Mahana – Eine Maori-Saga

Wenn sich ein Regisseur freiwillig entscheidet, der Traumfabrik den Rücken zu kehren, muss er schon ein sehr attraktives Projekt in petto haben. So geschehen im Falle von Lee Tamahoris MAHANA – EINE MAORI-SAGA, mit welcher der Macher von „James Bond – Stirb an einem anderen Tag“ eine Familiengeschichte erzählt, die ganz ohne Effekthascherei epische Ausmaße annimmt. Mehr dazu in meiner Kritik.Mahana - Eine Maori-Saga

Der Plot

In den 1960er-Jahren ist das Leben der Schafscherer an der Ostküste Neuseelands noch tief in alten Maori-Traditionen verwurzelt. Unter dem strengen Blick des Familien-Ältesten leben drei Generationen unter einem Dach. Der 14-jährige Simeon (Akuhata Keefe) – Enkel von Tamihana Mahana (Temuera Morrison) – beugt sich nur widerwillig der Autorität und gibt seinem Großvater ungewohnte Widerworte. Und dann verliebt sich Simeon auch noch in die Tochter der Familie Poata, mit denen die Mahanas schon ewig im Clinch liegen. Die Fronten zwischen Großvater und Enkel verhärten sich dramatisch. Als zufällig ein altes Foto in Simeons Hände fällt, lüftet sich ein wohlgehütetes Familiengeheimnis, das alles ändert.

Kritik

Einmal Hollywood und zurück – für den Regisseur Lee Tamahori folgte auf einen in Erfüllung gegangenen Traum nicht etwa die Ernüchterung, als es ihn nach seinen Arbeiten in Übersee kürzlich wieder in seine Heimat zog, sondern eine bewusste Entscheidung. Nach dem ersten (und bislang einzigen) „James Bond“-Trashfilm „Stirb an einem anderen Tag“, der Fortsetzung zur Vin-Diesel-One-Man-Show „xXx“ sowie dem Actionthriller „Next“ mit Nicolas Cage treibt es den neuseeländischen Filmemacher jetzt zurück zu seinen Wurzeln. In „Mahana – Eine Maori-Saga“ erzählt er aus einem Stück seiner Landeskultur. Das indigene Volk Neuseelands, das bis heute über 10 Prozent der dortigen Bevölkerung ausmacht, hat eine lange Tradition, die bis auf das 13. Jahrhundert zurückgeht. Tamahori erzählt jedoch nicht von den Ursprüngen der Eingeborenen, sondern wählt eine Geschichte aus den Sechzigerjahren, um nebenher auch den Clash unterschiedlicher Kulturen zu thematisieren. Im Kern geht es in „Mahana“ allerdings um die gleichnamige Familie, angeführt von dem strengen Oberhaupt Tamihana Mahana, der den Rest seiner Sippschaft mit eiserner Hand zum Gehorsam zwingt. Erst, als einer seiner Nachkommen rebelliert, eröffnet sich das ganze Ausmaß eines bislang streng gehüteten Geheimnisses, das den Clan seit Generationen unterschwellig prägt. Mit viel Fingerspitzengefühl und ohne Effekthascherei gelingt Lee Tamahori ein wuchtiges Familienepos, das seine erzählerischen Qualitäten erst nach und nach offenbart.

Mahana - Eine Maori-Saga

Sieht man davon ab, dass die Kulisse Neuseeland in den „Der Herr der Ringe“-Filmen Mittelerde nachbildet, ist der pazifische Inselstaat so gut wie nie Handlungsort im internationalen Kino. Entsprechend bombastisch erscheinen die eigentlich recht unspektakulären Bilder von Kameramann Ginny Loane („Shopping“), der nicht mehr tun muss, als über das Grün der Landschaft zu schwelgen, um dem Publikum ein Gefühl für die dort vorherrschende Weite zu geben. Aufnahmen von riesigen Schafherden, mit Bächen und Seen gesäumten Tälern und Dutzenden Bienenstöcken ergeben das Bild eines Landes, mit dem die titelgebende Mahana-Familie im Einklang ist, wie es kein Landwirt von heute je sein wird. Doch schon in den Sechzigerjahren wirkten die Maori alles andere als rückständig. Trotz der betonten Konzentration auf eine weitestgehende Selbstversorgung sucht die Familie Mahana den Kontakt zur Zivilisation. In der Freizeit können sich die Heranwachsenden durchsetzen und bei ihrem verhärmten Großvater einen Kinobesuch durchsetzen, während die Erwachsenen ein ums andere Mal im Dorf einkaufen. Auch dem traditionellen Schafschererwettbewerb in der Stadt wohnen die Maori jährlich bei – das Klischee vom weltfremden Ureinwohner greift in Lee Tamahoris Film also zu keiner Sekunde, wenngleich das Drehbuch von John Collee („Master & Commander“), der den gleichnamigen Roman von Witi Ihimaera für die Leinwand adaptierte, mitunter in recht vorhersehbaren Bahnen verläuft.

