Get Out

Da kommt was Großes auf uns zu! Jordan Peeles Regiedebüt GET OUT wird zweifelsohne in die Annalen der (Horror-)Filmgeschichte eingehen und beweist sich mit einer schier grenzenlosen Cleverness als einer der besten Filme seines Genres, die jemals gedreht wurden. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Ein Landhaus im Grünen, ein Wochenende bei den Schwiegereltern in spe, der Empfang ist herzlich – vielleicht eine Spur „zu herzlich“. Schnell muss Chris (Daniel Kaluuya) feststellen, dass mit der Familie seiner Freundin Rose (Allison Williams) etwas nicht stimmt. Was führen der scheinbar so weltoffene Dean (Bradley Whitford) und seine Gattin Missy (Catherine Keener), einer der Hypnose mächtige Frau, im Schilde? Es kommt zu bizarren Zwischenfälle, die den vermeintlich entspannten Antrittsbesuch unversehens in einen ausgewachsenen Alptraum für den Familien-Neuling machen sollen. Denn hier herrscht ein nie dagewesener Kampf zwischen schwarz und weiß.

Kritik

Früher wurde der in den USA nach wie vor vorherrschende Konflikt zwischen Schwarz und Weiß vornehmlich anhand von Biopics und der Nacherzählung von prägnanten Einzelschicksalen aufbereitet. Doch Filme wie der zweifellos beeindruckende „12 Years a Slave“ haben inzwischen einfach alles gezeigt. Und gerade weil die Thematik heute aktueller denn je ist, bedarf es langsam aber sicher einer tonalen Erweiterung derartiger Geschichten. Quentin Tarantino hat das mit „Django Unchained“ bereits bewiesen und in der zweiten Hälfte des Westerns einfach in bester Exploitation-Manier gnadenlos blutig um sich geballert. Aktuell läuft außerdem das Drama „The Birth of a Nation“ in den deutschen Kinos, das nicht bloß eine mutige Sichtweise auf die Opfer der Sklavenhaltung einnimmt, sondern diese später sogar in Teilen zu Tätern macht, wenn auf die jahrelange Pein bittere Rache folgt, der auch Unschuldige zum Opfer fallen. Den wohl radikalsten Schritt geht nunmehr allerdings der eigentlich für seine bissigen Comedy-Programme bekannte Jordan Peele („Keanu“), der mit „Get Out“ ein Regiedebüt abliefert, das schon vor seinem Start in deutschen Landen ausnahmslos gefeiert wird. In den USA gehört der Film bereits zu den bestbewerteten Horrorfilmen aller Zeiten, mit einem Metascore von 98 Prozent bei einer negativen Pressemeldung von insgesamt über 200 stellt der Film sogar von Kritikern wie Publikum geliebte Oscar-Kandidaten in den Schatten. Wir möchten uns an dieser Stelle zu der Vermutung hinreißen lassen, dass „Get Out“ trotz seiner an Awardsaison-Verhältnissen gemessen sehr frühen Kinoauswertung beste Chancen darauf hat, als Horrorfilm endlich mal wieder bei gängigen Filmpreisen mitzumischen. Denn Jordan Peeles Clash aus bitterböser Gesellschaftssatire, überraschend viel Humor und markerschütterndem Horrorfilm leistet nicht nur viel mehr für die gegenseitige Akzeptanz von Schwarz und Weiß als jedes durchschnittliche Rassendrama, sondern ist obendrein auch einfach verdammt gruselig.

Die Familie Armitage (Catherine Keener, Bradley Whitford) nimmt Chris (Daniel Kaluuya) als Schwiegersohn herzlich in ihre Mitte.

Wer den Trailer zu „Get Out“ gesehen hat, der wird früh festgestellt haben, dass irgendwas an diesem Film anders ist. Eine diffuse Spannung legt sich über die Szenerie; hier ist alles eine Nummer zu idyllisch und schlägt dabei zu plötzlich in nicht greifbares Unbehagen um, wenn aus dem Nichts plötzlich Musik ertönt, deren Inhalt wir nicht verstehen. Schon im Titelsong verstecken sich nämlich Botschaften in Suaheli, die uns den Titel des Films – und damit unmissverständlich die Botschaft, man solle doch einfach von all dem fern bleiben, wo man sich aber gerade drauf zu bewegt – immer und immer wieder um die Ohren hauen. Doch wie soll man das wissen, wenn man die Sprache nicht versteht? Dieses winzige Detail, das man erst durch Nachforschungen zum Film entdeckt, verraten wir an dieser Stelle ausnahmsweise stellvertretend für so viele andere Kleinigkeiten mehr, die auf den ersten Blick beiläufig auftauchen und doch eine Wirkung haben, die bei mehrfachem Nachdenken wie ein Schlag in die Magengrube wirken. Weshalb befindet sich exakt ein Asiate unter den Anwesenden der Gartenparty? Weshalb fühlt sich der im Prolog so aufdringlich in Szene gesetzte Song „Run, Rabbit, Run“ so unbehaglich an, obwohl er doch eigentlich von einem Comedy-Duo interpretiert wird? Und weshalb ist der größte Twist in „Get Out“ der, der sich gar nicht wie ein solcher anfühlt? Jordan Peele, Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion, hat sich zwar ein Horrorszenario überlegt, das vordergründig über simple Gruselreize funktioniert. Doch nimmt man diese Ebene einmal weg und konzentriert sich auf den emotionalen Kern, liegt das Grauen in scheinbar banalen Dialogen und Äußerungen, deren Beiläufigkeit den Zuschauer erst zum Schmunzeln und anschließend zum Kopfschütteln animiert.

