Zeit für Legenden

Bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin holte Leichtathlet Jesse Owens viermal Gold – als schwarzer Sportler unter den Augen von Adolf Hitler. Das Biopic ZEIT FÜR LEGENDEN erzählt vom Werdegang des Ausnahmesportlers und berührt trotz fehlender Innovation.Zeit für Legenden

Der Plot

Ohio, 1934. Der schwarze Ausnahme-Athlet Jesse Owens (Stephan James) trainiert unter seinem Coach Larry Snyder (Jason Sudeikis), der ihn auf die Olympischen Spiele in Berlin vorbereiten will. Sportlich läuft es perfekt für Jesse, der immer wieder Bestzeiten läuft – aber der Trubel um seine Person macht ihm zu schaffen. Zwei Jahre später hat er mit Snyders Hilfe rechtzeitig für Olympia zu innerer Stärke gefunden. Als Jesse jedoch erfährt, dass die Nazis die Olympischen Spiele für Ihre rassistische Propaganda nutzen wollen, erwägt er, sie zu boykottieren. Doch letztlich trifft er die einzig richtige Entscheidung: Er reist nach Berlin – und macht die Spiele nicht nur zu seinem persönlichen sportlichen Triumph, sondern sorgt für eine herbe Niederlage für Hitlers Nazi-Regime…

Kritik

Als das Jesse-Owens-Biopic „Zeit für Legenden“ vor einigen Wochen der Hamburger Presse vorgeführt wurde, echauffierten sich im Anschluss an die Vorstellung einige Anwesende darüber, der Geschichte würde ob ihrer Vorhersehbarkeit jedweder Reiz und Charme abgehen. Doch was hätte er tun sollen? Als sich Leichtathlet und Ausnahmesprinter Jesse Owens in den Vierzigerjahren zu einem Jahrhunderttalent mauserte, konnte er schließlich noch nicht wissen, dass sein Werdegang später einmal Inhalt eines Biopics werden würde – ob er einige Entscheidungen seines Lebens wohl anders getroffen hätte, um sein Filmporträt später überraschender zu gestalten? Aber Spaß beiseite, in einem haben die Skeptiker nämlich Recht: Inszenatorisch bekleckert sich Regisseur Stephen Hopkins („House of Lies“) nicht mit Ruhm. Sein Sportlerdrama folgt inszenatorisch klassischen Schemata, riskiert weder auf technischer, noch auf erzählerischer Ebene genug, um angesichts des naheliegenden Themas für etwaige Awards auf sich aufmerksam zu machen. Die Story selbst spricht indes für sich: „Zeit für Legenden“ ist bei aller Genrekonformität ein packendes Zeitdokument, das nicht nur das Leben eines Jahrhundertsportlers nachzeichnet, sondern dieses zusätzlich in einen komplexen Weltkriegskontext bringt, der die Tragweite von Owens‘ Werdegang nicht unwesentlich erhöht.

Zeit für Legenden

Wenn in der ersten halben Stunde das Leben von Jesse Owens, sein schwerer Start an einer US-amerikanischen Sportler-Universität sowie die damit einhergehenden Diskriminierungen seiner Person der Hautfarbe wegen thematisiert werden, folgt „Zeit für Legenden“ Schritt für Schritt jenem standardisierten Aufbau, durch den so gut wie jeder Film mit Rassenthematik um die Sympathien seines Publikums buhlt. Die enormen Leistungen des Athleten stehen im direkten Kontrast zu den Reaktionen, die diese bei seinen Kommilitonen hervorrufen. Respekt oder Anerkennung erfährt Owens einzig und allein durch seinen vorurteilsfreien Trainer Larry Snyder, der mit Owens fortan ein Team bildet. Untermalt von einem immer einen Tick zu melodramatischen Score von Rachel Portman („Mein Freund, der Delfin 2“) wird „Zeit für Legenden“ in der ersten Hälfte von Fortschritten, Rückschlägen sowie der fortwährenden Betonung definiert, dass die Hautfarbe nichts über die sportlichen, geschweige denn über die persönlichen Qualitäten eines Menschen aussagt. So weit, so simpel. Doch während sich die Geschichte nur langsam in weniger austauschbare Bahnen entwickelt, können schon ab der ersten Sekunde sämtliche Darsteller überzeugen. Stephan James („Selma“) spielt Hauptfigur Jesse Owens mit einer Mischung aus unbedarfter Zurückhaltung und einer inneren Anspannung, die mit der Zeit immer mehr in Wut umschlägt. Das spiegelt sich nicht nur in seinen Reaktionen auf das ihn verachtende Umfeld wider; auch die Interaktion mit seiner Traumfrau Ruth (Shanice Banton) ist den steten emotionalen Schwankungen Jesses unterworfen, sodass die Beziehung der beiden zeitweise von einem Nebenplot zum Handlungsmittelpunkt gemacht wird. Das hemmt den Erzählfluss von „Zeit für Legenden“ mehr als einmal. Erst wenn in der zweiten Hälfte die politischen Verwicklungen um die Olympischen Spiele 1936 in den Fokus rücken, findet Stephen Hopkins‘ Film zu seiner Rhythmik zurück.

