Die Grundschullehrerin

Die Arbeit mit Kindern ist gerade in jungen Jahren etwas ganz Besonderes und Wichtiges. In der französischen Tragikomödie DIE GRUNDSCHULLEHRERIN geht es nun um die titelgebende Lehrende, die in ihrem Beruf aufgeht, obwohl das nicht immer einfach ist. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Florence (Sara Forestier) ist Grundschullehrerin aus Leidenschaft. Während sie alles gibt, um ihren Schülern den Weg in eine glückliche und erfolgreiche Zukunft zu ebnen, sieht es privat chaotisch aus: Alleinerziehend, fehlt ihr häufig die Zeit für ihren Sohn Denis (Albert Cousi), der daher zu seinem Vater ziehen will. Als zudem der kleine Sacha (Ghillas Bendjoudi), ein Kind aus schwierigen Verhältnissen, neu in ihre Klasse kommt und ihre volle Aufmerksamkeit fordert, muss Florence einen Weg finden, endlich Ordnung in ihr Leben zu bringen.

Kritik

Mit dem Beruf des Lehrers ist jeder von uns schon einmal in Berührung gekommen. Selbst wenn man selbst nicht lehrt, kamen wir in unseren Schuljahren mit mindestens einem Dutzend von ihnen in Berührung. Daher wundert es nicht, dass der Beruf immer wieder im Mittelpunkt verschiedenster Filmproduktionen und Geschichten steht. Zuletzt ging etwa Elyas M’Barek in seiner Paraderolle des abgefuckten Aushilfslehrers Zeki Müller in die dritte und angeblich letzte Runde der „Fack ju Göhte“-Reihe. In Frankreich geht es da etwas gemäßigter zu – oder zumindest in Hélène Angels Tragikomödie „Die Grundschullehrerin“, in der es die titelgebende Lehrkraft außerdem nicht mit rebellischen Teenagern, sondern eben Grundschülern zu tun bekommt. Dass damit allerdings automatisch weniger Probleme einhergehen, bedeutet die Konzentration auf die ersten Schuljahre der Kinder noch lange nicht; im Gegenteil. Schließlich möchte die titelgebende Hauptfigur, Grundschullehrerin Florence, erst recht noch irgendwas bewirken, eh sie ihre Zöglinge nach fünf (nicht so wie in Deutschland bereits nach vier) Jahren auf eine weiterführende Schule entlassen muss. Regisseurin Hélène Angel („Propriété Interdite“) gelingt mit ihrer ersten international vermarkteten Arbeit ein gleichermaßen authentischer wie charmanter und trotzdem nicht immer zu 100 Prozent bequemer Einblick in das Leben einer Lehrerin und scheut dabei nicht davor zurück, aufzuzeigen, wo im (französischen) Lehrsystem Probleme liegen, die es allen Beteiligten schwer machen, Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Florence (Sara Forestier) ist Grundschullehrerin mit Leib und Seele.

Bevor sich in „Die Grundschullehrerin“ der Kernkonflikt um einen gleichermaßen schwer erziehbaren wie aus schlechten Verhältnissen stammenden Jungen herauskristallisiert, nimmt sich Regisseurin und Drehbuchautorin Hélène Angel zunächst ausführlich Zeit, um ihre Protagonistin bei ihrer alltäglichen Arbeit zu beobachten. Das klingt erst einmal wenig spannend, doch obwohl ihre Unterrichtsmethoden noch nicht einmal besonders außergewöhnlich sind – wir haben es hier also nicht mit einem der diversen Film-Lehrkräfte zu tun, die festgefahrene Unterrichtsmethoden aufbrechen und das Schulwesen revolutionieren wollen –, ist es äußerst spannend, wie viel Fingerspitzengefühl Angel in die Ausarbeitung kleiner Details legt. In Florences Klasse gibt es die üblichen Schülertypen, vom Störenfried über den Streber bis hin zum schüchternen Außenseiter. Doch auch eine geistig stark eingeschränkte Schülerin (die im weiteren Verlauf des Films schließlich von einer Inklusionsschule angenommen wird) finden in der Klasse ebenso ihren Platz, wie Florences Sohn Denis. Neben den verschiedenen Schülern legt die Regisseurin gleichermaßen Wert darauf, auch das Lehrerumfeld detailgetreu nachzuzeichnen und räumt einer überengagierten Nachhilfelehrerin, die aufgrund ihres Fehlverständnisses für Nachhilfe mehrmals mit Florence aneinander gerät, ebenso Raum ein, wie der hilflosen Referendarin, die sich den Lehrerberuf ganz anders vorgestellt hat, oder den Nachwuchslehrkräften, die sich aufgrund des französischen Schulsystems, in dem Lehrer kaum noch verbeamtet werden, zusätzlich mit Nebentätigkeiten über Wasser halten müssen.