Nachdem sich zwei der (weißen) Gäste vordergründig komplimentierend dazu äußern, wie begeistert sie von den Fähigkeiten ihrer schwarzen Mitbürger sind, während eine andere (ebenfalls weiße) Frau davon schwärmt, dass die Entscheidung für einen schwarzen Partner ihr Leben von Grund auf verändert hat, beginnt man als Zuschauer langsam zu zweifeln. Aus diesen Komplimenten, die natürlich nichts anderes sind, als die ständige Betonung der Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß, erwächst das Bild eines Alltagsrassismus, der sich darauf auswirkt, dass schon bald jeder Satz an Doppeldeutigkeit gewinnt. Spricht Bradley Whitford („The Cabin in the Woods“) in einem eigentlich beiläufigen Moment wirklich nur von einer Überpopulation des sein Grundstück umgebenden Wildbestandes (auf dem Weg zu ihren Eltern fährt Tochter Rose einen Hirschbock über den Haufen), oder sind diese Äußerungen nichts anderes als purer Symbolismus, der sich eigentlich an Chris und die Black Community richten soll, die sich in den Augen des Vaters nach und nach Good Old America unter den Nagel reißen? Es spricht schon für sich und natürlich auch für den Film, dass wir bis jetzt noch nicht einmal über jene Elemente gesprochen haben, die „Get Out“ auch an der Oberfläche zu einem Horrorfilm machen. Doch solche Dinge wie Jumpscares oder das konsequente Schüren von Unbehagen finden hier nicht auf eine solche Weise statt, wie man es aus dem Genre sonst gewohnt ist. Die unterschwellige Bedrohung durch die rückständige Gesellschaft spitzt sich zu; und bricht – im wahrsten Sinne des Wortes – blitzartig auf, als durch einen Zufall (den wir an dieser Stelle nicht spoilern wollen) endlich der Satz fällt, den uns der Titel bereits ankündigt: Get Out! Doch ein einfaches Umschlagen der Atmosphäre in pure Hysterie würde der Prämisse nicht gerecht werden. Als sich die Bedrohung für Chris vom Unterbewussten ins Bewusstsein verlagert (was es genau übrigens mit der Hypnose auf sich hat, werden wir aus Spoilergründen ebenfalls nicht verraten), nimmt der Film zwar an Tempo und visueller Drastik zu, doch der hintersinnig gedachte Kern bleibt: Die Gesellschaft ist krank – und wie krank, zeigt der Schlussakt von „Get Out“.

Viel zu spät kommt Chris (Daniel Kaluuya) dahinter, was für ein Grauen auf ihn wartet…

Was hier passiert, darüber schweigen wir uns aus. Stattdessen kehren wir noch einmal zurück an den Anfang, an welchem wir darauf verwiesen, dass in „Get Out“ auch der Humor eine tragende Rolle spielt. Bei einem Film von Jordan Peele war das nicht anders zu erwarten. Gleichwohl ist der ihn berühmt machende, sehr scharfzüngige und die Gesellschaft genau beobachtende Tonfall der, der sich auch in „Get Out“ wiederfindet. Wenn man nicht gerade über die Dreistigkeit lacht, mit welcher Peele sonst eher im Verborgenen stattfindende Prozesse an die gesprochene Oberfläche befördert, stiehlt vor allem einer der Darsteller allen anderen die Show. LilRel Howery („Friends of the People“) spielt Rod, einen Freund von Chris, der die Ereignisse aus der Sicht des Publikums beäugt und seinem besten Freund mit viel Engagement und Bauernschläue zur Seite steht. Seine Kommentare treffen immer den Kern der Sache, indem Howery ausspricht, was der Zuschauer denkt. Der Peele vor allem durch die TV-Serie „Black Mirror“ aufgefallene Daniel Kaluuya strahlt eine Selbstsicherheit aus, die so natürlich daherkommt, dass das spätere Umschlagen in Angst jederzeit glaubwürdig gerät. Zum Rest des Ensembles sei an dieser Stelle lediglich gesagt, dass man sich für keine Figur von ihnen eine bessere Besetzung als diese hätte vorstellen können. Nun liegt es am Publikum, all die Geheimnisse und versteckten Botschaften, das wahre Grauen und die auf die Spitze getriebene Dreistigkeit unserer Gesellschaft zu entdecken, die Jordan Peele hier so famos unter dem Deckmantel eines Horrorfilms zusammenfasst. Wir glauben jedenfalls ausnahmsweise mal wieder daran, dass es einem Film wirklich gelingen könnte, das Denken in den Köpfen der Menschen grundlegend zu ändern.

Fazit: Erst brennt sich der erschreckend paralysierende Song „Run, Rabbit, Run“ in die Köpfe der Zuschauer, später kommt man in den zweifelhaften Genuss einer finsteren Bedrohung, die sich partout nicht greifen lässt und irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt, wie penibel durchdacht und brillant das Konzept von „Get Out“ aufgebaut ist. Wir legen es jedem ans Herz, diesen Film für sich zu entdecken. Und ihn dann nochmal zu gucken. Und nochmal. Und nochmal… So lange, bis auch der letzte Rassist die Botschaft gerafft hat!

„Get Out“ ist ab dem 4. Mai bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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