Pferde stehlen

Mit PFERDE STEHLEN verfilmt „Einer nach dem anderen“-Regisseur Hans Petter Moland den gleichnamigen Bestseller Per Petterson als komplex verschachtelte Chronologie des Schmerzes und hat damit reelle Chancen auf den Auslandsoscar. Warum, das verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Die Schönheit Norwegens kann manchmal schmerzen. Dabei sucht der alte Trond (Stellan Skarsgård) nur die Einsamkeit, als er in das kleine Dorf im Wald zieht. In dieser Idylle erkennt er in seinem Nachbarn einen alten Bekannten aus Jugendtagen wieder. Plötzlich sind da all diese Erinnerungen an jenen Nachkriegssommer, als Trond 15 Jahre alt war und mit seinem Vater mehrere Wochen beim Holzfällen im Wald verbrachte. Ein Sommer, in dem er mit einem Freund Pferde stahl und die Liebe entdeckte. Der Sommer, in dem auch ein Kind starb, der Freund verschwand und Geheimnisse seines Vaters ans Licht kamen. Und der Sommer, in dem er seinen Vater das letzte Mal sehen sollte. „Erinnerungen, die das Bewusstsein fluten und den Schmerz bringen – doch als wie stark dieser empfunden wird, entscheidet man selbst.“

Kritik

Die Filme des gebürtigen Norwegers Hans Petter Moland sind kalt, rau und meist vom einem tiefschwarzen, zynischen Humor geprägt. Seine Figuren darin: nicht weniger ruppig und radikal – allein die Methoden, mit denen Nils Dickman (und später Liam Neeson) sich „einer nach dem anderen“ entledigten – erst im norwegischen Original, später im US-Remake „Hard Powder“ – bildeten ein gleichermaßen immens unterhaltsames wie bitterbös-kompromissloses Unterfangen. Bis heute gehört der im Original „Kraftidioten“ betitelte „Norweger-Charles-Bronson“ zu Molands auch über die norwegischen Grenzen hinaus bekanntesten Filmen. Und selbst wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussieht, reiht sich auch sein neuester Film „Pferde stehlen“, eine Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Per Petterson, in eine Reihe mit Molands bisherigen Werken ein. Das ebenfalls mit Stellan Skarsgård („The Man Who Killed Don Quixote“) in der Hauptrolle bestückte (Familien-)Drama ist inszenatorisch zwar nicht ansatzweise derart grotesk geraten, aber Moland widmet sich hier auf nicht minder intensive Weise dem Thema Schmerz durch Verlust und dem Versuch der Trauerbewältigung. In „Einer nach dem anderen“ tritt Skarsgård noch zum Rachefeldzug an. In „Pferde stehlen“ findet der Schmerz dagegen keinen Katalysator und beißt sich über viele Jahrzehnte in der Hauptfigur Trond fest. Dieser Umstand macht auch das Filmerlebnis zu einer äußerst schmerzvollen Angelegenheit – aber auch zu einer wunderschönen, denn Moland findet visuell (und akustisch) nicht nur atemberaubende Entsprechungen für einen schicksalhaften Sommer, sondern nutzt seine bisweilen vielleicht sogar ein wenig zu komplexe Erzählstruktur, um dem Publikum seine Figuren nahe zu bringen.

Trond (Stellan Skarsgård) erinnert sich an einen vergangenen Sommer…

Ein besonders einprägsames Motiv im Film ist das titelgebende Pferdestehlen. Wenngleich es für den von Schicksalsschlägen übersäten Handlungsverlauf kaum weiter von Bedeutung ist (Trond und sein bester Kumpel beschließen einfach eines Nachmittags, zwei frei weidende Pferde zu besteigen und gemeinsam mit ihrer Herde über die Felder zu galoppieren), steht diese Szene doch symptomatisch für alles, was im Folgenden noch passieren wird: Der gemeinsame Ausritt endet in einem Sturz. Schwer verletzt wird Niemand und trotzdem ist das kurze Gefühl bedingungsloser Freiheit abrupt vorbei, das Reiten beendet und die Pferde wieder bei ihren Artgenossen. Genau wie auch alles Weitere in „Pferde stehlen“ findet hier alles früher oder später sein jähes Ende – und es geht weiß Gott nicht alles derart glimpflich aus wie der Sturz vom Pferd. Die schiere Masse an Schicksalsschlägen ist auch etwas, was sich dem Film – insbesondere im Vergleich zur Romanvorlage – als Kritikpunkt ankreiden ließe. Was sich hier innerhalb von nur einem einzigen Sommer an Unheil über zwei einzelne Familien erstreckt, kratzt bisweilen gar an der Glaubwürdigkeit. Was Per Petterson auf deutlich mehr Platz glaubhaft auszuerzählen weiß, kann Moland jedoch mit seiner (sich ebenfalls am Buch orientierenden) Erzählweise weitestgehend kaschieren.