Die Figur des vom Newcomer Akuhata Keefe gespielten Simeon lässt bereits in den ersten Minuten erahnen, welchen Verlauf die Geschichte in etwa nehmen wird. Auch das Familienoberhaupt Tamihana lässt sich ziemlich klar einem bestimmten Menschentypus zuordnen. Doch wo sich das Skript ab und an auf Stereotypen und Allgemeinplätze verlässt, sind es die Darsteller, die ihre schablonenhaften Figuren zu ganz und gar authentischem Leben erwecken. Temuera Morrison („All Inclusive“) stattet den Großvater nicht bloß mit einer einschüchternden Präsenz aus. Er macht aus Tamihana Mahana eine solch bitterbös-kalt agierende Figur, dass der Titel zum „Filmschurken des Jahres“ nicht weit ist. Unter dem Deckmantel (groß-)väterlicher Fürsorge begeht er größere und kleinere Vergehen an den ihm untergebenen Personen, deren völliges Ausmaß sich erst erschließt, als die Macher sich dazu entschließen, im letzten Viertel das der Familie innewohnende Grauen offenzulegen. In einer suspensegetränkten Rückblende, untermalt von bedrohlicher Musik (Mahuia Bridgman-Cooper, Tama Waipara), die auch in einem Thriller Platz gefunden hätte, offenbart sich, auf welch schockierenden Lügen die Familie Mahana aufgebaut ist; der eindeutigen Anklage des gesamten Clans gegenüber enthält sich der Regisseur jedoch. „Mahana“ zeichnet zwar das Bild einer gesamten Familie, doch das wiederum setzt sich aus den Schicksalen vereinzelter Mitglieder zusammen. So gelingt es Lee Tamahori umso authentischer, sich jeder Figur im Detail zu widmen und aufzuzeigen: Nur, weil einer von den Mahana-Zugehörigen nicht so ist, wie er vorgibt, zu sein, muss man denen, die es bislang nicht erkannt haben, keinen Vorwurf machen.

Mahana - Eine Maori-Saga

Während die charakterliche Fortentwicklung eher zwischen den Zeilen stattfindet, lässt Lee Tamahori indes auch immer wieder Dinge geschehen, die „Mahana“ von seinem Erscheinungsbild als ausschließliches Drama abheben. Die Vorbereitungen auf den Schafschererwettbewerb und die Veranstaltung an sich punktet mit Einfallsreichtum, Dynamik und Amüsement – und mit einem Kommentatorenduo, das augenscheinlich bei jenem aus „Pitch Perfect“ gelernt hat. Auch eine aufkeimende Liebelei zwischen Simeon und einer jungen Frau des verfeindeten Poata-Clans bindet der Regisseur subtil in die Geschichte ein, ohne sich dabei auf wiederkehrende Motive der als Vergleich naheliegende „Romeo und Julia“-Fehde zu besinnen. Auch dem Thema Rassismus widmet sich der Film unterschwellig, als sich Simeon in einer zugegebenermaßen etwas zu konstruierten Rede an den ortsansässigen Richter wendet, der straffällig gewordene Maori schon für kleinste Vergehen ins Gefängnis steckt, bloß weil diese sich sprachlich nicht verteidigen können. Überladen fühlt sich „Mahana“ trotz dieser vielen Themen nie an. Lee Tamahori gelingt es mithilfe geschickter Regieführung, all diese kleinen Thematiken hervorragend unter einen Hut zu bringen und zeichnet so das wuchtige Gesamtbild einer Familie, einhergehend mit den Lebensweisen eines ganzen Stammes. So gewinnt „Mahana – Eine Maori-Saga“ entsprechend jene epische Ausmaße, die sonst nur Filmen mit einem Zig-Millionen-Budget vorbehalten sind.

Fazit: Auch wenn angesichts einer zweistelligen Kopienanzahl nicht der große Kassenerfolg bevorstehen dürfte, lohnt sich „Mahana – Eine Maori-Saga“ uneingeschränkt für all diejenigen, die starken Figuren und großen Emotionen zuliebe auf viel Schnickschnack auf der Leinwand verzichten können. Der Film erzählt eine intensive Geschichte, die mit zunehmender Laufzeit immer eindringlicher wird und deren Schlusstwist schließlich alles vorher Gesehene über den Haufen wirft. Ein nachdrückliches Filmerlebnis vor atemberaubender Kulisse.

„Mahana – Eine Maori-Saga“ ist ab dem 1. September in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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