Selbstverständlich ist das nicht, die zweite Stunde ist mit ihren ständigen Schauplatzwechseln und Handlungssprüngen eigentlich dafür prädestiniert, um den Film zerfasern zu lassen. Doch obwohl das Skript (Joel Shrapnel, Ana Waterhouse) mit der Handlungsverlagerung nach Berlin immer opulentere Ausmaße annimmt, gerät die Betrachtung der Hauptfigur ungleich intimer. Der emotionale Zwiespalt, dem sich Jesse Owens ausgesetzt sieht, überträgt sich auch auf die Inszenierung: Wenn Stephen Hopkins in der Highlightszene von „Zeit für Legenden“ den Einmarsch Jesses ins Berliner Olympiastadion einfängt und man zunächst von den Menschenmassen, später jedoch von den Zeppelinen und Hakenkreuzflaggen eingeschüchtert wird, wechseln sich in einer einzigen Sequenz Ehrfurcht, Schock und Demut ab, sodass sich der auf den Athleten lastende Druck auch auf das Publikum überträgt. Mehr noch als die Szenen im Stadion beeindrucken indes die Momente, in denen sich der von Jeremy Irons („Batman v Superman: Dawn of Justice“) zurückhaltend gespielte Sportfunktionär Avery Brundage den Verhandlungen mit Joseph Goebbels (Barnaby Metschurat) hingeben muss. Wie hier über die Einhaltung von Menschenrechten diskutiert wird, ist von einer so trocken-zynischen Mentalität, dass ein Kameraschwenk über ein Schild mit der Aufschrift „Hunde und Juden müssen draußen bleiben“ nur den Gipfel der im dritten Reich vorherrschenden Unmenschlichkeit darstellt. Trotzdem macht es der im sportlichen Wettkampf vorherrschenden Euphorie keinen Strich durch die Rechnung; wenn sich Jesse Owens mit den Besten dieser Welt misst, schafft es der Rausch des Sports tatsächlich für einen Moment, die politischen Hintergründe des Wettkampfs auszublenden.

Stephan James

Neben Stephan James beeindruckt vor allem der normalerweise auf Komödien spezialisierte Jason Sudeikis („Kill the Boss 2“), der als Jesses Trainer mit eigener tragischer Vergangenheit Trainer- und Vorbildfunktion in einem erfüllt. Sudeikis spielt Larry Snyder mit einer ansteckenden Euphorie gegenüber dem Sport, aber auch mit einem mitreißenden Enthusiasmus, wenn es darum geht, Vorurteile zu beseitigen und Gedankengrenzen aufzusprengen. Auch David Kross („Boy 7“) hinterlässt als Jesses Sportrivale Carl Ludwig „Luz“ Long einen bleibenden Eindruck, wenn er sich hinter dem Rücken des Nazi-Regimes mit seinem dunkelhäutigen Gegenspieler verbündet; eine Szene, in welcher Jesse und Luz eine gemeinsame Ehrenrunde im Stadion drehen, ist ohne ausladende Gesten von großer Aussage. Einen gespaltenen Eindruck hinterlässt derweil der Subplot um die von Carice van Houten („Game of Thrones“) exzentrisch gespielte Regisseurin Leni Riefenstahl, aus deren Inszenierung nicht ganz deutlich wird, ob Stephen Hopkins sie als Regime-Opfer, oder -Unterstützerin zeichnen möchte.

Fazit: „Zeit für Legenden“ ist ein weitestgehend überraschungsarmes Sportler-Biopic, das trotz der standardisierten Inszenierung über weite Strecken echte Emotionen freisetzt. Besonders die authentischen Kulissen und die eindringlichen Schauspielleistungen des gesamten Ensembles machen aus Stephen Hopkins‘ Film einen solchen, der trotz herkömmlicher Dramazutaten besser ist, als der Durchschnitt.

„Zeit für Legenden“ ist ab dem 28. Juli in den deutschen Kinos zu sehen.

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