Flitzer

Die Schweizer Komödie FLITZER nimmt sich einer ganzen besonderen Sportart an und sorgt damit für nacktes Vergnügen, ganz ohne unangenehmen Voyeurismus. Mehr zu diesem Geheimtipp verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Baltasar Näf (Beat Schlatter) ist Deutschlehrer aus Leidenschaft und seit dem Tod seiner Frau alleinerziehender Vater einer schwer pubertierenden Tochter (Luna Wedler), die er trotz ihrer respektlosen Entgleisungen über alles liebt. Eigentlich läuft sein Leben in geordneten Bahnen bis er durch ein paar unglückliche Umstände „aus Versehen“ das ganze Geld für den neuen Schulsportplatz verzockt hat. In der größten Krise sind die einfachsten Ideen meistens die besten: Sein Friseur Kushtrim (Bendrit Bajra) hat in seinem Salon ein höchst florierendes, illegales Wettbüro und bringt den braven Schullehrer auf den verwegenen Gedanken, selbst aktiv ins Wettgeschäft einzusteigen! Näf rekrutiert ein Team aus allerlei sympathischen Menschen mit unterschiedlichsten Ängsten und lehrt ihnen in aufwendigen Trainingsmethoden nicht nur die Profession des Flitzens, denn – so Kushtrim – man kann auf alles wetten. Bereit die Fußballfelder zu erobern, werfen sie mutig alle Hemmungen über Bord, wachsen über sich selbst hinaus und werden zu einem unschlagbaren Team. Alles läuft nach Plan, doch dann überschlagen sich plötzlich die Ereignisse…

Kritik

In Peter Luisis Komödie „Flitzer“ wird gleich mehrmals zu ganz unterschiedlichen Gelegenheiten darauf hingewiesen, dass das sogenannte „Flitzen“ – also das splitterfasernackte Stören einer öffentlichen Veranstaltung vor möglichst viel Publikum – eine eigene Sportart sei. Das ist natürlich nicht ganz richtig, denn in erster Linie ist Flitzen eine Ordnungswidrigkeit, die mit Geldbußen oder sogar Freiheitsentzug bestraft werden kann. Gleichzeitig haben es manche Flitzer (sicher auch aufgrund der hohen Anzahl an Zuschauern derartiger Ereignisse) fast zu einer kleinen Berühmtheit gebracht. Der Bielefelder Ernst Wilhelm Wittig zum Beispiel, der es bis zu einem Bundesligaspiel im Dortmunder Westfalenstadion brachte, oder Jimmy Jump, der sich nicht bloß auf Fußballturniere beschränkte, sondern auch Formel-1-Rennstrecken und Tenniscourts mit seiner nackten Anwesenheit beehrte. Dass sich Flitzer für ihren großen Auftritt vorbereiten müssen, um ihr Ziel, möglichst lang für alle zu sehen zu sein, zu erreichen, treibt Peter Luisi („Ein Sommersandtraum“) in seinem Film auf die Spitze, indem er aus der fragwürdigen Freizeitbeschäftigung ein regelrechtes Business macht. Interessant ist daran vor allem, dass der Regisseur und Autor gar nicht so sehr aufdrehen muss, um das Optimum an Spaß aus seiner Geschichte herauszuholen. „Flitzer“ lebt zwar von seinen vielen karikaturesken Momenten, doch da das Flitzen an sich auf eine merkwürdige Art und Weise faszinierend genug ist, wird seine Comedy zu einem echten Selbstläufer und benötigt gar nicht so viele gezielt auf Pointe geschriebene Kalauer, um zu funktionieren.

Einer für alle und alle für einen!

