Meine schöne innere Sonne

In MEINE SCHÖNE INNERE SONNE stellt sich Juliette Binoche dem Singleleben in der französischen Hauptstadt, bleibt dem Zuschauer in ihrer melancholischen Sinnsuche allerdings seltsam fern. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Umgeben von Menschen und trotzdem allein: Isabelle (Juliette Binoche) lebt das Leben eines Singles in der Großstadt Paris. Sie ist eine Frau mit Vergangenheit – stark und unabhängig, als Künstlerin anerkannt, aber dafür wenig erfolgreich, wenn es um die Liebe geht. Ihre Suche nach der wahren Liebe scheitert immer wieder. Zu groß scheint die Kluft zwischen dem, was Frauen wollen und Männer bereit sind zu geben. In ihrer Ratlosigkeit erhofft sich Isabelle ausgerechnet von einem Wahrsager (Gérard Depardieu) die Antwort auf die Frage, die sie mehr als alles andere beschäftigt – gibt es die Liebe fürs Leben oder ist sie nur eine Utopie?

Kritik

Wer je an der Wandelbarkeit der 53-jährigen Pariserin Juliette Binoche gezweifelt hat, der muss sich in den vergangenen Jahren nur ihre Performances in so unterschiedlichen Filmen wie „Wie die Mutter, so die Tochter“ oder „Die Wolken von Sils Maria“ angeschaut haben; die spätpubertierende Mutti verkörpert sie ebenso glaubhaft (und optisch mal eben 15 Jahre jünger), wie die unnahbare Schauspiel-Grandseigneurin, doch all ihre Darbietungen eint eine Leidenschaft, wie sie wohl nur die einst durch „Der englische Patient“ oder die „Drei Farben“-Trilogie bekannt gewordene Aktrice an den Tag legen kann. Entsprechend kann einer Regisseurin eigentlich nichts Besseres passieren, als ihren Film vollständig um Juliette Binoche herumzuspinnen, so geschehen im Falle der antiromantischen Tragikomödie „Meine schöne innere Sonne“, in der Binoche nicht bloß die weibliche Hauptrolle spielt, sondern auch den so ziemlich einzigen sympathischen Charakter überhaupt. Doch so richtig warm wird man mit der Protagonistin Isabelle nicht, was auch daran liegen könnte, dass die Probleme der eigentlich recht sympathischen Single-Lady nicht unbedingt jeden Zuschauer ansprechen. So wird „Meine schöne innere Sonne“ zu einem recht sperrigen Melodram, das die Bezeichnung „Komödie“ – als die Regisseurin Claire Denis ihren Film verstanden wissen will – nicht wirklich verdient.

Isabelle (Juliette Binoche) bandelt mit einem charmanten Schauspieler (Nicolas Duvauchelle) an.

Wer sich von „Meine schöne innere Sonne“ eine klassische RomCom erhofft, wird ab der ersten Sekunde enttäuscht, denn obwohl die Tragikomödie die bislang zugänglichste Arbeit der sonst eher auf herbere Kost spezialisierten Filmemacherin darstellt, hat ihr neuestes Projekt nichts von der sonst so beschwingten Leichtigkeit, die man von Frau-trifft-Mann-Geschichten gewohnt ist. Hauptfigur Isabelle ist ein schwer zugänglicher Typ ohne erkennbare Sympathiefaktoren. Ihre Leichtigkeit und ihr Selbstbewusstsein wirken allenfalls faszinierend, vielleicht sogar interessant. Doch nicht bloß im Umgang mit ihren wechselnden Lebensgefährten spricht aus ihr die reine Willkür. Wie ein Fähnchen im Wind scheint Isabelle ihre Entscheidungen zu treffen, ist mal vollkommen auf sich und ihre Bedürfnisse fixiert und zeigt sich ein anderes Mal ganz angetan davon, sich in eine weitere Affäre zu stürzen. Zum Kernkonflikt von „Meine schöne innere Sonne“ wird alsbald Isabelles Problem erklärt, sich zwischen den vielen Bekanntschaften kaum anderen Menschen öffnen zu können. Das ist ein Konfliktpunkt, der zwar einerseits nachvollziehbar erscheint – zumal ihn Juliette Binoche in ihrer Performance absolut greifbar macht. Andererseits macht es die Protagonistin ihrem Umfeld derart schwer, dass man es ihren diversen Liebhabern kaum verübeln kann, nicht zu wissen, worauf sie sich hier einlassen und sich dadurch im Umkehrschluss ebenfalls verschließen.

