Sommerfest

Ein weiteres Mal in diesem Kinojahr wird Lucas Gregorowicz auf der großen Leinwand zum Heimkehrer. Doch wer mit SOMMERFEST eine Art „Lommbock light“ erwartet, den belehrt Sönke Wortmann rasch eines Besseren. Mehr zum Film verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Stefan (Lucas Gregorowicz), mäßig erfolgreicher Theaterschauspieler in München, kommt nach zehn Jahren zurück nach Bochum, um den Haushalt seines verstorbenen Vaters aufzulösen. Drei Tage, dann will er wieder zurück sein. Aber da sind sie wieder alle, Kumpel, Freunde, Omma Änne, alles Originale in der weiten Welt des Ruhrgebiets, der Welt seiner Kindheit und Jugend. Und – so sehr er sich auch vor einer Begegnung drücken will – da ist auch noch seine große Jugendliebe Charlie (Anna Bederke), die genau weiß, wo es im Leben langgeht – auch für Stefan.

Kritik

Es ist schon amüsant, Schauspieler Lucas Gregorowicz in Sönke Wortmanns Tragikomödie „Sommerfest“ in einer Rolle zu sehen, die so ähnlich bereits vor Kurzem in einem ganz anderen Film zur Geltung kam: Auch in „Lommbock“, der von Kritikern gefeierten Fortsetzung der Kult-Kifferkomödie „Lammbock“, mimt der gebürtige Brite einen immerhin halbwegs im Leben angekommenen, seiner Heimat abtrünnigen Mittvierziger, der zu einem bestimmten Anlass in sein ehemaliges Zuhause zurückkehrt. In „Lommbock“ bildete dieser Grund die Beschaffung seiner Papiere, um in seiner neuen Heimat heiraten zu können. In „Sommerfest“ dagegen ist es der Tod des eigenen Vaters, der den Schauspieler Stefan ins Ruhrgebiet zurückholt, wo er seine Kindheit verbrachte und ein Großteil alter Freunde bis heute verweilt. Das alles umspannenden Thema Heimat verbindet beide Filme – genauso wie Lucas Gregorowicz. Doch das war’s. Denn nicht nur die Gründe für Stefans Heimkehr (ja, Gregorowicz‘ Figur heißt dann auch in beiden Filmen tatsächlich Stefan) gibt den Tonfall des jeweiligen Films vor, Sönke Wortmann („Deutschland. Dein Selbstporträt“) findet in seinem Film auch einen ganz anderen Zugang zur Thematik, als sein Kollege Christian Zübert. Welcher davon jetzt besser und welcher schlechter ist, liegt absolut im Auge des Betrachters. Ob „Lommbock“ oder „Sommerfest“ – beide Filme gehören klar du den besten deutschen Filmen dieses Jahres, weil sie sich so anfühlen, wie Kino nur im besten Falle ist: echt.

Zuhause angekommen, fragt Olaf (Andre Rohde) Stefan (Lucas Gregorowicz) über sein Leben und seine Zukunftspläne aus.

In der aller ersten Szene sieht man Gregorowicz‘ Figur verkleidet inmitten des Theaterstücks „Die Räuber“ an irgendeiner Wald- und Wiesenbühne. Dass es dieser Stefan als Schauspieler nie so richtig weit gebracht hat, ist kurz davor, dem Zuschauer ein abwertendes Schmunzeln zu entlocken, würde der Charaktermime den Spagat zwischen mitleidserhaschender Aufopferung und leidenschaftlichem Elan nicht so bravourös hinbekommen, dass man von Anfang an die emotionale Komplexität der Figur realisiert; Ja, dieser Stefan hätte sicher den ganz großen Durchbruch verdient, doch benötigt es oft kleine Schritte mitsamt Rückschritt, um einen Menschen zu formen – dass es für die Riesenkarriere bislang noch nicht reichte, wird also irgendeinen Grund haben. Sympathisch ist er einem zumindest auf Anhieb und so dauert es nur wenige Minuten, bis der Anruf betreffend der Todesnachricht seines Vaters die Szenerie in eine melancholische Stimmung kippen lässt. Melancholie – ein Gefühl, das „Sommerfest“ dominiert. Sei es dann, wenn Stefan im üppigen Räuber-Kostüm ganz selbstverständlich Zug fährt, er permanent darauf angesprochen wird, ob man ihn als Schauspieler denn aus dem Fernsehen kennen müsse (was ihm jedes Mal aufs Neue vor Augen führt, was für ein kleines Würstchen er zumindest als Schauspieler bislang doch ist) oder die wiederkehrende Frage, ob er sich bereits bei seiner Jugendliebe Charlie gemeldet habe, die gleichzeitig Entnervtheit und Erleichterung in ihm auslöst. Die Rückkehr in die Heimat wird für Stefan zu einer hart harmloser Nemesis; all die, die er zum Zwecke der Karriere im Ruhrgebiet zurück ließ, bekommen in „Sommerfest“ die Gelegenheit, ihn darauf anzusprechen, dass es außerhalb seines Zuhauses ja doch nicht so gut für ihn gelaufen ist. Er kann nur daran wachsen.

