Stonewall

Roland Emmerich war bislang hauptsächlich auf Krawall, Stunts und Explosionen spezialisiert. Nach solchen Blockbustern wie „The Day After Tomorrow“ oder „2012“ widmet sich der Filmemacher nun einem Kapitel der US-amerikanischen Geschichte, an dem dem bekennenden Homosexuellen besonders gelegen ist: dem STONEWALL-Aufstand Ende der Sechzigerjahre in der Christopher Street. Wie gelingt dem Actionkino-Spezialisten der Wechsel ins Charakterfach? Das verrate ich in meiner Kritik.Stonewall

Der Plot

Als der Homosexuelle Danny Winters (Jeremy Irvine) von seinen Eltern verstoßen wird, muss er seine Freunde zurücklassen und nach New York fliehen. Ohne Dach über dem Kopf und völlig mittellos lernt er in Greenwich Village eine Clique von Street Kids kennen, die ihn in die Kneipe „The Stonewall Inn“ mitnehmen. Doch die zwielichtige Bar gehört der Mafia und ist nicht gerade eine Oase der Ruhe und Besinnlichkeit. Danny und seine Freunde werden diskriminiert und übel behandelt, selbst die Polizei schreckt vor Übergriffen nicht zurück – mit der Zeit staut sich eine ungeheure Wut in ihnen an. Das gilt für Danny ebenso wie für die gesamte Gemeinschaft der jungen Schwulen, Lesben und Transvestiten, die sich im Stonewall Inn treffen. Bis sich eines Tages ihr Zorn entlädt: Als der erste Stein fliegt, kommt es zum Aufstand – der Beginn ihres Kreuzzugs für die Gleichberechtigung.

Kritik

Keine Trailerveröffentlichung sorgte in diesem Jahr für mehr Aufruhe in den Vereinigten Staaten, als jene von Roland Emmerichs zeitdokumentarischem Drama „Stonewall“. Dabei waren sich vorab nicht wenige sicher: Wenn sich einer an der filmischen Aufbereitung des Stonewall-Aufstandes Ende der Sechzigerjahre versuchen sollte, dann Roland Emmerich. Der für spektakuläre Blockbuster wie „The Day After Tomorrow“, „2012“ oder zuletzt „White House Down“ bekannte Regisseur ist selbst bekennender Schwuler und engagiert sich privat für die Rechte von Homosxuellen und Transvestiten sowie für Gleichberechtigung und gesellschaftliche Anerkennung selbiger. Da wirkt es fast schon wie ein Paradoxon, dass sich Emmerich und sein Cast mit den Vorwürfen auseinandersetzen mussten, „Stonewall“ wäre zu weiß, würde Transsexuelle und Lesben nahezu unberücksichtigt lassen und sich stattdessen lieber mit einer standardisierten Heldengeschichte einzelnen einzelnen (weißen) Mannes zufrieden geben. Eines muss man den Kritikern, die diese These nach der Veröffentlichung von erstem Bewegtbildmaterial in den Raum warfen, lassen: Der Trailer ist tatsächlich recht unglücklich geschnitten und stellt einzig und allein den von Jeremy Irvine („Die Liebe seines Lebens“) sensibel verkörperten Protagonisten in den Vordergrund. Doch das Skript von Jon Robin Baitz („The Slap“) macht es sich gar nicht so leicht, sich lediglich mit der Sichtweise eines einzelnen weißen Schwulen zu begnügen. Neben Danny geht es in Wirklichkeit um eine ganze Reihe von Homo- und Transsexuellen unterschiedlicher Hautfarbe, die darüber hinaus auch noch vollkommen verschiedene Sichtweisen vertreten, wie sich eine allgemeingültige Anerkennung ihrer selbst durchsetzen ließe. Insofern ist die aktuelle ImdB-Bewertung von 3,0 (!) alles andere als gerechtfertigt. Inszenierungsdefizite gibt es dennoch, nur sind die weniger in einer zu simplen Denkweise, denn vielmehr in falsch verstandenem Überengagement begründet.

Stonewall

Schon in der aller ersten Szene veranschaulicht „Stonewall“ ziemlich gekonnt, dass das Gegenteil von „gut“ gut gemeint bedeutet. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als der von Jeremy Irvine zerbrechlich mit Tendenz zum Aufbegehren verkörperte, schüchterne Danny Einzug in das Greenwich Village erhält. Er lernt jene gemischtethnische Gruppe aus Schwulen und Transvestiten kennen, die ihn sogleich mit ihrer ganz eigenen Lebensform konfrontieren. Einen Zweifel, dass all diese extravaganten Zeitgenossen (selbstverständlich) keinerlei Aggression gegen ihr Umfeld, geschweige denn gegen Danny selbst hegen, lässt Emmerich selbstredend nie aufkommen. Trotzdem befinden sich die Figuren stets so nah an der Karikatur, dass sich gerade Zuschauer mit rückständiger Weltsicht in ihren Vorurteilen bestätigt sehen könnten. Spätestens wenn eines der Cliquenmitglieder ein Schaufenster einwirft um einen Hut zu klauen, ist dies mit so wenig Feingefühl inszeniert, dass sich ein Bezug zwischen Homosexualität und Kriminalität herstellen ließe, wie ihn Roland Emmerich garantiert niemals gewollt hat.

