Semper Fi

In den USA stieß das Actiondrama SEMPER FI auf gemischte Kritiken. Und tatsächlich lassen sich die Schwächen dieser starbesetzten Moralstudie auch ziemlich klar benennen. Ein schlechter Film wird daraus noch lange nicht. Bloß einer, der viel Potenzial liegen lässt. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Semper Fi (UK/USA 2019)

Der Plot

Callahan (Jay Courtney) ist ein regelkonformer Polizist, der als Reservist der Marine zusammen mit seinen rauflustigen Freunden Jaeger (Finn Wittrock), Snowball (Arturo Castro) und Milk (Beau Knapp), die er alle noch aus Kindertagen kennt, über die Runden kommt. Als Cals jüngerer, leichtsinniger Halbbruder Oyster (Nat Wolff) versehentlich einen Mann in einer Barschlägerei tötet und daraufhin versucht zu fliehen, sieht sich Cal dazu gezwungen, ihn zu stellen und den Behörden zu übergeben. Oyster wird zu einer 25-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt und sieht sich im Gefängnis üblen Misshandlungen ausgesetzt. Callahan kommen zunehmend Zweifel daran, ob sein Entschluss, seinen Bruder für seine Strafe büßen zu lassen, eine richtige Entscheidung war…

Kritik

Henry Alex Rubin inszenierte im Jahr 2012 seinen ersten Spielfilm „Disconnect“. Eine ziemlich niederschmetternde und gleichermaßen treffend beobachtende Studie über Internetkriminalität, deren Zeitlosigkeit sich einem erst heute, rund acht Jahre später, so richtig erschließt. Sein elegant inszenierter Episodenthriller besitzt noch heute eine bemerkenswerte Brisanz. Seither war es ruhig um den Oscar-nominierten Dokumentarfilmer (2005 für „Murderball“), doch nun hat er nachgelegt. Mit seinem moralisch ambivalenten Actiondrama „Semper Fi“ wagt sich Rubin diesmal heraus aus dem World Wide Web und inszeniert ein hartes Thrillerdrama rund um die Frage nach Schuld, Sühne, Unschuld und Rache. Das haben vor ihm schon viele andere gemacht und so wirklich neue Facetten kann Rubin diesem gern gewählten Storymotiv auch nicht hinzufügen. Aber „Semper Fi“ offenbart viel Potenzial für ein geradliniges Drama über harte Jungs auf der Grenze zwischen Heldentat und Verbrechen. Gleichzeitig lässt sich der Film aber auch anhand einiger eklatanter Versäumnisse auszählen. Da wäre zweifelsohne so viel mehr drin gewesen.

Oyster (Nat Wolff) hat seinem Halbbruder Cal (Jay Courtney) nicht verziehen, dass dieser ihn damals verhaftete.

Wenn wir die Hauptfigur Cal (Jay Courtney gibt sich mal wieder große Mühe, möglichst grimmig dreinzublicken) und ihre Freunde Jaeger, Snowball und Milk in der ersten Szene dabei beobachten, wie diese sich in einer Bowling-Halle mit dem Besitzer anlegen, dann kann man aus dieser Szene einerseits diese typische „toxische Maskulinität“ herauslesen. Auf der anderen Seite erkennt man jedoch schnell, dass es sich bei den jungen Männern zwar um Großmäuler, aber nicht völlig unsympathische Macho-Macker handelt, die gern protzen, die aber trotzdem das Herz am rechten Fleck haben. Die gemeinsame Zeit an der Front hat sie zusammengeschweißt. Nun genießen sie ihr Leben nach dem Krieg. Um diese enge Verbindung zwischen den Männern zu skizzieren, wendet der auch am Drehbuch beteiligte Henry Alex Rubin fast ein Drittel der mit 99 Minuten ohnehin recht knapp bemessenen Laufzeit auf, bevor sich überhaupt erst abzeichnet, in welche Richtung „Semper Fi“ gehen wird. Schon hierin erweist sich das Skript von Rubin und Sean Mullin („Amira und Sam“) als unausgewogen. Auf der einen Seite nimmt diese Einführung der Charaktere (zu) viel Zeit in Anspruch. Auf der anderen Seite versäumen die Macher einige wichtige Handlungspfeiler, die man sich im Nachhinein eben dazu denken muss. So erfahren wir etwa, dass Oyster, der bei einer Rauferei versehentlich einem jungen Mann so hart ins Gesicht schlug, dass dieser sich beim Sturz auf den Boden tödlich verletzte, nach diesem Ereignis zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde. An der entsprechenden Gerichtsverhandlung darf der Zuschauer allerdings nicht teilhaben – im Hinblick auf Oysters durchaus als Notwehr zu verstehende Tat, die noch dazu allenfalls als fahrlässige Tötung, wenn nicht gar Verletzung mit Todesfolge zu werten, wäre die Begründung für das harte Urteil definitiv wichtig gewesen.

