Vivarium

Vor knapp einem Jahr lief VIVARIUM bereits im Programm des Fantasy Filmfests. Nun erhält die Vorstadt-Groteske mit Jesse Eisenberg und Imogen Poots zwar keinen regulären Kino- aber immerhin einen Heimkinostart in Deutschland. Und diesen sollte man sich nicht entgehen lassen. Warum, das verraten wir in unserer Kritik.

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Der Plot

Tom und Gemma (Jesse Eisenberg und Imogen Poots) sind auf der Suche nach dem perfekten Zuhause. Als der seltsame Immobilienmakler Martin (Jonathan Aris) dem Paar in Yonder, einer bizarren Vorstadtsiedlung mit lauter identischen Häusern und Straßen, das Haus Nummer 9 zeigt, wollen die beiden so schnell wie möglich diese unwirkliche Gegend wieder verlassen. Doch jede Straße, die sie in der labyrinthartigen Wohnsiedlung nehmen, führt sie genau wieder zu diesem Haus zurück. Bald merken sie, dass die Suche nach dem Traumhaus sie in einen schrecklichen Alptraum gestürzt hat, aus dem es wohl so schnell kein Erwachen gibt…

Kritik

Ein sogenanntes Vivarium beschreibt einen Glaskasten für die Aufbewahrung von Tieren. Ein Aquarium für Landlebewesen sozusagen. Übertragen auf die erst zweite Langfilmarbeit von Lorcan Finnegan („Without Name“) sind damit die beiden Protagonisten Tom und Gemma gemeint. Keine Tiere, sondern zwei ganz normale, recht wohlsituierte Menschen, die es jedoch schon früh im Film in eine Wohnsiedlung verschlägt, die so gar nichts damit zu tun hat, was unsereins darunter versteht. Vielmehr erinnert die Vorstadtanlage mit ihrem neuen Haus Nummer neun an eine Zuchtstätte für Menschen; Und der dazugehörige Film ist dann auch zu einem nicht geringen Teil eher Versuchsanordnung als handlungsgetriebener Science-Fiction-Fantasy-Mummenschanz (im besten Sinne). Versuchsanordnung – eine Beschreibung, die zuletzt auch immer wieder im Zusammenhang mit den Filmen eines anderen, mittlerweile wesentlich bekannteren Regisseurs fiel: Yorgos Lanthimos. Der Grieche, dessen Adelsgroteske „The Favourite“ bei den Oscars vor zwei Jahren maximal präsent war, hat in „Vivarium“ ganz deutlich seine Spuren hinterlassen. Der Film erinnert ein wenig daran, was wohl passieren würde, hätte der Regisseur eine überlange Episode zur „Twilight Zone“ beigetragen; oder zu „Black Mirror“, wenngleich hier die technische Eskalation ausbleibt. Kurzum: „Vivarium“ ist ein herrlich schräges Mindfuck-Fest – auch ganz ohne überbordende Twists und Turn-Arounds.

Sollen Gemma (Imogen Poots) und Tom (Jesse Eisenberg) das Haus wirklich kaufen?

Auch wenn sich die genauen Produktionskosten von „Vivarium“ nicht vollends nachrecherchieren lassen (einige Quellen sprechen für gerade mal 4 Millionen Dollar, andere wiederum geben mehr als das Doppelte an), lässt sich sagen: Teuer war dieser Film nicht. Dafür benötigt es nicht einmal einen Blick auf Gehaltschecks und Rechnungen; das sieht man auf den ersten Blick, wenn man sich das eher rudimentär zusammengeschusterte Computersetting der aus immer denselben Häusern bestehenden Wohnanlage einmal genauer anschaut. Das erinnert dann schon fast eher an ein überdimensionales Monopoly-Feld denn an eine naturgetreu nachempfundene Siedlung aus dem Jahr 2019. Insbesondere wenn man bedenkt, was eigentlich mit den tricktechnischen Mitteln von heute alles möglich wäre. Doch dieser betont künstliche Look wirkt im Kontext absolut sinnig. Er erhöht den visuellen Wert des Films als Versuchsanordnung (man kann sich nur zu gut vorstellen, dass die beiden Hauptfiguren Spielpuppen sind, die von einer höheren Macht auf einem Spielbrett bewegt oder von einem Computer aus gesteuert werden – „Vivarium“ ist also quasi der langerwartete „Sims“-Film in abgefuckt!) und ist zugleich auch ganz schön schaurig. Eigentlich soll in dieser perfekt durchdesignten Wohnwelt alles zusammenpassen und doch wirkt nichts am Stil des Films in irgendeiner Art und Weise beschaulich. Schon allein deshalb, weil man nicht weiß, ob auch nur irgendwas an den Nachbarhäusern echt ist, oder es sich hier vielleicht nur um Papp-Kulissen handelt.

