Die kleine Hexe

Ottfried Preußlers DIE KLEINE HEXE wurde im vergangenen Jahr 60 Jahre alt. Zu diesem Jubiläum bekommt die Fantasygeschichte rund um die liebenswerte Zauberin nun ihre erste große Kinoproduktion spendiert. Wie die geworden ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die kleine Hexe (Karoline Herfurth) hat ein großes Problem: Sie ist erst 127 Jahre alt und damit viel zu jung, um mit den anderen Hexen in der Walpurgisnacht zu tanzen. Deshalb schleicht sie sich heimlich auf das wichtigste aller Hexenfeste – und fliegt auf! Zur Strafe muss sie innerhalb eines Jahres alle Zaubersprüche aus dem großen magischen Buch auswendig lernen und allen zeigen, dass sie eine gute Hexe ist. Doch Fleiß und Ehrgeiz sind nicht wirklich ihre Stärken und obendrein versucht die böse Hexe Rumpumpel (Suzanne von Borsody) mit allen Mitteln zu verhindern, dass sie es schafft. Zusammen mit ihrem sprechenden Raben Abraxas macht sich die kleine Hexe deshalb auf, um die wahre Bedeutung einer guten Hexe herauszufinden. Und stellt damit die gesamte Hexenwelt auf die Probe…

Kritik

Vergangenes Jahr feierte Ottfried Preußlers Kinderbuch „Die kleine Hexe“ sein 60-jähriges Bestehen. Seither wurde der Roman in 47 Sprachen übersetzt und vielfach für verschiedene Medien adaptiert. Selbst im asiatischen Raum hat man aus der Geschichte rund um die weltweit beliebte Zauberin einen Spielfilm gemacht. Da ist es schon erstaunlich, dass mit Mike Schaerers Realfilm erst jetzt die erste,  so richtig aufwändig inszenierte Filmfassung in die deutschen Kinos kommt. Ebenso verwunderlich gestaltet sich Schaerers Festhalten an der Vorlage, denn wer diese kennt, der weiß, dass „Die kleine Hexe“ – insbesondere das Finale – nicht sonderlich viel mit dem kindgerechten Beschwören einer heilen Welt zu tun hat, wie man es sonst häufig von Kinder- und Jugendbüchern gewohnt ist. Stattdessen lässt  Schaerer in seinem Film, wie schon Preußler vor sechzig Jahren in seinem Roman, eine ganze Art auslöschen und das sogar von der vorab als so liebenswert gezeichneten Protagonistin selbst. Das ist trotz des dieser Tat vorausgegangenen Kampfes zwischen den bösen und der einen guten Hexe ganz schön radikal. Erst recht, weil der Regisseur (war als Editor unter anderem an „Heidi“ beteiligt) vorab eine gleichermaßen herzliche wie nostalgische Atmosphäre etabliert, dass sich „Die kleine Hexe“ wie ein aus der Zeit gefallenes Weihnachtsmärchen anfühlt. Und die in ihrer Natürlichkeit einfach umwerfende Karoline Herfurth („SMS für Dich“) ist sowieso über jeden Zweifel erhaben.

Die kleine Hexe (Karoline Herfurth) füttert Abraxas (Stimme: Axel Prahl) mit seinem Lieblingssnack: Rosinen

In der aller ersten Szene regnet es Tannenzapfen – die kleine Hexe versucht sich verzweifelt an einem Unwetterzauber und lässt alles Mögliche vom Himmel prasseln, aber keine harmlosen Regentropfen. Aus dem Computer stammen dabei weder die schuppigen Tannenfrüchte, noch die verbogenen Löffel oder die Rosinen, denn so gut wie jedes noch so kleine Detail in „Die kleine Hexe“ ist handgemacht. Selbst bei den Zaubersprüchen wird mithilfe gekonnter Schnittarbeit und Kameraführung weitestgehend auf die Verwendung von Computertrick verzichtet; lediglich, wenn es, wie etwa bei dem Zauber eines absonderlichen Fabelwesens, überhaupt nicht mehr anders geht, greift man auf zurückhaltendes CGI zurück, oder verwendet – wie etwa bei der Darstellung des Auf-dem-Besen-Reitens – (leider nicht ganz so gelungenen) Greenscreen. Visuell ist „Die kleine Hexe“ eine im besten Sinne altmodische Augenweide, die nicht bloß bei den haptischen Effekten (der von einem hörbar engagierten Axel Prahl gesprochene Rabe Abraxas ist übrigens ein Animatronic) punktet, sondern auch beim Setdesign. Die Inneneinrichtung des Hexenhauses steckt voller Details, an denen man sich einfach nicht satt sehen kann. Genauso überzeugen die wenigen Außenkulissen wie etwa ein altertümlicher Marktplatz, die den Zuschauer jegliches Zeitgefühl verlieren lassen.

