The Drop – Bargeld

Er lieferte die Romanvorlagen für Filme wie „Gone Baby Gone“ und „Shutter Island“. Nun hat Schriftsteller Dennis Lehane auf Basis seiner Kurzgeschichte „Animal Rescue“ sein erstes Drehbuch geschrieben. Lest in meiner Kritik zum starbesetzten Gangsterthriller THE DROP – BARGELD, wie gut dem Autor der erste Ausflug in die Welt der Drehbuchschreiber gelungen ist.

The Drop - Bargeld

Der Plot

Bob Saginowski (Tom Hardy) schenkt in der Bar, die sein Cousin Marv (James Gandolfini) betreibt, Drinks aus und schaut weg, wenn lokale Gangsterbosse aus Brooklyn hier kurzfristig ihre unrecht erwirtschafteten Gewinne „parken“. Er ist ein Einzelgänger, der jeden Tag die Messe in der Gemeindekirche besucht, aber niemals zur Kommunion geht.  Bobs einfaches Leben verkompliziert sich, als er eines Tages einen übel zugerichteten jungen Hund in einer Mülltonne findet. Er bittet seine Nachbarin Nadia (Noomi Rapace) um Hilfe undpflegt den Welpen gesund. So kommt er mit der Frau in Kontakt und die beiden merken bald, dass sie sich zueinander hingezogen fühlen. Zu schwerwiegenden Problemen kommt es, als Eric Deeds (Matthias Schoenaerts), der ursprüngliche Besitzer des Hundes und Nadias gewalttätiger Ex-Freund, sowohl die Frau als auch das Tier zurückfordert. Als dann auch noch die Bar, in der Bob arbeitet, überfallen wird, bekommt er mit deren Besitzer, einem tschetschenischen Gangsterboss,verdammt großen Ärger. Er erfährt schreckliche Dinge über die Menschen, die er bestens zu kennen glaubte – sich selbst inbegriffen.

Kritik

Michaël R. Roskams internationales Leinwanddebüt „Bullhead” fungierte 2011 in erster Linie als Karrieresprungbrett des kantigen Belgiers Matthias Schoenaerts, dessen Engagements sich vorab vorzugsweise auf kleinere Genre- und Serienproduktionen beschränkten. Seither sah man den Schauspieler an der Seite von Marion Cottilard in dem andersartigen Beziehungsdrama „Der Geschmack von Rost und Knochen“, in dem hierzulande nur auf DVD und Blu-ray erschienen Gangsterthriller „Blood Ties“ sowie im Remake des Crime-Kammerspiels „The Loft“, das ab dem 12. Dezember auch in den deutschen Kinos zu sehen ist. Regisseur Roskam scheint an dem raubeinigen Charaktermimen Gefallen gefunden zu haben. Nicht umsonst findet sich auch Schoenaerts‘ Name einmal mehr in der Besetzungsliste seines neuesten Filmes, für dessen Drehbuch niemand Geringerer als Dennis Lehane verantwortlich zeichnet. Der Schriftsteller verantwortete bereits die Romanvorlagen zu „Gone Baby Gone“, „Mystic River“ und „Shutter Island“. Nun adaptierte der Autor und Produzent nicht bloß seine eigene Kurzgeschichte für die Leinwand, sondern formte sie zum ersten Mal sogleich in ein filmfertiges Drehbuch um. Der auf diese Weise debütierende Drehbuchautor Lehane, der schon Folgen für die TV-Serie „The Wire“ verfasste und sowohl Episoden des Erfolgsformates „Boardwalk Empire“, als auch Martin Scorseses Erfolgsthriller „Shutter Island“ als Produzent mit verantwortete, erzählt in seiner Shortstory „Animal Rescue“ von einem desillusionierten Barmann, der in einem der vielen sozialen Brennpunkte Brooklyns mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Erst die Hilflosigkeit eines misshandelten Hundewelpen zwingt ihn dazu, seine Lebensweise zu überdenken.

The Drop - Bargeld

Dass „The Drop – Bargeld“ weniger von einer herzergreifenden Tierrettung denn von menschlichen Abgründen innerhalb brodelnder Bandenkriege Brooklyns erzählt, schmälert nicht die enorme Wichtigkeit des verletzten und weggeworfenen Hundes, der aus gutem Grund der Rasse des Pitbull Terriers angehört. Der von Tom Hardys Figur alsbald Rocco getaufte Welpe fungiert gleichsam als Katalysator für all die angestaute Wut des in „The Drop“ im Mittelpunkt stehenden Proletariats, das sich der Einfachheit halber an den offenkundig Schwächsten vergreift, während er auf der anderen Seite die vermeintliche Schutzlosigkeit eines jeden symbolisiert, der in diesem gewaltbereiten Schmelztiegel verschiedenster Kulturen und Moralvorstellungen auf sich allein gestellt ist. Schon recht früh versichert uns die ihre Figur überaus zerbrechlich verkörpernde Noomi Rapace („Prometheus“), dass der Hund niemals von selbst zu einer menschenreißenden Bestie würde, wie man es derlei Rassen gemeinhin nachsagt. Vielmehr käme es auf die richtige Fürsorge an und darauf, mit welcher Erziehung, einhergehend damit den richtigen Vorgaben, man den jungen Vierbeiner in die raue Welt dort draußen entlässt. Bob Saginowski, selbst stetig mit den menschlichen Abgründen Brooklyns konfrontiert, bringt sich mit der Aufnahme des Findelwelpen in ein moralisches Dilemma und agiert fortan zwischen zwei Idealen. Tom Hardy („No Turning Back“) beweist im Spagat zwischen dem hoffnungsvollen Neu-Hundehalter und dem desillusionierten Barkeeper, der die Hoffnung auf eine bessere Welt jäh aufgegeben hat, viel Fingerspitzengefühl. Insbesondere das Zusammenspiel mit Noomi Rapace gerät famos, da die Charakterisierung des anfangs nur schwer zugänglichen Protagonistenpärchens ganz bewusst auf die Fokussierung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden angelegt ist. Das Spiel mit Anziehung und Abstoßung nimmt sich viel Zeit für die Entwicklung. Umso lebensechter geraten die Emotionen, die uns Rapace und Hardy hier sanft und mit Nachdruck servieren.

