Immigration Game

Konsequent, brutal, provokant – die Idee hinter dem deutschen Genreexperiment IMMIGRATION GAME klingt wie eine Mischung aus „Das Millionenspiel“ und „The Purge“. Was da am Ende bei herausgekommen ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Wir befinden uns in einem alternativen Jahr 2016. Deutschland nimmt keine Flüchtlinge mehr auf. Die einzige Möglichkeit, um an eine Staatsbürgerschaft zu gelangen, ist die Teilnahme an der populären Fernsehshow „Immigration Game“, die seit Wochen die Schlagzeilen beherrscht. Wer als „Runner“ mitmacht, wird am Berliner Stadtrand ausgesetzt und muss sich seinen lebensgefährlichen Weg bis zum Fernsehturm bahnen. Dabei kann jeder deutsche Bürger für ein Preisgeld Jagd auf die Flüchtlinge machen und sie vollkommen straffrei töten. Der sympathische Geschäftsmann Joe (Mathis Landwehr) wird eines Nachts durch Zufall ins Spiel miteinbezogen, als er einem Flüchtling auf offener Straße Hilfe vor Verfolgern anbietet – und muss fortan selbst am Spiel teilnehmen. Eine tödliche Hetzjagd durch Berlin beginnt…

Kritik

Sobald ein Thema die Schlagzeilen beherrscht, kann man sich ziemlich sicher sein, dass es wenig später auch auf der großen Leinwand verwurstet wird. Diese Schwemme an Filmen, die sich im weiteren wie engeren Sinne mit der Flüchtlingskrise auseinander setzen, ebbt aktuell wieder ab, doch nicht nur das Blockbusterkino („Willkommen bei den Hartmanns“) hat sich sein Stück vom Kuchen gesichert, sondern auch der düstere Indie-Bereich, der aus der Thematik direkt mal eine brutale Dystopie über ein Deutschland gesponnen hat, das Migranten zu Hunderten in sogenannten Transitzonen unterbringt, in denen die Geflohenen unter menschenunwürdigen Bedingungen hausen müssen („Volt“). Das Werk von Regisseur Krystof Zlatnik („Lys“) lässt sich eher in letzterer Kategorie einordnen, wenngleich sein Film eben keine Dystopie (also eine Zukunftsvision) ist, sondern in einer alternativen Realität, dafür aber im Hier und Jetzt – genau genommen im Jahr 2016 – spielt. Welche Umstände dazu führten, dass Deutschland in dieser Realität keine Flüchtlinge mehr aufnehmen will und stattdessen Staatsbürgerschaften vergibt, wenn man sich im Rahmen einer wahnwitzigen TV-Show namens „Immigration Game“ unversehrt zum Fernsehturm durchschlagen kann, ohne dabei vorher vor jenen Bürgern umgebracht zu werden, die eine Menge Geld bezahlen, um den Flüchtlingen den Garaus zu machen, erfahren wir nicht. Das ist schade, denn irgendwie wüsste man über die Szenerie als solches schon gern mehr. So wird „Immigration Game“ zu einem deutschen Pendant auf die „Purge“-Reihe, ein mutiges Genreprojekt ohne viel Budget, das seine Stärken genau kennt und damit die eine oder andere Schwäche überspielen kann.

Beim „Immigration Game“ zählt nur das Überleben des Stärkeren.

Ein wenig schade ist es ja schon, dass Regisseur und Autor Krystof Zlatnik die Idee von diesem „neuen Deutschland“ nicht nutzt, um noch tiefer in die politischen Verflechtungen vorzudringen, die erst zu diesem Zustand geführt haben. So lässt er die Perversion dieses Szenarios einfach für sich sprechen, wodurch es sich gewiss leichter ein solch knallhart inszenierter Action-Horrorfilm inszenieren lässt, zu dem „Immigration Game“ nun eben auch geworden ist. Inhaltlichen Ballast der über die Grenzen der Charakterformung seiner Hauptfiguren hinaus geht, kippt Zlatnik vollständig über Bord. Das mag Zuschauern, die sich eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem Thema erhoffen, nicht genügen (und letztlich bleiben schließlich auch die Beweggründe der Hunter weitestgehend offen), doch es trägt ohne Zweifel dazu bei, dass die Atmosphäre im Film brodelt. Hier herrscht – im wahrsten Sinne des Wortes – an jeder Ecke eine sicht- und spürbare Gewaltbereitschaft, während Zlatnik inszenatorisch zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran aufkommen lässt, dass hier Schwache und Starken gejagt werden. Manchmal braucht man für ein allzu eindeutiges Szenario eben keine großen Erläuterungen mehr, sondern einfach aussagekräftige Bilder. Und sieht man einmal von den sichtbaren Budgetbegrenzungen ab,  sind die schlussendlich auch genau so eindringlich, wie sie es sein müssen.

