Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Die Regisseurin von „Der Junge muss an die frische Luft“ hat den Schulliteratur-Klassiker ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL als Drama aus den Augen ihrer jugendlichen Protagonistin verfilmt. Ein hervorragender Ansatz für den altbekannten Stoff. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Berlin, 1933: Anna Kemper (Riva Krymalowski) ist erst neun Jahre alt, als sich ihr Leben von Grund auf ändert: Um den Nazis zu entkommen, muss ihr Vater Arthur (Oliver Masucci), ein angesehener Theaterkritiker und bekennender regierungskritischer Journalist, nach Zürich fliehen; seine Familie – Frau Dorothea (Carla Juri) und seine beiden Kinder Anna und Max (Marinus Hohmann) – folgt ihm kurze Zeit später. Anna lässt alles zurück, auch ihr geliebtes rosa Stoffkaninchen, und muss sich in der Fremde einem neuen Leben voller Herausforderungen und Entbehrungen stellen.

Kritik

Judith Kerrs autobiographischer Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ gehört seit den Siebzigerjahren zur wichtigsten Zweiter-Weltkriegs-Schullektüre. In dem Buch schildert Kerr aus der Perspektive der neunjährigen Anna (also mehr oder weniger aus ihrer eigenen), wie es ist, gemeinsam mit der Familie auf der Flucht vor den Nazis zu sein. Was den Roman und nun auch die gleichnamige Verfilmung von anderen Werken der Weltkriegsliteratur abhebt, ist die fast schon versöhnliche Erzählweise, die sich durchaus als Verklärung missdeuten lässt. Dabei ist sie letztlich eigentlich nur konsequent, schließlich versucht Annas Familie alles, um den Krieg und alles, was dazu gehört, von ihren Kindern fernzuhalten. Vater Arthur bemüht sich gar, seiner Anna die Flucht durch Europa als eine Art Abenteuer zu verkaufen. Ein Abenteuer mit Widerhaken, versteht sich. Denn sowohl im Buch als auch im Film schimmert bei aller vorgetäuschten Idylle immer auch durch, dass der Schrecken des (bevorstehenden) Krieges der Familie Kemper stets dicht auf den Fersen ist. Regisseurin Caroline Link („Der Junge muss an die frische Luft“) gelingt mit ihrer Verfilmung ein Familiendrama, dessen Form sich der Erzählung anpasst. „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ordnet die Kriegsthematik dem Familienzusammenhalt unter, sodass der Film letztlich gar kein Kriegsfilm im eigentlichen Sinne mehr ist.

Arthur (Oliver Masucci) mit seinen beiden Kindern Anna (Riva Krymalowski) und Max (Marinus Hohmann).

Es gibt gleich mehrere Szenen in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, in denen die ansonsten nur sehr unterschwellig angedeutete Bedrohung des Krieges aus dieser Subtilität ausbricht. Etwa an einem Grenzübergang, an dem Mutter Dorothea (Carla Juri) ihre beiden Kinder dazu anhält, sich absolut unauffällig zu verhalten, damit ihre Reise in die Schweiz auf keinen Fall wie eine Flucht aussieht (schließlich schreibt Vater Arthur seit jeher regierungskritische Zeitungsartikel und muss ab dem Moment von Hitlers Machtübernahme um sein Leben fürchten). Oder auch wenn die Hauswartin ihrer neuen Wohnung in Paris offen antisemitische Aussagen trifft und sich die Kempers nie darüber im Klaren sein können, ob sie in ihrer neuen Herberge auch wirklich sicher sind. In solchen Momenten wird einem bewusst, dass „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ja wirklich zu den frühen Zeiten des Zweiten Weltkriegs spielt und die Kemper-Familie nicht etwa um die halbe Welt reist, weil es ihnen so einen Spaß macht, sondern weil man sie in ihrer Heimat Deutschland aller Voraussicht nach verfolgen würde. Als Juden ebenso wie als Familie eines Regierungskritikers. Doch selbst in solchen Szenen kommt das Grauen auf leisen Sohlen. Die Bedrohungssituation im Zug wird aufgelöst, ohne dass Regisseurin Caroline Link hier künstlich überdramatisiert. Und auch wenn man von der Pariser Vermieterin bis zum Schluss nicht weiß, wie argwöhnisch sie den Kempers denn nun wirklich gegenüber steht (selbst bei ihrem Auszug bleibt ein kurzer Wortwechsel zwischen Vater Arthur und ihr vom Publikum ungehört), steht nie außer Frage, dass Anna und ihre Familie den Nazis nicht zum Opfer fallen werden; schon alleine weil Judith alias Anna das Buch zu Ende schreiben konnte.