Als erzählerische Klammer dient dem auch für die Drehbuchfassung von „Pferde stehlen“ verantwortlichen Hans Petter Moland die Rückkehr seines in die Jahre gekommenen Protagonisten Trond in sein Heimatdorf. Nach einem Aufeinandertreffen mit einem alten Bekannten folgen erklärende Rückblenden, die die Besonderheit dieser Begegnung einordnen sowie zusätzliche Flashbacks, die vereinzelte Geschehnisse innerhalb dieser Rückblenden näher beschreiben. Dem zu folgen, ist zugegebenermaßen nicht immer ganz leicht. Vor allem deshalb, weil Moland bei seinem wüsten durch-die-Dekaden-Springen keinerlei Ordnung durchscheinen lässt. Zwar erfahren wir nach und nach, zu welcher (historischen) Zeit sich etwa dieser oder jener Handlungsstrang abgespielt hat – im Jahr 1999, im Jahr 1948 und fünf Jahre vorher, 1943 – aber anstatt den Zuschauer mit der Nase auf etwaige Hinweise zu stoßen, muss der sich sein Wissen aus Details selbst zusammenklauben. Das kann für Verwirrung sorgen; im Extremfall vielleicht sogar dafür, dass man jegliches Interesse daran verliert, der Geschichte überhaupt weiter zu folgen. Doch letztlich ist es kaum relevant, zu welcher Zeit genau sich eigentlich welches (meist tragische) Ereignis für Trond und seine Familie abgespielt hat. „Pferde stehlen“ ist in erster Linie ein Charakterdrama darüber, wie Verluste und die Unmöglichkeit der Verarbeitung einen Menschen bis ins hohe Alter formen. Und um das zu veranschaulichen, war Petterson und ist auch Moland quasi jedes Mittel recht – hat man sich als Zuschauer von der einen Tragödie erholt, ereignet sich sogleich die nächste.

Vater (Tobias Santelmann) und Sohn (Jon Ranes) beim gemeinsamen Ausritt.

Gleichwohl inszeniert Moland die Tode, Unfälle oder anderweitige Schicksalsschläge nie reißerisch, schlachtet sie nicht aus oder zeigt sie länger als nötig. Stattdessen ist der Autorenfilmer vor allem an den Folgen derselben interessiert. Nimmt die Darstellung eines Unglücks oft nur wenige Sekunden in Anspruch, klebt die Kamera anschließend primär auf den Gesichtern der Umstehenden – und ganz besonders auf dem von Trond. Neben Stellan Skarsgård, dem in seinen wenigen aber prägnanten Szenen als Hauptfigur der Schmerz stets ins Gesicht geschrieben steht, ist es insbesondere Newcomer Jon Ranes in seiner aller ersten Rolle, dem es gelingt, das kontinuierliche seelische Verkümmern seiner Figur greifbar zu machen und doch immer wieder auch den letzten Rest jugendlicher Unbekümmertheit aufzuzeigen. Vor allem im Zusammenspiel mit Tobias Santelmann („Kon-Tiki“) in der Rolle seines undurchdringbaren Vaters überzeugt Ranes, wenn er eine eigentlich eingemeißelte familiäre Verbundenheit zunehmend in Frage stellen muss; und sich Santelmanns Figur sukzessive in kleinen Nuancen, aber doch spürbar von seinem Sohn entfernt. Die vorwiegend nonverbale Kommunikation zwischen den beiden – überhaupt wird in „Pferde stehlen“ eher wenig gesprochen – bildet das Herz des Films. Moland nimmt sich viel Zeit dafür, die beiden einfach nur miteinander interagieren zu lassen; sei es bei der Waldarbeit, zu Pferde oder gemeinsam in einer einsamen Waldhütte. All diese Szenen sind mindestens genauso kraftvoll wie jene absoluten Schmerzes, die nie viel Zeit in Anspruch nehmen, ihren Zweck jedoch nicht verfehlen. Das tut übrigens auch die formidable Musikuntermalung nicht, für die Komponist Kaspar Kaae („Einer nach dem anderen“) den Sound von Musikinstrumenten mit Naturgeräuschen kombiniert. Thomas Hardmeier („Yves Saint Laurent“) und Rasmus Videbæk („Der dunkle Turm“) sorgen derweil für eine virtuos-schöne Bebilderung. Wer sich schon auf die komplex verschachtelte Geschichte nicht einlassen kann, bekommt also zumindest auf audiovisueller Ebene ordentlich was geboten.

Fazit: Hans Petter Molands Romanverfilmung „Pferde stehlen“ ist eine im Schmerz geborene Charakterstudie, die er bisweilen verschachtelter erzählt als nötig. Doch die malerischen Bilder und ein imposanter Score mit hohem Wiedererkennungswert ersticken jedweden Anflug von Skepsis im Keim und ziehen einen in seinen Bann, ohne dass man sich dem erwehren kann.

„Pferde stehlen“ ist ab dem 21. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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