Wir schrieben erst vor Kurzem im Rahmen des B-Movie-Actioners „Plan B – Scheiß auf Plan A“, dass sich viele Schwächen durch die spürbare Leidenschaft wettmachen lassen. Kein Film führt einem das derart deutlich vor Augen, wie „Immigration Game“, denn viele inszenatorische Schwächen sind hier der Finanzierung geschuldet – die Macher konnten bei einem solch mutigen Liebhaberprojekt einfach nicht auf das Geld großer Studios hoffen (hierzulande erscheint der Film daher auch nur sehr limitiert und ohne großen Verleih). So ist es also vor allem die technische Ausstattung, die zum Teil arg zu wünschen übrig lässt. Denn auch, wenn Kameramann Stefan Preilowski („House of Love“) in der Lage ist, vor allem die Nahkampfszenen mit viel Dynamik, Drive und einer Extraportion Roughness zu versehen, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass das Equipment nicht den aller höchsten Standards entspricht. Viele Aufnahmen sind unscharf, immer wieder fokussiert die Kamera einen Bruchteil zu spät (was der auch als Cutter tätige Krystof Zlatnik immerhin gut kaschieren kann) und so richtig respekteinflößend gestaltet sich „Immigration Game“ ohnehin in den Szenen bei Nacht, in welcher die Macher das bedrohliche Setting Berlins zusätzlich wirken lassen können. Dafür kann der Film mit einem betörend-bedrohlichen Soundtrack (Karol Obara) punkten; allein in der Auftaktszene kommen sämtliche Stärken von „Immigration Game“ so zusammen, dass der Film eine beachtliche Sogwirkung entwickelt, die „The Purge“ auch nicht besser hinbekommen hat.

Was hat es mit Joes (Mathis Landwehr) Bruder Alex (Simson Bubbel) auf sich?

Aber auf der anderen Seite ist da dann auch eben die bereits angeführte Passion; ein Projekt wie „Immigration Game“ entgegen der Marktbeobachtung (Genrefilme aus Deutschland haben es hierzulande einfach schwer) und mit wenig Geld so fertig zu stellen, dass es am Ende wenigstens eine Handvoll Kinos gibt, die sich für eine Veröffentlichung entscheiden, verlangt einem auf jeder Hinsicht Respekt ab. Und auch die Darsteller sind mit sichtbarem Elan bei der Sache (wenngleich sich einem die Übersetzungspolitik weder in der deutschen, noch in der Originalfassung wirklich erschließt) und verhelfen dem Film zu einem stabilen Grundgerüst. Mathis Landwehr („Allein gegen die Zeit – Der Film“) trägt „Immigration Game“ mit Leichtigkeit und sperrt sich gleichsam angenehm vor der Figur des bedingungslosen Helden. Sein Charakter, der vor allem im letzten Drittel eine komplexe Wandlung durchläuft, ist interessant und vielschichtig. Denise Askel („Ich bin dann mal weg“) stellt sich ihm irgendwann an die Seite und bildet eine interessante Charakterergänzung zu diesem Joe, verhilft ihm zu Übersicht, treibt ihn an und spendet Hoffnung. Doch am Ende sind beide nicht mehr als Komplizen, die einander helfen müssen, um zu überleben. Mit einer eindeutigen „Flüchtlinge – Ja oder nein?“-Kontroverse hat das alles irgendwann nämlich gar nichts mehr zu tun. Stattdessen heißt es Gut gegen Böse – und „immigration Game“ kommt zu dem einzig richtigen Schluss, dass die Zuordnung in eines dieser Lager absolut nichts mit der Herkunft zu tun hat.

Fazit: Das schmale Budget sieht man „Immigration Game“ zwar an, gleichzeitig entsteht dadurch aber auch ein unmittelbares Gefühl für die allgegenwärtige Anspannung. Die apokalyptische Menschenjagd hätte gern mehr Background vertragen. So gelingt Krystof Zlatnik und seinem Team eine zeitlose Vorführung dessen, wie blinder Hass aussieht – nämlich ganz schön brutal!

„Immigration Game“ ist ab sofort in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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