Die Vierhändige

In seinem feinen Mysterythriller DIE VIERHÄNDIGE lässt Regisseur Oliver Kienle die Welten zweier Schwestern verschwimmen. Ein hübsches Verwirrspiel in eleganten Bildern – was der Film sonst noch taugt, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die Schwestern Sophie (Frida-Lovisa Hamann) und Jessica (Friederike Becht) werden als Kinder Zeuge eines brutalen Verbrechens. Jessica verspricht daraufhin der jüngeren Sophie, immer auf sie aufzupassen. Doch 20 Jahre später ist aus dem Versprechen eine Besessenheit geworden. Während Sophie versucht, Pianistin zu werden und sich ein Leben frei von Ängsten aufzubauen, leidet Jessica unter Wahnvorstellungen, fürchtet überall eine Bedrohung. Als die Täter von damals auf freien Fuß kommen, ist Jessica entschlossen, sie zu finden. Ein Unfall aber verändert alles und verwandelt Jessicas Versprechen, immer auf ihre kleine Schwester aufzupassen, in einen existentiellen Alptraum.

Kritik

Man muss Regisseur Oliver Kienle („Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung“) Respekt zollen: Obwohl er es – auch eigenen Angaben zufolge – mit Sicherheit leichter gehabt hätte, mit einer Komödie im hart umkämpfen Filmbusiness Fuß zu fassen, gehört zu seinen bislang gefälligsten Regiearbeiten allenfalls eine Episode des „Tatort“. Sein Debüt gab er indes mit einem harten Crime-Drama und auch sein neuestes Projekt „Die Vierhändige“ lässt sich vornehmlich im Bereich des düsteren Thrillers verorten. Ob er damit Erfolg haben wird, ist zu Unrecht fraglich, denn das gemeinhin als „deutsches Genrekino“ bezeichnete Filmsegment hat es hierzulande immer noch schwer; man möchte meinen, fast ein wenig aus Prinzip, denn jüngste Produktionen wie „Who Am I – Kein System ist sicher“ oder „Unfriend“ haben bewiesen, wie es sich mit den Arbeiten international tätiger Regisseure mithalten lässt und konten den angeschlagenen Ruf nationaler Thriller- und Horrorfilme immerhin an den Kinokassen ein wenig aufpolieren. Nun erscheint mit „Die Vierhändige“ also eine mit Mysteryelementen angereicherte, visuell hochelegant inszenierte Geschichte über zwei Schwestern, die ein tragisches Verbrechen zunächst besonders eng zueinander führt, was sich jedoch mit der Zeit immer mehr ins Gegenteil umkehrt. Was als Film über Paranoia beginnt und schließlich in ein bisweilen durchaus irritierendes Verwirrspiel mündet, erweist sich am Ende als eine traurige Geschichte darüber, wie schwer es ist, loszulassen.

Sophie (Frida-Lovisa Hamann) begibt sich auf Spurensuche.

Bereits an der Zeichnung der beiden Schwestern Sophie und Jessica zeigt sich: „Die Vierhändige“ ist kein sonderlich subtiler Film. Die eine gibt den eher zurückhaltenden, sanftmütigen Part, während die andere nicht bloß mithilfe eines Tattoos als weitaus rebellischer gebrandmarkt wird. In ihrem ganzen Auftreten ist Jessica das exakte Gegenteil ihrer introvertierten Schwester, die den mit ihr gemeinsam durchlittenen Überfall und Mord an ihren Eltern selbst nach vielen Jahren kaum zu verarbeiten scheint – und in der dadurch nach und nach ein Rachegedanken zum Vorschein kommt. Die mangelnde Zurückhaltung bei der Charakterisierung ist allerdings erst einmal nicht schlimm, denn „Die Vierhändige“ hält sich ohnehin nicht lang am tiefschürfenden Charakterdrama auf. Der auch für das Drehbuch verantwortliche Oliver Kienle schafft stattdessen zwei Extreme, deren Clash dafür sorgt, dass hier emotionale Funken sprühen. Sein Film besitzt von Anfang an ein beabsichtigtes Ungleichgewicht, herbeigeführt von den harschen Schwankungen zwischen Sophies vorsichtigem Vorantasten und Jessicas brachialem Versuch der Vergangenheitsbewältigung. Durch diesen inszenatorischen (Un-)Rhythmus wird „Die Vierhändige“ trotz der vermeintlich so schematischen Ausgangslage zu einer unberechenbaren Geschichte, die auch im Umgang mit den Nebenfiguren keine Gefangenen macht.