Mit seiner Flitzer-Rekrutierung und dem anschließenden Aufbau eines regelrechten Trainingscamps für angehende Exhibitionisten, liefert Peter Luisi durchaus Szenen, die nur durch ihre arge Überzeichnung und gleichzeitig der damit verbundenen, völligen Selbstverständlichkeit funktionieren. Denn dass Hauptfigur Baltasar Näf eine als Motivationstraining getarnte Veranstaltung nutzt, um angehende Mitglieder seines Clubs anzuwerben, quittiert nur ein erster Schwall an Interessierten mit Empörung. Diejenigen, die noch übrig bleiben – ein äußerst illustrer Haufen aus allen sozialen Schichten – scheinen an Näfs Idee nicht annähernd etwas Anrüchiges zu finden; im Gegenteil. Ob arbeitslos, psychisch labil oder auf der Suche nach einer neuen Herausforderung: Ist die Scham erst einmal überwunden, scheint das Flitzen für alle so normal wie jeder andere Sport auch. Entsprechend nüchtern verkauft es das Autorenduo aus Peter Luisi selbst und seinem Co-Schreiber Beat Schlatter (arbeiteten auch für „Ein Sommersandtraum“ bereits zusammen) dann auch. Der Spaß entsteht vor allem darin, die immer absurderen Auswüchse dieses Treibens zu beobachten und sich der Faszination hinzugeben, wie eine Gruppe aus Exhibitionisten ihren nächsten Auftritt so akribisch genau durchplant, als hätte man es hier mit den nächsten Ocean’s Eleven zu tun.

„Flitzer“ nimmt sich nämlich nicht bloß die Zeit, die verschiedenen Arten eines solchen Flitzer-Auftritts genüsslich zu zelebrieren und dabei die verschiedenen Reaktionen des Publikums zu beleuchten. Die auf Schwyzerdütsch mit Untertiteln in die Kinos kommende Komödie fühlt sich die meiste Zeit über fast wie ein Heist-Movie an, die parallel zu den Vorbereitungen der Flitzer-Crew auch die Ermittlungen gegen diese organisierte Bande beleuchtet. Dass sich die Schreiber bemühen, beide Handlungsstränge auch emotional miteinander zu verweben, indem sie Baltasar Näf und die Leiterin der Ermittlungskommission – Sandra Strebel (Doro Müggler) – miteinander anbändeln lassen, wäre so nicht unbedingt nötig gewesen. Zumal „Flitzer“ dadurch im Schlussakt einige absurde Entwicklungen nimmt, die der Geschichte zuvor ein wenig ihre Bodenständigkeit rauben (Stichwort: Handstellen). Trotz allem ist es das große Kunststück der Macher, die Leinwandereignisse bis zuletzt weitestgehend realistisch aussehen zu lassen, obwohl es die Situation an sich selbst natürlich zu keinem Zeitpunkt ist; und genau deshalb ist „Flitzer“ auch so lustig.

Sonderfahnderin Sandra Strebel (Doro Mueggler) ist Balz dicht auf den Fersen.

Tatsächlich trifft in „Flitzer“ so gut wie jeder Gag voll ins Schwarze, doch vor allem sind es jene Momente, die mit der Verbindung aus Karikatur und Realismus spielen, die hier für die größten Lacher sorgen. So gehört etwa der Running Gag um Baltasars regelmäßige Besuche bei der Baufirma zu den Höhepunkten, bei der er nach und nach das verlorene Geld abstottert. Doch auch die Einblicke in das Wettgeschäft bei dem zwielichtigen Friseur (!) Kushtrim haben es in sich, wenn hier offen zur Schau gestellt wird, dass das alles mit Glück rein gar nichts zu tun hat. Den letzten Funken Persönlichkeit tragen letztlich aber die Darsteller bei; vor allem Beat Schlatter gelingt er hervorragend, die tragische Hintergrundgeschichte seiner Figur des verwitweten Baltasar zur Geltung kommen zu lassen und macht es zeitgleich absolut glaubwürdig, dass einem eigentlich spießigen Typen wie ihm eine solch absurde Idee kommt (dem armen Kerl wird zu Beginn des Films aber auch wirklich übel mitgespielt!). Aus der Flitzercrew tut sich letztlich keiner der Darsteller positiv oder negativ hervor. Ihre Performance funktioniert in erster Linie im Ensemble, während außerdem auffällt, dass zwar alle eine gewisse Unerschrockenheit im Umgang mit Nacktheit mitbringen, Peter Luise diese jedoch nie ausnutzt und „Fliter“ dadurch nie voyeuristisch erscheint. Doro Müggler („Sommervögel“) gefällt indes als resolute Ermittlerin, die sich von Baltasar Näf den Kopf verdrehen lässt, ohne dabei ihren Job aus den Augen zu verlieren.

Fazit: Regisseur Peter Luisi gelingt mit „Flitzer“ eine ebenso einzigartige wie unkonventionelle Komödie mit Heist-Movie-Touch, die von ihrer absurden Idee lebt, das Flitzerdasein professionell aufzuziehen und dafür eine Menge skurriler Charaktere auffährt.

„Flitzer“ ist ab dem 16. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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