Unterfüttert wird diese unheilvolle Atmosphäre mit der simplen Idee, ab dem Moment des Einzugs in Haus Nummer neun keinerlei andere Personen auf dem buchstäblichen Spielfeld zu platzieren. „Vivarium“ wird einen sehr langen Teil seiner Laufzeit von Imogen Poots („Green Room“) und Jesse Eisenberg („Zombieland 2: Doppelt hält besser“) allein bestritten, die die beklemmende Stimmung der Einsamkeit und Ungewissheit herausragend zu spiegeln wissen. Der aus der Isolation heraus entstehende Wahnsinn kulminiert mal in Heul- und Kreischanfällen, mal in stiller Resignation. Doch das Unbehagen können die beiden nie abschütteln. Selbst dann nicht, wenn sie hinter den perfiden Plan des sich zu Beginn noch freundlich gebenden, jedoch schnell absolut unheimlich wirkenden Hausverkäufers Martin steigen. Jonathan Aris‘ („Alles Geld der Welt“) sehr kurzer, die Stimmung jedoch von Anfang an verseuchender Auftritt brennt sich spätestens dann tief ins Gehirn des Zuschauers, wenn er mit Gemmas Stimme die Sätze seines Gegenübers wiederholt. Dies geschieht so überraschend, dass man es beim einmaligen Schauen sogar zu Übersehen droht. Im Heimkino hat man nun immerhin die Gelegenheit, diese prägnante Stelle zurück zu spulen, um sich zu vergewissern, dass das, was da gerade passiert ist, auch wirklich passiert ist.

Im Haus hängt ein Bild vom Haus. Natürlich.

Langezeit ist „Vivarium“ ein vorwiegend von der Atmosphäre getriebener Thriller, der seine Grundspannung vor allem aus der Frage zieht, worauf genau dieses Szenario eigentlich hinauslaufen soll. Wer steckt dahinter? Was ist der Sinn und Zweck dieses Aufbaus? Und was geschieht wohl mit Tom und Gemma? Wenn sich die zwei ab der zweiten Hälfte jedoch plötzlich mit der Aufzucht eines ihnen fremden Babys herumschlagen müssen, das nicht nur in einer absolut unnatürlichen Geschwindigkeit altert, sondern auch keine sichtbaren Emotionen zeigt, plötzlich unkontrolliert anfängt, seine Eltern anzuschreien oder sie – im wahrsten Sinne des Wortes – ungeheuer genau imitiert, tritt wieder die Lanthimos-Parallele auf den Plan: Schon dieser führte mit Filmen wie „The Lobster“ oder „The Killing of a Sacred Deer“ die menschliche Ordnung mitsamt all ihrer mal mehr, mal weniger sinnigen Konventionen ad absurdum; Der auch für das Drehbuch verantwortliche Lorcan Finnegan klopft in „Vivarium“ nun eben die für viele als Norm interpretierte Vorstadtidylle auf ihre darin befindliche Harmonie ab und enttarnt sie mit seinem Film als Hamsterrad. Natürlich nicht ohne den dabei dringend notwendigen Humor: „Vivarium“ ist aller Bissigkeit zum Trotz auch ein ungemein witziger und – viel wichtiger – herrlich konsequenter Film. Als Allegorie auf das menschliche Dasein ist sie vielleicht sogar einen Tick zu konsequent; nimmt Finnegan seinem Publikum doch jegliche Möglichkeiten der Interpretation, wenn er die Geschichte ohne jedwede Doppelbödigkeit abschließt. Doch „Vivarium“ tut gut daran, hier nicht auf Subtilität zu setzen – das Leben ist es schließlich auch nicht.

Fazit: Mit „Vivarium“ gelingt Newcomer Lorcan Finnegan ein gleichermaßen beklemmendes wie ungemein unterhaltsames Szenario, das den Zuschauer die Idylle von der gleichgeschalteten Vorstadt mit Vater, Mutter und Kind noch einmal gründlich überdenken lässt.

„Vivarium“ ist ab dem 12. Juni auf DVD und Blu-ray erhältlich.

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