Dabei ist das Drehbuch eigentlich von viel größerer Sensibilität, als es derart grobmotorische Inszenierungspatzer andeuten. Dass sich die auf den wahren zeitdokumentarischen Begebenheiten rund um die Stonewall-Bewegung Geschichte auf einen homosexuellen Weißen konzentriert, ist nämlich nicht etwa ein Ausdruck von falsch verstandener Angepasstheit, sondern ein Kniff, mithilfe es „Stonewall“ gelingt, das Potenzial für eine weitreichende Beleuchtung der Hintergrundgeschichte zu beleuchten, wie es sie so bislang nicht gegeben hat. Mit seinem neuesten Film will Roland Emmerich nämlich nicht bloß erzählen, wie es zu den Ausschreitungen am 28. Juni 1969 vor dem Stonewall Inn kam, sondern auch, wie differenziert innerhalb der Homosexuellengemeinschaft mit diesem Ereignis umgegangen wurde. Während sich die einen mit Nachdruck und später auch mit körperlicher Aggression gegen die tagtäglich stattfindende Diskriminierung zur Wehr setzte, versuchten sich die anderen in Zurückhaltung und im Dialog mit der Umwelt. Leider tut sich das Drehbuch auch hier schwer, eine Balance zu finden. „Stonewall“ droht mehrmals, aufgrund zu oberflächlicher Gut-Böse-Zeichnungen, innerlich zu zerfallen. Dass es Emmerich darum geht, die Verabscheuungswürdigkeit von Gewalt gegen Homosexuelle, Transvestiten und „Persons of Color“ zu verdeutlichen, ist selbstverständlich. Was ihm jedoch nicht gelingt, ist die Veranschaulichung des Zwiespalts innerhalb der Homosexuellengemeinde, weshalb „Stonewall“ nicht annähernd die Substanz besitzt, die der Film hätte haben können.

Stonewall

„Stonewall“ zeichnet unter Zuhilfenahme eines rau-romantischen Looks (Markus Förderer, „I, Origins“), der an Clint Eastwoods Musikerdrama „Jersey Boys“ erinnert, einen sehr simpel gehaltenen Konflikt nach, der durch diese minimalistische Erzählweise zwar nicht verfälscht wird, mit subtileren Mitteln jedoch weitaus länger nachhallen könnte. Für die Qualen, denen sich Schwule in den USA damals ausgesetzt sahen und heute zum Großteil immer noch ausgesetzt sind (in über 70 Staaten ist Homosexualität bis heute eine Straftat), findet Emmerich nicht nur weitgehend unspektakuläre Bilder, sondern vertraut auch vorzugsweise auf sein Repertoire als Actionfilmexperte. Wenn sein Film in einfühlsamen Dialogsequenzen endlich jene Intimität aufbaut, die das Thema verdient hat, ist „Stonewall“ tatsächlich äußerst ergreifend. Doch allzu oft scheint es, als ergötze sich der Regisseur lieber an den zwar solide inszenierten, jedoch inhaltlich weitaus weniger relevanten Straßenschlachten und Verfolgungsjagden. Eine Szene, in welcher der Protagonist aus dem Stonewall Inn gekidnapped wird, ist trotz ihrer Brisanz gar ein regelrechter Stimmungskiller, obwohl sie ein Kapitel des damaligen Homosexuellendaseins behandelt, von dem so wohl kaum Menschen wissen.

Fazit: „Stonewall“ nimmt sich eines wichtigen Kapitels der US-amerikanischen Geschichte an, für das Roland Emmerich sichtbar viel Engagement und Leidenschaft aufbringt. Dieser Film ist ganz klar eine Herzensangelegenheit für den „2012“-Regisseur. Doch der Filmemacher scheint zu viel zu wollen. Anstatt sich auf die ruhigen Töne und die komplexe Struktur innerhalb der Homosexuellengemeinde zu konzentrieren, versucht er, seinem Film darüber hinaus inszenatorisch viel größere Dimensionen beizumessen, als es dieses sensible Thema verdient hat. Es ist ganz so, wie bei einer Diskussion mit seinen Mitmenschen: Nicht der, der seine Meinung am lautesten vorträgt, wird die meisten Menschen erreichen, sondern der, der die besseren Argumente hat. So könnte die zum Teil leider recht oberflächliche Charakterzeichnung nicht nur jene Menschen in ihrer absurden Denkweise bestärken, gegen die „Stonewall“ bei all der Kritik mit Nachdruck ein Zeichen setzt, sondern auch nicht jenen Nachhall besitzen, den der Film potenziell hat. Das ist schade. Denn eigentlich kann man bei diesem Thema gar nicht oft genug betonen, wie wichtig es ist.

„Stonewall“ ist ab dem 19. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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