Die Verführten

Sophia Coppolas Version von „The Beguiled“ wurde in diesem Jahr auf Cannes uraufgeführt und entführt den Zuschauer in die Zeiten des Bürgerkrieges, in denen ein ganz anderer Krieg in den vier Wänden einer Mädchenschule tobt. Mehr zu dem eleganten Thrillerdrama DIE VERFÜHRTEN verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Während des tobenden Bürgerkriegs im Jahre 1864 bietet eine abgelegene Mädchenschule eine sichere Zuflucht vor den Schrecken der Außenwelt. Als in unmittelbarer Nähe ein verletzter Soldat entdeckt und zur Pflege in die Schule gebracht wird, gerät das geregelte Leben der Frauen durch seine Anwesenheit aus den Fugen. Schon nach kurzer Zeit erliegen die Frauen dem Charme des Soldaten – Eifersucht und Intrigen vergiften zunehmend das Zusammenleben. Es beginnt ein erotisch aufgeladenes Spiel mit unerwarteten Wendungen, das Opfer auf beiden Seiten fordert.

Kritik

Die Filme von Sofia Coppola („Lost in Translation“, „The Bling Ring“) sind thematisch alle grundverschiedenen, werden aber durch den akribisch-kleinteiligen Blick auf die Figuren sowie einen hochgradig eleganten Stilwillen geprägt. Die Tochter von Regielegende Francis Ford Coppola dreht kleine Kunstwerke. Selbst ihre Werbekampagnen für Dior oder den Kleidungsgiganten H&M lassen sich sofort als ihre Arbeiten identifizieren. Und sowas kommt an – erst recht, bei einem solch namensfixierten Filmfestival wie jenem von Cannes, in dessen Umfeld Coppolas neuestes Projekt „Die Verführten“ vor wenigen Wochen uraufgeführt wurde. Basierend auf dem Roman „A Painted Devil“ von Thomas P. Cullinan, der schon einmal mit Clint Eastwood in der Hauptrolle verfilmt wurde, kreiert die gebürtige New Yorkerin ein einmal mehr fiebriges Leinwandgemälde voll von düster-romantischer Atmosphäre, das letztlich auch in der genau richtigen Sparte an der Côte d’Azur prämiert wurde: nämlich in der Kategorie „Beste Regie“. Dramaturgisch, darstellerisch und im damit einhergehenden Hinblick auf das große Ganze, ist Coppolas Film indes nicht der ganz große Wurf geworden. Sehenswert ist der in jeder Hinsicht grundsolide Thriller jedoch allemal.

Der verwunderte Soldat John McBurney wird von der Lehrerin Martha Farnsworth (Nicole Kidman) beaufsichtigt.

Wenn in der aller ersten Szene ein Mädchen singend über einen von Bäumen gesäumten Weg schlendert, während die Sonne durch die Wipfel scheint, liebliche Schattenspiele die Szenerie verfeinern und die Kamera in einer fast schon lethargischen Ruhe langsam auf die junge Frau zufährt, während im Hintergrund das Grollen einschlagender Bomben andeutet, dass diese Stille nur trügerisch sein kann, spielt Sofia Coppola ihre größten Trumpfkarten binnen weniger Minuten aus. Die 46-jährige Regisseurin und Drehbuchautorin (auch für „Die Verführten“ nahm sie direkt beide Positionen ein) erzeugt mit wenig Tamtam spektakuläre Bildgewalten, die sich nicht auf Materialschlachten und Effektorgien konzentrieren, sondern auf das größtmögliche Ausschöpfen dessen, was die simple Szenerie zu bieten hat, um etwas zu schaffen, was einem das Kino viel zu oft nur vorgaukelt: Poesie. „Die Verführten“ ist wie ein Großteil aus Coppolas bisheriger Vita ein durch und durch poetischer Film; unaufdringlich, wunderschön und sanftmütig. So zumindest gibt sich die Geschichte in ihrer technischen Ausführung. Kameramann Philippe Le Sourd („The Grandmaster“) und die Indie-Pop-Band Phoenix, die den Soundtrack zu „Die Verführten“ beisteuerte, kleiden die Geschichte in ein federleichtes Gewand, wogegen die Story in ihrer rabiaten Direktheit als Kontrast fast schon zermürbt.