Doch obwohl sich Claire Denis („Les Salauds – Dreckskerle“) klar auf die Seite ihrer weiblichen Hauptfigur schlägt – und überraschend wenig Gutes an ihren männlichen Darstellern lässt – sind letztere weit davon entfernt, als einseitig Buhmänner gezeichnet zu werden. Schon Isabelles verheirateter Liebhaber Vincent (Xavier Beauvois) tritt deutlich aus der Position des passiven Opfers heraus, denn für ihn ist Isabelles Sprunghaftigkeit und Eigensinn direkt Ausdruck von weiblicher Hysterie. Als diese ihm eröffnet, unter der Voraussetzung, dass dieser seine Ehefrau nicht verlassen wird, den Kontakt mit ihm beenden zu wollen, gibt dieser partout keine Ruhe und versucht verzweifelt, sie zum Aufrechterhalten der Beziehung zu bewegen – zur Not auch mit Telefonterror oder spontanen Besuchen. Die Art, wie Isabelle damit umgeht, wie Claire Denis diese unangenehmen Machtspielchen beschreibt und auch, wie sie sich um eine möglichst komplexe Betrachtung des ebenso gekränkten wie respektlosen Vincent bemüht, steht im krassen Gegensatz zu der Simplifizierung, unter der sie den Rest der männlichen Charaktere betrachtet. Da ist der Freiheitsliebende, der Anhängliche und der Solide – doch mehr als derartige Reißbrettstereotypen kann die Regisseurin und Autorin nicht aus den eigentlich so wichtigen Figuren herausholen; Und so konzentriert sich am Ende wieder doch alles auf Isabelle.

Isabelle befürchtet plötzlich, der charmante Sylvain (Paul Blain) könnte nicht ihrem Niveau entsprechen.

Die laut Angaben der Filmemacherin von wahren Ereignissen inspirierte Geschichte fühlt sich letztlich auch so an: wie die sehr subjektive – mehr noch: ich-bezogene – Nacherzählung einer Sinnsuche, in der die Erzählerin selbst noch gar nicht so recht weiß, was sie eigentlich will. „Meine schöne innere Sonne“ fühlt sich entsprechend schwammig an, läuft unkontrolliert auf ein Ziel hin und unterliegt keiner klassischen Dramaturgie. Böse Zungen möchten behaupten, er plätschere so dahin; dieser Eindruck wird letztlich auch dadurch unterstrichen, dass am Ende des Films keine richtige Erkenntnis steht. Noch nicht einmal der Schlussakt erweckt den Eindruck, tatsächlich einer zu sein. Stattdessen ist der Film nach 93 Minuten einfach zu Ende. So plötzlich die beendende Schwarzblende erscheint, so willkürlich werden zuvor beiläufig wichtige Informationen eingestreut. So ist etwa wie aus dem Nichts von einer Tochter die Rede, oder Isabelle lässt unerwartet ihren Liebhaber fallen, weil sie befürchtet, mit ihm nicht auf einer Wellenlänge zu sein. Solch sprunghafte Erzählmomente tragen zwar dazu bei, dass sich „Meine schöne innere Sonne“ tatsächlich so anfühlt, als würde hier Jemand einfach nur etwas Erlebtes nacherzählen. Doch nicht jeder Lebensweg ist letztlich auch verfilmbar. Diese Produktion ist der beste Beweis.

Fazit: Juliette Binoche spielt den einsamen Großstadt-Single Isabelle souverän, doch den Zuschauer hält ihre unnahbare Figur konsequent auf Distanz. Für eine Komödie ist „Meine schöne innere Sonne“ indes nur selten lustig, während es der Geschichte selbst an Substanz und Tiefgründigkeit fehlt.

„Meine schöne innere Sonne“ ist ab dem 14. Dezember in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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