In den vielen, eher beiläufig geführten Gesprächen kehrt Hélène Angel immer wieder die Probleme im Lehrerberuf hervor, vergisst aber nicht, auch die Faszination desselben zu betonen. Als perfekte Identifikationsfigur fungiert dabei die umwerfend natürliche Sara Forestier („Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“), die sich in ihrer Performance gleichermaßen kontrolliert wie überschwänglich zwischen zwei Extremen hin- und herbewegt. Da ist auf der einen Seite die hochengagierte Lehrerin, die sogar in der Schule wohnt, sich für ihre Kinder die Nachmittage um die Ohren schlägt und stets nur das Beste für ihre Schützlinge will. Auf der anderen Seite verliert sie darunter die Bedürfnisse ihres eigenen Sohnes aus den Augen, wodurch sich ein innerfamiliärer Konflikt zwischen ihr und Denis glaubhaft zuspitzt. Beim Versuch, „Die Grundschullehrerin“ nicht zur reinen Schulgeschichte zu machen, sondern auch das Umfeld der Hauptfigur ausführlich nachzuzeichnen, ist Hélène Angel leider nicht ganz so geschickt. Die sich sukzessive entwickelnde Liaison zwischen Florence und einer Zufallsbekanntschaft gerät formelhaft und auch das Ende ist einen Tick zu rührselig, als dass es zum authentisch-bodenständigen Rest passen würde. Trotzdem fügen sich am Ende beide Teile stimmig zusammen – nicht zuletzt, weil Sara Forestier den Film konzentriert zusammenhält.

Florence versucht mithilfe von Mathieu (Vincent Elbaz), hinter Sachas Probleme zu steigen.

Nicht weniger wichtig als die weibliche Hauptfigur sind indes die jungen Nachwuchsdarsteller, die allesamt Diese spielen allesamt großartig auf und tragen „Die Grundschullehrerin“ sogar über weite Teile auf ihren Schultern, als in der zweiten Hälfte nicht mehr bloß Florences Arbeit als Lehrerin im Mittelpunkt steht, sondern das Schicksal des kleinen Sacha. Wie dieses sich nach und nach an die Öffentlichkeit kämpft, ist gleichermaßen tragisch wie ein Stückweit klischeehaft, verfehlt seine Wirkung aufgrund der erschreckenden Realitätsnähe jedoch nicht. Der im weiteren Verlauf immer stärker eskalierende, moralische Zwiespalt, in dem sich die zwischen Aufopferungsbereitschaft und Suche nach Privatsphäre gefangene Florence befindet, findet seinen Höhepunkt in einer hochdramatischen Szene, in der sich die junge Lehrerin eingestehen muss, dass die Sorge um einen vernachlässigten Schule zwar zu ihren schulischen, nicht aber zu ihren privaten gehört; die Trennung zwischen ihr und Sacha rührt fast zu Tränen; erst recht, da Hélène Angel zwischendurch immer wieder auch von der Perspektive ihrer Protagonistin abweicht und stattdessen jene ihres Sohnes sowie von Sacha einnimmt. Am Ende ergibt sich daraus ein allumfassendes Porträt eines immer noch weitgehend echten Schulalltags, für das das Wort „warmherzig“ regelrecht erfunden wurde.

Fazit: „Die Grundschullehrerin“ ist ein durch und durch sympathischer Film, der den abwechslungsreichen Alltag einer Lehrerin authentisch nachzeichnet, sich nur bei ihrem teilweise arg formelhaften Privatleben jedoch ein klein wenig seines Potenzials beraubt.

„Die Grundschullehrerin“ ist ab dem 15. Februar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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