Waves

Trey Edward Shults zermürbendes Drama WAVES erreicht mit vielen Vorschusslorbeeren nun auch die deutschen Kinos. Inwiefern diese gerechtfertigt ist und weshalb der Film nicht umsonst an Terrence Malick erinnert, das verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Der 18-jährige Tyler (Kelvin Harrison Jr.) ist erfolgreiche Ringkämpfer und an seiner Highschool sehr beliebt. Doch die sportlichen Leistungen kommen nicht von ungefähr: Allen voran Tylers Vater Ronald (Sterling K. Brown) drillt seinen Sohn regelmäßig zu Höchstleistungen. Tylers Kindheit ist seit jeher davon geprägt, seinem Vater zu gefallen. Zeit für Entspannung bleibt da keine. Doch daraus schöpft er auch seinen Ehrgeiz. Tyler wünscht sich nichts mehr als ein Sportstipendium für eine begehrte Elite-Universität. Doch dann geschehen in Tylers Familie gleich mehrere tragische Vorfälle, die nicht nur sein Leben, sondern auch das Leben seiner Schwester Emily (Taylor Russell) auf den Kopf stellen. Es benötigt viel Zeit, um damit klarzukommen. In ihrem zurückhaltenden Mitschüler Luke (Lucas Hedges) findet zumindest Emily einen aufmerksamen Zuhörer.

Kritik

Nach seinem auf Festivals gefeierten Survival-Horrorfilm „It Comes at Night“ wurde Indie-Regisseur Trey Edward Shults schon als neue Genre-Hoffnung gefeiert. Doch nachdem sich der gebürtige Texaner zwei Jahre zuvor in seinem Langfilmdebüt „Krisha“ bereits als präziser Beobachter psychischer Ausnahmezustände bewiesen hatte, geht es für seinen neuesten Film „Waves“ nun genau dahin wieder zurück. In seiner in zwei Abschnitte gegliederten Geschichte erzählt er von einem Familiendrama, über das man vorab möglichst wenig wissen sollte, damit es einen dann auch als Zuschauer wirklich genauso mitreißt, wie den vom Leben durchgeschleuderten Protagonisten Tyler selbst. Doch es geht auch um seine Freundin Alexis (Alexa Demie), um seine kleine Schwester Emily, die vor allem in der zweiten Filmhälfte in den Mittelpunkt rückt, und um seinen strengen Vater Ronald. Vor allem aber zeigt „Waves“ auf, wie leicht sich so ein eigentlich stabiles Familiengefüge zum Einsturz bringen lässt, wenn auch nur eines seiner elementaren Stützpfeiler wegbricht. Damit sagt Shults mitnichten Neues aus, aber er wendet dafür wunderschöne Stilmittel auf und ist einmal mehr ganz nah dran an einer emotionalen Krisensituation.

Tyler (Kelvin Harrison Jr.) ist eigentlich glücklich mit seiner Freundin Alexis (Alexa Demie)…

Dass „Waves“ ursprünglich mal ein Musical werden sollte, ist dem 135-minütigem Mammutwerk anzumerken. Pausenlos dröhnen hier irgendwelche Pop-, RnB- und Rap-Songs aus den Boxen, die den Gefühlszustand der Haupt- und Nebenfiguren möglichst treffend unterstreichen sollen. Besonders subtil geht es dabei nicht zu; hin und wieder beschreiben sogar die Lyrics explizit, was dieser oder jener Charakter wohl gerade denken mag – man könnte es sich auch aus den Bildern bestens zusammenreimen. Aggressive Beats, die das innere Aufgewühltsein Tylers betonen sollen, werden da schon mal besonders laut aufgedreht. Ruhige, melancholische Klänge bilden dagegen eher ein Hintergrundrauschen, das Trent Reznor und Atticus Ross („Mid90s“) mit ihrem zurückhaltenden Instrumentalscore zusätzlich umspielen. Das große Song-Repertoire ist definitiv ein weiterer Protagonist in „Waves“, genauso wie die malerische Kameraarbeit von Drew Daniels (führte auch schon die Kamera bei „It Comes at Night“). Dieser sieht man ihre Anleihen an Trey-Edward-Shults-Mentor Terrence Malick („Song to Song“) deutlich an. Daniels ergötzt sich in fast schon lethargischer Geschwindigkeit an betörenden Farben, ruhigen Panoramen und fantastischen Landschaftsaufnahmen des Handlungsortes Florida und bildet damit einen hervorragenden Kontrast zur eigentlich so zermürbenden Geschichte. Ganz so, als wolle er zeigen, dass sich auch die schlimmsten Tragödien dort abspielen können, wo andere normalerweise Urlaub machen.

