Coco

Für ihren diesjährigen Winter-Animationsfilm COCO führt es die Macher der Disney-Pixar-Filmschmiede ins entfernte Mexiko, wo einmal im Jahr der Tag der Toten zelebriert wird. Ob sich auf dieser Basis ein familientaugliches Abenteuer inszenieren lässt, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Am mexikanischen “Día de los Muertos“ gedenken Freunde und Verwandte ihrer geliebten Ahnen, bedenken sie mit Zucker-Totenköpfen und Blumen, um so deren spirituelle Reise im Land der Toten zu unterstützen. Ausgerechnet an diesem so wichtigen, traditionellen Feiertag landet der kleine Miguel mit seinem schrägen Hund Dante durch einen unglaublichen Zufall in dieser anderen Welt. In dem lauten, bunten Kosmos voller schräger und liebenswerter Charaktere trifft er nicht nur auf seine Ur-Ahnen, sondern auch auf den liebenswerten Hector, der ihm helfen will, den Weg zurück nach Hause zu finden. Doch das ist leichter gesagt als getan! Je mehr Miguel versucht, in die Welt der Lebenden zurück zu kehren, desto tiefer wird er in ein altes Familiengeheimnis gezogen. Doch die äußerst toten und gleichzeitig lebendigen Typen, wie Hector einer ist, sind so gar keine Hilfe…

Kritik

2017 behandeln gleich mehrere Filme das Thema Tod und wie man sich mit der auf einen schweren Verlust folgenden Traurigkeit auseinandersetzen kann. Damit gehören „Sieben Minuten nach Mitternacht“, David Lowerys „A Ghost Story“ und eben auch Pixars diesjähriges Weihnachtsabenteuer „Coco“ gleichermaßen zu den besten Vertretern in diesem Jahr, die zwar eine ähnliche Prämisse eint, die aber dennoch unterschiedlicher kaum sein könnten. Nach einem emotionalen Appell, den Schmerz zuzulassen und einer melancholischen Trauerstudie über das Loslassen ist „Coco“ nun ein weitaus fröhlicherer Film. Genau darin liegt aber auch die Komplexität der Aufbereitung, denn so familien- und kindertauglich die Regiearbeit von Lee Unkrich („Toy Story 3“) und Adrian Molina (wirkte am Drehbuch zu „Arlo & Spot“ mit) auch ist, eine gewisse Drastik scheut sie nicht, was im Anbetracht dessen, wie Disney sich bisher mit dem Thema Sterben auseinandergesetzt hat, aber auch nicht wundert. Ob der Tod von Bambis Mutter, der Abschied Simbas von seinem sterbenden Vater oder die verunfallten Eltern von Anna und Elsa in „Die Eiskönigin“: Dass alles endlich hast, haben schon die frühen Disneyfilme ihren Zuschauern nicht verschwiegen. „Coco“ geht da allerdings noch einen ganzen Schritt weiter und erzählt rund um das mexikanische Todesfest „Día de los Muertos“ (Tag der Toten) eine sehr detaillierte Geschichte über zwei Welten – die der Lebenden und die der Toten. Das ist mitunter zwar durchaus morbide, doch strotzt in erster Linie vor Einfallsreichtum und Detailverliebtheit.

Miguel weiß nicht, was seine Großmutter Coco mit dem Fluch zu tun hat, von dem seine Familie spricht.

So sehr man sich an den – im wahrsten Sinne des Wortes – berauschenden Farben von „Coco“ ergötzen möchte, so viel Aufmerksamkeit gebührt auch der fast schon zurückhaltend inszenierten Geschichte. Im Mittelpunkt steht mit dem kleinen Miguel und seinem größten Traum, einmal ein berühmter Musiker zu werden, eine Thematik, die neben jenen der letzten Pixar-Animationsfilme fast schon minimalistisch wirkt. Inhaltlich am nähsten kommt „Coco“ wohl „Ratatouille“, denn die mittlerweile zehn Jahre alte Animationskomödie begleitete ebenfalls einen Charakter mit einem großen Talent, das er selbst entgegen sämtlicher Widerstände auszuüben versuchte. Was in „Ratatouille“ noch Rémys Familie und Freunde waren, die ihn davon überzeugen wollten, dass eine Ratte niemals kochen könne, ist in „Coco“ allen voran Miguels Großmutter, die in der Musik einen Fluch sieht. Bei beiden Filmen steht zu Beginn der Wunsch des Protagonisten-Umfelds, die Hauptfigur möge sich in ihre vorgegebene Rolle als Allesfresser respektive Schuhmacher fügen; der übernatürliche Dreh, durch den Miguel schließlich ins Reich der Toten gelangt, ist das Ergebnis des unbedingten Wunsches nach Selbstverwirklichung, wenngleich wir die genauen Umstände an dieser Stelle nicht verraten wollen. Trotzdem sei gesagt: Trotz einer eher oberflächlichen Charakterzeichnung wird Miguel schnell zur Identifikationsfigur. Das Skript von Lee Unkrich, Adrian Molina sowie Matthew Aldrich („Cleaner“) und Jason Katz („Toy Story Toons: Urlaub auf Hawaii“) legt den Fokus vor allem auf die Leidenschaft Miguels für die Musik und etabliert ihn als absolut passionierten, sich um Nichts in der Welt von seinem Wunsch abbringenden Träumer, dem genau das zum (vermeintlichen) Verhängnis wird.