„Woanders weißt Du, wer Du bist – hier wissen es die anderen. Das ist Heimat!“

Regisseur Sönke Wortmann lässt in sein Herzensprojekt viele eigens erlebte Erfahrungen mit einfließen, nutzt dafür aber gleichermaßen auch typische Ruhrpott-Stereotypen, die unter weniger fähiger Hand Gefahr liefen, sich zu absoluten Witzfiguren zu entwickeln. Doch wenn die in tiefstem Atze-Schröder-Dialekt sprechende Camper-Truppe gleichermaßen ihren chauvinistischen Tendenzen nachgeht, die knapp gekleidete Freundin permanent zum Bierholen schickt und sich am Wochenende auf dem Bolzplatz trifft, um den dort als kommenden Weltstar gefeierten Fußballer Murat anzufeuern (nicht ohne sich selbst ein Teil des Ruhmes zuzusprechen, schließlich kommt man ja aus demselben Dorf), dann verankert Wortmann das alles so leidenschaftlich in einem detailgespickten Kontext, dass man gar nicht dazu kommt, zu hinterfragen, ob das Gezeigte nun doch einen Tick zu klischeehaft ist, oder sich nicht doch irgendwie ganz schön nah an der Wirklichkeit abspielt. Dass sich trotzdem wirklich jeder Charakter – ob Haupt-, Nebenfigur oder Komparsenauftritt – durch eine bestimmte Eigenheit definiert, sich somit kaum „ganz normale Typen“ ausmachen lassen, kann gerade für Außenstehende hier und da anstrengend werden. Doch indem Wortmann den Blickwinkel seiner Hauptfigur einnimmt, mildert er diesen Eindruck auch ein Stückweit wieder ab; wer seine Heimat einmal verlassen hat, auf den wirken die früher als so normal empfundenen Spleens plötzlich weitaus befremdlicher. Wortmann findet eine gute Balance zwischen Faszination, Reizüberflutung und Selbstverständlichkeit – und macht den Titel „Sommerfest“ damit gleichsam zum Programm.

Auf seinem Streifzug durch die Nacht trifft Stefan auf Stefan auf Mandy (Jasna Fritzi Bauer).

Neben der Faszination Heimat spielt in „Sommerfest“ auch das Thema Jugendliebe eine große Rolle, die für Stefan zwangsläufig mit dem Aufwachsen im Ruhrgebiet verbunden ist. Wortmann widmet seinen Film im Abspann sogar direkt „allen Jugendlieben“ und findet im Nebenhandlungsstrang um das Wiedersehen zwischen Charlie und Stefan feine Nuancen aus Wehmut und Optimismus, die den Zuschauer in Gedanken an seine erste große Liebe schwelgen lassen. Anna Bederke („Volt“) bildet mit Lucas Gregorowicz ein ideales Gespann und lässt tatsächlich den Eindruck aufkommen, dass dem Wiedersehen der beiden viele Jahre vorausgingen. Zwischen Vertrautheit und Fremdsein wird das Publikum Zeuge, wie zwei, die sich mal geliebt haben, herauszufinden versuchen, ob das heute immer noch der Fall ist. So reif, erwachsen und selbstreflektierend diese beiden Menschen auch miteinander umgehen, kippt „Sommerfest“ aufgrund der authentischen Emotionen nie in ein Gefühl der Langeweile. Wortmann gelingt es, die Emotionen eines solchen Zustands absolut lebensecht einzufangen, bringt trotzdem ansprechenden Witz in der jeweiligen Szenerie unter und findet einen rührenden, lebensbejahenden Schluss, der sich nach einem aufrichtigen Happy End anfühlt. „Sommerfest“ ist ein kleines, deutsches Kinowunder, das mit Sicherheit nicht alles richtig macht – aber genau dadurch auch zu unverwechselbaren Ecken und Kanten findet. Wir möchten am liebsten sofort mit Stefan in seine Heimat zurück!

Fazit: In Sönke Wortmanns „Sommerfest“ steckt so viel Liebe, dass sich selbst die abgegriffensten Stereotypen immer noch echt anfühlen. Derweil geben Lucas Gregorowicz und Anna Bederke eines der wundervollsten Ex-Liebespaare des deutschen Kinos ab, das selbst aus den einfachsten Situationen etwas ganz Besonderes macht.

„Sommerfest“ ist ab dem 29. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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