Green Room

Das Böse kommt von Draußen: Jeremy Saulniers fieser Nazi-Slasher GREEN ROOM etabliert ein altbekanntes Szenario und lässt es im Rahmen einer erbarmungslosen Hetzjagd eskalieren. Wie gut das funktioniert, verrate ich in meiner Kritik.Green Room

Der Plot

Ein absolutes Worst-Case-Szenario: Mit dem letzten Tropfen Benzin und völlig abgebrannt, schafft es die Punkband „Ain’t Rights“ gerade noch zu ihrem Gig in einer entlegenen Kneipe im amerikanischen Nirgendwo. Das Publikum besteht ausschließlich aus Nazi-Skinheads und der Plan, sofort nach dem Auftritt abzuhauen, scheitert, als sie unfreiwillig Zeuge eines brutalen Mordes werden. Der gnadenlose Anführer der Nazi-Gang, Darcy Banker (Patrick Stewart), befiehlt seiner Kampftruppe, alle Zeugen des Verbrechens zu eliminieren. Die Band verbarrikadiert sich gemeinsam mit der Skin-Braut Amber (Imogen Poots) im Backstageraum. Es folgt ein erbarmungsloser Showdown Skins vs. Punks. Als der Bodycount steigt, müssen sich die Überlebenden etwas einfallen lassen, um dem grausamen Katz-und-Maus-Spiel ein Ende zu bereiten…

Kritik

Schon Bernd Stromberg wusste: „Wenn ein Wolf im Wald einem Wolf begegnet, dann denkt der sich: sicher ein Wolf. Wenn hingegen ein Mensch im Wald einem Menschen begegnet, denkt der sich: sicher ein Mörder!“. Vorurteile und Schubladendenken hemmen uns in einer zwanglosen, unvoreingenommenen Interaktion mit unseren Mitmenschen. Gleichsam machen sie es uns aber auch einfach, unsere Weltsicht zu ordnen. Und kaum läuft uns in Frankreich ein Franzose mit Baguette unterm Arm über den Weg, fühlen wir uns erneut in unserer klassifizierenden Denke bestätigt. Sobald wir hingegen damit konfrontiert werden, dass sich manch ein Vorurteil einfach nicht bestätigen will, werden wir – je nach Charakter – wütend oder fühlen uns ertappt. Was das alles mit Jeremy Saulniers bitterbösem Nazi-Punk-Slasher „Green Room“ zu tun hat, wo doch auch dieser Film einmal mehr nationalsozialistische Krawallbrüder zum brutalen Antagonisten auserkoren hat? Ganz einfach: Anders als diverse andere Produktionen mit einer ähnlichen Figurenkonstellation sind die Skinheads und Springerstiefelträger hier keine tumben Schläger, sondern pfiffig organisierte Fallensteller, die nicht bloß zuhauen, sondern gerade aufgrund ihrer peniblen Planungen darin, Menschen umzubringen und anschließend zu beseitigen, unberechenbare Irre, von denen die Dynamik dieser kleinen Genreperle sichtbar profitiert.

Green Room

Zugegebenermaßen darf an dieser Stelle bereits darüber gestritten werden, ob die Genrebezeichnung „Slasher“ im herkömmlichen Sinne so überhaupt gerechtfertigt ist. „To slash“ bedeutet im Englischen zwar soviel wie „Jemanden aufschlitzen“, in der Regel wird dieser Begriff jedoch bevorzugt im überdurchschnittlich blutigen Horrorgenre verwendet, sobald es sich beim Antagonisten um einen (unbekannten) maskierten Killer handelt, der mit einer Stichwaffe bewaffnet Jagd auf leicht bekleidete Teenies macht. Mit einem Film dieses Kalibers hat man es bei „Green Room“ absolut nicht zu tun. Das Böse trägt hier weder eine Maske, noch handelt es scheinbar ziellos und auch bei den Opfern haben wir es hier nicht mit handelsüblichen Hollywood-Beaus und -Beautys zu tun. Stattdessen stehen sich in der erst dritten Langfilm-Regiearbeit von Jeremy Saulnier („Blue Ruin“) zwei wesentlich kantigere Parteien gegenüber. Da ist auf der einen Seite die sich nicht um Ruhm und Reichtum scherende Punkband „The Ain’t Rights“, die einen Auftritt vor einer Handvoll Nazis schon mal ironisch mit dem Song „Nazi Punks Fuck Off“ beginnt. Auf der anderen Seite stehen da gerade jene geisteskranke Schwachmaten, die zunächst nur mit Flaschen in Richtung Bühne werfen, jedoch so richtig ungemütlich werden, als einer der Sänger ein paar der Gangmitglieder gemeinsam an der Seite einer frischen Frauenleiche ertappt. Bis es zu dieser folgenschweren (und das Geschehen dann auch endlich mal anstoßenden) Begegnung kommt, dauert es leider eine knappe halbe Stunde, die angesichts des kernigen Grundkonflikts nicht nötig gewesen wäre; die Charakterisierung der einzelnen Figuren nimmt hier mehr Raum ein, als es die Prämisse bedarf. Was allerdings folgt, als es endlich los geht, ist in seiner tiefdunklen, brutalen Weltsicht voll bitter-sarkastischem Humor ein Fest für Zuschauer derberen Entertainments.

