehrmals zu verstehen gibt, dass Bols und Rials neues Haus sogar größer sei als sein eigenes, weshalb sie sich nicht darüber beschweren sollen, dass der Fußboden marode ist, die Heizung defekt und die Wände bröckeln, machen die Machtverhältnisse deutlich: Bol und Rial sollen in erster Linie dankbar sein. Dafür, dass sie fortan überhaupt ein Dach über dem Kopf haben. Jede Regung darüber hinaus scheint nicht gewünscht; Selbst als distanzierter Zuschauer bekommt man ein Gespür dafür, wie den beiden durch ihre Flucht der Status einer Persönlichkeit aberkannt wurde – Bol und Rial sind fortan nur noch „die Flüchtlinge“.

„Selbst als distanzierter Zuschauer bekommt man ein Gespür dafür, wie den beiden durch ihre Flucht der Status einer Persönlichkeit aberkannt wurde – Bol und Rial sind fortan nur noch „die Flüchtlinge“.“

Offen ausgelebte Diskriminierung, die trotz gutem Willen vorhandenen Schwierigkeiten bei der Anpassung an eine neue Kultur und die durch die Flucht heraufbeschworenen Traumata verhelfen „His House“ zu einem Gefühl von Beklemmung und Tristesse, da hat sich seine Genreherkunft als Horrorfilm noch gar nicht bemerkbar gemacht. Dabei ist es insbesondere der letzte von den drei genannten Aspekten, auf dem das Grauen hier fußt. Der auch für das Drehbuch verantwortliche Remi Weekes veranschaulicht Bols und Rials innere Dämonen, ihre Geister der Vergangenheit und die furchtbaren Flucht-Erfahrungen mit den Mitteln des Genrekinos – besonders subtil ist das nie. Dafür geraten die Bildkompositionen, in denen das Flüchtlingsdrama und das Haunted-House-Horrorkino hier zueinanderfinden gleichermaßen eindringlich als auch auf morbide Weise wunderschön (das Filmplakat, auf dem das Paar am Küchentisch sitzt, während sich um die beiden herum langsam das offene Meer abzeichnet, über das die beiden nach Großbritannien geflüchtet sind, deutet den Stilwillen des Regisseurs bereits an). Gleichsam ist „His House“ durchsetzt mit Jumpscares. Solchen, die ihre Wirkung nie verfehlen, die nicht durch einen ausführlichen Aufbau der jeweiligen Szene auffallen, sondern durch Tempo und Intensität. Und hin und wieder finden die Macher mithilfe gezielt gewählter Kamerawinkel oder Richtungswechsel sogar noch die Möglichkeit, vorhersagbaren Schock-Momenten die ein oder andere unvorhersehbare Wendung zu verleihen.

Rial ahnt, was da in ihrem Haus passiert…

Schon nach etwa der Hälfte des Films ist klar, mit wem oder was es Bol und Rial in „His House“ zu tun haben. Remi Weekes spielt hier weitaus früher mit offenen Karten als es gerade im Haunted-House-Horrorkino sonst oft der Fall ist. Wer nun aber fürchtet, aus „His House“ müsste dann ja relativ schnell die Luft raus sein, der irrt. Die große Stärke des Films ist die gleichmäßige Aufteilung in Horror- und Dramaaspekte. So effektiv die Schockmomente auch sein mögen – sowohl um den Puls der Zuschauer in die Höhe zu treiben als auch um die psychische Verfassung der Protagonisten zu veranschaulichen – so stark fällt die Erdung durch die Prämisse selbst aus. Nur weil man irgendwann weiß, mit was für einer bösen Macht es hier zu tun hat, ist die Qual für die Figuren (und damit auch fürs Publikum) noch lange nicht vorbei.  Und spätestens wenn schließlich alle Hintergründe der Flucht aufgeklärt sind, sind diese Erkenntnisse ohnehin noch zigmal schlimmer als die Herkunft des Bösen in den Wänden. So können es sich die Macher am Ende auch herausnehmen, genauso zu eskalieren wie ihre Kollegen von „Conjuring“, „Insidious“ und Co.  – und leider lassen sich hier auch die meisten Schwächen ausmachen, denn „His House“ benötigt weder auf erzählerischer Ebene ein derart hysterisches Finale, noch macht es Sinn, das ohnehin niedrige Budget in entsprechend nur mäßig gelungene CGI-Kreaturen zu stecken. Da die eigentliche Grundidee hinter „His House“ weniger durch ihr Shock Value als vielmehr über die psychisch-emotionalen Aspekte im Gedächtnis bleibt, verkaufen die Verantwortlichen ihren Film hier doch massiv unter Wert.

„Schon nach etwa der Hälfte des Films ist klar, mit wem oder was es Bol und Rial in „His House“ zu tun bekommen. Remi Weekes spielt hier weitaus früher mit offenen Karten als es gerade im Haunted-House-Horrorkino sonst oft der Fall ist.“

Gar nicht unter Wert verkaufen sich derweil die beiden Hauptdarsteller. Sope Dirisu („Gangs of London“) und Wunmi Mosaku („Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“) gelingt es hervorragend, sämtliche Aspekte ihrer komplexen Rollen zu verinnerlichen. Den beiden steht nicht nur jederzeit glaubhaft die Furcht und später auch das Aufbegehren ins Gesicht geschrieben. Die beiden fechten untereinander zudem einen eigenen Culture Clash aus – während er versucht, sich anzupassen, beharrt sie auf Traditionen ihres Heimatlandes. „His House“ veranschaulicht demnach nicht bloß die Schwierigkeiten, sich in der Fremde einzugewöhnen, sondern auch die Konflikte, die daraus entstehen, wenn jeder seine eigenen Ansätze dafür zu finden sucht.

Fazit: In „His House“ prallt ein Flüchtlingsdrama auf einen beinharten Haunted-House-Schocker. Obwohl die Macher ihren Film gen Ende unter Werk verkaufen, geht ihr Plan vom Genreclash hervorragend auf. Beide Elemente bestärken einander und bringen zudem einige grandiose Bildkompositionen zustande.

„His House“ ist ab sofort bei Netflix abrufbar.

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