The Father

Anthony Hopkins geht für seine Hauptrolle in Florian Zellers Kammerspieldrama THE FATHER ins Rennen um den Oscar. Diese Nominierung ist naheliegend, verdient, doch der insgesamt noch für drei weitere Academy Awards nominierte Film um ihn herum kann da nicht ganz mithalten. Warum, das verraten wir in unserer Kritik.

OT: The Father (UK/FR 2020)

Der Plot

Anne (Olivia Colman) ist in großer Sorge um ihren Vater Anthony (Anthony Hopkins). Als lebenserfahrener stolzer Mann, lehnt er trotz seines hohen Alters jede Unterstützung durch eine Pflegekraft ab und weigert sich standhaft, seine komfortable Londoner Wohnung zu verlassen. Obwohl ihn sein Gedächtnis immer häufiger im Stich lässt, ist er davon überzeugt, auch weiterhin allein zurechtzukommen. Doch als Anne ihm plötzlich eröffnet, dass sie zu ihrem neuen Freund nach Paris ziehen wird, ist er verwirrt. Wer ist dann dieser Fremde in seinem Wohnzimmer, der vorgibt, seit über zehn Jahren mit Anne verheiratet zu sein? Und warum behauptet dieser Mann, dass Anthony als Gast in ihrer Wohnung lebt und gar nicht in seinem eigenen Apartment? Anthony versucht, die sich permanent verändernden Umstände zu begreifen und beginnt mehr und mehr zu zweifeln: an seinen Liebsten, an seinem Verstand und schließlich auch an seiner eigenen Wahrnehmung.

Kritik

Es gibt Filme, die so perfekt auf ihre/n Hauptdarsteller/in zugeschnitten sind, dass man sich fragt, was zuerst da war: die Idee, eine Geschichte zu erzählen oder aber Hollywoodstar XY prestigeträchtig in Szene zu setzen. Doch die qualitative Spannbreite derartiger Projekte ist groß. Während sich Gary Oldman 2017 für „Die dunkelste Stunde“ unter Zuhilfenahme von viel, viel Make-Up in Winston Churchill verwandelte, die herausragende Inszenierung aber mindestens genauso überzeugen konnte wie seine oscarprämierte Performance, stehen Filme wie „The Danish Girl“ symptomatisch für all jene Produktionen, in denen der Inhalt im Anbetracht einer besonders hervorstechenden Schauspielleistung klar ins Hintertreffen gerät. Und dazwischen finden sich Filme wie „Lincoln“ mit Daniel Day-Lewis oder „Die Queen“ mit Helen Mirren; Produktionen, die zwar klar vom starken Schauspiel ihrer Protagonist:innen profitieren, aber auch ansonsten im souveränen, gleichwohl nicht übermäßigen Rahmen unterhalten können. Florian Zellers für zahlreiche Awards der diesjährigen Saison vorgeschlagenes Drama „The Father“ haut klar in ebendiese Kerbe. Sein mit minimalistischen Mitteln inszeniertes Kammerspiel steht und fällt mit seinem Hauptdarsteller Anthony Hopkins, der sich in der Rolle eines greisen Demenzkranken seine nunmehr sechste Oscar-Nominierung erspielte. Tatsächlich reißt er in „The Father“ jede noch so kleine Szene an sich; Obwohl neben ihm nicht minder überragende Talente wie Olivia Colman („The Favourite“) oder Imogen Poots („Vivarium“) auftreten. Doch inhaltlich macht es sich der sein eigenes Theaterstück für die Leinwand adaptierte Florian Zeller (schrieb u.a. auch die Bühnenvorlage von „Nur eine Stunde Ruhe“) ein wenig zu leicht, indem er hin und wieder Rührseligkeit mit Emotionen und betonte Desorientierung mit Willkür verwechselt.

Anthony (Anthony Hopkins) und seine Tochter Anne (Olivia Colman) verbringen viel Zeit zusammen.

Das dem Spielfilm zugrunde liegende Theaterstück ist bereits ein knappes Jahrzehnt alt. Unter dem Titel „Le père“ feierte es 2012 seine Uraufführung in Frankreich und wurde nur drei Jahre später vom französischen Regisseur und Drehbuchautor Philippe Le Guay („Ein Dorf zieht blank“) verfilmt. Während Florian Zeller die Bühnenwurzeln von „The Father“ nicht leugnet und stattdessen auf eine nicht minder theaterhafte (und dadurch eine besondere Intimität zu sämtlichen Figuren aufbauende) Inszenierung setzt, entwickelte Le Guay für seine „Floride“ betitelte Filmadaption die Geschichte weiter. Seine Version spielt an diversen verschiedenen Setpieces und hat nicht einmal annähernd etwas mit dem Kammerspielcharakter der Vorlage gemein. Darüber hinaus ist „Floride“ im Anbetracht von Le Guays tragikomischer Herangehensweise deutlich leichter verdaulich als es nun Florian Zellers „The Father“ ist. In seiner Interpretation spielen neben Anthony Hopkins („Die zwei Päpste“) als titelgebender Vater Anthony gerade einmal zwei weitere Figuren eine gewichtige Nebenrolle, drei andere wiederum haben immerhin nicht vollkommen nichtige Kurzauftritte. Das reduzierte Setting und der übersichtliche Cast sind jedoch längst nicht die einzigen Bühnenückstände, die „The Father“ aufweist. Während Florian Zeller die Dialoge ein Stückweit von ihrer Theaterhaftigkeit befreit hat, sodass die Kommunikation sämtlicher Figuren einen authentischen Rhythmus besitzt, lässt die Art und Weise wie Charaktere Szenen betreten und anschließend wieder verlassen klar darauf schließen, dass „The Father“ ursprünglich dafür konzipiert war, auf einer Theaterbühne aufgeführt zu werden.