„Green Room“, der deshalb so heißt, weil er tatsächlich auch einen Großteil seiner Laufzeit in einem solchen Backstage-Raum spielt, lässt sich inszenatorisch in zwei Hälften gliedern. Ist die Prämisse um die in diesen engen vier Wänden eingesperrte Band erst einmal etabliert, regiert zunächst ein „Das Böse kommt von Draußen“-Szenario das Geschehen. Mit stoischer Bedrohlichkeit trägt der von Patrick Stewart („X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“) beklemmend eindringlich verkörperte Barbesitzer Darcy gebetsmühlenartig sein Anliegen vor, die jungen Musiker mögen doch bitte die durch einen Zufall in ihren Besitz gelangten Waffen strecken und den Raum verlassen, um die Situation zu entschärfen. Dass Darcy sich draußen bereits mit einem Teil seiner gewaltbereiten Nazi-Gang formiert hat, realisieren die Gefangenen spätestens, als der zum Bandsprecher auserkorene Pat (Anton Yelchin) bei der vermeintlichen Waffenübergabe in den zweifelhaften Genuss einer schmerzhaften Türfolter kommt, die effektiv von dem handgemachten Effekt einer fast (!) abgetrennten Hand bebildert wird. Das gibt dann auch bereits einen ersten Vorgeschmack auf das, was an visualisierter Gewalt noch folgt; Saulnier lässt mit Genuss Bäuche aufschneiden, Schädel zertrümmern und Gehirnmasse gegen Wände spritzen. Zur reinen Gewaltorgie verkommt „Green Room“ trotzdem nie. Stattdessen behält das Skript den Fokus auf dem Psychoduell: Sowohl auf der Seite der Punks, als auch auf der Seite der Nazis ziehen sämtliche (nach und nach dezimierte) Personen alle Register, um den Widersachern zu schädigen. Und ob es einem nun gefällt oder nicht: Gerade durch die angedeutete Cleverness der Nazis gewinnt „Green Room“ erst recht an Brisanz und Spannung.

Green Room

In der zweiten Hälfte trauen sich Pat und seine Crew mitsamt der zur falschen Zeit am falschen Ort gewesenen Nazibraut Amber (so stark wie nie: Imogen Poots) dann hinaus. Gemeinsam versuchen sich die noch verbliebenden Bandmitglieder daran, einen Ausweg aus der labyrinthgleichen Bar zu bahnen. Das beklemmende Kammerspiel-Flair der ersten Hälfte weicht einer hochdramatischen Katz-und-Maus-Jagd, bei dem lange Zeit nicht sicher ist, welche Gesinnung Jeremy Saulnier auf der Zielgeraden anschlagen wird. Von der Inszenierung her würde „Green Room“ sowohl eine kontroverse Auflösung, als auch eine konventionelle hergeben. Dass sich Jeremy Saulnier schlussendlich für letzteres entscheidet, hinterlässt einen Beigeschmack, der nach „Da wäre noch mehr drin gewesen!“ schmeckt. So ist „Green Room“ ein atmosphärischer, stellenweise äußerst brutaler Thriller, der nicht sein volles Potenzial ausschöpft. Doch unter Zuhilfenahme eines wabernden, zum Titel passenden Looks, der die Szenerie stets grün unterlegt, sowie einer bisweilen anstrengenden, jedoch immer wieder bis ins Mark durchdringenden Musikuntermalung (Brooke und Will Blair) entsteht trotzdem ein Filmerlebnis, das es so in diesem Jahr sicher kein zweites Mal geben wird.

Fazit: Jeremy Saulniers punkiger Nazi-Slasher „Green Room“ hätte noch mehr Biss und Blut vertragen können, um so richtig in die Magengrube zu treffen. Doch auch so inszeniert der Regisseur seinen erst dritten Langfilm lange Zeit fernab jedweder Konvention und ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Muss für hartgesottene Fans kurzweiliger Psychoschocker!

„Green Room“ ist ab dem 2. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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