Letzteres trifft auch auf die Geschichte zu: In seinen 109 Minuten umfasst das Abenteuer ein ganzes Jahr, was sich allerdings nur anhand der sich ändernden Jahreszeiten feststellen lässt. Ein Gespür dafür, wie lang und aufwändig die Aufgabe ist, die der kleinen Hexe mit dem Auswendiglernen des Zauberbuchs gestellt wurde, bekommt man kaum – auch, weil sich die Hauptfigur dabei äußerst talentiert anstellt. Darauf liegt erzählerisch aber ohnehin nicht der Schwerpunkt. Wie schon in der Buchvorlage geht es auch im Film vornehmlich darum, wie die Protagonistin sukzessive begreift, dass an der Gesinnung ihrer bösen Hexenschwestern nichts Erstrebenswertes ist. Spätestens, als sie zwei ahnungslose Menschenkinder verzaubern soll, nur um in den Kreis der ums Feuer tanzenden Hexen aufgenommen zu werden, sieht sich die kleine Hexe moralischen Dilemma ausgesetzt. Dieses Offenbaren der vorab allenfalls ignoranten, nun aber so richtig bösen Gesinnung der Hexen kam selbst für uns als erwachsene Zuschauer ganz schön plötzlich, sodass der darauf folgende Befreiungsschlag der kleinen Hexe, sämtliche bösen Zauberinnen zu verhexen sowie deren Besen und Bücher zu verbrennen, ganz schön radikal daherkommt. Am Ende siegt zwar das Gute über das Böse, doch so ganz ohne den Versuch einer diplomatischen Lösung hinterlässt „Die kleine Hexe“ einen ganz schön bitteren Beigeschmack.

Vroni (Momo Beier) und Thomas (Luis Vorbach) entdecken im Wald das Haus der kleinen Hexe.

„Die kleine Hexe“ steht und fällt mit der wunderbar natürlichen Performance von Karoline Herfurth, die wie keine Zweite in die Rolle der alterslosen Zauberin passt. Ihre kindliche, mitunter durchaus naive Art prägt den gesamten Film. Gleichzeitig verhilft die Schauspielerin ihrer Figur aber auch zu einer großen Portion Weisheit, sodass aus dem Familienabenteuer nie ein kindischer Film wird. Mit dem Unverständnis, das die kleine Hexe den vielen Regeln und Verboten ihrer Hexenschwestern entgegen bringt, spricht sie den ganz jungen Zuschauern aus der Seele und kann es sich durch ihren Charme gleichermaßen erlauben, das eine oder andere Mal über die Strenge zu schlagen. Eine Attacke auf einen unliebsamen Förster endet zwar im Chaos, doch dahinter steckt nicht bloß der Spaß am Schabernack, sondern der Wille, der Gemeinschaft Gutes zu tun. Dem gegenüber stellen die Regisseure eine Handvoll Nebenfiguren: Von den gemeinen Hexen über die herzensguten Dorfkinder, bekommt es die kleine Hexe mit diversen Nebenfiguren zu tun. Die Antagonisten sind nie zu böse, um die ganz Kleinen völlig zu verschrecken, sind aber unheimlich genug, um vor allem im letzten Drittel auch wirklich als gemeine Zeitgenossinnen wahrgenommen zu werden. Mitunter geht „Die kleine Hexe“ sogar so richtig zu Herzen. Als die Hauptfigur einen kleinen Jungen im Streit mit seinem Vater beobachtet, steht weniger ihre anschließende Rache im Mittelpunkt, sondern vorwiegend die Versöhnung. Das kann die Radikalität des Endes fast schon wieder ausgleichen.

Fazit: „Die kleine Hexe“ verzaubert – im wahrsten Sinne des Wortes – durch den liebevollen Detailreichtum und eine tolle Karoline Herfurth. Doch das moralisch fragwürdige Ende dürfte durchaus den einen oder anderen irritierten Zuschauer hinterlassen.

„Die kleine Hexe“ ist ab dem 1. Februar bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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