„Die Art und Weise wie Charaktere Szenen betreten und anschließend wieder verlassen, lässt klar darauf schließen, dass „The Father“ ursprünglich dafür konzipiert war, auf einer Theaterbühne aufgeführt zu werden.“

Entsprechend minimalistisch fällt das Setting aus. „The Father“ spielt einzig und allein in Anthonys komfortabel eingerichteter Wohnung, die sich im Laufe der 97 Filmminuten in der Wahrnehmung des dementen Mannes immer wieder verändert. Aus Anthonys Wohnung wird zeitweise das Appartement seiner Tochter Anne. Und ganz zum Schluss deutet sich sogar an, dass wir uns möglicherweise weder im Zuhause der einen noch der anderen Figur befinden. Florian Zeller gelingt es mithilfe derartiger, bisweilen von einer einzigen Kameraeinstellung auf die andere stattfindenden Streuung unsicherer Informationen gut, die sukzessive immer stärker werdende Desorientierung seines Protagonisten greifbar zu machen. Und da man sich als Zuschauer:in selbst erst einmal in Zellers Erzähl- und Inszenierungsstil zurechtfinden muss, läuft man nie Gefahr, Anthonys Zustand geringzuschätzen. Doch während „The Father“ unfreiwillig amüsante Momente konsequent umschifft, kippen viele intime Momente zwischen dem dementen Senior und seiner aufopferungsvollen Tochter ins Rührselige. Das liegt weniger an den Dialogen, die Anne als resolute, jedoch von den Umständen erschöpfte Behelfspflegerin zeigen, während Anthony alles unternimmt, um sein letztes Bisschen Selbstständigkeit zu bewahren. Stattdessen ist es das Zusammenspiel aus der Auswahl an hier dokumentierten Szenen und dem Score von Ludovico Einaudi („Nomadland“), der stets ein bisschen zu eindeutig vorgibt, was das Publikum in dieser oder jener Szene zu fühlen hat – und vor allem – was ihm unbedingt intensiv zu Herzen gehen muss. Viel Raum für emotionale Zwischentöne bleibt da nicht.

Anthony erkennt die junge freundliche Dame (Imogen Poots) in seinem Wohnzimmer nicht wieder.

Während es Anthony Hopkins hervorragend gelingt, den für Demenz-Patient:innen mitunter ziemlich entwürdigenden Zwiespalt aus betonter Eigenständigkeit und dem kontinuierlichen Scheitern an einfachsten Aufgaben an das Publikum heranzutragen, lässt Florian Zeller hin und wieder ebenjenes Fingerspitzengefühl vermissen, durch das der Filmcharakter Anthony zu einer leibhaftigen Person wird. Zwar erfüllen die permanenten Änderungen in Figurenarsenal und Setting ihren Zweck, sodass man oft selbst nicht genau weiß, wo man sich eigentlich befindet und mit welchen Menschen wir uns da gerade abgeben. Gleichzeitig irritiert die hieraus generierte Spannung. „The Father“ wirkt in seinem Suspense-Aufbau und den twistähnlichen Auflösungen diverser unklarer Situationen bisweilen wie ein Genrefilm; Auch der Score schürt an den entsprechenden Stellen reichlich Unbehagen. Doch es wirkt befremdlich, das Schicksal eines Alzheimer-Patienten zum Aufbau plumper Spannungselemente anzuwenden, zumal es einem die Charaktere zu keinem Zeitpunkt näherbringt; im Gegenteil. Das eigentlich so lebensnahe Setting fällt dadurch immer mal wieder seiner betont filmischen Inszenierung zum Opfer. Hätte sich Florian Zeller auch hier mehr auf seine Theater-Einflüsse besonnen, wäre „The Father“ trotz subtilerer Inszenierungsmechanismen deutlich intensiver geraten. Ein Demenzschicksal ist auch ganz ohne das kalkulierte Schüren von Angst unbehaglich genug.

„‚The Father‘ wirkt in seinem Suspense-Aufbau und den twistähnlichen Auflösungen diverser unklarer Situation bisweilen wie ein Genrefilm; Auch der Score schürt an den entsprechenden Stellen reichlich Unbehagen. Doch es wirkt befremdlich, das Schicksal eines Alzheimer-Patienten zum Aufbau plumper Spannungselemente anzuwenden, zumal es einem die Charaktere zu keinem Zeitpunkt näherbringt.

Gleichwohl profitiert ausgerechnet die ohnehin starke Performance Olivia Colemans von derartigen Schwächen. Je unbehaglicher für alle Beteiligten die Situation, desto warmherziger kann die Darstellerin aufspielen. Ihre Anne fungiert in einem ohnehin sehr ruhigen Film als zusätzlicher, ihr Gegenüber stets ernst nehmender Ruhepol und Anker für Anthony. Die Interaktion zwischen Colman und Hopkins ist – mehr noch als Hopkins‘ Performance allein – das Herzstück von „The Father“. Die Oscarnominierung für sie ist daher mindestens genauso verdient wie die ihres Kollegen.

Fazit: Florian Zeller gelingt mit „The Father“ das rührende Porträt einer Vater-Tochter-Beziehung, das von der Demenzerkrankung des Vaters intensiv durchgerüttelt wird. Anthony Hopkins und Olivia Colman meistern ihre Rollen hervorragend und helfen dem Film im Gesamten über kleine und größere Holprigkeiten hinweg.

„The Father“ soll 2021 in den deutschen Kinos zu sehen sein.

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