So sehr sich in den Leinwandpanoramen schwelgen lässt, als so wenig zugänglich erweist sich Hauptcharakter Tyler. Dabei ist seine Figur eigentlich eine im Kino gar nicht so selten vorkommende: Der eher den Traum seines ehrgeizigen Vaters denn seinen eigenen lebende Sportler entspricht dem Stereotyp des „Eislaufkindes“, doch durch seine eigene Verbohrtheit auf sportliche Erfolge wirkt seine Figur unnahbar bis hin zu spröde; schon früh reist ihn indes ein Schicksalsschlag aus der Bahn, den die Macher zum Anlass nehmen, ihren Protagonisten in seinen Strudel aus tragischen Ereignissen zu schleudern, bis Tyler ab der Mitte des Films kaum mehr eine Rolle spielt. Mit seiner radikalen Verlagerung des erzählerischen Schwerpunkts von Tyler hin zu seiner kleinen Schwester Emily, über die man die vorherige Dreiviertelstunde so gut wie nichts erfährt, geht Shults gewiss ein Wagnis ein. Gleichsam offenbart sich aber auch erst so das erzählerische Gesamtkonstrukt: „Waves“ ist kein Film über eine einzelne Person, sondern über ein Gefüge, in dem jedes Element seinen festen Platz hat.

Wie wird Taylor mit den Entwicklungen umgehen?

Zum Leben erweckt wird der Film neben seiner audiovisuellen Ausgestaltung von seinen Hauptdarstellern. Dafür greift Trey Edward Shults vorwiegend auf solche Gesichter zurück, die sich im US-amerikanischen Mainstreamkino bislang (noch) nicht vollends etabliert haben respektive eher in Nebenrollen zu sehen sind. Das Ergebnis: Authentizität. Kelvin Harrison Jr. („Assassination Nation“) legt eine immense Wucht in die Verkörperung seiner Rolle. Lediglich in kurzen, intimen Gesprächen mit seiner Freundin Alexa, mehr aber noch mit seiner Schwester Emily scheint auch seine emotionale Zerbrechlichkeit durch, die er ansonsten so gut mit seinen Muskelbergen zu überspielen weiß. Wenn in der zweiten Filmhälfte Taylor Russel („Escape Room“) alias Emily den erzählerischen Fokus für sich beansprucht, bilden sie und ihr von Lucas Hedges („Ben is Back“) gespielter Schulfreund Luke einen beruhigenden Gegenpol zu den zuvor von einem hohen Tempo, lauter Musik und ständiger Anspannung geprägten Kinobildern, die Taylors Gedankenwelt abbildeten. Aber auch ein rührendes Gespräch zwischen Emily und ihrem Vater Ronald, der den ansonsten immer so abgebrüht wirkenden Mann als Mensch aus Fleisch und Blut entlarvt, gehört eindeutig zu den Höhepunkten des Films. Jeder geht eben anders mit Schicksalsschlägen um. Und mit „Waves“ weiß Trey Edward Shults jedes Extrem entsprechend zu veranschaulichen.

Fazit: Ein Film über Familie und darüber, wie zerbrechlich sie ist: Trey Edward Shults gelingt mit seinem Drama „Waves“ eine hervorragend bebilderte Studie darüber, wie Menschen mit Extremsituationen umgehen. Die Darsteller erfüllen es mit Leben, dem sich bisweilen recht abgegriffene Erzählmotive hin und wieder ein wenig in den Weg stellen.

„Waves“ wurde am 16. März bis auf unbestimmte Zeit verschoben.

Und was sagst Du dazu?