„Auf der einen Seite nimmt diese Einführung der Charaktere (zu) viel Zeit in Anspruch. Auf der anderen Seite versäumen die Macher einige wichtige Handlungspfeiler, die man sich im Nachhinein eben dazu denken muss.“

Ohne das Wissen darum, ob der von Nat Wolff („Liebe zu Besuch“) zwischen zerbrechlich und wütend changierend gespielte Oyster vielleicht schon während der Ermittlungen mit gezielter Benachteiligung oder dergleichen konfrontiert wurde, lassen sich die anschließenden Szenen nur schwer einordnen. Wir erleben den jungen Mann als von der Willkür gewaltgeiler Knastaufseher gebeuteltes Opfer der Umstände – „Semper Fi“ setzt sich durch die mangelhafte Exposition allerdings zwischen die Stühle. Zwar ändern die Handlungen seiner Peiniger nichts daran, wie abscheulich sie sind. Doch es wäre ein moralisch viel interessanterer Kniff gewesen, Oyster wahlweise zum brutalen Totschläger (der die Rauferei im Club vielleicht sogar angezettelt hat), oder aber zum Opfer der Justiz zu machen. Im Endeffekt legt sich Rubin nicht fest; Das ist in diesem Fall kein Zeichen von erzählerischer Ambivalenz, sondern erweckt eher den Eindruck unsauberen Arbeitens. Zwischendrin immer wieder eingestreute Rückblenden in die kräftezehrende Zeit an der Front wiederum betonen zwar umso deutlicher, was die Männerclique so zusammengeschweißt hat. Doch während es Rubin hier zu gut damit meint, ein schlüssiges Figurenkonstrukt zu erschaffen (irgendwann hat man einfach verstanden, dass zwischen die jungen Männer kein Blatt passt), lässt er diese Genauigkeit anderer Stelle vermissen – etwa bei der Erklärung der von Anfang an undurchschaubaren Beziehung zwischen den beiden Halbbrüdern Oyster und Cal.

Im Krieg gelten andere Gesetze…

„Semper Fi“ ist in erster Linie ein Film über Konsequenzen. Zunächst geht es um die Konsequenz, die Oyster für seinen unbedarften Schlag erleben muss (dadurch, wie beiläufig Rubin diese Szene inszeniert, trifft einen die Wucht dieses lebensverändernden Moments umso härter). Und später dann darum, wie sich die Folgen für Oyster auf Cals Moralverständnis auswirken. Wohin genau sein sukzessive immer schlechteres Gewissen führt, obwohl er damals ja einfach nur gesetzestreu gehandelt hat, wollen wir an dieser Stelle nicht verraten. Es versieht den bis dato als dreckig-dramatisches Knast- und Kriegsdrama inszenierten Film (Kamera: David Devlin) mit ebenjener Dynamik, die dem Film vorab ein wenig abgeht – obwohl „Semper Fi“ erzählerisch ordentlich Tempo macht und zwischendrin auf große Zeitsprünge setzt.

„‚Semper Fi‘ ist in erster Linie ein Film über Konsequenzen. Zunächst geht es um die Konsequenz, die Oyster für seinen unbedarften Schlag erleben muss. Und später dann darum, wie sich die Folgen für Oyster auf Cals Moralverständnis auswirken.“

Mit seiner Erklärung von Cals Charakterwandel damit, wie sich sein Moralverständnis als Polizist mit jedem eines Soldaten beißt, macht es sich Rubin einfach. Mit der Zeit können sich die Sichtweisen auf Sachverhalte durch selbst erlebte Ereignisse ändern. Viel mehr Interpretationsspielraum lässt einem das Skript nicht. Insbesondere für das starke Finale, das sich nochmal einem ganz anderen Genre zuordnen lässt (welchem würde allerdings zu viel über den Ausgang des Films verraten), reicht diese simple Erklärung aber aus. Und irgendwie ist man letztlich dann doch gerührt, weil sich bei all der Gewalt und ausufernden Männlichkeit die liebevolle Beziehung zweier Brüder als das Wichtigste in dieser rauen Welt erweist.

Fazit: Dadurch, dass es Henry Alex Rubin einfach versäumt, einige wichtige Teile seiner Geschichte auszuformulieren, ist „Semper Fi“ ein Film, der weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, im Großen und Ganzen aber immer noch eine solide Figur als Spannungsdrama abgibt.

„Semper Fi“ ist ab dem 9. Juli in den deutschen Kinos zu sehen.

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