The Drop - Bargeld

Überhaupt zeichnet sich „The Drop – Bargeld“ weniger durch eine Ansammlung überbordenden Ideenreichtums aus, sondern setzt vielmehr auf starke Figuren, allesamt dargeboten von bestens aufgelegten Darstellern. Während sich die Story kaum um explosive Wendungen schert und in manchen Momenten gar fast ein wenig zu banal daherkommt, füllen markante Charaktere den recht grob gezeichneten Plot mit Leben. Neben Tom Hardy als stoischer Antiheld sowie Noomi Rapace als vorsichtig ins Leben zurückfindende Zivilistin fällt allen voran die Leistung des zu Beginn bereits mehrfach erwähnten Belgiers Matthias Schoenaerts auf, der in „The Drop“ in die Rolle des undurchsichtigen Eric schlüpft. Offenkundig vom Schicksal auf die falsche Bahn geführt, gelingt es Schoenaerts mit beunruhigendem Charisma, die Figur zu einem undurchsichtigen Konfliktherd zu machen. Die lebensechten Dialoge tun schließlich ihr Übriges, um die Aufeinandertreffen sämtlicher Figuren so spannend wie möglich zu gestalten. Ohne das Wesentliche zu verklausulieren liefern sich alle Beteiligten vortreffliche Rededuelle, die auch die Prinzipien der Zuschauer immer wieder auf die Probe stellen. Wer gut und wer böse ist, lässt sich im Moloch Brooklyn eben auch dann nicht analysieren, wenn man so ziemlich jede Sichtweise näher beleuchtet hat. So wird auch der anfangs so zugängliche Sympathieträger Marv, den der mittlerweile leider verstorbene James Gandolfini mit viel Inbrunst verkörpert, irgendwann zu Jemandem, dem man mit Misstrauen begegnet.

Kameramann Nicolas Karakatsanis („The Loft“) beweist auch in „The Drop – Bargeld“ ein genaues Auge für atmosphärischen Stimmungsfang. Der Bilderkünstler setzt auf lange Plansequenzen, während der Regisseur seine akribisch genau auf die richtige Platzierung der Kulissenwechsel achtet, um das Optimum an Plotfortschritt aus jeder Szene herauszuholen. Das Hauptaugenmerk legt Karakatsanis auf das Antlitz der Charaktere und lässt dieses an vielen Stellen gar die ganze Leinwand ausfüllen. Die starken Kontraste innerhalb der zumeist düsteren Aufnahmen unterstreichen die unberechenbare Verfassung sämtlicher Figuren, was zu einer unterschwellig brodelnden Spannung führt. Hierzu passt der bedrohlich-dröhnenden Score von Marco Beltrami („Hüter der Erinnerung – The Giver“), dessen musikalische Untermalung weniger dazu beiträgt, das Leinwandgeschehen auffällig zu unterstreichen. Stattdessen hängen die behäbigen Streicher wie Damoklesschwerter über der Szenerie, immer wartend, bis das nächste Unglück geschieht.

Nadia (Noomi Rapace) und Eric (Matthias Schoenaerts) haben sich einst getrennt. Nun fordert er sie zurück.

Nadia (Noomi Rapace) und Eric (Matthias Schoenaerts) haben sich einst getrennt. Nun fordert er sie zurück.

Fazit: Akribisch genau seziert Regisseur Michaël R. Roskam in „The Drop – Bargeld“ die sich verschobenen Ideale einer Gesellschaft, die sich frei von jedweder Moral in einem rechtslosen Raum befindet, wo einzig und allein das Gesetz des Stärkeren gilt. Der Thriller verzichtet auf das Bedienen gängiger Sehgewohnheiten. Außergewöhnliche Settings und explosive Schusswechsel sucht man hier vergebens. Stattdessen rührt der Nervenkitzel von der steten Anspannung und daher, dass man sich als Zuschauer immer wieder mit der Frage konfrontiert sind, was in diesem Gangstermonopol nun eigentlich Recht und was Unrecht ist.

„The Drop – Bargeld“ ist ab dem 4. Dezember bundesweit in den Kinos zu sehen.

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