Auch sonst findet die Bedrohung hauptsächlich in den Gesprächen der Erwachsenen ihre Erwähnung; und als erwachsener Zuschauer wiederum lassen sich so einige Dinge, die dem Kinderauge verborgen bleiben, als direkte Reaktion auf die Nazi-Verfolgung deuten. Für Anna wiederum, aus deren Perspektive „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ erzählt wird, wird es zu einem der größten Probleme in dieser Zeit, dass sie nur ein einziges Stofftier mit auf die Reise nehmen darf oder es in Ermangelung an Geld wenig bis kaum Essen gibt. Gleichzeitig versuchen ihre Eltern, die widrigen Flucht- und Lebensumstände so weit wie möglich von ihren Kindern fernzuhalten. Etwas, was sich auch in der Inszenierung wiederfindet, wenn Link ihre Geschichte vor satt ausgeleuchteten Settings spielen lässt, für eine der aufwändigsten Reiseetappen vor der malerischen Kulisse der Alpen dreht und hier das saftige Grün der Wiesen und der stets blaue Himmel eine berauschende Urlaubskulisse abbilden. Während sich Anna vornehmlich mit ihren sie neckenden Klassenkameraden herumschlagen muss, finden sich die eingangs erwähnten Widerhaken vor allem in den Details: Etwa wenn Arthurs Bruder Julius (stark: Justus von Dohnányi) das vermeintliche Urlaubsfeeling nur vortäuscht; wissend, dass es möglicherweise das letzte Mal ist, dass er seine Familie sieht. Dasselbe gilt für einen Geburtstagsanruf des Kindermädchens Heimpi (Ursula Werner), die in Deutschland geblieben ist und vor der Nazi-Herrschaft nun nicht mehr fliehen kann. Das Telefonat zwischen ihr und Anna gehört zu den besten, da in Erzählung und Inszenierung gekonnt widersprüchlichsten Szenen des gesamten Films.

Die Kempers halten immer zusammen.

Die auf den ersten Blick vorherrschende Gefälligkeit ist also in Wirklichkeit gar keine. Immer wieder bleiben einem die Momente absoluter Heiter- und vorgegaukelter Glückseligkeit im Halse stecken, bis die „Wir müssen wieder umziehen“-Gespräche zwischen Eltern und Kindern zwar scheinbar immer weniger schockierte Reaktionen bei Anna und ihrem Bruder auslösen, in Wirklichkeit aber zunehmend an Bitterkeit umschwenken. Daran, wie tragisch all das hier letztlich doch ist, lassen die Macher letztlich nie einen Zweifel. Die gewählte, familiengefällige Wohlfühlform ist vermutlich sogar die formell beste, um den erzählerischen Kern um familiären Zusammenhalt am besten zu unterstreichen. Ebenjene Familie verkörpern sowohl der einmal mehr überragende Oliver Masucci („Werk ohne Autor“) als kämpferischer, gleichermaßen aber auch um das Risiko der Situation wissende Theaterkritiker, der seinen Idealen genauso treu bleibt wie seinen Lieben. Carla Juri („Blade Runner 2049“) könnte dank ihrer aufopferungsvollen Performance als Pianistin und Mutter eine zweite neue Karrierewelle in Deutschland ereilen, nachdem sie zuletzt vorwiegend für internationale Projekte tätig war. Vor allem ist es aber Newcomerin Riva Krymalowski („Familie!“), die hier in ihrer aller ersten Kinorolle brilliert und nach anfänglichen, leicht abgelesen wirkenden Holprigkeiten in den Dialogen schnell zu einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit in der Interaktion mit ihrem Umfeld findet. Die Reise der Kempers wird vor allen durch ihre kindgerechte Naivität zu einem Erlebnis, was den Film prädestiniert dafür macht, wie auch das Buch in Zukunft an allen (deutschen) Schulen zu zeigen, um die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf familiäre Einzelschicksale – mal direkt, mal indirekt – zu verdeutlichen.

Fazit: Die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf jüdische Verfolgte im Gewand eines Familien-Wohlfühlfilms – was zynisch und verklärend klingt, wird in den Händen von Regisseurin Caroline Link zu einem aufrichtigen Film über familiären Zusammenhalt und verdeutlicht die Wichtigkeit eingenommener Erzählperspektiven. Zudem besticht „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ mit einem tollen Cast und einem hohen Produktionsaufwand.

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ist ab dem 25. Dezember bundeesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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