Nach den ersten Minuten im detailgetreu nachgezeichneten Mexiko tauchen Miguel und sein Hund Dante – ein für Disneyverhältnisse vergleichsweise unauffälliger, aber in seiner Tollpatschigkeit dennoch zuckersüßer Sidekick – ein in die Welt der Toten. Mit Ausnahme des sich fortan ganz auf Skelette konzentrierenden Charakterdesigns, setzt „Coco“ allerdings nicht, wie häufig, wenn es um das Thema Tod geht, auf besonders dunkle Farben oder eine triste Atmosphäre. Stattdessen präsentiert sich die Totenwelt mit ihrem Farbenreichtum noch weitaus aberwitziger, als das am Día de los Muertos ohnehin schon prunkvoll geschmückte Mexiko. Erinnernd an den hierzulande kaum bekannten Trickfilm „Manolo und das Buch des Lebens“ veranstalten auch in „Coco“ die Toten ein regelrechtes Happening und rücken somit die zentrale Message des Films in den Fokus: Tot ist erst, an wen man sich nicht mehr erinnert. Dass dahinter dann allerdings doch ein sehr ernster und melancholischer Gedanke steckt, veranschaulichen die Regisseure unter anderem, indem sie ihren Miguel auf seinem Streifzug durch die Welt der Toten auch in abgelegenere Orte schicken, in denen all jene beheimatet sind, die kurz davor stehen, von ihren Angehörigen vergessen zu werden. Mit viel Fingerspitzengefühl machen die Autoren somit die Wichtigkeit des Erinnerns deutlich und verhelfen ihrer Geschichte zu einer nachdenklichen Note, ohne das Thema Tod künstlich zu tabuisieren; im Gegenteil: „Coco“ bricht die Hemmungen im Umgang mit dem Sterben auf und bringt es so fertig, gerade jüngeren Zuschauern die Angst vor der Unwissenheit darüber zu nehmen, was kommt, wenn alles vorbei ist.

An Farbenpracht und Detailverliebtheit von „Coco“ kann man sich als Zuschauer einfach nicht satt sehen.

Passend dazu heißt der Titelsong des einmal mehr äußerst musikalisch gestalteten Trickfilms „Remember Me“ und versteht sich als zärtlicher Appell, einander auch über den Tod hinaus nie zu vergessen. Das ist zwar gerade im Finale sehr kalkuliert, doch die Platzierung des Songs mit seinen rührenden Zeilen, einhergehend mit all dem, was in den letzten zehn Minuten von „Coco“ passiert, macht aus der fast schon berechnenden und Tränen ziehenden Idee eine der einfühlsamsten Szenen des Kinojahres. Doch „Coco“ ist nicht bloß berührend und emotional, auch die Trefferquote der Pointen ist hoch. Die Macher verzichten in Gänze auf billigen Slapstick und stellen ganz den geistigen Reifeprozess ihrer Hauptfigur in den Mittelpunkt, doch wenn ein noch lebender Mensch auf all die bereits verstorbenen Gestalten im Reich der Toten trifft, führt das mitunter schon mal zu amüsanten Komplikationen. Der von den Verantwortlichen aus dem Ärmel gezauberte Twist ist indes wieder einmal richtig überraschend und könnte die ganz jungen Zuschauer sogar regelrecht vor den Kopf stoßen. Allzu lange daran zu knabbern, wird allerdings Niemand haben. Dafür verzaubert „Coco“ schon im nächsten Moment aufs Neue mit seinem atemberaubenden Setting, mit dem Pixar (erst recht nach dem enttäuschenden „Cars“-Finale vor wenigen Wochen) einmal mehr sein Dasein als absoluter Familienfilmmaßstab unterstreicht – und zwar sowohl auf der visuellen, als auch auf der erzählerischen Ebene.

Fazit: In atemberaubenden Farben und mit viel Gefühl erzählt Pixars neuester Streich „Coco“ eine musikalische Geschichte über die Macht der Erinnerung. Zauberhaft!

„Coco“ ist ab dem 30. November bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen – auch in 3D!

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