Mit dem frühen Auftauchen von Colin Farrell („Die Vorsehung“) bewahrheitet sich rasch die bereits durch die bedrohliche Geräuschkulisse angekündigte Befürchtung, dass diese augenscheinliche Idylle gar nicht so idyllisch sein kann. Dass mit seiner Figur des Soldaten John McBurney nicht nur ein Fremder, sondern auch der Krieg selbst Einzug in das abgelegene Gebäude erhält, ist zwar hauptsächlich symbolischer Natur, doch die Verortung der Geschichte in die Wirren des Bürgerkrieges macht auch auf erzählerischer Ebene Sinn. Die Enge des düsteren, verwinkelten Gebäudes mit seinen massiven Holzmöbeln gewinnt durch das Wissen um die vor der Tür lauernden Gefahr etwas Klaustrophobisches, während der verwundete Soldat gleichsam auf seine Retterinnen angewiesen ist, da weder er, noch die Frauen gefahrlos das Haus verlassen können. Unterstrichen vom wiederkehrenden Sound der einschlagenden Bomben wird „Die Verführten“ zu einem waschechten Kriegsdrama, das sich als emotionaler Kampf im Inneren der Mädchenschule widerspiegelt, während die körperlichen Auseinandersetzungen draußen vor der Tür stattfinden – bis im letzten Drittel des Films beides zu einer (sowohl für den Zuschauer, als auch für die beteiligten Figuren) schmerzhaften Symbiose verschmilzt. Anders als in Don Siegels Romanadaption von 1971 ist es hier nämlich der Mann, der den Frauen schutzlos ausgeliefert ist, nachdem er sie nur scheinbar so spielend leicht und eine nach dem anderen um den Finger gewickelt hat.

Der Soldat macht der jungen Alicia (Elle Fanning) schöne Augen.

Wie die jungen Damen dem einzigen Herren in ihrem Haus erliegen, verpackt Sofia Coppola mitunter mit reichlich Humor. In der besten und lustigsten Szene des Films gerät ein gemeinsames Kuchenessen außer Kontrolle, als jede der Frauen unbedingt betonen will, was genau sie denn zum Gelingen des Applepies beigetragen hat. Dahinter steckt aber immer auch eine gehörige Portion Tragik: Wer „Die Verführten“ in der ersten Hälfte für anti-emanzipatorisch befindet, da es einem einzigen Mann binnen weniger Tage gelingt, das eingespielte Gruppengefüge der Frauen komplett durcheinander zu wirbeln, der sollte warten, bis sich die Standfestigkeit ebenjener offenbart; Denn schließlich zeigt sich, dass es Coppola darum geht, eben genau das Gegenteil aus ihrer Geschichte heraus zu kitzeln. Dafür braucht die Regisseurin viel Zeit, die sie darüber hinaus mit viel Dialog bestückt. Nur der genauen inszenatorischen Aufteilung auf 94 Minuten Lauflänge ist es zu verdanken, dass die dramaturgischen Längen gering ausfallen. Und natürlich den starken Schauspielern. Lässt sich Colin Farrell noch liebend gern von seinen weiblichen Kolleginnen an die Wand (respektive ins Bett) spielen, geben Nicole Kidman („Lion“), Kirsten Dunst („Hidden Figures“), Elle Fanning („The Neon Demon“) und der Rest des (Newcomer-)Ensembles nicht nur hervorragende Einzelleistungen zum besten, sondern tragen auch zu einer stimmigen Chemie innerhalb des Ensembles bei. Mit diesen Grazien sollte sich so schnell Niemand anlegen!

Fazit: Sofia Coppolas „Die Verführten“ ist ein exzellent fotografiertes Thrillerdrama, das mit einem hervorragend aufgelegten Ensemble punktet und trotz einiger redseliger Passagen kurzweilig-spannende Kinounterhaltung bietet.

„Die Verführten“ ist ab dem 29. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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