Hierzu gehört in erster Linie Christoph Letkowski. Nachdem er in diesem Jahr bereits in der RomCom „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“ sowie in dem melancholischen Drama „Die Reste meines Lebens“ zu sehen war, hält sich der charismatische Schauspieler in „Die Vierhändige“ zurück und überlässt den beiden Damen die Bühne. Trotzdem funktioniert er durch sein Spiel hervorragend als Identifikationsfigur, denn während auch der Zuschauer die Ereignisse mit ebenso viel Faszination wie Verwirrung verfolgt, müht sich auch sein Martin verzweifelt in der Position des seelischen Beistands. Seine Aufopferungsbereitschaft gestaltet sich dabei ebenso glaubwürdig, wie das sukzessive Reißen seines Geduldsfadens. Den Part der Hauptrollen übernehmen allerdings die beiden Aktricen Frida-Lovisa Hamann („Die weiße Schlange“) und Friederike Becht („Das Labyrinth des Schweigens“). Die Beiden holen aus den recht offensichtlich angelegten Figuren ein hohes Maß an Facetten heraus und verleihen gerade jenen Momenten, die über das rational Erklärbare hinausgehen, die notwendige Bodenhaftung. Bemerkenswert ist darüber hinaus ihre im Skript festgehaltene Intelligenz, die über die herkömmlicher Genrefilme hinausgeht: Mit welchen Methoden Sophie herauszufinden versucht, ob sie im Anbetracht der Ereignisse noch klar bei Verstand ist (Stichwort: GPS-Ordnung), ist auf glaubhafte Weise smart.

Martin (Christoph Letkowski) und Sophie kommen sich näher.

Visuell kommt „Die Vierhändige“ ohne viel Schnickschnack aus, besticht aber gleichermaßen durch eine elegante Kameraarbeit (Yoshi Heimrath) und durch ein feines Augenmaß für ansprechende Kulissen. Trotzdem fehlt es dem Film hier und da an Übersicht, denn vor allem ab jenem Moment, in welchem sich die Welten der beiden Schwestern nach und nach überlagern, wählt Oliver Kienle zwar charmante Ideen zur Veranschaulichung, doch der Wechsel von der einen Figur zur anderen erscheint ab und an doch willkürlich. Trotzdem zeigt sich gerade hier, wie wichtig die zu Beginn fast noch als Makel angeführte Eindeutigkeit in der Charakterzeichnung ist: Wer hier wann wie agiert, ist anhand der Schauspielerinnen ebenso klar ersichtlich, wie durch ihre Verhaltensweisen. Das muss – insbesondere aufgrund der durchaus radikalen Grundidee mitsamt äußerst niederschmetternd-konsequenter Auflösung – Niemandem gefallen. Doch Kienle genehmigt sich und dem Publikum einen wichtigen Schlenker über die wahren Hintergründe der das Geschehen ins Rollen bringenden Bluttat und zeigt letztlich, dass sein „Die Vierhändige“ weitaus mehr ist, als bloß ein übernatürlicher Geisterfilm. Seine Geschichte ist trotz der Ausflüge ins Mysteryfach vor allem ein psychologischer Film darüber, wie sehr sich ein längst vergangenes, tragisches Ereignis bis in die Gegenwart festsetzen kann. Dass der Story da noch nicht einmal ein formelhaftes Happy End gegönnt wird, ist wohl näher an der Realität, als dem Zuschauer auf den ersten Blick lieb ist.

Fazit: Oliver Kienle gelingt mit „Die Vierhändige“ ein Mysterythrillerdrama, das mit starken Darstellern besticht und eine Erkenntnis offenbart, die in ihrer Tragik sämtliche übernatürlichen Momente des Films in den Schatten stellt.

„Die Vierhändige“ ist ab dem 30. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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